Griechenlands Wirtschaftskrise wird zu endloser Odyssee

8. Januar 2016 / Aufrufe: 3.522
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Die wirtschaftliche Krise Griechenlands setzt sich wie eine endlose Odyssee fort und es steigen neue Ängste vor gesellschaftlichen Unruhen auf.

Wenn Stavros Staikos an das vor ihm liegende neue Jahr denkt, bringt er Angst zum Ausdruck. Obwohl er von seiner Natur her stoisch ist, tut der im Ruhestand befindliche Seemann der Handelsmarine sich schwer, sein Land und seine eigene Situation optimistisch zu sehen.

Es ist schwer, optimistisch zu sein„, meint Stavros Staikos, während er darauf wartet, an die Reihe zu kommen um in der zentralen Athener Geschäftsstelle des Verbands der Verbraucher und Kreditnehmer wirtschaftliche Ratschläge zu bekommen. „Wer hätte sich vorgestellt, hier anzugelangen? Wer hätte sich vorgestellt, dass ich mit meinen 63 Jahren Angst haben würde, meine Wohnung zu verlieren?

Es scheint doch noch schlimmer kommen zu können …

Die große wirtschaftliche Krise Griechenlands setzt sich wie eine endlose Odyssee fort und die schwierige Lage der Menschen wie des Herrn Staikos entzündet neue Ängste vor gesellschaftlichen Unruhen.

Das vergangene Jahr war stürmisch, gekennzeichnet von zwei Wahlkämpfen, einem Referendum, der Verhängung von Kapitalverkehrskontrollen, den Verhandlungen zur Erzielung einer Rettungsvereinbarung, ungewissen Abstimmungen im griechischen Parlament und der bisher engsten Annäherung Athens an den Bankrott und das Ausscheiden aus dem Euro. Das Jahr 2016 könnte jedoch noch unvorhersehbarer sein. Viele sind sich einig, dass das Schwerste noch nicht gekommen ist, obwohl die Griechen vor dem Abgrund gestanden und akzeptiert haben, dass es zu den Einschränkungen der Beteiligung an der Eurozone keine Alternative gibt.

In dem Moment, wo viele glaubten, es könne nicht mehr schlimmer kommen, scheint es das doch zu können„, meint Toula Thanopoulou, Leiterin des Verbands der Konsumenten und Kreditnehmer. „Wir sehen Menschen in einem sehr schlechten psychologischen Zustand. Sie haben fürchterliche Angst, der nächste Schritt könnte sein, dass die Banken ihnen ihre Wohnungen wegnehmen. Die Regierung sagt, alles würde gut werden, das Problem ist jedoch, dass ihr niemand glaubt.

Während das dreimal gerettete Land in seinen bisher schwersten Winter geht, ist die sich nun stellende Frage, ob Griechenland sich jemals wieder erholen können wird. Sechs Jahre nach dem Beginn des ethisch katastrophalen Dramas der Verschuldung des Landes sind die Vorzeichen „durchwachsen“.

Nicht alle glauben an Tsipras‘ Success-Story

Das neue Jahr begrüßend prognostizierte Premierminister Alexis Tsipras, 2016 würde den Anfang des Endes, „den finalen Ausgang aus der Wirtschaftskrise“ signalisieren. Mit der sichergestellten finanziellen 86-Milliarden-Euro-Hilfslinie von Seite des Internationalen Währungsfonds (IWF), der EU und der Europäischen Zentralbank (EZB) könne das Land voranschauen und zu radikalen Änderungen und einer „nationalen Anagenese“ schreiten.

Jedoch glauben nicht alle an diese „Success Story“. Bei einer jüngst durchgeführten Meinungsumfrage äußerten sich mehr als 55% der Griechen bezüglich der Zukunft pessimistisch. Andere 61% erachten, das zwangsweise Ausscheiden des Landes aus der Eurozone bleibe weiterhin eine klare Möglichkeit. Zusammen mit der Zunahme des Pessimismus haben die Ereignisse der letzten 12 Monate das wirtschaftliche Trauma Griechenlands vertieft: die Arbeitslosigkeit überstieg 30% und das verfügbare Einkommen sank um mehr als 25%.

Nach Jahren kritischer Fristen und außerordentlicher Gipfeltreffen handelt es sich jedoch um eine Nation, die gelernt hat, die Widrigkeiten zu handhaben. Sie hat akzeptiert, dass in einem Teufelskreis der Austerität gefangen die Rettung nicht leicht sein wird, da sie den Folgen der Kürzungen der Ausgaben begegnet, wie beispielsweise bei Krankenhäusern und Schulen, die ohne ausreichendes Personal betrieben werden.

