Griechenland verliert seine Talente

5. August 2017 / Aufrufe: 706
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Griechenland verliert die Jüngsten, die Besten, die Talentiertesten.

In einer Reportage aus Athen bezieht die deutsche Zeitung „Berliner Morgenpost“ sich auf den „hoffnungslosen“ Alltag der einfachen Bürger, die trotz des bei den Indizes der Wirtschaft Griechenlands verzeichneten langsamen Fortschritts weiterhin um ihr Überleben kämpfen.

Die Reportage trägt den Titel „Die Griechen verzweifeln nach der Krise an ihrem Land“ und beobachtet den Alltag durchschnittlicher Bürger in Griechenland.

Heutige Auswanderer werden für immer im Ausland bleiben

Der 32-Jährige Sotiris absolvierte ein Maschinenbau-Studium an der Universität Patras und lebt noch bei seinen Eltern, da er nach hunderten Bewerbungen immer noch nicht geschafft hat, eine mit seinem Studium in Zusammenhang stehenden Arbeitsplatz zu finden. Vasilis Tsiros, Möbelschreiner, versucht den Familienbetrieb etwas außerhalb von Athen aufrecht zu halten, obwohl – wie er sagt – „ein Viertel seiner Kunden pleite gegangen ist„. Die 30-Jährige Fotini schließlich ist Ärztin und die sie bewegende Frage ist: „Soll ich bleiben oder weggehen?“ Wie die deutsche Zeitung berichtet, beschloss sie letztendlich, im Herbst wegzugehen um in einer Klinik in Bologna / Italien zu arbeiten.

Wie die „Berliner Morgenpost“ anmerkt, „verliert Griechenland laut einer Studie ‚die Jüngsten, die Besten, die Talentiertesten‘. Und im Gegensatz zu den alten griechischen ‚Gastarbeitern‘, die nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten in ihr Heimatland zurückkehrten, werden die meisten neuen griechischen Auswanderer für immer im Ausland bleiben.

Jedoch gibt es immer noch Griechen, die in Griechenland weiterhin gute Geschäfte machen. Wer diese sind? Beispielweise Giannis, in einem heruntergekommen Einkaufszentrum in Glyfada. Arbeit haben hauptsächlich ein Friseursalon und ein Nagelstudio. Und Giannis, der … alten Goldschmuck, Uhren und Goldmünzen gegen bares Geld eintauscht.

(Quellen: dikaiologitika.gr, Berliner Morgenpost)

