Ausrottung der Selbständigen in Griechenland

18. August 2016 / Aufrufe: 1.864
Einen Kommentar schreiben Kommentare

Die Überbesteuerung der Freiberufler und Gewerbetreibenden in Griechenland stranguliert das private Unternehmertum und fördert Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft.

Es ist bekannt, dass in Griechenland die Selbständigen (sprich Freiberufler, Handwerker und Gewerbetreibende) einen großen Anteil der (wirtschaftlich) aktiven Bevölkerung darstellen.

In der Realität ist Griechenland gemäß auch den jüngsten Angaben des Europäischen Statistischen Amts (Eurostat) unter den europäischen Staaten das Land mit der proportional größten Anzahl Selbständiger im Verhältnis zu der Gesamtheit der Beschäftigten, ohne dass diese Analogie sich in den Jahren der Krise geändert hat.

Griechenland hat den höchsten Anteil Selbständiger in der EU

Im Griechenland des Jahres 2015 war einer von drei Beschäftigten selbständig – sprich ein Anteil von ungefähr 34%, also auf den selben Niveaus des Jahres 2008 -, wogegen der europäische Durchschnitt bei 14% und in Italien, das nach Griechenland das unmittelbar nächste Land mit dem höchsten Anteil an Selbständigen ist, bei 22% liegt. Auf der Gegenseite liegen in Ländern wie Deutschland, Luxemburg, Estland, Schweden und Norwegen die Anteile der Selbständigen jeweils unter 10%.

Die vorstehenden Angaben zeigen unter anderem zwei Dinge:

  • erstens, dass das Unternehmertum sich in Griechenland nicht nur heutzutage, sondern auch in der Vergangenheit entwickelte, ohne eine große Anzahl an Arbeitsplätzen zu schaffen,
  • zweitens, dass die Arbeitslosigkeit sehr viel höher als 25% wäre, wenn es nicht einen dermaßen großen Anteil der Selbständigkeit gäbe.

Mit all diesem als gegeben ist zu erwarten, dass die in den letzten Jahren in Griechenland umgesetzten Politiken und Maßnahmen zu Lasten der Selbständigen und spezieller all jene, die ab dem 01/01/2017 zu Anwendung kommen sollen, noch größere Probleme bei der Beschäftigung schaffen werden.

Strangulierung der Selbständigkeit in Griechenland

Die Besteuerung des Einkommens (der Selbständigen und Gewerbetreibenden) ab dem ersten Euro ohne sei es auch nur den für die Arbeitnehmer geltenden Steuerfreibetrag, die enorme Erhöhung der Sozialversicherungsabgaben, die Gewerbesteuer und die (allgemein auf 100% steigende) Steuervorauszahlung schaffen ein erstickendes Umfeld.

Viele vertreten, die hohen Selbständigkeitsanteile in Griechenland stellen einen Hauptgrund für die großen Größen der Steuerhinterziehung und Beitragshinterziehung dar. In einem gewissen Grad ist dies wahr, hauptsächlich wegen des Unvermögens, effiziente Kontrollen vorzunehmen. Wie ebenfalls wahr ist, dass in vielen Fällen die Verluste an Steuern und Abgaben von nur einem einzigen Großunternehmen den entsprechenden Verlusten von tausenden kleinen Unternehmen gleich kommen. Auf jeden Fall ist jedoch zu erwarten, dass das Problem mittels der Umsetzung der neuen Maßnahmen noch größer werden wird.

Und das größte Problem ist der Schlag, den der Selbständige erleidet, der immer noch anstrebt, das Problem des Erwerbs seines Lebensunterhalts aus einer solchen Entscheidung heraus zu lösen. Es ist jener, der arbeitslos wurde und infolge der besonders ungünstigen Umstände, die sich gebildet haben, nicht wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden kann. Es ist der junge Mensch, der eine Beschäftigung zu bekommen versucht, der Wissenschaftler, der nicht auswandern möchte, der Gelegenheitsarbeiter, der sich eine beständigere Beschäftigung und ein stabileres Einkommen wünscht.