Die Gefahr für das Land ist nun ein anämischer Aufschwung, der nicht vermag, die Arbeitslosigkeit zu senken und die reale Wirtschaft auf den richtigen Weg zu bringen„, äußert Theodoros Pelagidis, Wirtschaftsprofessor am der Universität Piräus und Partner der Denkfabrik „Brookings Institutions“.

Gläubiger werden Griechenland weiter unter Druck setzen

Dieses Jahr wird jedoch den griechischen Staat und seine Bürger von seinen drei Gläubigern, die als Gegenleistung für die Hilfe Reformen fordern, noch mehr unter Druck gesetzt sehen. In den kommenden Wochen hat Athen das Versicherungssystem des Landes zu „reparieren“, den Bauern eine höhere Besteuerung aufzuerlegen und ein Privatisierungsprogramm zu forcieren. Die Maßnahmen werden die Entschlossenheit der ersten linksgerichteten Regierung Europas auf die Probe stellen, neoliberale Reformen umzusetzen.

Während die SYRIZA, als sie im vergangenen Januar (2015) an die Macht emporschoss, die Partei des Widerstands war, ist die gegen die Austerität gerichtete SYRIZA unter der Führung Alexis Tsipras‘ zu der politischen Kraft geworden, welche die Umsetzung des schmerzhaftesten Programms zur Rettung des Landes beaufsichtigen wird.

Die Mittelschicht, welche die Schläge der Schärfe der fiskalischen Angleichungen in Form der aufeinanderfolgenden Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen erlitten hat, wird wieder getroffen werden, da die Kluft zwischen Armen und Reichen sich weiterhin vergrößert. Die Bauern, die nie zögerten, mit ihren Traktoren Straßen zu blockieren, drohen mit „Krieg“. Die Gewerkschaften bereiten sich auf einen Kampf vor und die – zur Einsparung von 1,8 Milliarden Euro bzw. 1% des BIP für dieses Jahr als erforderlich betrachte – Reform des Versicherungssystems wird jene Haushalte treffen, die von Renteneinkommen abhängig sind.

Die Aussicht auf Zwangsversteigerungen der Wohnungen durch die Banken – was unvermeidbar sein wird, wenn die internationalen Gläubiger auf der Verhängung von Maßnahmen beharren, die den Schutz der Schuldner von Bau- / Wohnungskrediten reduzieren – hat die Ängste vor gesellschaftlichen Unruhen erhöht.

Von Seite der Regierung wird der Ungehorsam bereits spürbar. Tsipras gab jüngst seinen Einwand gegen die Verlängerung der Beteiligung des Internationalen Währungsfonds an dem Programm zur Rettung Athens bekannt, nachdem die bestehenden Raten der Hilfe im März auslaufen. Vor dem Beginn der neuen Runde der Verhandlungen über die Reformen des Programms kündigte er am vergangenen Wochenende an, die Koalitionsregierung nebst ihrem rechten Partner, sprich der Partei der Unabhängigen Hellenen (ANEL), werde keinen „absurden und ungerechten Forderungen“ nachgeben.

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  1. Werner
    8. Januar 2016, 09:56 | #1

    Ein sehr interessanter Beitrag zur aktuellen Lage der wirtschaftlichen Krise Griechenlands. Leider ist es völlig aus den Medien geschieden, seit die Flüchtlingskrise unseren Alltag beherrscht. Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Situation für die Griechen weiterhin dramatsich ist. Und ich spreche natürlich von den vielen menschlichen Tragödien. Keine Krankenversicherung , keine Aussicht auf einen Job, Jugendarbeitslosigkeit usw. Da ist es natürlich verständlich, dass man gegenüber dem EUR negativ auftritt und auch einem Ausscheiden offen gegenüber steht! Ob die griechischen Jugendlichen mehr Chancen haben als die jugendlichen Flüchtlinge aus Syrien wag ich auch zu bezweifeln! Alles ein Drama. Danke für den Beitrag! LG Werner

  2. flowerpower
    8. Januar 2016, 12:28 | #2

    Jesus hat sich ein einziges mal in seinem Leben gepruegelt. Das war als er die Geldtauscher aus dem Tempel warf.

