Ist der Tourismus Griechenlands Schwerindustrie?

19. September 2016 / Aufrufe: 992
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Der Massentourismus kann nicht die konjunkturelle Einbahnstraße für ein Land wie Griechenland darstellen, das außer dem Terrain auch über andere Gaben verfügt.

Ich weiß nicht, welcher unglaublich Typ entdeckte, „der Tourismus ist die Schwerindustrie Griechenlands„, welche Phrase die inspirationslosen Polit-Clowns seit dem Regimewechsel alle Nase lang wiederkäuen. Einen größeren nationalen Fatalismus gibt es jedenfalls nicht.

Es ist, als ob man sagt, weil Gott einem half, auf dem am meisten gesegneten „Grundstück“ des Planeten geboren worden zu sein, könne man nicht mehr tun als es als Sehenswürdigkeit zu verwerten und viele Male auch seine Einzigartigkeit hervorzuheben. Als ob man also öffentlich eingestehen würde, die modernen Griechen seien unfähig, von allein irgend etwas Konkurrenzfähiges zu produzieren, und müssen sich auf das beschränken, was ihnen freigebig die Natur und die Geschichte gaben.

Deutschen Siedlern Kaffe zu servieren, ist kein Konjunkturmodell

Dies ist eine extrem abwertende Theorie für ein Volk, das bewiesen hat, aus dem Nichts Werte erschaffen zu können. Und eine Theorie, welche sehr gerne die Kompanie der Gläubiger mit dem höheren Ziel adoptieren würde, eine sichere, billige und unter absoluter Kontrolle stehende touristische Kolonie zu schaffen, von der die Rentner des Abendlandes träumen …

Ist dies jedoch das Entwicklungsmodell, von dem unsere Kinder zu träumen haben? Und haben wir irgendeine Hoffnung, aus den Memoranden herauszukommen, wenn die nächsten Technokraten-Generationen auswandern und diejenigen, die zurückbleiben, an dem Punkt angelangen, den deutschen Siedlern Kaffee zu servieren?

Natürlich kann der Tourismus eine signifikante Einkommensquelle des Landes darstellen. In einem Land, das über so viel natürliche Schönheit und ein solches kulturelles Erbe verfügt, könnte es auch gar nicht anders sein. Und natürlich müssen wir es schützen, aber auch aufwerten – allerdings immer unter der notwendigen Voraussetzung, die Ästhetik der Gegend zu respektieren. Jedoch können der Tourismus wie im übrigen auch das Bauwesen in der jüngeren Vergangenheit nicht die konjunkturelle Einbahnstraße einer Nation darstellen, die unbestritten außer dem „Grundstück“ auch über primäre Gaben und Fähigkeiten verfügt.

Mittelständische Tourismus-Unternehmen stehen vor dem Ruin

In der jüngeren Vergangenheit erlaubte das von den jeweiligen Regierungen ermunterte touristische Modell bauliche Abscheulichkeiten und inakzeptable Eingriffe in traditionelle architektonische Strukturen. In den beiden letzten Jahrzehnten verbesserte die Lage sich signifikant und von den untergehenden „rooms to let“ oder den Hotels … aus griechischen Schwarzweiß-Filmen gingen wir zu geschmackvollen Hotelanlagen kleiner und mittlerer Kapazität und den traditionellen Fremdenzimmern über, die heutzutage viele nicht nur am Meer, sondern auch im Inland gelegene Regionen zieren. Auch diese mittelständischen Unternehmen ächzen heute jedoch. Die Krise hat sie voll erwischt. Und ihre Eigentümer, die Kredite aufnahmen oder von europäischen Programmen profitierten, befinden sich mittlerweile am Rand des Ruins.

In den heutigen Tagen gedeiht das Modell des Massenurlaubs der Art wie auf Rhodos oder Kreta, mit dem All-Inclusive und Armbändchen, oder den – für die normalen Sterblichen natürlich unerschwinglichen – sündhaft teuren Boutique-Hotels wie auf Santorin oder Mykonos. In den letzten Jahren nehmen auch die Charterungen billiger Segelschiffe zu, und von frei von Abgaben an den Staat lassen sie Einnahmen nur für ihre Agenten – Eigentümer über, während auch die … Wohnwagen wieder im Kommen sind, für unbegrenzte Übernachtungen mit keinerlei Beitrag zum staatlichen Haushalt.

An Griechenlands Massentourismus verdienen nur wenige

Und dies ist eine andere Seite des Problems. Die „Schwerindustrie“ funktioniert gut für die wenigen Privilegierten, welche die großen Luxus-Anlagen haben, ohne dass allgemeiner die Staatskasse davon profitiert. Und der Vertreter dieser Privilegierten trägt sein Gejammer zwischen der Troika und den Medien herum und beschwert sich über den zurückgegangen touristischen Strom (der zum Schluss doch immer steigt) und die Belastungen bei den großen Hotels, die kontinuierlich auf die Rücken anderer abgewälzt werden.

Ich sage also erneut. Der Massentourismus kann nicht die „Schwerindustrie“ eines entwickelten Landes sein. In der Periode der Krise vermag der Tourismus jedoch greifbare fiskalische Äquivalente bieten und die griechischen Steuerzahler etwas entlasten. Hauptsache, ein jeder Andreadis (Anmerkung: gemeint ist der Vorsitzende des Verbands griechischer Touristikunternehmen SETE) hört mit seinem Gejammer auf, wenn wir auf die Übernachtungen in den großen Luxusanlagen einen Euro mehr erheben, werden uns die Touristen weglaufen und nach „nebenan“ gehen. (Siehe auch: Neue Touristen-Abzocke in Griechenland)

Sollen sie doch gehen. Ich bevorzuge, anstatt 20.000.000 Besuchern die Hälfte zu haben, die jedoch auch einen Fünfziger für die Staatskasse dalassen. Denkt darüber nach. Mit einer halben Milliarde im Jahr aus dem (obligatorischen) Beitrag der Touristen an den Staat würden wir uns jetzt nicht über die Abfindungen der unglücklichen griechischen Rentner unterhalten …

(Quelle: dimokratianews.gr, Autor: Giorgos Charvalias)

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