Die drakonischen Spar- und Steuermaßnahmen in Griechenland treiben immer mehr Bürger in die Schuldenfalle und somit hunderttausende Familien in die völlige Verarmung.
In Griechenland zeichnete sich bereits 2009 ein imposanter Anstieg der Bürger bzw. Haushalte ab, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachzukommen vermögen. Spätestens seit dem Inkrafttreten der zusätzlichen Spar- und Steuermaßnahmen, die während der vergangenen Monate von der Troika und den Gläubigern Griechenlands erzwungen wurden und speziell bezüglich der Steuermaßnahmen sogar rückwirkend ab Anfang 2011 zur Anwendung kommen, werden jedoch inzwischen hundertausende griechische Haushalte mit mathematischer Akribie in den irreversiblen wirtschaftlichen Ruin getrieben, was wiederum die gesellschaftliche und politische Destabilisierung des Landes in unmittelbare Nähe rücken lässt.
Speziell die rückwirkend verfügten Steuermaßnahmen haben in Kombination mit allen übrigen Belastungen und Verbindlichkeiten dazu geführt, dass sich Arbeitnehmer inzwischen sogar mit “negativen” Lohnabrechnungen konfrontiert sehen. Obwohl es außer Rede stehen mag, dass jahrelang auf breiter Basis “über die Verhältnisse” gelebt wurde, darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass ausgerechnet solche Bevölkerungsschichten, die es sich nüchtern betrachtet am wenigsten leisten konnten, systematisch dazu verleitet wurden, sich mit Haut und Haaren zu verschulden. Wie sich dies nun im Einzelnen niederschlägt und rächt, veranschaulicht ein Artikel, der in der Zeitung “Eleftherotypia” publiziert wurde und nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird.
Gehaltsabrechnung von 0,31 Euro!
Gehaltsabrechnung Oktober 2011: 0,31 Euro! Dieses “fette” Gehalt gehört einem unbefristet beschäftigten Arbeiter der Müllabfuhr der Stadtgemeinde Athen, einem von Hunderten Bediensteter des konkreten Trägers, die aufgerufen sind, bis Ende des Jahres von der Hand in den Mund zu leben, da sie den rückwirkenden Abzügen des mittelfristigen Rahmenprogramms und den Raten für bei der staatlichen Kredit- und Hinterlegungskasse aufgenommenen Baukredite zum Opfer fallen.
Wir baten die in Rede stehenden Bediensteten darum, uns einige der offiziellen Abrechnungen zu schicken, welche ihre Dienststelle ausstellt. Hier drei Beispiele:
1. Ein Arbeiter mit Gesamtbezügen von 1.157 Euro hat nun Abzüge von 1.156,69 Euro und einen Restbetrag von 0,31 Euro in der Tasche. Die rückwirkenden Abzüge dank des mittelfristigen Rahmenprogramms betragen ungefähr 215 Euro, während er mit einer Baukreditrate von 638,69 Euro belastet wird.
2. Ein Vorarbeiter mit Bezügen von 1.265,44 Euro hat Abzüge von 1.264,43 Euro und erhält 1,01 Euro. Seine rückwirkenden Abzüge sind 224 Euro und die Rate des Kredits 842,56 Euro.
3. Ein anderer Vorarbeiter mit Bezügen von 1.371,44 Euro hat nun Abzüge von 1.369,37 Euro, worin rückwirkende Abzüge in Höhe von insgesamt 276 Euro und eine Kreditrate von 805,74 Euro enthalten sind. Für die erste Hälfte des Monats wurden ihm 1,04 Euro und für die zweite Hälfte des Monats 1,03 Euro augezahlt.
Wir lesen das Kleingedruckte auf den Abrechnungen und trauen unseren Augen nicht – weil es nicht nur die rückwirkend einbehaltenen Abzüge, sondern auch die enormen Raten für Kredite sind, welche die Beschäftigten aufgenommen hatten, und die Erhöhung der anstehenden Lohnsteuerabzüge wird logischerweise zu negativen Abrechnungen führen.
Wie lebten aber all diese Menschen bisher? Zafiris Michalas, Präsident des Verbands der Beschäftigten der städtischen Müllabfuhr in Athen, versucht es uns zu erklären:
“Die Situation ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich mit drei Kindern erhielt für Oktober eine Abrechnung über 7 Euro, und das wird sich bis Ende des Jahres nicht ändern. Wahrscheinlich wird es noch schlimmer werden, da der Steuerfreibetrag gesenkt wird, was uns mit drei Kindern besonders trifft.”
