Die postmoderne Auffassung des Tourismus in Griechenland

7. September 2017 / Aufrufe: 907
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Was sich hinter dem Jubel über den stetig zunehmenden Massentourismus in Griechenland verbirgt und wie es dazu kam.

In den letzten Jahren – mit Kostas Karamanlis als Vorreiter seit dem 2000er Jahrzehnt – gewöhnte man sich in Griechenland daran, von dem Tourismus als „Schwerindustrie unseres Landes“ oder als „Arbeitsplätze schaffende Treibkraft der Wirtschaft“ etc. pp und allgemein als „wirtschaftliches Manna“ zu vernehmen, das jedwede Krankheit und Unfähigkeit heilt.

Wir hörten – und hören weiterhin – in fast trommelfeuerartigen Rhythmen über die positiven Auswirkungen des Tourismus auf das BIP, aber auch das lokale / periphere Einkommen und – hauptsächlich – das Privateinkommen in den touristischen Regionen.

Fakten demontieren Mythos des „rettenden Tourismus“

Fast alle Regierungen der letzten Jahrzehnte singen das „Hosianna“ über den griechischen Tourismus mit Oden und Trinkopfern auf den Beitrag des Tourismus zu der Wirtschaft, der Verbesserung der Zahlungsbilanz und der Senkung des griechischen Handelsdefizits und andere zahllose Wohltaten. Sich in die Brust schlagend haben die Triumphierenden bereits die Festrede zum Tag für die „alle Rekorde brechenden 30 Millionen Touristen„, aber auch die – angeblich … – riesigen Einnahmen vorbereitet, die das griechische touristische El Dorado einbringt. Ein Artikel in der Zeitung „To Pontiki“ spricht jedoch von gewissen – buchstäblich – erschütternden Fakten:

  • Der Wert der griechischen Importe in den letzten 16 Jahren beträgt 780 Milliarden, bei stetig ansteigendem Verlauf.
  • Die Importe sind in den letzten fünf Monaten um 21% gestiegen und haben bereits 21 Mrd. Euro überstiegen.
  • Die Importe von Meeresprodukten, Früchten, Milch usw. kosten ungefähr 500 Millionen.

Es erübrigt sich, auch andere Zahlen anzuführen, wie beispielsweise in Bezug auf Importe von Speiseöl (!) in einem Land, das vielleicht das beste Olivenöl des Planeten produziert, aber auch andere „belastende Fakten“, welche die begeisterte, heitere – auf neugriechisch naiv fröhliche – Ansicht über einen „rettenden Tourismus“ demontieren. Die beste Frage ist jedoch, woher diese oberflächliche bis naive Ansicht über den Tourismus speziell einer Regierung entspringt, die sehr vorsichtig sein müsste.

Die postmoderne Ansicht über den Tourismus in Griechenland

In vorherigen Artikeln von uns sprachen wir von der postmodernen Linken und der postmodernen Wahrnehmung der Gesellschaft. Leider gibt es auch die „postmoderne Auffassung des Tourismus“, die Neoliberale, späte Sozialdemokraten und Süßwasser-Linke und jegliche Ansicht verbindet, die – zusammenfassend – die Industrie und insbesondere die Weiterverarbeitung (einschließlich auch jener in der Landwirtschaft) als überholt betrachtet.

Nachdem das Wort „Produktion“ verschwand, verschwand auch der Begriff „Industrie“ bzw. „Verarbeitung“. An ihre Stelle trat die sogenannte „Neue Wirtschaft“ – New Economics – des tertiären Sektors und allgemein des Dienstleistungssektors, wo die Firmen zur Erbringung jedweder Art von Services – von Dienstleistungen in der Gastronomie bis hin zu Software – das neue Idol, den neuen Gott darstellen, vor dem sich jeder würdevoller Pilger zu verbeugen und Ave Caesar auszurufen hat!

