Der Mythos vom riesigen öffentlichen Sektor Griechenlands

29. März 2016 / Aufrufe: 1.978
Einen Kommentar schreiben Kommentare

Wahrheiten und Zahlen über den angeblich riesigen öffentlichen Sektor in Griechenland.

Die Bürger, die sich an die Schalter der öffentlichen Behörden begeben um bedient zu werden, erhalten üblicherweise die Antwort: „Kommen sie in einigen Tagen vorbei, wir haben Personalmangel.“ Die einige Tage können auch zu Monaten werden. Speziell all jene, die dringend Bescheinigungen des öffentlichen Sektors benötigen, sitzen … in der Tinte.

Der Grund? Der große Personalmangel, der den Mythos des angeblich aufgeblähten (und für alle Leiden des Landes verantwortlichen) öffentlichen Sektors in Griechenland widerlegt und der – wie sich erweist – vorsätzlich von inländischen Politikern, aber auch den Gläubigern kultiviert wurde.

Griechenland hat weniger als 200.000 „wirkliche“ öffentliche Bedienstete

In den Memorandums-Jahren, von 2009 bis 2015, schieden 125.994 öffentliche Bedienstete (18%) aus dem Dienst aus oder wurden zum Ausscheiden gezwungen, während von dem verbliebenen Personal 61% Ärzte und Krankenpfleger im nationalen Gesundheitssystem (ESY), Lehrkräfte, Militärs, Justizbeamte und Kleriker sind. Die „wirklichen“ öffentlichen Bediensteten, die den Staat „am Laufen“ halten, sind folglich weniger als 200.000. Und selbst jetzt bleiben die „Hähne“ (sprich Einstellungen) blockiert, was zur Folge hat, dass der Personalabbau auf dem öffentlichen Sektor sich mit ungeminderten Rhythmen fortsetzt und die Probleme in der Bedienung des Publikums und der Funktion des Staates sich zuspitzen.

Gemäß den Angaben, die das Ministerium für Verwaltungs-Neuorganisation auf Basis der Daten des Personal-Registers des griechischen Staats präsentierte, waren 2009 insgesamt 692.907 öffentliche Bedienstete beschäftigt, während ihre Anzahl nach sechs Memorandums-Jahren am 31 Dezember 2015 auf 566.913 gesunken war. Es schieden also 1/5 der öffentlichen Bediensteten aus dem Dienst aus und in gewissen Perioden, die mit schmerzhaften Änderungen im Versicherungs- / Rentensystem verknüpft sind, war ihr „Ausscheiden“ sogar zahlreich. Im selben Moment erfolgten die Einstellungen selbst auch auf sensiblen Sektoren wie der Gesundheit, der Bildung und der Verteidigung „mit der Pipette“ – mit der Folge, dass die sich heute präsentierenden Probleme unlösbar sind. Und all dies, währen das „Einstellungs-Embargo“ immer noch nicht aufgehoben worden ist.

Den Mythos vom „aufgeblähten“ öffentlichen Sektors bestätigen auch Angaben des selbigen Internationalen Währungsfonds (IWF), die in den vergangenen Jahren ebenfalls vorsätzlich „vergraben“ wurden, womit sich heutzutage eine ausweglose Situation eingestellt hat und die Griechen keine Ärzte und Krankenpfleger mehr finden oder bestimmte Schulen kein Lehrpersonal mehr haben.

Hauptproblem des öffentlichen Sektors in Griechenland war nicht seine Größe, sondern die „selektive“ Verschwendung

Das Griechenland des Jahres 2009 (also in der Periode vor den Memoranden) wendet als Prozentsatz des BIP für den öffentlichen Sektor Beträge auf, die unter dem Durchschnitt der „27“ der EU lagen und im Verhältnis zu den entwickelten europäischen Ländern eine große Abweichung aufwiesen. Die Länder, die einen vergleichsweise kleineren öffentlichen Sektor hatten, waren sogar drittweltlich oder unterentwickelt. Das grundsätzliche Problem des griechischen öffentlichen Sektors war nicht seine Größe, sondern die „selektive“ Verschwendung bei staatlichen Einkäufen. Zur Bekämpfung des Phänomens der Korruption ist jedoch absolut nichts geschehen.

Sündenbock war das Personal. Und welches Personal? Jenes, das gemäß den offiziellen Daten das am meisten geschulte und gebildete in der Europäischen Union ist. Laut dem Personal-Registers des griechischen Staats haben 39,68% (225.956) eine akademische und 9,35% (53.030) eine technologische Ausbildung. Fast die Hälfte (49,08%) hat also einen Hochschulabschluss. Das Personal mit einem mittleren Bildungsabschluss tangiert 19,70% und der Anteil der öffentlichen Bediensteten mit einem Grundbildungsabschluss beträgt gerade einmal 6,02%. Die übrigen 24,27% der Beschäftigten sind in sogenannten Sonderpositionen tätig, was bedeutet, dass sich unter ihnen auch Absolventen der Schule für öffentliche Verwaltung und der lokalen Selbstverwaltung oder mit postgradualen Abschlüssen und Doktortiteln befinden können.