  3. Jorgo
    8. Januar 2016, 18:18 | #3

    Solange Griechenland den Euro hat, wird es sich nicht erholen. Ich hoffe, dass sich bei den griechischen Politikern diese Erkenntnis bald durchsetzt.

  4. LiFe
    8. Januar 2016, 19:09 | #4

    Griechenland hatte einfach historisch Pech gehabt. Nie konnte Griechenland aus sich heraus wachsen. Die historischen Daten können dies belegen. Egal welche Fehler die Griechen hatten, aber das Völkchen hatte stets Geduld, Ausdauer und Disziplin bewiesen. Wenn man bedenkt, wie lange sie die Krise(n) ausgehalten haben und immer noch aushalten, stets war ihre Hoffnung ungebrochen, dass irgendwann ein Licht am Ende des Tunnels leuchtet. Ich wünsche Griechenland viel Glück und vor allem Wunder.

  5. Goldkönig
    9. Januar 2016, 09:42 | #5

    Es ist beschämend und eines Europäischen Landes völlig unwürdig das es in Griechenland, mit der Billigung Europas, keine rote Linie der notwendigsten Maßnahmen gibt. Wie kann es sein das Heimen für behinderte Kinder jegliche! Hilfe gestrichen wird und diese nun ausschließlich auf Spenden angewiesen sind? Behinderte Kinder! und ihre Betreuer, die dem nichts, gar nichts entgegensetzen können. So pleite ist ein Land niemals als das es solche ja Volkszersetzende Maßnahmen treffen müsste. Eingespart werden könnte natürlich an Kosten, es könnte neu über Lieferungen, Liefermengen, Löhne etc. verhandelt werden, keine Frage. Aber die Lebensadern kappen und auf Spenden ausschließlich zu setzen in einem so geschwächten Land ist schon ein Verbrechen. Wie kaputt müssen Politik, Bürger und EU sein so etwas zuzulassen? Welche Schäden haben sich die Menschen in ihrer Psyche angetan um so etwas zu billigen? Es ist ein Unterschied ob ich einen Kindergarten erst nach 100 Kilometer erreiche und dies eine Zumutung, anders geht es nun im Moment mal nicht in diesem Pleiteland wo sich auch alle selber gegenseitig beschissen haben, oder ob ich noch nicht einmal mehr lebensrettende Maßnahmen gewillt bin zu finanzieren.
    Nicht nur Griechenland sondern auch die EU versagen hier kolossal. Es ist eine Schande und zeigt den völlig unreifen Geist seiner Weichensteller und Organisatoren.

  6. GR-Block
    9. Januar 2016, 22:56 | #6

    Für das Problem der behinderten Kindern gibt es die deutsche Lösung. Zur Einsparung von Sonderschulen zur spezifischen Betreuung Behinderter hatte man vor einiger Zeit die sogenannte
    Integrationsschule „erfunden“. D.h., man hat die Behinderten einfach zu den normalen Klassen gepackt und den Lehrerschlüssel leicht erhöht.
    Weil der Lehrerkrankenstand aber nur in einem erträglichen Maß anstieg, entschloss man sich, die sogenannte „Inklusionsschule“ zu erfinden. Da sind jetzt alle Sonderschüler mit dabei, gleich ob körperlich / geistig behindert oder einfach nur lernschwach oder fehlende Sprachkenntnisse bei Einwanderern, alle waren willkommen, damit Sonderschulen schlossen. Und, es klappt! Mit nur ein paar mehr Reha-Maßnahmen und Kuren für Lehrer mit burn out Syndromen bekommt die Schulbehörde das kostengünstig in den Griff. Das werden die Deutschen jetzt auch in ihrer Kolonie Hellas einführen.

    Ja, es ist historisches Pech, seit 195 Jahren ein Spielball westeuropäischer Aristokratie zu sein. Warum ausschließlich deutsche Tyrannen das Land regieren wollten, muss an deren ganz speziellem Humanismus und der entbrannten Liebe für das Land der Hellenen liegen. Ob Könige des Hauses Wittelsbach oder des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, oder Kanzler Deutschlands, sie alle wollten nur das Beste des kleinen wiedergeborenen Volkes, und sie nahmen es sich. Störend empfanden sie dabei nur die Hellenen selbst. Deren naiv-romantische Revolutionäre verfolgten sie zu allen Zeiten, von Kolokotronis bis Varoufakis.
    Ja, es ist wirklich Pech, aber für seine „Freunde“ kann man schließlich nichts.

