Griechenland verliert … seine Intelligenz und seine Zukunft

30. März 2016 / Aufrufe: 2.173
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Der stetig zunehmende Abfluss qualifizierten Humankapitals droht in Griechenland den Anstieg des BIP, Investitionen und letztendlich Aufschwung und Wachstum zu verhindern.

Zur Stunde, wo Griechenland unter den großen Immigrationsströmen „versinkt“, verlassen die Griechen – hauptsächlich die jungen, die bei dem Ausgang aus der Krise helfen könnten – massenhaft das Land.

Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, Ökonomen, Akademiker und Forscher – also die Crème de la Crème des wissenschaftlichen Arbeitskräftepotentials – werden zu tausenden aus dem Land „vertrieben“, da sie wegen der Krisenumstände keinerlei berufliche Optionen haben.

Griechenlands Wirtschaft und Gesellschaft „investierten“ in die Flucht

Laut einer jüngst erstellten Studie der Griechischen Bank verließen seit 2008 bis 2013 fast 223.000 junge Leute im Alter von 25 – 39 Jahren Griechenland auf der Suche nach besseren Perspektiven in mehr entwickelten Ländern. Die Daten zeigen, dass die griechische Wirtschaft und Gesellschaft als Reaktion auf die Explosion der Arbeitslosigkeitsquote und ihr schnelles Versinken in der Rezession in die Flucht „investierten“.

Bezeichnend ist, dass, während der Jahre 2008 – 2009 etwa 38.000 Griechen emigrierten, dieser Fluss sich innerhalb von gerade einmal zwei Jahren (2010 – 2011) mehr als verdoppelte, 2013 über 104.000 und insgesamt für die gesamte Periode rund 427.000 Personen erreichte.

Was geschehen wird, wenn dieses Phänomen sich fortsetzt? Griechenland läuft in Gefahr, mit Humankapital niedrigerer Qualität zu verbleiben – mit unmittelbarer Auswirkung auf seine bereits „verwundete“ Wirtschaft.

Die „Abwanderung“ verzehnfachte sich fast

Laut den Daten, welche die Nachrichtenagentur Bloomberg in einer neulich durchgeführten Untersuchung präsentierte, wanderten aus Griechenland in den Jahren 2009 – 2014 insgesamt 20.281 spezialisierte Akademiker und Forscher aus, also fast zehnmal mehr als in der entsprechenden Periode 2000 – 2005, als 2.552 junge Wissenschaftler aus dem Land ausgewandert waren. In absoluten Zahlen wetteifert Griechenland sogar mit Deutschland, wo die entsprechende Anzahl für die Periode 2009 – 2014 ungefähr 24.000 Wissenschaftler betrug, obwohl das mächtige europäische Land die sechsfache Bevölkerung hat.

Die arithmetischen Größen und das qualitative Defizit, das der „Abfluss der Intelligenz“ für die Entwicklung des Landes impliziert, führen das Ministerium für Forschung und Innovation zu Maßnahmen für die Schaffung von Chancen für junge Wissenschaftler. Ziel ist, dass über 2.000 Arbeitsplätze für junge Wissenschaftler mittels gezielter Interventionen – hauptsächlich bezüglich der Forschung geschaffen werden, und zwar mit Mitteln aus dem neuen NSRP, die für die Jahre 2014 – 2010 rund 1,5 Mrd. Euro für Forschung und Innovation tangieren.

Parallel erfolgt eine Bemühung, damit innerhalb des Jahres 2016 ein unabhängiger Fonds geschaffen wird, der die Forschung und Innovationen und neugegründeten Unternehmen finanzieren und aus einem Mix öffentlicher und privater Mittel bestehen werden wird. Die öffentlichen Mittel werden vorrangig aus dem neuen Nationalen Strategischen Rahmenplan (NSRP) und die privaten Mittel in einer ersten Phase von der Europäischen Investitionsbank (EIB) herrühren. Allein für die beiden Jahre 2016 – 2017 wird damit gerechnet, dass der Fonds Mittel in Höhe von 300 Mio. Euro für die Entwicklung innovativer Forschungsprogramme bereitstellen wird, in denen Dissertanten und in Aufbaustudien befindliche Doktoren beschäftigt werden sollen. Ebenfalls wird eine Bemühung um die Anziehung privaten Kapitals von Privatleuten und Investment-Fonds in Griechenland und im Ausland erfolgen.

