Griechenland: Ich würde besteuert werden wollen, wenn …

13. Juni 2016 / Aufrufe: 1.898
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Horrende Steuern und Sozialabgaben drängen in Griechenland Tausende in die Illegalität.

Jedes Mal, wenn sie auf dem Display ihres Telefons einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer sieht, lehnt sie ihn aus … Sicherheitsgründen ab. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste„, meint gegenüber der griechischen Zeitung „Kathimerini“ (K) bedeutungsvoll die 40-jährige Friseuse Elvira, die in den letzten Jahren mit einem Köfferchen voll mit Bürsten, Haarspangen und … Föhnen Athen durchkämmt.

Elvira zählt zu den Tausenden in Griechenland, die in einer Bemühung, wirtschaftlich zu überleben, in der „Grauzone“ der Legalität arbeiten und dabei teilweise oder vollumfänglich Steuerhinterziehung begehen.

Kunden haben kein Motiv, Quittungen zu verlangen

Gewerbetreibende der „Beauty-Branche“, Haushaltshilfen, Handwerker, aber auch diplomierte Pädagogen, die Privatunterricht geben, stellen die üblichsten „Verdächtigen“ dar. Die besagte Taktik setzt sich natürlich mit Zustimmung und Duldung der Kunden fort, die gleichermaßen von den niedrigeren Preisen profitieren, wobei sie parallel kein Motiv haben, eine Dienstleistungsquittung zu verlangen: sie haben festgestellt, dass mit der „Sammlung“ von Quittungen keinerlei wesentliche Steuerentlastung einhergeht.

„“Kurz gesagt, ich mache mir keine Sorgen, dass mich jemals eine Kundin anzeigen wird, sondern schlimmstenfalls nur irgendein Konkurrent„, merkt die 40-Jährige an. Somit „frage ich immer, wer mich empfohlen hat, und wenn ihre Antwort mich nicht überzeugt, bediene ich sie einfach nicht„.

Der „Deal“ lohnt sich für beide Seiten

Selbige Elvira arbeitete bis 2009 in einem Friseursalon, seitdem begann sie, allein zu arbeiten. Der „Deal“ lohnt sich für beide Seiten, da ihre Preise 50% unter denen des „Marktes“ liegen und Elvira sich den ganzen Betrag in ihre Tasche steckt. „Mein letzter Monatslohn im Friseursalon betrug 500 Euro, zu jener Zeit ‚baute‘ der Chef jedoch auf die Trinkgelder, die ich bekommen würde.“ Insgesamt brachte sie etwa 800 Euro zusammen, welchen Betrag sie heute weit übertrifft und dabei auch ihren langzeitarbeitslosen Ehemann unterstützt.

Ich kündigte nicht wegen des Geldes, sondern um Zeit für meine Familie zu erübrigen„, meint sie: „Im Salon musste ich fünf Tage in der Woche anwesend sein, Donnerstags und Freitags hatte ich 12-Stunden-Arbeitstage, sogar auch wenn der Laden leer war„. Wie sie erklärt, „sogar auch wenn ein Friseursalon die Ladentür schließt, bleibt sein Personal noch wenigstens eine Stunde länger: es muss die Böden fegen und wischen, die Handtücher in die Waschmaschine stecken, die Spiegel putzen.“ Und die Trinkgelder waren wegen der Krise versiegt …

Für sie selbst, damals mit zwei kleinen Kindern, war all dies „verlorene Zeit„. „Ich war gezwungen, ein Kindermädchen einzustellen„, erinnert sie sich. „Jetzt bin ich mein eigener Herr„, erklärt sie. Und die Sozialversicherung? Die Rente? „Ich habe eine Vereinbarung mit einem befreundeten Arzt getroffen, der mich beim Finanzamt als seine Sekretärin ausweist„, schildert sie, „ich zahle ihm 220 Euro im Monat für die Versicherungsbeiträge„. Würde sie als Selbständige arbeiten, würde sie laut ihren eigenen Angaben 50% ihrer Einnahmen verlieren. Wenn jedenfalls jemals der Aufschwung im Land kommen sollte … „Werde ich vorziehen, mein eigenes (legales) Geschäft aufzumachen, anderenfalls werde ich bei der Schwarzarbeit bleiben.

