Theodorakis: Griechenlands Premier ist Merkels Laufbursche

5. Dezember 2016 / Aktualisiert: 09. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.966

Mikis Theodorakis charakterisiert Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras in einem offenen Brief unter anderem als Laufburschen Merkels, Obamas und Junckers.

Der griechische Komponist, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis publizierte auf seiner persönlichen Webseite einen offenen Brief an Alexis Tsipras in besonders scharfen Tönen. In seinem Text übt er harte Kritik an dem Premierminister wegen dessen Reise nach Kuba, um Fidel Castros Beisetzung beizuwohnen.

Theodorakis charakterisiert Tsipras unter anderem als „Anbeter“ und „Laufburschen“ von Merkel, Obama und Juncker, während auch erstaunt, wie er sein Schreiben mit der Phrase „Auf Wiedersehen beim Schinder“ schließt. Der gesamte wie auf Mikis Theodorakis‘ Website publizierte Text folgt nachstehend in deutscher Übersetzung:

Verratene Demokratie – Von Mikis Theodorakis

Unser (Griechenlands) Regime ist eine präsidentielle parlamentarische Demokratie. Die Pfeiler – Institutionen sind folgende:

  • Parlament (Legislative)
  • Regierung (Exekutive)
  • Jurisdiktion
  • Präsident der Republik – Regulator des Regimes

Basis ist die Verfassung. Aus dieser entspringen die Rechte und Pflichten der Bürger. Der Präsident hat eine Schlüsselposition wahrzunehmen. Zu kontrollieren, ob das Verfassungsprinzip gilt, dass die Mehrheit regiert und die Minderheit kontrolliert. Und er ist verpflichtet – ermächtigt, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen auszurufen, falls er erachtet, dass dieser Grundsatz verletzt wird.

Mit der Revision der Verfassung im Jahr 1986 nimmt Andreas Papandreou jedoch dem Präsidenten dieses hauptsächliche und einzige Recht und erteilt es sich (dem Premierminister) selbst. Somit wird der Kontrollierte zum Kontrolleur erklärt. Dieser Umstand „verdreht“ die Verfassung und substituiert die Präsidialdemokratie durch die Allmächtigkeit der Exekutive, also des Premierministers, der zu einem absoluten Herrscher erhoben wird, da der Einzige, der ihn zu kontrollieren vermag, er selbst ist. Praktisch hat er also diktatorische Ermächtigungen, weil die Demokratie im Wesentlichen zu einer „leeren Hülse“ verkommen ist.

Das Argument, die Mehrheit des Parlaments sei die Basis der essentiellen demokratischen Legitimierung, ist reine Verspottung! Zumal diese Mehrheit sich mit dem Premierminister identifiziert! Sie ist also ein Organ in den Händen dessen, der – wie ich sagte – nach der 1986 erfolgten Revision der Verfassung der absolute Monarch ist. Von da an unterliegt Tsipras mit den 153 Sitzen und 16% keiner Kontrolle und kann, die Mehrheit der Sitze in der Tasche habend, tun was er will und darauf pfeifen, ob er die Mehrheit des Volkes (hinter sich) hat. Einschlägig schreibt in der heutigen Ausgabe der Zeitung „TA NEA“ der Redakteur Ilias Kanellis (Artikel: „Mit Lau ist Schluss“, in der Kolumne „Einreden“) In der selben Zeitung fährt der renommierte Journalist Giorgos Papachristou mit unerschütterlichen Belegen dem Büro des Premierministers „über das Maul“, das berichtet, die Reise nach Kuba habe angeblich nur 22.900 Euro gekostet! Als einfacher Bürger gratuliere und danke ich beiden dafür.