Von den bis zum 31 Dezember 2015 angestellten 566.913 öffentlichen Bediensteten sind 78.183 Bedienstete der Streitkräfte, 68.111 Bedienstete der Sicherheitskräfte, 67.761 Oberlehrer, 67.651 Lehrer, 30.333 Pflegepersonal, 7.271 Ärzte und 9.298 Kleriker. Alle zusammen machen 61% des öffentlichen Sektors aus. Aus den Angaben des Ministeriums für Verwaltungs-Neuorganisation wiederum geht hervor, dass die Nicht-Erneuerung des Personals den öffentlichen Sektor „überaltern“ lässt, da 298.169 Bedienstete über 45 Jahre alt und die übrigen 268.731 jünger sind. Dies bedeutet praktisch, dass in den letzten Jahren die Pensionsanwärter dramatisch zugenommen haben und – wenn die Daten über die Ausscheidungen (2015 schieden jeden Monat ungefähr 1.000 bzw. insgesamt 15.925 Personen aus) analysiert und mit den neuen ungünstigen Änderungen kombiniert werden – die Schrumpfung des öffentlichen Sektors sich fortzusetzen scheint und dabei eine weitere Zersetzung des Staates verursacht.

„Verstümmelung“ durch die Memoranden

In völligem Gegensatz zu der propagandistischen Kampagne gewisser Verlagsgruppen, die systematisch den öffentlichen Sektor verleumdeten und versuchten, die öffentliche Meinung zu lenken, zeigt die Wirklichkeit die öffentlichen Behörden nackt, dramatisch wertvoller Arbeitskräfte beraubt. Einerseits enthüllen die offiziellen Angaben das Ausmaß des Betrugs all jener, die immer noch von einem hypertrophen öffentlichen Sektor sprechen, und geben andererseits den Grad der heftigen Personalschrumpfung in den Jahren der Krise wieder.

Nach sechs Jahren der Krise und brutalen Kürzungen und mit einem bereits verstümmelten öffentlichen Sektor bricht der Refrain der „Papageien“, an dem Bankrott Griechenlands sei der „große öffentliche Sektor“ schuld, alltäglich und vollkommen in sich zusammen.

(Quelle: dimokratianews.gr, Autor: Andreas Koutras)

  1. GR-Block
    29. März 2016, 14:54 | #1

    Blablabla … es hört nicht auf. GR hat seit Maastricht 1993 keine „effiziente“ Verwaltung, weil sie auch vorher schon notorisch kritisch unterbesetzt war. Die Zahl der „Beamten“ in der Verwaltung war und ist seit Jahrzehnten die kleinste in Europa. Nur deshalb wirkt sich im Binnenmarkt der westeuropäische Lobbyismus (griech: „Korruption“) so desaströs auf das Land aus.
    Die Zahl der Beschäftigten im gesamten öffentlichen Dienst ist / war EU-Durchschnitt. Die Vorstellung konservativer Politik, man müsse den „Staat“ reduzieren, bezog sich schon immer auf die gewinnträchtigen Staatsunternehmen. Die Privatwirtschaft wünscht traditionellerweise, dass sich der Staat weiter aus Wasser, Strom, Transport, Kommunikation … zurückzieht. Erst wenn ein Betrieb heruntergewirtschaftet wurde, sollte er vorübergehend verstaatlicht werden (altes SPD-Prinzip) Jetzt ergreift die europäische Konkurrenz die Gelegenheit und verlangt, dass diese Märkte freigegeben werden, da ja gerade in der Finanzkrise die griechische Investoren-Konkurrenz nicht liquide genug ist, um dagegen zu halten. Gleichzeitig werden die lokalen Betriebe durch restriktive Steuergesetze in den Konkurs getrieben. Das „befreit“ die Märkte noch mehr.

    Und, man muss schon ein politisch verblendeter Konservativer oder Idiot sein, wenn man von
    „selektiver“ Verschwendung spricht. Auch dafür hat die OECD seit Jahrzehnten entsprechende Vergleichszahlen relativ zum BIP (siehe „OECD Government production costs“): GR liegt knapp über dem OECD-Durchschnitt. In absoluten Zahlen (pro Kopf der Bevölkerung) liegt das Land in der Statistik sogar sehr weit unten. Hier noch mehr einzusparen, würde dem westeuropäischen Wirtschaftsliberalismus in einem katastrophalen Maß Tür und Tor öffnen. Das kommt einer absichtlichen „Verstümmelung“ im Tierversuch gleich.

  2. Delta120
    30. März 2016, 23:53 | #2

    Der Gehaltsunterschied zwischen Staat und Privatwirtschaft muss nun abgebaut werden, damit die Privatwirtschaft Geld für den Staat erwirtschaftet. Die Gehälter beim Staat müssen zu den schlecht bezahlten in Griechenland werden, damit es sich lohnt, in die Privatwirtschaft zu wechseln. Die Lobduselei, wie schön es beim Staat war, muss enden. Der Staat hat zu gut bezahlt, dass war sein Problem

  1. Bisher keine Trackbacks

Hinweis: Kommentare werden erst nach Freischaltung durch einen Administrator sichtbar.
Bitte beachten Sie die Hinweise und Regeln bezüglich der Abgabe von Leserkommentaren.