Arbeitnehmer können Bau- und Wohnungskredite nicht mehr abzahlen
Wir fragen ihn nach der Höhe der Kredite, welche Menschen mit angeblich niedrigen Bezügen erhielten: “Meine Rate beträgt 800 Euro im Monat und rührt aus zwei Krediten her, einem von vor gut 10 Jahren, 25 Mio. Drachmen mit einer Laufzeit von 25 Jahren, und einem Renovierungskredit von 45.000 Euro mit einer Laufzeit von 15 Jahren. Analog sind offensichtlich auch die Kredite der vorstehend angeführten Kollegen. Ich schätze, dass nur bei der Müllabfuhr Athen mehr als 500 Beschäftigte gefordert sind, fortan von weniger als 60 – 70 Euro im Monat zu leben.”
Und wie kamen all diese Menschen bisher über die Runden? Herr Michalas erklärt, dass die Beschäftigten neben den auf der Lohnabrechnung aufgeführten Bezügen noch zwei weitere Einkommensquellen hatten: “Das Kilometergeld von ungefähr 300 Euro monatlich, das fortan gestrichen wird, und die Nachtschichten – Überstunden, die jäh reduziert werden. Jemand, der an allen Wochenenden des Monats und andauernd nachts arbeitete, konnte weitere 500 Euro hinzuverdienen. Jetzt ist ausgeschlossen, mehr als 350 Euro zu erhalten, während der Kommissar des Kontrollrats die Grenzen der von ihm genehmigten Überstunden kontinuierlich senkt.”
Die Arbeitnehmer der drei eingangs angeführten Beispiele lebten also nicht nur von den 200 – 300 Euro, die nun rückwirkend einbehalten werden? “Die meisten ergänzten ihre Bezüge mit dem Kilometergeld und den Überstunden”, gesteht Zafiris Michalas ein. “Für uns war es unvorstellbar, dass wir als Arbeiter bei der Müllabfuhr einen solchen Erdrutsch bei den Bezügen erleiden werden – und erst recht nicht, in Gefahr zu laufen, den Status der unbefristeten Anstellung zu verlieren.”
Es sei daran erinnert, dass die POE-OTA von den zuständigen Ministern Regelungen bezüglich der Tilgung der Kredite der staatlichen Kredit- und Hinterlegungskasse verlangt hat.
Quelle: Eleftherotypia
Maßnahmen machen finanzielle Planung der privaten Haushalte zunichte
Bezüglich der in Rede stehenden rückwirkenden Abzüge sei erklärend angemerkt, dass Mitte 2011 der Einkommensteuerfreibetrag rückwirkend für das gesamte Jahr 2011 auf 5.000 Euro gesenkt wurde. Damit wurden schlagartig selbst Geringverdiener lohnsteuerpflichtig und “schuldeten” praktisch über Nacht auch für die seit Anfang 2011 bereits regulär abgerechneten Bezüge rückwirkend Lohnsteuern, die nun zusätzlich zu den laufenden übrigen Abzügen in Raten von den letzten Gehältern des Jahres 2011 einbehalten wird.
Zusätzlich zu der rückwirkenden Lohnsteuererhöhung des Jahres 2011 wurden im Oktober 2011 auch die ebenfalls rückwirkend für Einkommen des Jahres Jahr 2010 beschlossenen Sonderabgaben (u. a. speziell die neue rückwirkende “Solidaritätsabgabe” auf Einkommen des Vorjahres!) fällig, die in Raten von minimal 300 Euro pro Monat zu entrichten sind.
Schließlich werden zusätzlich zu den bereits erfolgten Kürzungen der Gehälter, Löhne und Renten die anstehende neue Besoldungsordnung des öffentlichen Dienstes sowie auch die von der Troika ebenfalls unnachgiebig geforderten Lohnkürzungen auf dem privaten Sektor zu weiteren enormen Einkommensverlusten führen, die sich zu Größenordnungen von 50% kumulieren können.
Verständlicherweise geraten unter solchen Umständen selbst Haushalte mit “konservativer” Finanzplanung in die Klemme, von verschuldeten oder gar überschuldeten Haushalten ganz zu schweigen. Es wird also ersichtlich, dass immer mehr Menschen in Griechenland buchstäblich kaum noch etwas verlieren haben und es nur noch eines Funkens bedarf, um die schwelenden gesellschaftlichen Spannungen zu einem lodernden Flächenbrand zu entfachen, der sich nicht nur auf die griechische Gesellschaft und Griechenland beschränken wird.
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