Auf diese offene Herausforderung schweigt das Parlament, weil es mittels der Verfassungsrevision des Jahre 1986 an dieser Verdrehung des Prinzips der essentiellen Volksherrschaft mitschuldig ist (siehe Mikis Theodorakis‘ Anklagen in dem Artikel „Wir sind Opfer einer tragischen Schmierenkomödie“ / 21.05.2016 Außerdem sind sie alle gleich: Machtbesessen, hart, herzlos. Während das Volk im Schlamm der Austerität kriecht, kaufen jene teure Flugzeuge (siehe Samaras 2013). Was sie tun sollen? Sie verkaufen und wie ihre blöden Wähler reisen. Für 300.000 Dollar hätte eine Familie mit 1.000 Dollar im Monat 300 Monate und mit 300 Dollar im Monat 1.000 Monate lang arbeiten müssen … . Wie viele humane Flüchtlingsunterkünfte (wären das)? Wie viele Krankenhausbetten?

Von Feinden umringt. In einem kritischen Moment. Drohungen. Gefahren. Warum die Reise (nach Kuba)? Damit ein Ergebener, ein Assimilierter von dem Podium eines Aufrechten, eines Kompromisslosen spricht! Er ist ein wirklich gewiefter nationaler Kerl. Weil es gerissen ist, 10 Millionen Staatsbürger an der Nase herumzuführen um seine eigenes Ding durchzuziehen. Gehen und Merkel beschimpfen, und kaum zurückgekehrt, wird Merkel angerufen und um Hilfe gebeten. Das ist die große, die weltweite Gerissenheit. Den schlauen Griechen ins Gesicht zu sagen, sie seien Dummköpfe, ohne Skrupel und ohne Scham!

Abschließend schulde ich zu Alexis in der Sprache zu reden, die aus seinen Handlungen strömt. Also in der Sprache des „Kerls“, damit mich so viele wie ihm verbliebene Freunde, aber auch all jene verstehen, die nicht zu begreifen vorgeben, dass manche – nicht genug, dass sie uns in die Katastrophe drängen – uns obendrein auch noch verspotten!

Also …

Offener Brief an Herrn Tsipras

Genosse Alexis, ich ziehe den Hut vor Dir, weil Du ein gewiefter Kerl bist. Der Gewiefteste in Griechenland seit 450 v. Chr. bis heute. Weil Du machst was Du willst und Dich um niemanden kümmerst. Du nimmst Dein persönliches Flugzeug, stopfst es mit Freunden und Freundinnen voll und fliegst nach Kuba und lässt die Rechnung, 300.000 Dollar, von den Dummköpfen mit den bestenfalls 300 Euro im Monat bezahlen. Du ziehst Dein Ding durch. Du sprichst auf dem Platz der Revolution, wo auch Fidel als ein echter und harter Revolutionär sprach. Du richtest Deine riesige Gestalt gegenüber dem Kapitalismus – Imperialismus auf. Du schlägst Dir den Bauch voll (600 Euro für ein Mahl, bezahlt vom Außenministerium, also Deinen Gehilfen). Du amüsierst Dich, hast Deinen Spaß – zur Stunde, wo die blöden Griechen für Rente, bei DEI, Banken, Krankenhäusern Schlange stehen, und allem voran Austerität über Austerität.

Du spielst den Revolutionär, und wenn Du zurückkehrst, wirst Du das, was Du warst, nämlich der Laufbursche für die Erledigungen Merkels, Obamas und Junckers, über die Du in Havanna hergezogen bist – und wieder zu lasten des klugen griechischen Volks, weil dieses beschloss, von Leuten ohne Anhänger und Ehrgefühl regiert zu werden, die „Regierung“ spielen.

Auf Wiedersehen beim Schinder.

Mikis
Dezember 2016

(Quelle: Mikis Theodorakis, Imerisia)

  1. ronald
    5. Dezember 2016, 13:52 | #1

    Wie schrieb Herr Theodorakis doch 2012: „Ich unterstütze mit allen meinen Kräften die Bemühung des Alexis Tsipras zur Bildung einer Regierung, die das Memorandum aufkündigen und die Wiedererlangung der nationalen Souveränität unseres Vaterlandes verfolgen wird.

    • Götterbote
      5. Dezember 2016, 20:24 | #2

      Damals war auch nicht absehbar, dass sich Tsipras um 180 Grad drehen wird und alle seine (angeblichen) Prinzipien über Bord wirft.

