Die fatale dritte Auswanderungswelle in Griechenland

5. Juli 2016 / Aufrufe: 3.410
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In den Jahren der andauernden Krise verließen rund 427000, in der Mehrzahl junge und gut ausgebildete Personen Griechenland.

Die Bilanz der Auswanderung der Griechen im 20 und 21 Jahrhundert beläuft sich auf 1.764.000 Personen, womit Griechenland historisch und traditionell zu den Ländern mit reichen Auswanderungs-Erfahrungen zählt..

Der Bericht der Griechischen Bank (TtE) mit Thema „Abfluss von Humankapital: moderne Tendenz der Griechen in den Jahren der Krise zur Emigration“ enthüllt laut der Zeitung „Kathimerini“ zum ersten Mal die Anzahl der Griechen, die wegen der Krise das Land verließen. Parallel erfolgt ein Vergleich mit den vorherigen Emigrationsphasen, werden die makroökonomischen Folgen analysiert und Lösungen vorgeschlagen, um dem Phänomen zu begegnen.

Emigration und Armut als schmerzhafteste Folgen einer langen Krise

Die Emigration und die Armut sind zweifellos die beiden schmerzhaftesten Folgen, die eine Gesellschaft unter Umständen einer lang anhaltenden Krise erlebt„, kommentiert Sofia Lazaretou, Ökonomin der Griechischen Bank und Autorin der einschlägigen Untersuchung. Gemäß den der TtE zur Verfügung stehenden Daten übersteigt seit 2008 bis heute die Anzahl der dauerhaft abgewanderten Griechen 427.000. „2013 beobachten wir eine Verdreifachung des Durchschnittswertes seit 2008 und die Emigranten übersteigen 100.000 Personen, während das Phänomen sich gemäß allen Anzeichen im Jahr 2014 mit ungeminderter Intensität fortsetzt und im ersten Halbjahr 2015 weiter zuspitzt.“ Wie sie betont, befindet der Prozess der Abwanderung von Griechen zwecks Suche nach Arbeit im Ausland noch in der Entwicklung und es ist nicht ersichtlich, wann er enden wird. Das Sichere ist, dass es sich um die dritte Massenauswanderung handelt, die das Land erlebt.

In dem Zeitraum der letzten 100 Jahre hat Griechenland zwei weitere selbe Phasen erlebt, und aus ihrem vergleichenden Studium gehen drei grundsätzliche Charakteristika hervor. Alle drei haben

  1. eine lange zeitliche Dauer, ungefähr zehn Jahre,
  2. eine gesteigerte Spannung hinsichtlich der Intensität des Abflusses und
  3. eine Verzögerung des Phänomens hinsichtlich des Zeitpunkts der Verzeichnung des hohen Arbeitslosigkeitsanteils.

Die Perioden der massenhaften Auswanderung der Griechen sind 1903 bis 1917, 1960 und 1972 und 2010 bis heute und stehen in allen drei Phasen mit wirtschaftlichen Motiven in Zusammenhang, unter Ausnahme eines Teils der zweiten Welle in den Jahren 1969 – 1971, der auf politischen Gründen beruht (Diktatur). „Es ist kein Zufall, dass alle drei Phasen nach einer heftigen rezessiven Zerrüttung stattfanden, welche die Kluft zwischen dem Land und den entwickelten Staaten ausweitete und die massenhafte Abwanderung in ihrer Mehrzahl junger Menschen speiste, die nach neuen Gelegenheiten und Möglichkeiten suchten, voranzukommen„, kommentiert Frau Lazaretou.

Allein 2013 verlor Griechenland 2% seines Humankapitals

Interessant ist laut dem Bericht der Vergleich der beiden vorherigen Auswanderungswellen mit dem heutigen Abwanderungsprozess hinsichtlich ihrer qualitativen Charakteristika.

Bei der ersten Auswanderungswelle waren das Hauptziel die „transatlantischen Länder“ (USA, Australien, Kanada, Brasilien und Südafrika). 7 von 10 Personen waren im Alter von 15 bis 44 Jahren, weniger als 2 von 10 waren Frauen, und in ihrer überwältigenden Mehrheit waren es ungelernte Arbeiter und Bauern mit niedrigem Bildungsniveau, die in den Aufnahmeländern üblicherweise als Dienstpersonal und Arbeiter beschäftigt wurden..

Die zweite Auswanderungswelle bezog sich hauptsächlich auf junge Leute im Alte von 10 – 34 Jahren (7 von 10), wobei 5 von 10 erklärten, Handwerker zu sein, während 4 von 10 ohne Beruf waren. 7 von 10 machten sich in Richtung Deutschland und Belgien auf und wurden als Industriearbeiter beschäftigt.

Die derzeitige Abwanderungswelle bezieht sich dagegen auf gebildet junge Leute mit Berufserfahrung, die sich hauptsächlich nach Deutschland, nach Großbritannien und in die Vereinigten Arabischen Emirate begeben.

Griechenland liegt in der EU bei der Quantität des Emigrationsflusses und dessen Verhältnis zu dem Arbeitskräftepotential des Landes nach Zypern, Irland und Litauen auf dem vierten Platz und hinsichtlich des Anteils junger das Land verlassender Auswanderer nach Zypern und Spanien auf dem dritten Platz. Konkret vertreten die emigrierenden Griechen allein während des Jahres 2013 mehr als 2% des gesamten Arbeitskräftepotentials des Landes, während das Verhältnis der jungen Leute im produktivsten Alter von 25 – 39 Jahren 50% der Auswanderer übersteigt.

