Griechenlands Bauern und die Eurozone

14. Februar 2016 / Aktualisiert: 15. Februar 2016 / Aufrufe: 1.142

Die gegen die neuen Maßnahmen gerichteten Proteste in Griechenland, mit den Bauern in der Rolle der Protagonisten, sind apolitisch und in sich widersprüchlich.

Der Nachstehende (Leser-) Brief ist von dem Philologen – Poeten Stavrianos Agorastos geschrieben. Die Eigenschaft ist von Bedeutung, weil sie zeigt, das wir inzwischen alle in die Tiefen der Dinge eingetaucht sind (oder eintauchen wollen würden), die unser Leben verwunden, den Geist und die Seele der meisten in Aufruhr versetzen, so dass Verwirrung und Zaghaftigkeit in der Äußerung einer politischen Meinung herrschen.

Der Autor des Schreibens bringt seine Meinung öffentlich zum Ausdruck. Manche werden natürlich prompt meinen, es fehle die alternative Lösung. Was ist jedoch mehr vorzuziehen? In der Strangulation zu verharren, mit der man uns straft, oder die „Philosophie“ des kapitalistischen Systems zu knacken? Ist der Kampf der Bauern ohne Sinn oder setzt er neue Zeichen? Das Schreiben mit Titel „Der Widerspruch der Protestbewegungen“ wird nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben:

Der Widerspruch der Protestbewegungen in Griechenland

Aus der großen Streikbewegung am 04 Februar 2016 ergibt sich ein sehr ernstes Thema, der große Widerspruch dieser Bewegung. Ist all denen, die auf die Straßen gehen, – und besonders den Bauern, die den größten Druck auf die Regierung ausüben – nicht bekannt, dass Griechenland unterworfen ist, dass andere (Ausländer) das politische und wirtschaftliche Leben des Landes regeln, dass andere – mit der Hilfe und dem Willen unserer Leute – und nicht das Parlament Gesetze erlassen, weil das Land nicht unabhängig ist und sich auf allen Bereichen in einer desolaten Lage befindet, ist ihnen nicht bekannt, dass im Land die Ungleichheit, die Austerität, die Arbeitslosigkeit vorherrschen, dass die Skandale, die Korruption die Gesellschaft zersetzten, dass das Flüchtlingsproblem, das Immigrantenproblem den Zusammenhalt des Landes bedrohen?

Alle, denen dies nicht bekannt ist, sind entweder blind und taub oder sie sind unfähig und Menschen des Eigennutzes. Da jedoch die Dinge so sind und schreien, was verfolgen die Bauern, die stärkste Kategorie der „Streikenden“, welche die Straßen, die Flughäfen, die Seehäfen, die Grenzen schließen? Was werden sie erreichen, wenn die Regierung den Entwurf für das Versicherungsgesetz zurücknehmen wird? Oder, was werden sie erreichen, wenn sie die Regierung stürzen? Die Unterwerfung des Landes bleibt, die Europäer (werden) herrschen.

Dieser Kampf, in dieser Form, ist apolitisch und widersprüchlich.

Wenn sie wirklich Land haben und es frei bebauen wollen, ohne Abhängigkeiten und Zwischenhändler, sollen sie alle Arbeiter zu einer und einzigen Mobilisierung mit einem und einzigen Ziel aufrufen: die Eurozone, die autoritäre Umarmung der Europäer zu verlassen, die Fesseln abzuschütteln, die uns die Ausländer aufzwingen und viele der Unseren – Politiker und Parteien – adoptieren … . Den Weg zur Unabhängigkeit zu öffnen, um unser Land überall für uns selbst, für die Gesellschaft zu bebauen, um alle Gesundheitsversorgung, Bildung, Kaufkraft, Kultur zu haben.

Wenn wir jedoch für die Eurozone sind und dieses krankhafte System haben wollen, warum streiken wir dann für (gegen) das Versicherungssystem, das Steuersystem, allein für unsere persönlichen Interessen? Wo wohnt in diesem Land die Freiheit …?

(Ein Sklave verlangt nicht besseres Essen, bessere Behandlung und Entlohnung, sondern seine Freiheit.)

(Quelle: Zeitung der Redakteuere (EfSyn), Autor: Giorgos Stamatopoulos)

  1. karnapas
    14. Februar 2016, 21:20 | #1

    Natürlich ist allen allen bekannt, dass „Griechenland unterworfen ist“ – was übrig bleibt, ist für jeden in seiner Situation irgendwie Widerstand zu leisten. An jeder Ecke, an jeder Kante, in jedem auszuhandelnen oder eben nicht auszuhandelnden Thema – im Fokus: REICH gegen ARM. ÄNDERN durch VERWEIGERN, durch Blockaden, Streik, Ungehorsam! Was ist denn die Macht des arbeitenden Volkes? Vielleicht mal ein paar Vorräte ins Haus, sich klar werden, dass jetzt harte Tage bevorstehen, und dann 15 (fünfzehn) Tage Generalstreik. Ja, es werden Schüsse fallen. Und: Ein Sklave verlangt nicht besseres Essen, bessere Behandlung und Entlohnung, sondern seine Freiheit – das ist fast richtig: solange der Sklave nicht irrtümlich meint, McDonalds, Easyjet und H&M seien die anzustrebende Freiheit.

  2. Protagoras
    15. Februar 2016, 09:22 | #2

    Solange der Sklave nicht irrtümlich meint, McDonalds, Easyjet und H&M seien die anzustrebende Freiheit“ – genau darum geht es! Warren Buffet spricht vom Krieg zwischen Arm und Reich, den die Reichen – so seine Prognose – gewinnen werden. Es wird zu kurz gesprungen: Wenn die Völker ihre (?) Banken retten müssen, damit sie danach wieder von ihnen ausgenommen werden können, wenn der Konsum, die berühmte Binnennachfrage, angekurbelt werden muss, der mit Krediten finanziert werden soll, und die Zahl der Privatinsolvenzen in astronomische Höhen treibt, dann tritt der neoliberale Kapitalismus ins Licht: der Krieg zwischen Arm und Reich. Was kümmert denjenigen, dem das Wasser bis zum Hals steht, ob sein Widerstand widersprüchlich oder apolitisch ist? Der Widerspruch und das Apolitische sind Bestandteil dieser Wirtschaftsordnung! Die Freiheit bedeutet eben nicht die Freiheit des Konsums.

  3. Griechenlandfreund
    15. Februar 2016, 16:01 | #3

    Guter Artikel. Was soll ein Streik gegen Veränderungen im Rentenversicherungssystem oder Steuererhöhnungen für Bauern bewirken? Was sind die Alternativen? Haben griechische Regierungen überhaupt Optionen in diesen Bereichen? Ich glaube: Nein.

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