  2. windjob
    5. Dezember 2016, 22:34 | #3

    Tsipras ist die grösste Entäuschung und vermutlich hat Varoufakis dies erkannt. Tsipras hat sehr schnell gelernt, wie schön es an der Spitze ist und wie wenig man tun muss um sich darin zu baden. Schade für die Griechen, die im vertraut hatten.

  3. GR-Block
    5. Dezember 2016, 23:21 | #4

    Lieber Miki,
    schon vor Jahren, bei einer der großen Konzerte dir zu Ehren, hattest du versucht den jungrebellischen „Euro-Kommunisten“ (nomen est omen) mit seiner ehemaligen politischen Heimat der KKE und den alternden Sozialdemokraten der DIMAR zusammenzubringen. Du wolltest (wie wir alle) gegen die Zersplitterung der Linken etwas tun. Seinerzeit war die KKE misstrauisch, als ob sie ihn schon damals richtig eingeschätzt hätte. Wir alle hatten dies bedauert. Du zogst dich danach aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück.
    Der plötzliche Aufstieg des Rebellischen jedoch gab dir Hoffnung. Er entwickelte sich, gebärdete sich zunehmend als Staatsmann. Die ehemaligen Wähler der PASOK fassten Vertrauen und wählten ihn. Aber schon damals hatten seine Worte auch immer etwas … wie soll ich sagen … unechtes. Aber wir dachten, es liege nur an seiner unerfahrenen Art zu sprechen. Als er den „Rocker“ Varoufakis an seine Seite holte (oder bekam?), wurde es vorübergehend still um ihn. Die Griechen waren hingerissen. Und doch … es war verdächtig, wie weit der Finanzminister griechische Interessen vertreten durfte, mit welcher Offenheit er die Finanztricks der EU anprangern durfte, die Partner in die Enge trieb. Aber es funktionierte. Der Deal Tsipras-EU stand vermutlich schon im März 2015 bei dessen Besuch in Berlin. Jetzt mussten nur noch griechische Hoffnungen enttäuscht werden. Da kam das schief gegangene Referendum genau richtig.
    Aus dem noch 2009 aufmunternden „aber nein, ihr braucht nicht raus aus der EU“ wurde zunächst das bedrohliche „wehe ihr geht raus aus der EU“ um schließlich in ein deprimierendes „ha, ihr könnt nicht raus aus der EU“ zu werden – Verratene Demokratie.
    Es sind bittere Worte eines ehrwürdigen alten Patrioten, der kurz bevor er die Augen für immer schließt noch einmal deutlich wird: „Du spielst den Revolutionär, und wenn Du zurückkehrst, wirst Du das, was Du warst … ohne Skrupel und ohne Scham“
    Wir aber, Miki, die noch eine Weile zusehen müssen, wir wollen herausfinden, wieviel Rebell in Alexis Tsipras noch drin steckt, wieviel „Commandante“, wieviel Revolutionär. Denn auch des Skrupellosesten Herz lässt sich rühren, wenn er sieht, mit wievielen Erwartungen ihn die Menschen zuhause trotz allem wiederwählen, wenn er erlebt, mit wieviel Dankbarkeit ein ferner, ihm fremder Kontinent seine Rede begierig aufsaugt, die Presse ihn hoch leben lässt, nur weil er Einem der Ihren die letzte Ehre erwies.
    Vielleicht ist noch ein Fünkchen da … lieber Miki … vielleicht …

  4. Alexis Sorbas
    5. Dezember 2016, 23:34 | #5

    Der Mann hat völlig recht. Aber Tsipras kann sich trösten. Er ist nicht der alleinige Laufbursche der größten Kanzlerin aller Zeiten, welche Europa nun beherrscht. Aber psst. Anders als der damalige Reichskanzler kann die Bundeskanzlerin heute keine Truppen mehr schicken, um Länder, welche nicht mehr spuren, zu unterwerfen. Die Briten haben es vorgemacht und die Welt geht nicht unter. Die Italiener werden nachziehen und auch dort wird die Welt nicht untergehen. Merke: Es gibt immer zwei. Einer der macht und ein anderer, der es mit sich machen lässt.

