Europa – Eine Kurklinik für Konsumenten?

17. Februar 2016 / Aktualisiert: 17. Februar 2016 / Aufrufe: 3.822
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Aris Kalaizis moniert unter anderem, die vielbeschworenen europäischen Werte scheinen nur auf dem Papier zu bestehen, ohne in den Nationalstaaten umgesetzt zu werden.

Ein nachdenkendes Gespräch zwischen dem Maler Aris Kalaizis und dem Verleger des Leipzig-Magazins „kreuzer“, Stephan Schwardmann, über die Vereinfachung, die Erosion der Verständigung sowie das Verschwinden der Empathie im überreizten Blick auf die Krisen Griechenlands, Europas und der arabischen Welt … .

Als Sohn griechischer Emigranten, die wegen des Bürgerkriegs in Griechenland Ende der 40er Jahre nach Ostdeutschland flohen, moniert Aris Kalaizis unter anderem die plumpe Rohheit der Beschimpfungsrhetorik gegenüber Griechenland und konstatiert, angewidert zu sein, einer sich „Europäer“ nennenden Spezies anzugehören, da die vielbeschworenen europäischen Werte nur auf dem Papier zu existieren scheinen.

Europa ist tot, es lebe Europa!

Schwardmann: In diesem Interview wird ganz entscheidend Dein Erschrecken über Europa-Thema sein. Wir haben vor – ich glaube sechs – Jahren, schon einmal ein Interview geführt, in dem es eingangs um die Frage des Potentials politischer Interventionen durch die bildende Kunst in ihrer Fähigkeit ging, gewohnte Wahrnehmungen und Reflexe zu irritieren, subversiv aufzubrechen. Hat Dein Bedürfnis nach praktischer und intellektueller Intervention in diesen Zeiten auch mit Deiner Kunst zu tun? Wirkt sie hinein, kommt der Impuls gar daher?

Kalaizis: Selbstverständlich bleibe ich nicht unberührt. Die Griechenlandkrise sowie die aktuelle Flüchtlingsproblematik umtreiben mich beinahe täglich. Es vergeht praktisch kein Morgen, kein Abend, an dem ich nicht irgendetwas über diese Großkrisen lese. Trotzdem wäre es töricht, als agierender Maler oder als Künstler, wie man allgemein sagt, dem Weltreiben wie ein themensuchender Wettläufer hinterher zu rennen. Dieser Wettlauf ist nicht zu gewinnen.

Somit muss ich warten, bis sich ein größerer Zusammenhang abzeichnet und das Politische zugleich etwas Universales hat und somit etwas zeitgeschichtlich Umspannendes, wenn dieser Wettlauf sozusagen kein Sprint, sondern ein Marathon ist. kann ich mir schon vorstellen, ihn künstlerisch zu verwerten. Anders ausgedrückt: Ich muss als Maler das Teleobjektiv beiseite legen und das Weitwinkelobjektiv verwenden. Man vernachlässigt so ein wenig die Tagesaktualität. Nur so ist es zu erklären, warum ich 2009 mit meinem Bild „Europa“ malend agiert habe, auch wenn es mir aber lieber gewesen, die darin enthaltene Vision hätte sich nie ereignet.

Du sprichst auf das Bild an, das wir in der 2009-er April-Ausgabe des „kreuzer“ als Cover gezeigt haben. Du hast als Sohn griechischer Emigranten, die Ende der Vierziger als Kinder und Bürgerkriegsflüchtlinge in die DDR entflohen, natürlich einen sehr speziellen Blick auf das Land Deiner Eltern. Hat sich seit der medialen, politischen und mehrheitsgesellschaftlichen Beschimpfung Griechenlands für Dich etwas verändert in der von Dir als zuverlässig empfundenen Selbstverständlichkeit im Grundverstehen gesellschaftlicher Prozesse?

Ich hätte nie gedacht, dass das Bild über eine Nation sich in kurzer Zeit derart ins Negative drehen kann. Das sind bittere Lebensmomente, die ich aushalten muss. Ich bin kein Mensch, der gut ignorieren kann, das Spielfeld verlässt oder die Seite wechselt, wenn der Wind sich dreht. Also muss ich vieles vertragen und mein deutsch-griechisches Naturell hilft mir dabei. Beide Elemente befinden sich aber seit meiner Geburt in einer fruchtbaren Wechselbeziehung. Immer wenn es dem Deutschen in mir nicht gut geht, kommt der Grieche und hilft. Umgekehrt verhält es sich genauso. Die plumpe Rohheit der Beschimpfungsrhetorik gegenüber Griechenland hat mich in der Tat überrascht.