  7. H.Ewerth
    10. Januar 2016, 18:56 | #7

    Deutschland sollte endlich seine Fehler eingestehen. Denn es war allen voran Deutschland, das sich nicht an Verträge gehalten hat, die unter anderem besagten, dass jedes Land entsprechend seiner Produktivitätssteigerungen plus Inflationsausgleich jährlich erhöht. Alle haben sich daran gehalten, nur Deutschland nicht und machte mit Euro Einführung genau das Gegenteil, in dem es den größten Niedriglohnsektor in Europa schuf. Was dann zu den vielen Verwerfungen in anderen EU Ländern führte, die auch den Euro haben. Aber nach der Lesart Deutschlands trifft es natürlich auch dieses Mal keine Schuld, sondern es sieht sich wieder einmal als „Opfer“.
    Der zweite wichtige Punkt: erst die massiven Deregulierungen der Finanzmärkte haben zu den Exzessen an den Finanzmärkten geführt, in deren Folge mit hunderten Milliarden Banken gerettet werden mussten. Desweiteren haben die niedrigen Zinsen Deutschland bisher etliche Milliarden an Gewinnen beschert. Und noch ein Punkt, nämlich dass zwar Defizite ab einer gewissen Höhe bestraft werden, aber Überschüsse von mehr als 8% bleiben noch immer ohne Folgen? Wie oft bekam Deutschland deshalb schon „blaue Briefe“ aus Brüssel, das interessiert Deutschland aber nicht, es macht weiter wie bisher und immer zu Lasten anderer Euroländer. Aber wie man bis heute hört und lesen kann, hat die Jahre andauernde Propaganda in westlichen Medien dazu geführt, dass egal was ein Land noch tut, von vornerein selber „Schuld“ hat. Alle müssen sich in Brüssel an Regeln halten, nur ein Land nicht.

  8. Kerstin Vogel
    10. Januar 2016, 20:51 | #8

    Wie währe es denn damit endlich mal die CDU abzuwählen? Denn Schäuble und Merkel sind ja die schlimmsten Unmenschen! Also liegt die Schuld doch auch bei den Deutschen Wählern und Nichtwählern, oder? Tsipras kann doch nichts tun? Was anderes wäre, wenn Spanien und Frankreich ebenfalls eine λinke Regierung hätten.
    Das nächste Sinnlose ist, in Griechenland selbst zu streiken. Die Streiks müssten in Berlin oder Brüssel stattfinden! Denn genau dort sitzen die Verbrecher. Wenn Tsipras nicht „gehorcht“, werden ganz einfach die Banken wieder geschlossen und es gibt kein Geld – das die griechische Bevölkerung aber eh kaum noch hat. Eventuell wäre der „Grexit“ die einzige Lösung. Ich weiß es nicht! Denn dass Merkel und Schäuble mitsamt ihren Vasallen „entsorgt“ werden, kann ich momentan nicht erkennen.

  9. 13. Januar 2016, 13:14 | #9

    An Griechenland und seiner Syriza-Regierung wurde 2015 ein Exempel statuiert.

    Die Hüter des Euros haben klargestellt: Eine Alternative in Europa wie die, auf die die Syriza-Regierung anfangs mit ihren Anträgen aus war, geht gar nicht. Ein volksfreundliches Geldregime, das die Solidität staatlicher Schulden, die die finanzkapitalistischen Rechnungen, vor denen der griechische Staat versagt und die Ansprüche seiner politischen Euro-Gläubiger geringer bewertet als das Lebensniveau der Massen und die sozialen Gesichtspunkte des Staates, eine Politik, die den Kredit der Gemeinschaft dafür gebrauchen will – das ist in Europa nicht zu haben, denn das ist Missbrauch des Gemeinschaftsgeldes.

    Deutschland als die ökonomische Vormacht in Europa nötigt Griechenland ein Kreditregime auf, das sich an den Kriterien des finanzkapitalistischen Vertrauens in den Euro ausrichtet, also dem Urteil der Finanzwelt über Griechenlands geschäftliche Untauglichkeit rücksichtslos gegen Land und Leute Rechnung trägt. Griechenland soll durch eine rigorose Haushaltspolitik an sich selber das Urteil vollstrecken, dass es keinen Beitrag zur Stärke des europ. Geldes leistet. Nicht der Euro blamiert sich, wenn ganze Staaten und Völker dabei draufgehen, sondern Griechenland blamiert sich am Euro.

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