In 6 Jahren wanderten wenigstens 8.000 Ärzte aus Griechenland ab

Einen steilen Anstieg verzeichnet die Anzahl der griechischen Ärzte, die in einem anderen Land Arbeit suchen. Auf Basis allein von der Ärztekammer Athen (ISA) ausgestellten Bescheinigung haben in den letzten sechs Jahren wenigstens 8.000 Ärzte Griechenland verlassen. Von diesen wanderte die überwältigende Mehrheit (5.406) ab 2011 und nachfolgend auf der Suche nach Arbeit aus. In den vorherigen Jahren bis einschließlich 2009 bezog die Flucht der Ärzte sich hauptsächlich auf Absolventen medizinischer Schulen, die ihre Pflichtzeit als Landarzt abgeschlossen hatten. Ab 2010 änderte sich die Situation und die Anzahl der Fachärzte schoss in die Höhe. Inzwischen sind gegenüber den nicht spezialisierten Ärzten die Bescheinigungen an Fachärzte mehr als doppelt so viele.

Laut dem Vorsitzenden der ISA, Giorgos Patoulis, „führte die wirtschaftliche Krise – in Kombination mit den Fehlern und dem Unvermögen der zentralen Staatsführung, all die Jahre eine tragfähige und effiziente Gesundheitspolitik zu planen – zu einer beispiellosen Auswanderungswelle, die sich nicht auf ungelernte Arbeitskräfte, sondern das ‚höher‘ spezialisierte Personal des Landes bezieht. Es handelt sich um ein auf weltweitem Niveau beispielloses Phänomen und stellt einen großen Verlust für das Land dar.

Die meisten weggehenden Spezialisten sind Chirurgen, Kardiologen, Gynäkologen und Anästhesisten. Das populärste (Ziel-) Land ist England, gefolgt von Deutschland, Schweden, Zypern, Schweiz und USA. Ebenfalls wählen viel die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Dubai, mit verlockenden Bezügen und sonstigen Leistungen. Die Emigration scheint eine Einbahnstraße zu sein, weil das außerordentlich geringe Absorptionsvermögen sowohl auf dem öffentlichen als auch privaten Sektor erstickende Probleme sowohl bei ihrer beruflichen Rehabilitation, aber auch danach bei ihrer Vergütung schafft, da der Arbeitsmarkt, so wie er sich gestaltet hat, außerordentlich niedrige Gehälter zahlt.

Ärztemangel in Griechenland trotz … Ärzteüberschusses

Im selben Moment ist laut den Angaben der ISA einer von drei griechischen Ärzten arbeitslos oder unterbeschäftigt. Die Arbeitslosigkeit der Ärzte hat sogar Rekord-Niveaus erreicht: 27,5% der Mitglieder der ISA sind arbeitslos oder unterbeschäftigt. Dies bedeutet, dass von insgesamt 27.5000 eingeschriebenen Ärzten 7.000 arbeitslos oder in ihrem Beruf unterbeschäftigt sind. Laut den Angaben des griechischen „Arbeitsamts“ (OAED) wiederum sind in Attika offiziell 3.821 Ärzte arbeitslos gemeldet, von denen derzeit 1.259 einen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe haben und 360 Euro im Monat beziehen.

Zur selben Stunde beträgt in Griechenland die Analogie von Ärzten zur Bevölkerung 6,1 pro 1.000 Einwohner, während der europäische Durchschnitt 3,3 Ärzte pro 1.000 Einwohner beträgt. Was die geographische Verteilung der Ärzte in Griechenland betrifft, befinden sich 46% der Ärzteschaft im Becken von Attika, 17% der Ärzte befinden sich in Zentralmazedonien und auf dem dritten Platz hinsichtlich der Ärzte-Verteilung liegen Westgriechenland, Thessalien und Kreta (mit 15%). In Mittelgriechenland sind gerade einmal 3% der Ärzte tätig, während sich auf den Inseln der Ägäis und des Ionischen Meers die Quoten unter 2% bewegen.