  1. GR-Block
    5. August 2017, 18:06 | #1

    Die Berliner Morgenpost kann sich nunmal nicht dauernd um die Fakten kümmern. Schließlich sollen ja Deutsche die Zeitung kaufen. Und da geht es eher um das nationale Bewusstsein, d.h. um dieses gewisse Überlegenheitsgefühl: „Die armen Griechen!“ oder „denen haben wir es aber gezeigt.“
    In der Nachkriegszeit sind über 2 Jahrzehnte lang die Menschen jedes Jahr zu zehn- und hunderttausenden Ausgewandert. Natürlich bevorzugt zu den Menschen, die man kurz vorher als sehr reich und sehr stolz kennenlernte. Kaum jemand von denen, die in der Fremde auf den Koffern lebten, machte aber je seinen ewigen Traum wahr zurückzukehren. Mit dem Sturz der Militärdiktatur kam die Auswanderung abrupt zum Stillstand, drehte sich in geringem Maße sogar um. Damals waren die Menschen aber sehr viel unbeweglicher als heute, ein Neuanfang nur schwer vorzustellen, deshalb blieben sehr viele, genau wie meine Eltern.
    Die Auswanderungswelle 2010-2015 – so sehr sie schmerzt – ist weit geringer ausgefallen und kam schon 2016 zum Stillstand. Wieder bildete sich eine „radikale“ Linke. Nur … heute sind die Menschen sehr viel flexibler. Die Welt da draußen ist ihnen nicht mehr so unbekannt, die Telekommunikation, die neuen Medien, die Globalisierung, alles das hilft bei Entscheidungen … und deren Rücknahme. Insgesamt haben 350.000 Menschen GR verlassen. Statistisch hätte das Land in den 6 Jahren um 150.000 wachsen sollen. Das sind 500.000, also überschaubare 4,5% Verlust.
    Weil diese aber keine Hilfsarbeiter sind, kommen sie mit der Globalisierung besser zurecht. Sie halten den Kontakt zur Heimat und warten auf ihre Gelegenheit. Das gilt nach meiner Erfahrung sowohl für Akademiker wie auch für solche die es werden wollen, zumindest für meine Studenten. Nur echte Glücksritter reisen mal hier mal da hin (Katar, USA, UK, F, D …), um Geld und Karriere zu machen. Meist kehren sie aber nach wenigen Jahren zurück. Soweit die Fakten.
    Jetzt wo Herr Tsipras wieder Stellen an die Universitäten und Forschungseinrichtungen vergibt. Dürfte sich der Trend endgültig umgekehrt haben. Die Hoffnung, „Die Griechen verzweifeln nach der Krise an ihrem Land“ und der daraus gezogene Schluss „Heutige Auswanderer werden für immer im Ausland bleiben“ erscheint mir verfrüht. Im postfaktischen Zeitalter ist es einfach, eine Auswahl an Meinungen, unkritisch kommentiert, aber medienwirksam an prominenter Stelle zu platzieren. Anzudeuten, dass ausgerechnet im Land der Unternehmer (GR 35% Selbständigkeit) nur Nagelstudios und Pfandhäuser Geschäfte machen würden, weist eher auf Karrieredefizite des Autors Gerd Höhler hin.

    Der Gastarbeiter der Vergangenheit wurde mit massenweise Überstunden und Treueprämien belohnt, Betriebsrenten gar, wenn er viele Jahre blieb. Seine Produktivität war höher als die der Eingeborenen. Der heutige Akademiker aber, erhält nur Zeitverträge. Entfristungen und Aufstiegschancen erlebt er meist nur bei seinen deutschen Kollegen. Deshalb ist trotz höherer Vergütung der Rückkehrwunsch hoch. Und … laut einer Karriere-Studie [Internationalität von Topmanagern – (Wo) gibt es sie wirklich?] gibt es in UK 33% ausländische Manager in Spitzenpositionen. D schafft es nicht einmal auf die Hälfte. Und selbst die sind aus den direkten Nachbarstaaten rassisch selektiert. Slawen oder Franzosen und Italiener haben da statistisch kaum Chancen, geschweige denn Hellenen.
    Insofern … die einzige „Gefahr“ für die griechischen Talente stellt das Land des BREXIT dar. Denn dort sind nach Beginn der Finanzkrise, seit 2010, zwei Mio Arbeitsplätze entstanden. Und sobald das englische Außenhandelsdefizit zur DEU von jährlich 115 Mrd € weg ist, werden in UK noch mehr gute Jobs und Karrieren entstehen, die auf dem Kontinent verschwinden werden, aber wohl kaum aus GR.

  2. kokkinos vrachos
    8. August 2017, 13:12 | #2

    Fakt ist, dass zwischen 2010 – 2016 rund 457.000 Griechen ihr Land verlassen haben. Nach Deutschland gingen 157.055, nach Österreich 6.165 und in die Schweiz 5.000 Griechen. Auf der HP von Newdiaspora gibt es eine Auflistung, in welche Länder wie viele Griechen ausgewandert sind.

    Heute ist das Land zu einem Synonym für die heftigen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise des Jahres 2008 geworden. Die Armut nimmt zu und die Arbeitslosigkeit bleibt weiterhin die höchste in Europa. Die meisten Arbeitslosen gibt es nach wie vor unter den jungen Griechen.

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