Gleichsam wurde das Griechische in mir bestärkt. Entgegen vieler bin ich nicht der Meinung, dass die Medien den Anstoß für dieses Zerrbild, sondern einzelne Politiker mit ihren Äußerungen den Stoff für die Aufheizung geliefert haben. Keine Frage: Politik muss streitbar sein. Das gehört zum Ringen um das bessere Argument. Leider lässt sich aber auch beobachten, dass Politik mehr und mehr selbst skandalisiert, was mich besorgt, denn das Skandalon war früher den Medien vorbehalten. Und ja, es bleibt die bittere Erkenntnis, dass es nicht viel Bedarf, um Völker mit abstrusen Vereinfachungen zu stigmatisieren.

Die andere nüchterne Erkenntnis ist, dass wir zwar in einer modernen, nicht aber in einer sonderlich aufgeklärten Gesellschaft zu leben scheinen und das besorgt mich zudem und im übrigen nicht erst seit der Griechenland-Debatte. Ich will da überhaupt nicht in Geschichtspessimismus verfallen, stelle mir aber zuweilen in solch medial wirksamen Zeiten, den falschen Mann zur richtigen Zeit vor und sehe den Verlauf der Geschichte auf den Kopf gestellt.

Könntest du ein Beispiel geben?

Medial ist auf beiden Seiten hochgerüstet worden. Auf der einen Seite war es totaler Quatsch, Madame Merkel in Naziuniform zu zeigen. Andererseits war sich Merkel auch nicht zu schade, ein übles Ressentiment vom faulen Südländer zu stricken. Nun mag man sagen, beide Seiten haben sich nichts geschenkt. Jedoch haben die Griechen ihre Wut auf die Person Merkel und auf die Person Schäuble, nicht aber auf das deutsche Volk projiziert, während Merkels Herabwürdigung das gesamte griechische Volk stigmatisierte.

Im übrigen wissen wir vor dem Hintergrund einer OECD-Studie, dass in Griechenland die Auslastung einer Arbeitsstunde mit zu den höchsten innerhalb der EU zählt. Das bedeutet freilich nicht, dass die griechische Arbeitsstunde zu den effizientesten zählt, da die Effizienz nun einmal von mehreren Faktoren beeinflusst wird. Und letztlich habe ich doch auch als Sohn griechischer Vorfahren das Wissen, wie hart meine Eltern, samt ihrer Familien aus denen sie kamen, gearbeitet haben.

Ich entnehme dem auch die kritische Einschätzung, dass Massenmedien eine Art Einheitsmeinung verbreiten und häufig Widersprüche ausklammern?

Natürlich ist darin ein Stück weit Medienkritik, da Medien, hinter denen ja letztlich Menschen stehen, leider zu oft – so zumindest aus meiner Wahrnehmung – als bloßer Verstärker einzelner Politiker oder politischer Strömungen fungieren. Journalismus darf sich nicht in einer unfiltrierten Wiederkäuer-Mentalität etablieren. Andernfalls kommt der Demokratie allmählich ihrer Fähigkeit zur Selbstkontrolle abhanden.

Ich kann ein kleines Beispiel aus dem Bereich sogenannter Bildungsmedien geben. Ich höre beinahe täglich den Deutschlandfunk. In den Nachrichten des Senders liest der Sprecher eine beliebige Nachricht – sagen wir zur Eurokrise – vor. Danach wird noch fix ein Politiker zitiert, der zu diesem Thema Position bezieht und die Sache ist abgehakt. Klar, was dabei zumeist entsteht, ist Meinung. Der Zuhörer soll agitiert werden. Richtiger wäre es aber, die Meinung des einen Politikers der Partei X mit einer Meinung eines anderen Politikers der Partei Y zu konfrontieren.

Der Hörer müsste nun selbst aktiv werden, um so etwas wie eine Haltung zu entwickeln. Daraus würde ein Schuh werden. Vermutlich hat es damit zu tun, dass nicht nur im Bundestag eine große Koalition regiert, sondern auch im Medienbereich eine Allianz, eine Art Print- und Medienkoalition besteht, die zumeist recht einhellig polemisiert. Es besteht aber die Gefahr, dass immer mehr Menschen – und ich fürchte, nicht nur am rechten Rand – sich von dieser Medienkoalition abwenden.

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  1. Hella
    18. Februar 2016, 12:10 | #1

    Danke fuer dieses ausfuehrliche Gespraech mit einem nachdenklichen und eigenstaendig denkenden Maler

  2. karnapas
    18. Februar 2016, 12:31 | #2

    Sehr treffende Sicht auf die Dinge. Danke. Als einziges möchte ich anmerken, das die GLOBALISIERUNG keine Krankheit ist, die auf der dunklen Seite des Mondes entstanden und dann irgendwie auf unserem Planeten ausgebrochen ist. Das ist menschengemacht und sollte von uns auch reguliert werden. Merkel und Co. sprechen von marktkonformer Demokratie — ich bestehe auf einem demokratiekonformen Markt.

  3. LiFe
    18. Februar 2016, 16:58 | #3

    Ich habe dieses Interview Seite für Seite gelesen und es ist alles gesagt worden. Sein deutsch-griechisches Naturell möge der Künstler beibehalten. War mir sehr sympathisch.

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