Ihnen nahe stehen natürlich auch die Begeisterten der touristischen Ekstase, wobei alle Medien über die Zunahme der Besucher und den – ihrer Meinung nach – damit einhergehenden Anstieg der touristischen Einnahmen jubeln. Die Dschihadisten des Islam rufen Allahu Akbar, die Dschihadisten des Tourismus zusammen mit vielen Analysten der Regierungsvorkämpfer rufen Tourism Akbar (die TV-Analysten der Morgenmagazine und Nachrichtensendungen haben sich sogar einen Oskar für Geschwätz oder – wenn sie es vorziehen – Dummquatscherei verdient …).

Balkanisch-kompradorisch-thatcheristischer Neoliberalismus

Es ist eine Tatsache, dass nach der Krise des Jahres 2008 – aber auch zumindest auch schon drei Jahrzehnte vorher – das internationale Wirtschaftssystem des Finanzkapitalismus zu begreifen begann, dass die Verlegung von Unternehmen in die Dritte Welt kein Allheilmittel ist, und natürlich auch nicht die damit einhergehende Deindustrialisierung Europas und der entwickelten Welt. Diese Vergegenwärtigung hinderte jedoch die führenden Eliten des Verfalls des System nicht daran, das selbe Spiel auch im nächsten Jahrzehnt bis einschließlich heute fortzusetzen, mit dem Resultat, dass die Europäische Union ein riesiges industrielles Investitionsproblem und ein analoges ungeheures Defizit aus Importen aus Konkurrenzländern hat.

Seit Jahrzehnten ihre Orientierung zu jedweder „Industrierevolution griechischen Typs“ verloren habend adoptierte in Griechenland die einheimische – politische und wirtschaftliche – Elite das Modell eines balkanischen, kompradorischen, thatcheristischen Neoliberalismus mit vielfältigen Hoffnungen – ihrerseits – in das Modell der Erbringung von – hauptsächlich touristischen – Dienstleistungen.

Die selbe Elite Griechenlands, sich der wirtschaftlichen Vorherrschaft des europäischen Banken- und industriellen Kapitals ergeben habend, adoptierte auf unüberlegte Weise die neue – eigentlich jedoch uralte – Auffassung des Wirtschaftssturms unseres Landes, welcher der tertiäre Sektor und sein Flaggschiff, also der Tourismus ist. Diese Auffassung adoptierte auch – mit kleinen Differenzierungen – die gesamte griechische politische Elite, außer der KKE (eine Wahrheit, die anzuführen ist). Selbstverständlich einschließlich der SYRIZA, deren Widerstände üblicherweise umgekehrt proportional zu ihrer verbalen Rhetorik sind.

Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass wir in der Haltung der historischen Linken, die einst höchstens belegt von einer Produktions- und Industrierevolution in Griechenland sprach, zur postmodernen Linken der Ökologie und anti-industriellen Gesinnung übergingen.

Was bringt der Tourismus Griechenland wirklich ein?

Seit der Epoche, wo Dimitris Mpatsis sein monumentales Werk „Die Schwerindustrie in Griechenland“ schrieb, sind ungefähr 70 Jahre vergangen. Seitdem wandelte sich ein großer Teil der historischen Linken von Behütern der industriellen Entwicklung mit inländischem Know-how und inländischer Arbeiterklasse zu einer Protestgruppe mittel- und kleinbürgerlicher satter Ökologen, welche die industrielle Entwicklung nicht gern sehen und sie im schlimmsten Fall mit der Zerstörung der Umwelt und dem Ende der Welt gleichsetzen. Anstelle eines organisierten Wachstums der inländischen – industriellen und landwirtschaftlichen – Produktion haben wir die Überbetonung des Tourismus, der regenerativen Energiequellen und der grünen Energie.

Für die postmodernen pseudolinken Ökologen gilt jede Fabrik und jede produktive Investition per Definition als verdächtig oder auch strafbar. Wirtschaftlich gut situierte Menschen mit vollem Magen – um die Sprache der Wahrheit zu reden – sehen jede Industrie mit dem schrägen Blick des Staatsanwalts und verabscheuen sogar auch das Wort „Produktion“.