Zur Stunde, wo die brillanten Köpfe Griechenlands und die jungen Wissenschaftler die Gesundheitssysteme im Ausland mit Personal versehen, gibt es keine Ärzte, um das Gesundheitssystem unseres Landes zu besetzen. Die jungen Ärzte nahmen den Weg in die Fremde um zu überleben, und so überhaltert heute das ESY und dutzende Verwaltungsbezirke unseres Landes sind in grundlegenden Fachbereichen ungedeckt„, merkt Giorgos Patoulis an.

Krise auch bei Griechenlands Rechtsanwälten

Die tiefe wirtschaftliche Krise, die Griechenland durchmacht, beeinträchtigte natürlich auch den Stand der Rechtsanwälte. Bezeichnend ist, dass in den letzten fünf Jahren kontinuierlich die Anzahl der Anwälte zunimmt, die keine oder nur minimale Auftritte vor Gericht haben.

Laut den Angaben der Rechtsanwaltskammer Athen (DSA) hatten im Jahr 2009 von den bei ihr eingeschriebenen 22.000 Rechtsanwälten 6.384 keinen einzigen Gerichtsauftritt. Im Jahr 2010 stieg diese Anzahl auf 7.057, im Jahr 2011 auf 7.406 und im Jahr 2012 auf 8.138. Im Jahr 2013 wurde ein kleiner Rückgang verzeichnet, die Anzahl der Anwälte ohne Gerichtsauftritte betrug 6.957, während sie 2014 auf 7.112 anstieg. Seit dem Jahr 2015 nimmt die Anzahl jedoch leider erneut weiter zu.

Konkret wurde im ersten Halbjahr 2015 verzeichnet, dass 8.057 Rechtsanwälte nicht einen einzigen Auftritt vor einem Gericht hatten. Zusätzlich haben laut den Angaben der DSA etwa 2.000 Anwälte im Durchschnitt 1 – 2 Auftritte. Außerdem erklären in den letzten drei Jahren etliche Rechtsanwälte – jungen oder mittleren Alters – den Austritt.

Derzeit sind bei der Rechtsanwaltskammer Athen die Registrierungen von 7.000 Anwälten (von insgesamt ungefähr 22.000 Anwälten) anhängig, die nicht den Beitrag für die Erneuerung ihres Ausweises entrichtet haben. Aus diesem Grund beschloss unter Berücksichtigung der ungünstigen wirtschaftlichen Lage der Anwälte und der anhaltenden Niederlegung der Pflichten die DSA am 09/03/2016, die Jahresbeiträge für 2016 um 50% zu reduzieren.

Erschreckendes Defizit an Talenten spätestens ab 2020

Das Phänomen der ‚Abwanderung der Intelligenz‘ verzeichnet in den letzten Jahren eine steigende Tendenz, wobei Griechenland kontinuierlich eine signifikante Anzahl an Talenten verliert. Eine Untersuchung der britischen Wochenzeitschrift ‚Economist‘ belegt, dass weltweit 3% der Top-Wissenschaftler aus unserem Land kommen und angesichts der Tatsache, dass Griechenland 0,2% der Weltbevölkerung ausmacht, einen recht signifikanten Anteil darstellen„, betont gegenüber der griechischen Zeitung „Imerisia“ Panos Madamopoulos – Morafis, Mitbegründer des Programms ReGeneration, das versucht, dem Brain-Drain-Phänomen in der Kategorie der jungen Hochschulabsolventen Griechenlands entgegen zu wirken.

