Feuer am Bosporus „versengt“ auch Griechenland

27. Juli 2016 / Aufrufe: 2.716
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In Griechenland herrscht berechtigte Beunruhigung über die möglichen Auswirkungen der Entwicklungen und Instabilität in der Türkei.

Die Krise in der Türkei entfacht neue Feuer für Griechenlands Regierung und das Land allgemein. Das im Gang befindliche „Abenteuer“ mit den acht illegal in Griechenland eingetroffenen türkischen Militärs und der aus Ankara – offensichtlich auch „unterirdisch“ – ausgeübte erstickende Druck auf ihre Auslieferung stellen vielleicht den greifbarsten Beweis dar, dass das Nachbarland versuchen wird, die Lage bis zum Äußersten auszunutzen, indem es neue Spannungsherde schafft und Forderungen erhebt.

Im griechischen Lager ist Alarm geschlagen worden und es ist kein Zufall, dass die Streitkräfte und Sicherheitsbehörden sich – auch nach den Informationen über türkische Schlauchboote mit Kommandos bei der Ägäis-Insel Symi – in voller Wachsamkeit befinden, damit sich nicht das „Phänomen“ von Alexandroupoli mit neuen Fällen türkischer Militärs wiederholt, die versuchen werden, die Grenze zu überwinden und in Griechenland Asyl zu beantragen.

Nervosität und Beunruhigung in Athen

Jedenfalls wird die Möglichkeit, dass Ankara die inländische Krise zu „exportieren“ versucht, als äußerst wahrscheinlich bewertet, wie sich zumindest auch aus den Zügen beweist, die dem gescheiterten Putsch folgten, welcher Umstand bei der griechischen Regierung Nervosität hervorruft. Das Feuer am Bosporus „versengt“ auch Athen Die hektischen und unkoordinierten Züge der ersten Tage (nach dem Putschversuch in der Türkei) sowie auch die unüberlegten und ohne Planung erfolgten Erklärungen griechischer Regierungsfunktionäre zu dem Thema der acht nach Griechenland entflohenen türkischen Militärs sind für die Beunruhigung, aber auch den herrschenden Planungsmangel bezeichnend. Außerdem sind die Fronten viele, an denen Griechenland wegen der Entwicklungen Problemen begegnen könnte, und eventuelle Handhabungsfehler beinhalten die Gefahr, dass Griechenland in unvorhersehbare Situationen geführt werden wird.

Niemand vermag mehr die klare Absicht Tayyip Erdoğans zu ignorieren, zur allgemeinen Beseitigung seiner Gegner und einer absoluten Einschränkung von Rechten zu schreiten und damit eine vollkommene Wende zum Absolutismus zu vollziehen. Die Beziehungen der Türkei zu den Nachbarn, Europa, aber auch den Supermächten werden revidiert und treten in nicht kartographisierte Gewässer ein. In diesem Rahmen ist es logisch, dass auch die Balancen mit Griechenland nicht unbeeinflusst bleiben werden.

In den Vordergrund treten Thrakien und die Ägäis. Nicht wenige bringen offen Befürchtungen zum Ausdruck, Ankara könne – mittels „unterirdischer“ Wege – die Minderheitsbevölkerungen Thrakiens als Druckhebel nutzen, um Forderungen in der Region zu stellen. Natürlich passierte der Umstand nicht unbeachtet, dass im Schatten des Falls der „Acht“ (nach Griechenland geflohenen türkischen Offiziere) gewisse Kreise mittels sozialer Medien versuchten, zu einem … allgemeinen „Aufstand“ der Moslems in Thrakien aufzurufen, indem sie diese aufforderten, für ihre „Rechte“ zu demonstrieren. Gleichermaßen intensiv ist die Nachdenklichkeit auch bezüglich eines möglichen Zyklus der Spannungen in der Ägäis, und aus diesem Grund befindet der Grad der Alarmbereitschaft sich im roten Bereich.