Sie verlieren – ganz zufällig … – keinerlei Wort darüber, dass der größte Teil der erneuerbaren Energiequellen von der deutschen Unternehmerklasse kontrolliert wird und die großen Industrieanlagen in Griechenland von europäischen – hauptsächlich deutschen und französischen – Unternehmen aufgekauft werden, mit allem, was dies bedeutet.

  • Das Ministerium für Tourismus – und die Regierung insgesamt – hätte sich also zu fragen, ob bzw. inwieweit die ungefähr 15 Mrd. Euro an Einnahmen aus dem Tourismus mit den unglaublichen „Importleistungen“ der griechischen Wirtschaft verrechnet werden.
  • Ebenfalls hätte es sich zu fragen, wie viel Griechenland für Importe von Lebensmitteln, Verbrauchsgütern, Ausstattung ausgab, damit wir der riesigen Anzahl von 28 – 30 Millionen Touristen entsprechen können. Einfach gesagt, wie viel gaben wir aus, um ihnen zu Diensten zu stehen bzw. um sie – gemeinhin – zu füttern?
  • Wie viel wurden in der Bilanz der Importe – Exporte Griechenlands für den Unterhalt von 3 Dekaden Millionen Touristen ausgegeben, wie viel Geld floss in die lokalen Wirtschaften, wie viel an die (ausländischen) Reiseveranstalter und wie viel zu den schweizerischen Banken?

Bis dahin sollten die Postmodernen des Tourismus, spezieller der „linken Prägung“, besser zurückhaltender sein.

(Quelle: topontiki.gr, Autor: Ilias Papanastasiou)

  1. GR-Block
    7. September 2017, 23:25 | #1

    Dass die Überbewertung des steigenden Tourismus ein Placebo ist, wissen wir „Linken“ nicht erst seit heute. Er soll die in GR ausgelöste Panik vor dem wirtschaftlichen Untergang des Landes innerhalb der EU durch einen kleinen Hoffnungsschimmer zum Stillstand bringen. Natürlich stammte die Idee einer touristischen „Schwerindustrie“ von denen, die im Auftrag westeuropäischer „Investoren“ die Deindustrialisierung GRs vorantreiben. „Investoren“, die schließlich die Memoranden ins Land brachten, um jegliche Selbständigkeit (immer noch die höchste der EU) zu ersticken und die Menschen in den Service zwingen, zum Bettlaken waschen, Fußböden wischen.
    In der höchsten politischen Krise haben sie schließlich die Mär vom zukünftigen Öl- und Gasexporteur GR lanciert. Sie haben die Reserven an Kohlenwasserstoffen im Meer ins unermessliche überbewertet, um den GREXITologen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn sich am Ende herausstellt, dass das Heben dieses „Schatzes“ (wie bereits den ’90ern festgestellt) unrentabel ist und die Gewinne sehr klein ausfallen werden, dann werden Sie wieder einen Sündenbock suchen, populistische Erklärungen verbreiten, miese Meinungsmache betreiben. Korrupte Politiker, die griechische Unfähigkeit, die Türken sind schuld … was auch immer. Hauptsache, man muss sich nicht eingestehen, dass Meinungen medientechnisch gemacht werden, von den Eliten unserer „Partner“. Von denen, die in Medien „investieren“. Von denen, die Menschen als Arbeitstiere missbrauchen wollen, nicht als geschäftstüchtige Konkurrenten auf „deren“ Märkten.

    Nur, was zum Teufel hat das alles mit postmodernen pseudolinken Ökologen zu tun? Und außerdem, dieser Hype mit den 30 Mio Touristen ist eine Folge der Kriege rund ums Mittelmeer. Die westliche Welt hat alle nicht EU- oder NATO-abhängigen Staaten in Brand gesteckt, um an deren BIP, Märkte, Bodenschätze zu kommen. In ein paar Jahren werden die FUKG-US Staaten mitten unter den Trümmern dieser Länder die prächtigsten 5*-Hotels bauen, und dann kehrt wieder Ruhe ein in Hellas. Dann brauchen wir wieder einen Sündenbock. Wer hat unsere „Schwerindustrie“ kaputt gemacht!? Waren es wieder korrupte Politiker, die griechische Unfähigkeit, die Türken … und auf immer und ewig?

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