Wie viel kann das Volk in Griechenland ertragen?

22. Januar 2017 / Aktualisiert: 02. Februar 2017 / Aufrufe: 1.767

Angesichts der andauernden Tragödie Griechenlands erhebt die Financial Times die Frage, wie viel ein Volk noch zu ertragen vermag.

Anlässlich der Beschreibung einer Reise durch Dörfer Efyra, Roviata, Ino der im Nordwesten der Peleponnes liegenden Präfektur Ilia (Elis) beherbergte die britische Zeitschrift Financial Times einen ausführlichen Artikel über die wirtschaftliche Krise in Griechenland acht Jahre nach ihrem Ausbruch, die Situation in den düstersten Farben „malend“ und sich fragend, wie viel die Griechen noch zu ertragen vermögen.

Wir befinden uns in Gefahr„, sagt zur FT Angelos Petropoulos, Bäcker und Bürgermeister von Efyra. „Alles entwickelt sich zum Schlimmeren. Im nächsten Jahr noch mehr. Die alten Leute sterben. Die jungen Leute werden nicht bleiben. Wir brauchen Hilfe.

Die Krise in Griechenland wütet weiter

Nach acht Jahren einer wirtschaftlichen Katastrophe ist dieser Appell in ganz Griechenland immer mehr zu hören, schreibt der Redakteur der FT. Heute ist das Land zu einem Synonym für die heftigen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise des Jahres 2008 geworden. Griechenlands Wirtschaft schrumpfte in den folgenden Jahren um fast ein Drittel und die Regierung ist ohne ausländische Hilfe praktisch bankrott: sie schuldet ungefähr 320 Mrd. Euro, fast das Doppelte des BIP des Landes. Die Auswirkungen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden nun im ganzen Land spürbar. Die Arbeitslosigkeit befindet sich bei 24% und 44% der Personen im Alter von 15 – 24 Jahren sind arbeitslos. Mehr als ein Drittel der Griechen entbehrt grundsätzlicher Dinge wie Heizung oder Telefonanschluss.

Laut einem jüngsten Bericht der nicht gewinnorientierten Forschungsorganisation diaNEOsis lebten in Griechenland 2015 rund 15% der Bevölkerung in Verhältnissen extremer Armut, gegenüber 2% im Jahr 2009. „Es gibt Familien, die nichts zu Essen haben„, sagt Herr Petropoulos zur FT. Wie in dem Artikel angeführt wird, gelangte Griechenland 2015 an dem Rand der wirtschaftlichen Katastrophe an, wobei die EU warnte, dies könne die Zukunft Europas gefährden. Nach Monaten politischer Akrobatik seitens der griechischen Regierung und der europäischen Institutionen erhielt Griechenland ein Paket von 86 Mrd. Euro, sprich das dritte Rettungspaket innerhalb von fünf Jahren.

Achtzehn Monate später ist die griechische Krise aus dem Sinn Vieler in Europa verschwunden und durch Schwierigkeiten wie den Brexit, die Welle terroristischer Anschläge in großen europäischen Städten und die anstehenden Wahlen in Ländern wie Frankreich und Deutschland substituiert worden. In Griechenland wütet die Krise aber weiter. Obwohl das Land sich wirtschaftlich zweifellos in einer besseren Lage als vor zwei Jahren befindet, ist die gesellschaftliche Krise jedoch intensiver geworden. Als Gegenleistung für die Rettung forderten die Amtsträger (sprich Gläubiger) noch mehr Austeritäts-Maßnahmen.

Angeblicher Aufschwung Griechenlands nur auf dem Papier

Die Aufwendungen bei den Krankenhäusern, bei den Schulen und im sozialen Schutznetz sind massakriert worden, womit immer mehr der am meisten verwundbaren Griechen ohne Unterstützung bleiben. Die europäischen Amtsträger mögen die Anzeichen für eine Verbesserung der griechischen Wirtschaft begrüßen, jedoch erscheint es unwahrscheinlich, dass es einen signifikanten Wendepunkt geben wird.

Wie der Redakteur der FT kommentiert, handelt es sich auf viele Weisen einfach nur um einen Aufschwung auf dem Papier: die Armut nimmt zu und die Arbeitslosigkeit bleibt weiterhin die höchste in Europa. Er erinnert an den Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) im vergangenen September, worin der Fonds anführte, Griechenland habe ungeheure Opfer erbracht um dort anzugelangen, wo es sich (heute) befindet, jedoch hatten die signifikanten Erfolge bei der Rationalisierung des Haushalts, der Reduzierung des Defizits und der Verbesserung der Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt „einen hohen Preis für die Gesellschaft und stellten deren Belastbarkeiten auf die Probe„. Zur selben Stunde nehmen die Reaktionen der verstimmten Wähler zu und die (Popularität der) Regierungspartei befindet sich in den Demoskopien in einem „freien Fall„.