Es ist offensichtlich, dass eine problematische Situation in der Region nicht nur Griechenland in Abenteuer stürzen und sogar auch Themen der Souveränität in den Vordergrund bringen und damit zwangsweise zu verstärkten Verteidigungsausgaben führen würde – was in der gegenwärtigen Phase für die griechische Wirtschaft katastrophal wäre -, aber auch schmerzhafte Konsequenzen auf einer Reihe anderer Ebenen haben könnte, allen voran auf der des Tourismus, womit dieser einen tödlichen Schlag erleiden und sich die Einnahmen verflüchtigen würden, auf die Griechenland hofft (und dringend angewiesen ist).

Sorge um das Flüchtlingsthema

Auf die Bühne kehrt jedoch – wie natürlich ist – auch das brennende Flüchtlingsthema zurück. Es ist sicher, dass die so wie so problematische Vereinbarung der EU mit der Türkei über die Rückführung von Flüchtlingen inzwischen in der Luft hängt und von Ankara in eine Phase der … Revision gebracht werden wird. Es ist sicher, dass Tayyip Erdoğan nach der sich in seinem Land gestaltenden neuen Szenerie auch eine Neudefinition der Beziehungen der Türkei zu Europa möchte.

Die harte Linie, die Erdogan sich zu befolgen entschlossen hat, ist außerdem auch aus der provokanten Weise offensichtlich, auf die er die „Warnungen“ aus Brüssel bezüglich einer Wiedereinführung der Todesstrafe ignoriert und indirekt, jedoch unmissverständlich die Botschaft sendet, der europäische Kurs des Landes stelle für ihn zumindest in der gegenwärtigen Phase keine Priorität dar. Das erste „Opfer“ eines möglichen Rücktritts der Türkei von den im Flüchtlingsthema eingegangenen Verpflichtungen ist jedoch sicher Griechenland, das sich ein weiteres Mal mit Flüchtlingskarawanen konfrontiert sehen und praktisch auf Gnade und Ungnade dem Nachbarland ausgeliefert sein wird, das die Schleusen der Flüchtlingsströme öffnet und schließt.

Die Intervention des griechischen Ministers für Migrationspolitik, Giorgos Mouzalas, der sich ab dem ersten Moment sputete, öffentlich seine Bedenken bezüglich des Themas zum Ausdruck zu bringen, indem er ein Alarmsignal sendete und von den übrigen politischen Kräften des Landes Zusammenarbeit und niedrige Tonlagen forderte, ist nicht zufällig.

Türkische „Hilfe“ für Griechenlands Verschuldung?

Auf der Gegenseite dieses misslichen Szenariums, das sich gestaltet hat, „sehen“ manche auch Möglichkeiten, dass Griechenland, sich als einziger stabiler Faktor auf dem Balkan und in der weiteren Region profilierend, aus den Umständen begünstigt hervorgehen könnte. Diese Erwartungen verstärkten sowohl der jüngste Besuch als auch die Erklärungen des amerikanischen Finanzministers Jack Lew in Athen, die das gesteigerte Interesse der USA für Griechenland bestätigten. Aber auch in Europa gibt es Stimmen, die Griechenland unterstützen, allen voran die der Angela Merkel, welche die Stabilität Griechenlands mit dem im Mittelmeerraum herrschenden Klima der Instabilität in Verbindung brachte.

Jack Lew’s Platzierung, auch wegen der Entwicklungen und der Instabilität in der benachbarten Türkei müssen die Europäer mehr denn je ihre Haltung gegenüber Griechenland bezüglich der Entlastung der Verschuldung neu einschätzen, war – für viele – eine klare Botschaft, dass auf der anderen Seite des Atlantiks das Thema der wirtschaftlichen Stabilität im Grunde genommen durch das geopolitische und geostrategische Prisma untersucht wird.

In diesem Sinn ist für die griechische Regierung die große „Wette“, ob sie es schaffen wird, das durch die türkische Krise entstehende „Stabilitätsvakuum“ zu nutzen, aus den Umständen zu profitierten und die größtmöglichen Gewinne an den offenen Fronten sicherzustellen, denen sie im kommenden Zeitraum zu begegnen aufgefordert werden wird.

(Quelle: Imerisia, Autor: Ilias Mpenekos)

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