  5. Hansi
    6. Dezember 2016, 10:21 | #6

    Souveränität geht aber nur mit einer eigenen Währung oder zumindest mit einer Währung, auf die der eigene Staat Einfluss hat. Das hätte der Theo in seinem Brief schon erwähnen müssen, weil, wie damals bei dieser Volksabstimmung, viele Griechen glauben, daß man die Austerität abwählen könnte, aber im Euro bleiben könnte. Das wird in Gr mangels wirtschaftlicher Basis niemals funktionieren, Portugal könnte es schaffen, aber nur, wenn keine Bankenrettungen gestemmt werden müssen, und neue Bankenrettungen sind schon „vorbereitet“, europaweit, mit Ankündigung, als planmässige Enteignung der Bürger, die es aber nicht wahrhaben wollen.

    Andererseits könnte Gr jederzeit einen GEuro als Parallelwährung bzw staatlichen Schuldscheinen drucken, einfach Euro-Scheine (Athener Staatsdruckerei hat die Platten) mit einem fetten Gr darauf (und natürlich anderen Seriennummern) drucken. Wäre kein Problem, könnte innerhalb von Tagen umgesetzt werden, aber wer das in Gr vorschlägt, wird dort immer noch als linker / rechter / sonstiger Spinner betrachtet.

  6. GR-Block
    6. Dezember 2016, 18:13 | #7

    Ja, die Varoufakische Lösung hat was für sich. Nun soll aber aus ideologischen Gründen keine Alternative zum EURO zugelassen werden. Das braucht es auch nicht.
    Staaten, die in Finanzprobleme kommen, weil ihre Handelsbilanz logischerweise negativ ist, da ja in der Summe nur 0 herauskommen kann, sollten sich einfach nur das herausnehmen, was die sog. „Exportnationen“ der EU sich bei Bedarf auch herausnehmen. Unerwünschte Importware wird hoch versteuert. Das bringt zusätzliche Steuereinnahmen für den Schuldendienst und reduziert gleichzeitig das Handelsdefizit.

    Diese Maßnahme hat noch einen dritten, EU-stabilisierenden Effekt. Wenn ein Produzent in GR verkaufen will, dann verkauft er billiger, wenn er in GR produziert. Und schon verteilen sich die Arbeitsplätze ganz natürlich über alle Länder und das Netz nationaler Ökonomien stabilisiert sich. Hier nochmal mein (uralter) Vorschlag:
    Wer mit seinem Produkt 1% des griechischen Marktes bedient, der soll 1% der Arbeitsplätze liefern. Wenn er dies aus technischen Gründen nicht kann, dann soll er Arbeitsplatz-Zertifikate von einer Partnerfirma kaufen. Was beim CO2 logischerweise nicht klappt, wäre bei den Arbeitsplätzen eine echte Lösung. Aber wer will die schon. Die EU der Bänker jedenfalls bevorzugt Kreditzinsen.
    In Griechenland gingen 587 Mrd Euro verloren“ – Man stelle sich nur vor, die Griechen hätten damit nur griechische Waren gekauft oder auf Importe Steuern bezahlt. Boah ey! Die Privatwirtschaft wäre explodiert und der Staat hätte allen Flüchtlingen eine Villa am Fuß der Akropolis zuweisen können.

  7. Kleoni
    7. Dezember 2016, 09:35 | #8

    Es geht doch nicht darum, Griechenland zu retten, sondern darum, dass die Kapitalisten ihr Kapital auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung heftig vermehren können. Deshalb will Hr. Schäuble, dass Löhne und Renten weiter sinken und das bisschen noch übrig gebliebene griechische Tafelsilber an diese zum Ramschpreis verscherbelt wird. Deshalb auch das Diktat der 3,5% Wachstum auf weitere 10 Jahre = Knechtschaft und Unterjochung, das sollte auch Hr. Mitsotakis wissen. Ach ja, der ist ja konservativ, da wird Hr. Schäuble mild und es gibt den Schuldenschnitt, denn Hr. Mitsotakis holt sich dann die Erstwohnsitze und verscherbelt sie zugunsten der Klientelwirtschaft.

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