Was wird also geschehen, wenn die Talente darin fortfahren, Griechenland zu verlassen, und die Unternehmen weiterhin dem Problem begegnen, Personal mit hervorragenden Begabungen zu finden? „Der Schlag könnte groß sein, da – wenn diese Tendenz sich fortsetzt – Griechenland laut der Oxford Economics bis 2020 einem ungeheuren Problem des Fehlens von Talenten begegnen wird, welcher Umstand den Anstieg des BIP, die Anziehung von Investitionen und letztendlich den Aufschwung und das Wachstums verhindern wird„, endet selbiger.

(Quelle: Imerisia, Redakteure: Chara Kalimeri, Eleni Petropoulou, Kosmas Zakynthinos)

  1. Helmut Josef Weber
    30. März 2016, 09:21 | #1

    Ja- dass ist mal ein Artikel der den Nagel trifft. Australien wirbt mit seinem 200 Punkteprogramm in Europa die Eliten ab und rollt ihnen den roten Teppich aus. Wer mit oder ohne Anhang jung ist, eine hochqualifizierte Ausbildung hat, kann sich in Australien seine Zukunft aufbauen und wird dabei vom Staat massiv unterstützt. Was soll denn ein junger Mensch in / aus Griechenland, Spanien, Portugal usw. sonst machen? Zurück bleiben die Alten, Kranken und Sozialhilfeempfänger. Das ist das wirkliche Problem in Europa. Nicht die Flüchtlinge oder sonst was. Auch nach einem totalen Zusammenbruch (egal wo er stattfindet) geht es weiter; aber ohne die jungen gut ausgebildet Menschen geht es nicht.

  2. Teilzeitgrieche
    30. März 2016, 11:35 | #2

    Wundert das irgendjemanden? Wenn ich jung wäre und seit 5 Jahren arbeitslos mit guter Bildung würde ich heute genau das gleiche machen …

  3. Anton
    30. März 2016, 17:44 | #3

    Das Beängstigende daran ist, dass hinter dieser Abwanderung durchaus eine Logik erkennbar ist, die darin besteht Fachpersonallücken in anderen Ländern durch ausländisches Personal aufzustocken – besonders wenn es bereits hochqualifiziert ist wie in Griechenland. Dieser Mechanismus ist jedoch schon länger bekannt. So klagten afrikanische Staaten öfters über den Umstand, dass sie zwar die Leute ausbilden, diese Ausbildung jedoch dem Land selbst nicht zugute kommt. Fast kriminell wird es aber dann, wenn man einem Land auch deshalb die Luft zum atmen nimmt, damit die Qualifizierten abwandern und deren Leistung denen zugute kommt, welche maßgeblich die Situation mitverursachen. Zumindest kann niemand ernsthaft behaupten, diese Abwanderung würde ihn überraschen.

  4. m. sastre
    30. März 2016, 19:51 | #4

    Durch das Festhalten am Euro und den damit verbundenen Austeritätsmaßnahmen durch die griechische Regierung verursacht diese eine unendliche Fortführung der Krise. Nicht die Troika ist – bei all ihrem zerstörerischen Einfluß – die Hauptschuldige, sondern die jeweilige Regierung eines Landes, die so etwas zulässt. Es war Herr Tsipras, der eine andere Politik ankündigte, dafür gewählt wurde, sich die Abkehr von der Austerität durch ein Referendum ausdrücklich absegnen ließ – und dann einknickte.
    Jeder Grieche, der unter diesen Umständen zum Schluß kommt, in Griechenland keine Zukunft zu haben, handelt rational und verständlich und hat meine besten Wünsche. Menschen brauchen eine Perspektive. Diese ist unter der politischen Baggage in Griechenland nicht im Ansatz zu erkennen. Die Folge ist natürlich ein zunehmender Verlust an Substanz, der nach einem etwaigen Politikwechsel (an den ich nicht mehr glaube) jede künftige Besserung von vornherein verhindern wird. Ich sage es ungern, aber ich glaube, Griechenland wird in den nächsten Jahren zu einem Dritte-Welt-Land auf europäischem Boden. Alle Anzeichen deuten in diese Richtung.

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