Die FT spricht von politischer Instabilität und merkt an, die Möglichkeit vorgezogener Neuwahlen oder des Zusammenbruchs der Verhandlungen über die zukünftige wirtschaftliche Hilfe werde noch wahrscheinlicher. Die Financial Times bezieht sich auf die griechischen Dörfer, die in Perioden nationaler Schwierigkeiten eine Zuflucht boten, und sagt, heute begegnen diese großen Schwierigkeiten, da sogar auch kleine Kürzungen bei den kommunalen Etats ausreichen, Diensten von vitaler Bedeutung ein Ende zu setzen. Viele Schulen wurden geschlossen, Buslinien sind gestrichen worden, womit die Dörfer gezwungen wurden, ihren Verkehr per Taxi zu bestreiten.

Forderungen der Troika trafen nicht die Reichen, sondern die Ärmsten

Die verheerenden neuen Steuern haben bereits ein Problem für das Überleben der Gemeinschaften geschaffen. Es ist üblich, dass mit einer Rente, die gerade einmal 300 Euro monatlich betragen mag, eine ganze Familie unterstützt wird, schreibt der Autor des Artikels und betont, dass der Druck wegen der Kürzungen bei Renten und Löhnen und den Erhöhungen bei der Mehrwertsteuer steigt.

Auf der Suche nach Arbeit in größeren Städten verlassen junge Menschen die Dörfer, womit die landwirtschaftliche Bevölkerung des Landes innerhalb von acht Jahren um 2,5% abnahm, schreibt die FT und fügt an, die in den Dörfern Verbliebenen sprechen davon, im Stich gelassen worden zu sein. „Die Forderungen der Troika haben nicht die Reichen, sondern die Ärmsten getroffen„, erklärt Litsa Andriopoulou, Eigentümerin eines Lebensmittelgeschäfts in Efyra. „Die zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich verändert. Die Leute schließen sich in ihren Häusern ein. Sie gehen nicht aus. Diejenigen, die hier Unternehmen hatten, machten sie dicht.

Ekavi Vallera, Generaldirektorin der humanitären NRO DESMOS, berichtet, „die Lage verschlimmert sich. Was wir sehen, ist, dass das, was nun am meisten gebraucht wird, das Essen ist. Dies zeigt, dass die Probleme sich auf das Elementare, nicht auf die Lebensqualität beziehen.

Griechenland musste über 1 Million Immigranten verkraften

Wie die FT betont, beschränkt sich die Armut in Griechenland nicht auf die historisch ärmeren landwirtschaftlichen Regionen, da auch in den Großstädten hunderttausende Menschen Problemen begegnen. In Athen kauern sich Menschen vor den sozialen Arztpraxen, während Dutzende Obdachlose in den Eingängen von Gebäuden rund um die größeren Straßen schlafen. Laut einer Untersuchung, die mit der Unterstützung des Bürgermeisters von Athen durchgeführt wurde, sind in Athen (bei einer Bevölkerung von ungefähr 665.000 Menschen) neuntausend Menschen obdachlos und 71% von diesen begannen in den letzten fünf Jahren, auf den Straßen zu schlafen.

Drogenabhängige und Prostituierte befinden sich wenige Meter von Hotels entfernt, in denen Touristen 200 Euro pro Abend für ein Zimmer mit Blick auf die Akropolis zahlen. Das Problem Griechenlands wird – betont die FT – durch die Flüchtlingskrise verstärkt, da in den beiden letzten Jahren mehr als eine Million Menschen in Griechenland eingetroffen sind und die Situation bei den Leistungen des öffentlichen Sektors noch schwieriger gemacht haben. Abgesehen von den Kosten der Handhabung der Flüchtlinge / Immigranten befürchtet Athen, das massenhafte Eintreffen von Flüchtlingen und Immigranten werde den von kritischer Bedeutung touristischen Sektor des Landes beeinträchtigen – auch wenn diese Befürchtungen sich bisher (zumindest insgesamt gesehen) nicht bestätigen.

Jedenfalls sind nicht alle ihrem Schicksal „überlassen“ worden. „Ja, die Regierung macht es den Leuten immer schwerer, den Lebensunterhalt zu bestreiten, ein Anwesen zu besitzen, ein Unternehmen zu haben. Wir müssen uns jedoch anstrengen. Wir können nicht einfach herumsitzen und darauf warten, dass sie kommen um uns das Leben zu nehmen„, kommentiert Giannis Retsis aus Roviata. „Wir müssen optimistisch sein. Wenn man sich im Meer, in den Wellen befindet, muss man sich immer einreden, bald Land sehen zu werden.

(Quelle: Imerisia)

Kommentare sind geschlossen