Griechenland belastet Minijobs mit fast 50 Prozent

6. Februar 2017 / Aufrufe: 719
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Geringfügige Gelegenheitsarbeiten und Nebenverdienste sind in Griechenland seit Anfang 2017 nicht nur steuerpflichtig, sondern auch voll sozialversicherungspflichtig.

Die sogenannte „Lex Katrougkalos“ (sprich das 2015 unter dem inzwischen substituierten Arbeitsminister verabschiedete neue Versicherungsgesetz) schloss das einzige „Fensterchen“, das in Griechenland Arbeitslosen, Arbeitsmarktneulingen, Niedrigverdienern und Rentnern noch geblieben war, um ein kleines Einkommen zu verdienen, ohne es mit den Büchern des Finanzamts, der MwSt., den Sozialversicherungsbeiträgen an den OAEE und der Gewerbeabgabe zu tun zu bekommen.

Die Möglichkeit zur Einnahme von Beträgen im Bereich von 5.000 – 10.000 Euro brutto jährlich auf Basis sogenannter Quittungen über gewerbliche Ausgaben (Erwerbstitel) wird fortan ad absurdum geführt, da auch diese Kategorie der Beschäftigten wie die Freiberufler und Gesellschaftsmitglieder zur Entrichtung von Versicherungsabgaben mit einem Satz von 26,95% verpflichtet ist.

Gelegenheitsarbeiter gelten in Griechenland als Unternehmer

Der jüngst ergangene Runderlass des neuen „Einheitlichen Trägers für Sozialversicherungen“ (EFKA) in Griechenland führt explizit an, „zur Bestimmung der beitragspflichtigen Einkommen werden auch Beträge einbezogen, die mit einem Beleg über gewerbliche Ausgaben entrichtet worden sind„. Höchste Bedienstete des EFKA und des ehemaligen Versicherungsträgers für Selbständige (OAEE) bestätigen die Verpflichtung zur Beitragsentrichtung und betonen, „auch diese Beschäftigten sind praktische Selbständige„.

Dies bedeutet, dass von den (maximal) 10.000 Euro brutto, die Arbeitslose und Unterbeschäftigte als gelegentliches Einkommen einnehmen, (bis zu) 4.695 Euro „verfliegen“, da sie für Steuern und Sozialversicherungsbeiträge einbehalten werden. Hinzu kommt, dass die Beiträge allein den Arbeitnehmer, da keine Beteiligung des Arbeitgebers vorgesehen ist.

Fünf auf diese Weise entlohnte Personen unterschiedlichen Alters gestehen gegenüber „business stories“ ein, wegen dieser neuen Belastung in eine Sackgasse geführt zu werden.

1. Giannis, der aus Karditsa stammt und mit sehr geringen Mitteln an der Wirtschaftsuniversität Patras studiert, besserte sein Einkommen auf, indem er bei Buchhaltungsbüros gegen Ausgabequittung arbeitete. Mit der Beitragsbelastung und den Steuern wird seine Nettovergütung fortan 300 Euro im Monat nicht übersteigen.

2. Wütend war auch Sofia, die als Musikproduzentin bei einer Radiostation arbeitet und per Ausgabequittung entlohnt wird. „So viele meiner Kollegen sind arbeitslos. Ich fühle mich glücklich, zwei Pöstchen mit einer kleinen Vergütung zu haben“, gesteht sie ein und fügt an: „Jetzt wird meine Nettovergütung noch geringer werden. Würde ich mehr Geld verdienen, würde ich mit Quittungsblock arbeiten (sprich ein Gewerbe anmelden). Wenn man jedoch nur 6.000 Euro im Jahr einnimmt, ist es untragbar, auch noch mit der von den Selbständigen gezahlten Gewerbeabgabe belastet zu werden.“

3. Nikos ist arbeitslos und nimmt Gelegenheitsarbeiten an, indem er gegen Ausgabebeleg Übersetzungen erstellt. „Es wäre schön, wenn ich eine Arbeit mit Vollzeitbeschäftigung und Versicherung fände. Wie soll ich jedoch ein Gewerbe anmelden und selbst dann jeden Monat 167 Euro für Versicherungsbeiträge zahlen, wenn ich keine Einnahmen habe?„, fragt er sich ärgerlich. „Sie haben jede von den Arbeitslosen unternommene Bemühung erschwert, ein Stück Brot zu verdienen„, fügt er an.

4. Eine unangenehme Überraschung wartete auch auf Apostolos, der schon seit zwei Jahren auf die Bewilligung seine Rente wartet und derweilen bei einer Bank Fenster putzt: „Die Unternehmen zahlen nicht mehr ’schwarz‘ für Dienstleistungen„, betont er. „Die einzige Lösung für mich war, Ausgabequittungen auszustellen. 2016 nahm ich 3.600 Euro ein. Das war immerhin etwas, bis ich die aufgelaufenen Rentenzahlungen erhalte. Nun ist das einzige, was mir bleibt, die Bettelei. Nur die hat keine Steuern und Versicherungsbeiträge.

5. Stellvertretend ist auch der Fall der Anastasia, die als Pädagogin pensioniert worden ist und an der „Offenen (Fern-) Universität“ auf Ausgabequittungs-Basis arbeitet. „Ich kenne viele Rentner, die ihr Einkommen auf diese Weise aufbessern„, merkt sie an. „Wenn das Gesetz bestimmt, das Einkommen aus Ausgabequittungen ist beitragspflichtig, bedeutet dies, dass die Kasse mir meine Rente um 60% kürzen wird. Folglich verdiene ich rein nichts, wenn ich arbeite. Nicht genug, dass sie uns andauernd die Renten mindern, sie nehmen uns auch jede Chance, den Verlust auszugleichen.

(Quelle: lykavitos.gr)

  1. Jürgen
    6. Februar 2017, 10:48 | #1

    Was fällt denen noch ein um den Hunger noch schlimmer zu machen als er schon ist? Mit den Kleinen kann man es ja machen

  2. BravoZulzu
    6. Februar 2017, 19:01 | #2

    Varoufakis ist meinens Erachtens der einige, der Griechenland noch vor dem Abgrund retten kann.

  3. René
    6. Februar 2017, 20:31 | #3

    Es ist Zeit das Varoufakis zurückkommt und Alexis Tsipras ablöst, der hat das Volk genug angelogen und ausgebeutet, sich nur der Troika gebeugt auf den Rücken des eigenen Volkes. Was soll dieses Volk noch alles aushalten nur das die Spiele der “Mächtigen“ weiter gespielt werden können.

  4. Bop
    7. Februar 2017, 12:51 | #4

    Unglaublich, was jeden Tag an Griechen für Exempel statuiert werden. Versicherungsabgaben i.H.v. >25% sind schon happig. Doch bei den dortigen Löhnen in noch vorhandener Teilzeitarbeit wird es krass unmenschlich. Alles von oben (im Endeffekt deutschen Privatleuten) diktiert. Ich schäme mich für mein Land und die angewandten finanztechnischen Nazimethoden.

  5. Konstantin
    7. Februar 2017, 15:08 | #5

    Was in Griechenland passiert ist der Versuch zu sehen, wie weit man es in der EU mit einem Land treiben kann. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass Griechenland das Testlabor der EU nebst Anhang ist. Die anderen Länder werden auch noch ensprechend ruiniert werden.
    Es geht darum das Land und das Volk zu verarmen und zu entmündigen, alle Einnahmequellen zu privatisieren. Bessere Grundlagen kann es für den Kapitalismus nicht geben. Von daher würde mich auch eine Besteuerung des Einkommens in Höhe von 90% bald nicht mehr wundern.

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