Schwarzarbeit mit privater Versicherung

Ich würde für meine Arbeit wirklich besteuert werden wollen, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Abgaben vernünftig sein würden„, äußert gegenüber der „K“ die 35-jährige Philologin Christina, die – da sie über den ASEP nicht im öffentlichen Dienst eingestellt wurde – in den letzten 15 Jahren Hausunterricht erteilt. „Würde ich mich beim OAEE registrieren, müsste ich zweimonatlich 350 Euro an die Kasse abführen„, betont sie, „ohne dass mir irgend jemand garantiert, ob und wie viel Rente ich im Alter erhalten werde„. (Anmerkung: Besagter Betrag gilt zeitlich befristet nur für „Berufsanfänger“, der reguläre Beitrag beträgt nach dem bisher geltenden System unabhängig vom Einkommen etwa 500 Euro pro Monat!)

Außerdem sind die Einnahmen aus dem Unterricht nicht konstant. „“Unsere Arbeit beschränkt sich auf acht Monate im Jahr, die Absagen seitens der Schüler sind häufig.“ Parallel „fällt“ das Honorar für den Unterricht und die Gruppen, aber auch die Lehrstunden nehmen ab. „Wir werden inzwischen nur noch am Gymnasium bei der Vorbereitung auf die panhellenischen Prüfungen gebraucht„, schildert die 35-Jährige, die in wenigen Monaten ihr erstes Kind erwartet. „Sicherheitshalber habe ich eine private Kranken- und Rentenversicherung abgeschlossen, während ich über meinen Mann auch als mitversichertes Familienmitglied bei der IKA erscheine„, erklärt die junge Philologin, „jedenfalls würde ich auf keinen Fall die Lösung in Betracht ziehen, bei einer Nachhilfeschule zu arbeiten“.

Die selbe Ansicht vertritt ihre gleichaltrige Kollegin Danai, von Beruf Deutschlehrerin. „Ich wurde über den ASEP eingestellt, lebte zehn Jahre lang in der Provinz und bin jetzt nach Athen versetzt„, sagt sie gegenüber der „K“. „Viele Nachhilfeschulen zahlen meinen Kollegen 3,50 bis 5 Euro die Stunde, obwohl Deutsch die bestbezahlte und am meisten nachgefragte Fremdsprache ist„. Folglich flüchtet auch sie sich unvermeidbar zum Privatunterricht, „da es mit meinem Gehalt seit geraumer Zeit bergab geht„. Der Traum vom öffentlichen Dienst ist ein Albtraum geworden. „Sollte ich erneut in die Provinz versetzt werden, werde ich den Dienst quittieren, ich ziehe vor, in der Ungewissheit der Privatstunden zu verbleiben … .

Haushaltshilfen sind „Champions“ der Schwarzarbeit

Laut den Fachleuten übersteigt in unserem Land die nicht versicherte und ungemeldete Beschäftigung 25% des BIP. Als „Champions“ erweisen sich Bau- und Landwirtschaftssektor, Haushaltshilfen und die Erbringung von Dienstleistungen jeder Natur in Heimarbeit.

Die verfügbaren statistischen Daten beziehen sich nur auf Firmen, bei denen die Arbeitsaufsicht (SEPE) zu Kontrollen geschritten ist. Die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bei den in Rede stehenden Unternehmen gegebenen Antworten sind jedoch aufzeigend für die wirtschaftliche Lage, aber auch die bestehende „Kultur“ in Griechenland.

Wie in einer auf Angaben der SEPE basierenden Studie der GSEE verzeichnet wird, antworten auf die Frage an die Arbeitnehmer, „Warum akzeptierten sie eine ungemeldet Beschäftigung?„, 41% „um die Stelle zu bekommen„, 34% „aus wirtschaftlichen Gründen„, 7% „aus Gewohnheit„, 4% „ich bin anderweitig versichert„, 5% „aus Legalitätsgründen“ und 3% „weil ich in unserem Familienbetrieb arbeite„. Die Arbeitgeber auf der anderen Seite antworten zu 44,4%, jemanden „aus wirtschaftlichen Gründen“ ohne Versicherung beschäftigt zu haben, und 40,4% „weil ich es so gewöhnt bin„. Als Wege zur Änderung dieser Taktik benennen die Arbeitgeber effizientere Kontrollen (33%), die Senkung der Beiträge (27%), einen Aufschwung auf dem Markt (17%), wirtschaftliche Anreize (16%), die Reduzierung der Bürokratie (6%).

(Quelle: Kathimerini)

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