Andere werden aus eigener Wahl, andere aus Not in einen selbständig ausgeübten Beruf geführt, der jedenfalls häufig Arbeitsplätze nicht nur für sie selbst, sondern auch andere Arbeitssuchende schafft.

Überbesteuerung „erstickt“ Selbständige in Griechenland

In einer Periode also, in der die (abhängige) Lohnarbeit einen steigenden Verlauf nur aus der Ausweitung der flexiblen Formen wie Teilzeitarbeit, wechselweise Beschäftigung usw. aufweist., kommt der griechische Staat mit neuen Maßnahmen, die er umsetzt um jede persönliche Aktivität zu strangulieren.

Der selbständige Freiberufler oder Gewerbetreibende ist aufgefordert, für ein Monatseinkommen von 1.000 Euro (was unter den heutigen Umständen einer Heldentat gleich kommt) minimal 269,50 Euro für Sozialversicherungsabgaben, 160,70 Euro (Einkommen-) Steuer und (650 Euro jährlich : 12 =) 54,10 Euro Gewerbesteuer, sprich insgesamt 484,30 Euro abzuführen. Es verbleiben ihm also 515,70 Euro, um davon zu leben und die Gesamtheit seiner sonstigen Verpflichtungen zu begleichen. Von diesem Betrag ist er natürlich unter anderem sogar aufgefordert, Produkte und Dienstleistungen wegen der Mehrwertsteuer um bis zu 24% teurer zu bezahlen. Abgesehen natürlich von der MwSt., die ein anderes Thema ist, bezahlt er all dies selbst und teilt es sich nicht mit irgendeinem Arbeitgeber, wie es im Fall der Lohnarbeit / abhängigen Arbeitnehmer geschieht.

Es wird also verständlich, dass wir von einer Ausrottung sprechen. Wie ebenfalls verständlich werden kann, dass es unter diesen Umständen unmöglich ist, dass es in Griechenland ein Wachstum geben wird. Das sichere Resultat wird mehr als alle andere Male sein, dass wieder all jene ungerecht behandelt werden, die „konsequent“ sein, sprich ihren Verpflichtungen entsprechen möchten. Je negativer sich jedoch das Umfeld für die Pflichtbewussten gestaltet, um so fruchtbarer wird der Boden für die Steuerhinterzieher und Schuldenmacher, und leider haben wir in Griechenland viele davon.

(Quelle: Imerisia, Autor: Giorgos Koutroumanis, ehemaliger Arbeitsminister)

  1. Kleoni
    18. August 2016, 10:00 | #1

    das Zugpferd eines wirtschaftlichen Aufschwungs sind kleine und mittlere Betriebe – vor allem Handwerker, kleine und mittelständische Unternehmen, die Marktlücken schliessen, den regionalen Bedarf an Produkten und Dienstleistungen decken. Von der Politik werden aber Raubkonzerne gefördert und unterstützt, damit dann durch Pleite freigewordenen gut ausgebildeten Arbeitskräfte als Billiglöhner für diese Frohndienst leisten. Der Neoliberalismus zerstört nicht nur die kleinen und mittleren Betriebe sondern vor allem die Menschen, denen nebst dem Vermögen auch das Selbstbewusstsein zerstört wird. Und mit dieser miesen Politik bereichern sich dazu noch die vom Volk gewählten Politiker, die nicht für das Bürgerwohl sondern zum eigenen Vorteil ihren Job tun. Ich meine damit die Politiker ALLER Parteien wie auch sogenannte „Unabhängige“.

  1. Bisher keine Trackbacks

Hinweis: Kommentare werden erst nach Freischaltung durch einen Administrator sichtbar.
Bitte beachten Sie die Hinweise und Regeln bezüglich der Abgabe von Leserkommentaren.