6 Vorschläge zur Eindämmung des Verlust wertvollen Humankapitals

Der besagte Bericht der Griechischen Bank endet mit sechs Vorschlägen mit dem Ziel, das in Rede stehende Phänomen der Abwanderung zu dämpfen.

Erstens und allem voran schlägt er die die Wende zu produktiveren Bereichen und die Verknüpfung der Ausbildung mit der Produktion vor. Werkzeug für die Neudefinition der Berufe ist die Verbindung zwischen dem tertiären Bildungszweig und der produktiven Spezialisierung.

Zweitens ruft er zu Aktionen zur Unterstützung des Jungunternehmertums auf, wie beispielsweise die Schaffung von Begegnungsstätten der jungen Leute. 61% der gebildeten jungen Leute, die an der Untersuchung der Endeavour Greece 2014 teilnahmen, möchten auf dem privaten Sektor arbeiten, sei es auch zu dem selben (niedrigen) Gehalt wie auf dem öffentlichen Sektor, und 52% selbst unternehmerisch tätig werden.

Drittens betont er den Wert der überragenden Leistungen, der Transparenz und des Leistungsprinzips. Die Durchführung – mit der Unterstützung beruflicher Träger und des Staates –  von periodischen Wettbewerben mit einer großzügigen Prämierung, wie Preisen oder / und Bezuschussung junge griechische Wissenschaftler einstellender Arbeitgeber vermag den praktischen Beweis für die Gewährleistung des Leistungsprinzips darstellen.

Viertens betont er die Notwendigkeit einer allgemeinen Adoption des Instituts der Lehrzeit und der praktischen Ausbildung.

Fünftens ermuntert er zur Schaffung eines dem Unternehmertum freundlich gesinnten Umfelds. Auf Basis der Einschätzungen der Wettbewerbs-Indizes des World Economic Forum für 2015 und 2016 ist Griechenland einer der größten „Lieferanten“ von Wissenschaftlern und Ingenieuren in der Digitaltechnologie. Die Reduzierung der Bürokratie, die freundlich gesinnte Haltung des Staates gegenüber dem Unternehmertum, die Senkung der Versicherungsabgaben und der Besteuerung, bis das neugegründete Unternehmen in die Gewinnzone kommt, stellen die kritischen Punkte dar, die einen unternehmensfreundlichen institutionellen Rahmen bilden.

Sechstens hält er die Wiedereingliederung der jungen Leute für erforderlich, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden (NEET). In Griechenland übersteigt der Anteil der NEET im Alter von 15 – 24 Jahren 19% der konkreten Altersgruppe und ist der dritthöchste in der EU. Die jungen Leute dieser Kategorie betrachten sich selbst häufig als vom Staat im Stich gelassen und siedeln sich im Randbereich des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens an.

(Quelle: dikaiologitika.gr)

  1. Hansi
    5. Juli 2016, 20:45 | #1

    Solange Griechenland im Euro bleibt, wird es weiter leiden. Der Euro ist so eine Art Vielvölkergefängnis. Er würgt die Wirtschaft in den ökonomisch schwächeren Ländern ab, weil z.B. die griechische Landwirtschaft im Euro zu teuer ist, um mit der hochindustrialisierten nord- / mittel- / west-europäischen Landwirtschaft konkurrieren zu können. Und er verhindert in den reicheren Ländern eine faire Bezahlung der Arbeitnehmer, auch bei gut laufender Wirtschaft bekommen Deutsche, Franzosen, Niederländer etc zuwenig Kaufkraft.

    Es müsste meiner Meinung nach gar nicht mal einen kompletten Euro-Ausstieg geben. Griechenland sollte einen GEuro als staatlichen Euro-(Steuer-)Gutschein herausgeben und damit eine Parallelwährung schaffen. Damit könnte man die griechische Binnenwirtschaft ankurbeln. Umgekehrt könnte auch D einen DEuro herausgeben und damit in seine Infrastruktur investieren, in D gibt es nämlich auch einen Investitionsstau von etwa 140 Milliarden Euro (baufällige Brücken, schlechte Strassen etc.).

  2. weekend
    5. Juli 2016, 20:45 | #2

    Ein schlechtes Zeugnis, wenn in EU-Staaten die junge Generation abwandert um woanders nach Arbeit zu suchen, weil sie im eigenen EU-Staat keine Perspektiven haben. Sie haben den Schutz der Familie verloren – da diesen mit lauter Reformen ihre Haeuser und Einkommen wegreformiert wurden.
    Wie laut wurde Wirtschaftsaufschwung versprochen, das Gegenteil ist eingetreten, Erzeuger muessen unter Verlust produzieren – und das ist keine Perspektive fuer junge Leute. Wie viele Unternehmen wurden privatisiert – die mit Billigarbeitskraeften arbeiten, ebenfalls keine Perspektive fuer die junge Generation.
    Wie soll eine junge Generation von Erfolg sprechen koennen, wenn viele ihrer Eltern und Grosseltern Hunger leiden und kein Geld fuer Medikamente haben, die ebenso kein Geld fuer Operationen haben und selbst Kinder nicht das Noetigste fuers Leben haben. Traurig und demuetigend, wenn dann noch negative Kommentare ueber ein Land kommen, wo die Bevoelkerung nichts mit der wirklichen Verschuldung zu tun hat, dafuer aber diese Schulden bezahlen soll. Wie soll das denn gehen …

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