Griechenland hat "Patent" auf "Schnitt" der Guthaben

5. Mai 2013 / Aktualisiert: 24. August 2018 / Aufrufe: 2.482

Ein historischer Rückblick zeigt, dass in Griechenland das vieldiskutierte bail-in schon praktiziert wurde, als es diesen Begriff noch gar nicht gab.

Die Sache mit der „Beschneidung“ der Guthaben verweist uns neunzig Jahre zurück, in das Jahrzehnt von 1920 und zu den berüchtigten Zwangsanleihen der Regierung Gounaris – Protopapadakis sowie der Diktatur unter Pagkalos.

Bis damals hatten in Griechenland die Bürger viele Male gesehen, wie sich ihre Einkommen durch wiederholte Abwertungen der Drachme verflüchtigten. Was sie jedoch 1922 und 1926 erlebten, überstieg nicht nur in der griechischen Geschichte jede vorherige „gesetzliche Konfiszierung“ von Einkommen, (Bank-) Guthaben und Vermögen.

„Haircut“ um 50% … per Schere!

Kurz vor der kleinasiatischen Katastrophe fand sich das monarchische Regime von jedem internationalen Markt für Kredite ausgeschlossen. Es konnte auch nicht zur Prägung einer neuen Währung schreiten, da die internationale wirtschaftliche Kontrolle, unter der sich das Land verband, dies verbot. Zusätzlich waren während der vorherigen Periode – einschließlich auch der unter Venizelos – die Spielräume zum Drucken neuer Banknoten ausgeschöpft worden. Die Finanzierungsbedürfnisse für den Kleinasien-Krieg konnten jedoch nicht aufgeschoben werden.

Wie damals angesichts der Aufstellung des Etats veranschlagt wurde, benötigte Griechenland dringlich ungefähr 1,5 Mrd. Drachmen. Der verzweifelte Versuch des Premierministers Gounaris, bis Anfang 1922 Kreditgeber zu finden, schlug völlig fehl. Ende Februar 1922 kehrte er mit leeren Händen und verzweifelt nach Athen zurück und rief das Kabinett zusammen, dem er die Sackgasse beschrieb. Auch eine neue Erhöhung der Besteuerung und Abgaben konnte unmöglich unmittelbare Einnahmen einbringen.

Somit wurde schließlich auf Vorschlag des Ministers für Finanzen und Verproviantierung zur Aufnahme eines Zwangskredits mittels der Zweiteilung der Banknoten geschritten. Die Hälfte mit dem Abbild des Gründers der Nationalbank, G. Stavrou, blieb in Umlauf und behielt 50% des anfänglichen Wertes bei. Die andere Hälfte – mit der Krone – wurde bei der Bank gegen Obligationen mit zwanzigjähriger Laufzeit eingetauscht.

Um die Pille zu „vergolden“, wurde für die Obligationen ein Zinssatz von 6,5% gewährt (wogegen der laufende Zinssatz sich auf 3% – 4% belief), eine Lotterie ausgelobt, aus der die „Gewinner“ diverse Geldbeträge gewinnen würden, und auch ein merkwürdiges Kreditsystem eingeführt (Inhaber der Obligationen hätten angeblich einen Kredit in halber Höhe des Wertes der Obligationen zu einem Zinssatz von 6% erhalten und somit 0,5% gewinnen können!).

Die Vermögenden blieben verschont

Die ganze Regelung wäre tatsächlich zum Lachen gewesen, wenn die Maßnahmen nicht die Schwächeren wirtschaftlich vernichtet hätten, da von dem „Schnitt“ die ausländischen Staatsangehörigen und Gläubiger des Staates, aber auch all jene ausgenommen wurden, die über Devisen verfügten. Also die Vermögenden und Besitzenden. Das Merkwürdige ist, dass es auch heute noch etliche gibt, welche die Maßnahme als genial und effizient erachten. Die Fakten zeigen jedoch, dass es eine Tragödie war.

Für einen kurzen Zeitraum wurde der Geldumlauf eingeschränkt, stellte sich jedoch noch schärfer wieder ein, während die Preise, über die sich die Regierung Sorgen machte und deswegen angeblich zu dem Zwangskredit schritt, in die Höhe schossen (zusammen mit dem Pfund). Der Preisindex stieg innerhalb des laufenden Jahres um 60% an. Wenn auch die Verluste der Kaufkraft um 50% durch den „Schnitt“ mit einbezogen werden, waren die Resultate für die Mehrheit des Volkes tragisch. Bevor Griechenland militärisch zusammenbrach, war in Kleinasien die Drachme zusammengebrochen.

Charakteristisch ist, dass sich in dem Prozess gegen die Verantwortlich für die Kleinasien-Katastrophe (und den Todesurteilen gegen die Sechs, unter ihnen Gounaris und Protopapadakis) im November 1922 der scharfe „wirtschaftliche Vorwurf“ auch auf den Schnitt der Drachme erstreckt. Mit diesem wurden sie beschuldigt, dass „sie dem Volk seine Ersparnisse aus der Tasche zogen und mit beiden Händen an die gierigen Stylobaten der höfischen Absolutismus verteilten“ … .

Die Erfindung des „Cuts“ sollte sich jedoch vier Jahre später (diesmal um 1/4) wiederholen.

