Erdogan zielt auf sich selbst

5. März 2020 / Aufrufe: 594

Erdogan glaubt, den Westen zu erpressen, hält die Waffe jedoch an die eigene Schläfe.

Einer der in den internationalen diplomatischen Kreisen geläufigsten „Aphorismen“ lautet, Pakistan verhandele mit dem Westen, dabei eine Waffe an den eigenen Kopf haltend.

Die Türkei hat unter Präsident Tayyip Erdogan diese einzigartige Verhandlungstechnik (weiter-) entwickelt, indem sie mit einer Pistole auf den Westen und gleichzeitig eine andere Waffe gegen die eigene Schläfe gerichtet hält.

Erdogan will mehr Geld und militärische Unterstützung

Während der beiden letzten Jahre wandelte Erdogan das Verhältnis der Türkei zu ihren Partnern im Nordatlantikpakt (NATO) in ein konkurrierendes um, indem er seine Beziehungen zu ihren Gegnern, sprich Russland „anheizt“. Die – absolut vorhersehbare – Folge ist die Isolierung der Türkei in Syrien und Libyen, wo die Interessen Ankaras sich in direkter Kollision mit jenen Moskaus befinden.

Jetzt, wo der Konflikt „dynamisch“ wird und die Figuren auf dem Schachbrett mit dutzenden (höchstwahrscheinlich von russischen Bomben) getöteten türkischen Soldaten „gezogen“ werden, ist Erdogans Antwort, verbal den „heuchlerischen Westen“ zu attackieren – und zu drohen, den Weg für Millionen Flüchtlinge zu öffnen, damit letztere in Richtung Europa ziehen.

Was er verlangt, um dies aufzuhören zu tun, sind mehr europäische Gelder für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei und – höchstwahrscheinlich – Hilfe von der NATO zur Erzielung der militärischen Ziele der erdogan’schen Türkei in Syrien.

Das Thema der Flüchtlinge aus Idlib

Sein Argument bezüglich des Themas der Flüchtlinge hat eine signifikante Basis. Die Türkei beherbergt bereits über 3,7 Millionen Flüchtlinge und bereitet sich auf einen neuen riesigen Zustrom aus den Kämpfen in Idlib vor. Obwohl Europa eine signifikante Finanzierung für die Versorgung der Flüchtlinge in der Türkei gewährt, kann und muss es viel mehr tun, damit die Last verteilt wird.

Die hunderttausende Idlib Verlassenden befinden sich in einer für ihre körperliche außerordentlich gefährlichen Lage, da sie abgesehen von allen ihren übrigen Problemen polaren Temperaturen ausgesetzt sind. Erdogan richtet jedoch auch in diesem relativ gerechten Teil der Argumente der Türkei Schaden an, indem er die Drohung der Flüchtlingsströme ausnutzt um Europa zum Schweigen zu bringen und keine Kritik an seinen abenteuerlichen Unternehmungen auszuüben, wie beispielsweise an seinem militärischen Angriff im vergangenen Herbst gegen die mit den USA verbündeten kurdischen Organisationen im nordöstlichen Syrien.

Als die europäischen Amtsträger einleuchtende Beunruhigungen äußerten, dieser Angriff würde eine neue Front in einem bereits hoffnungslos verzwickten Bürgerkrieg eröffnen und den internationalen Bemühungen schaden, den Islamischen Staat zu besiegen, warnte der Präsident der Türkei: „Wenn Ihr versucht, unsere dortige Operation als Invasion zu charakterisieren, wird dann unser Job einfach: Wir öffnen die Pforten und schicken 3.60.000 Flüchtlinge zu Euch.

Neues militärisches Engagement des Westens in Syrien ist unwahrscheinlich

Erdogans Argument bezüglich einer Notwendigkeit westlicher Militärhilfe an die Türkei für die Operationen in Syrien sind ganz klar schwächer. Die Ermahnung gegen den Angriff auf die kurdischen Milizen im nordöstlichen Syrien ignoriert und den amerikanischen Streitkräften, die er möglicherweise auf seinem Weg finden würde, mit einer „osmanischen Ohrfeige“ gedroht habend, verlangt Erdogan nun nach den amerikanischen Raketensystemen Patriot, damit er die russische Luftwaffe davon abhält, die Soldaten und der Türkei freundlich gesinnten Milizen in Idlib zu bombardieren. Es geht um die selben Patriot, die Erdogan im vergangenen Jahr zugunsten der russischen S-400 abgelehnt hatte.

Die Antwort der Regierung Trump lautet bisher zurecht behutsam: verbale Schmeicheleien einer Unterstützung der Türkei, ohne jedwede militärische Bindung an ihrer Seite. Erdogan hat erkannt, dass die Patriot-Raketen wohl kaum bald in seinem Land angelangen werden.

Auf Ankaras Antrag berief die NATO eine Begegnung ein um die Lage auf Basis des Artikels 4 ihrer Gründungssatzung zu erörtern, wonach ein Mitgliedstaat Beratungen verlangen kann, wenn er empfindet, seine territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit werde bedroht. Angesichts der Tatsache, dass die Lage sicher nicht unter die beiden ersten Fälle fällt, vertreten die Türken, der Ausgang der Schlacht um Idlib habe Folgen auf dem Bereich der Sicherheit – und zwar nicht nur für die Türkei.

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass gegebenenfalls andere Mitglieder in den konkreten Konflikt „versenkt“ werden wollen. Der Westen ist bedauerlich unwillig, Russland wegen seiner Verbrechen in Syrien jedwede signifikanten Kosten aufzuerlegen. Das Wahrscheinlichste ist, dass die Westmächte auf eine diplomatische Lösung drängen und Präsident Vladimir Putin aufrufen werden, an einer Gipfelkonferenz über Idlib zusammen mit Erdogan, der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron teilzunehmen. Derzeit scheint Moskau allerdings zu etwas Derartigem nicht besonders willig zu sein.

Putin weiß …

Jedwede direkte Beteiligung an dem viele Tote gekosteten Schlag gegen die türkischen Soldaten bestreitend und vertretend, diese seien einer Bombardierung seitens der Kräfte des syrischen Regimes zum Opfer gefallen, hat Russland sich vorsichtig verhalten. Es fährt jedoch darin fort, offen die Bemühungen des Bashar al-Assad zu unterstützen, die Türken und die von den Türken abhängigen syrischen Partisanen aus Idlib „hinauszuwerfen„.

Erdogan versuchte, sich mit Putin seiner gewöhnlichen Verhandlungstaktik zu bedienen, indem er warnte, die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau werden wegen Idlib einen starken Schlag erfahren, obwohl ein solches Zerwürfnis die Türkei völlig offenkundig ohne jedweden Freund lassen würde, mit ihrer Wirtschaft in einer tragischen Lage. An der türkischen Börse sind die Aktien nach dem neuen Spannungs-Zyklus im Verhältnis zu Russland abgestürzt und eine neue Eskalation dieser Spannung würde diverse jüngste Anzeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs in Gefahr bringen.

Putin weiß gut, dass Erdogan sich nicht abzudrücken trauen würde.

(Quelle: sofokleous10.gr, Autor: Bobby Ghosh)

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