Schwere Beschuldigungen seitens Opposition und Zeitungen

Die Zerschneidung der Banknoten in der Mitte wurde von dem „Kriegs-Parlament“ mit einer Differenz von gerade einmal 3 Stimmen angenommen (151 Ja – 148 Nein) – obwohl die „Vereinigte Regierungsopposition“ über 260 Abgeordnete verfügte. Das Hauptargument der Regierung war, dass keine andere volkswirtschaftliche Lösung existierte. Es erfolgte sogar eine namentliche Abstimmung.

„Ethnos“ war eine der „venizelischen“ Zeitungen, die heftig gegen den Kredit wetterte und am 24 März 1922 schrieb: „Der gesamte Schweiß des griechischen Volkes, zu Geld gewordener Schweiß ganzer Jahre, wurde auf die Straße geworfen. Alle Ersparnisse der unter Volksschichten, die darauf stolz waren und als eine sichere Stütze für einen Notfall, für einen Krankheitsfall, für die Rehabilitierung ihrer Kinder, für ihr Alter hielten, letztendlich all dieses Blut verflüchtigte sich … . Innerhalb von 24 Stunden brachte die Regierung es mittels ihrer Monstergeburt fertig, die kleinen Vermögen zu annullieren, hauptsächlich die kleinen Sparguthaben in Mitleidenschaft zu ziehen … . Die absurde gesetzliche Regelung erschütterte zutiefst das Vertrauen des Volkes in die Währung … .“ Scharfe Anschuldigungen erheben auch andere Zeitungen, die sich fragten, ob es sich um „Kredit oder Konfiszierung“ handele.

Die Regierung versuchte, die Anschuldigungen abzuwiegeln, indem sie einige (Zeitungen) bestach (es ist die Rede von „Zuwendungen“ von 100.000 Drachmen). Es ist nicht eindeutig, ob dies in diesen Tagen oder später erfolgte, als Petros Protopapadakis das Amt des Premierministers antrat (Mai – August 1922). Unmittelbar nach Ergreifung der Maßnahme folgte jedenfalls eine Panik, da die Bürger sich sputeten, die Banknoten mittels jeder Art von Käufen – hauptsächlich nicht benötigter Dinge – loszuwerden.

Als er mir die Lösung vorschlug, dachte ich, er sei verrückt geworden

Laut der vorherrschenden Ansicht, die der Biograph des Petros Protopapadakis überliefert und Spyros Markezinis in seiner Historie weitergibt, fand sich die „magische Lösung“ unter folgenden Umständen: „Dimitris Gounaris war – wegen des Misslingens der Kreditaufnahme enttäuscht – aus dem Ausland zurückgekehrt und schritt wiederum zur einschlägigen Unterrichtung seiner engen Mitarbeiter. Schließlich blieben nur Gounaris und Protopapadakis (Minister für Finanzen und Verproviantierung). Letzterer, sich abrupt erhebend, sagte an Gounaris gerichtet: – Dimitrakis, ich habe das Geld gefunden! Gounaris verschlug es die Sprache und schaute ihn mit weit geöffneten Augen an. Anstatt weiterer Erklärungen entnahm Protopapadakis seine Geldbörse einen 100-Drachmen-Schein, zerschnitt ihn in zwei Teile und hielt den ekstatischen Augen seines Freundes die Stücke vor. Gounaris verstand nicht, was geschah. Ich glaubte, er war verrückt geworden, sagte er später. Nachdem Protopapadakis sich an dem Anblick seines sprachlosen Freundes ergötzt hatte, beschloss er, ihm seinen Plan zu erklären.

Es erscheint merkwürdig, ist jedoch ein wunderbares System

Den Gesetzentwurf dem Parlament vorlegend, zog Protopapadakis einen Hunderter aus der Tasche: „Hier, meine Herren, sehen Sie einen Hundert-Drachmen-Schein. Wir zerschneiden ihn (und er zerschnitt ihn). Die eine Hälfte mit dem Abbild des Georgios Stavrou hat einen Wert von 50 Drachmen. Die andere (Hälfte) mit der Krone wird eine Obligation über 50 Drachmen sein, die – bei der Bank eingereicht – 6% Zinsen abwerfen wird. Das in Geld bestehende Vermögen der Bürger wird auf die Hälfte abgewertet.“ Weil jedoch die Zuhörer in Lachen ausbrachen, rief Herr Protopapadakis: „Lachen Sie nicht, es erscheint Ihnen merkwürdig, ist jedoch ein wunderbares System. Anstatt Banknoten im Wert von 1,5 Mrd. Drachmen auszugeben, womit das Pfund ungefähr 250 Drachmen erreichen würde, zerschneiden wir die 25-, 100-, 500- und 1.000-Drachmen-Scheine in zwei Teile. Einerseits werden wir das halbe Geld haben, aber die Gefahr der Aufwertung der ausländischen Devisen ausschließen.“ (Das Parlament lacht wieder.) „Lachen Sie nicht, meine Herren„, wiederholte er. „Ich benötige 1,6 Mrd. Drachmen. Und auf diese Weise werde ich sie leichter finden … .

(Quelle: Ethnos.gr)

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