Griechenland: Die kleine Helladitsa mit den Streichhölzern

4. Januar 2016 / Aufrufe: 726

Neulesung zum Ultimo 2015, lachend und weinend, von Hans Stathian Pachidiansen.

Am Vortag des neuen Jahres war es fürchterlich kalt, es fiel dichter Schnee und die Nacht hatte einzubrechen begonnen. Alle mutmaßten und hofften, nun komme ein neues Jahr, jedoch kam immer irgend etwas dazwischen und es verharrte das fatale 2010.

Ein armes Mädchen, die Helladitsa, in Lumpen gekleidet und barfuß, zog durch die Straßen und hielt dabei ein Päckchen Streichhölzer in der Hand. Auf ihren Schachteln stand „Schwefelhölzer“ geschrieben und sie sagte zu den Passanten, sie bettle nicht – sie reformiere. Niemand interessierte sich jedoch für die Streichhölzer, niemand glaubte ihr, obwohl sie sich in einer solchen Not befand und vor Kälte und Hunger zitterte. (Anmerkung: „Helladitsa“ ist eine wortspielerische Personifizierung des Begriffs Hellas = Griechenland.)

Was weiß schon ein kleines verfrorenes Mädchen …

Diverse Abzocker, zuerst der Neffe seines Onkels, danach der Sohn seines Vaters und zuletzt der Enkel seiner Oma (Anmerkung: gemeint sind die ehemaligen Premierminister Kostas Karamanlis, Jorgos Papandreou und Antonis Samaras) hatten ihr bis hin zu den Pantoffeln weggenommen und das Mädchen ging zu Fuß und verfroren – eine Personifizierung der Bedürftigkeit. Gewisse entfernte Verwandte – angeblich barmherzige – gaben der verzweifelten, aber auch leichtgläubigen Helladitsa die Schwefelhölzer, auf dass sie damit möglicherweise etwas erreiche, jedoch …

Helladitsa mit den Streichhölzern kauerte sich in einen ungastlichen Hauseingang (… die Türen öffnen sich nicht leicht, wenn die Not anklopft …), vermochte sich jedoch nicht aufzuwärmen. Sie traute sich nicht, nach Hause zurückzukehren, weil sie nicht einen einzigen Cent verdient hatte, und die „Samariter“ würden sie hinauswerfen oder die Schwefelhölzer von ihr zurückverlangen. Ihre kleinen Hände waren steif und ihr kam der Gedanke, wenn sie nur ein einziges Streichholz anzünden würde, könnte sich vielleicht etwas ändern – so hörte sie zumindest die Samariter sagen.

Sie nahm ein grünes Schwefelhölzchen (Anmerkung: Anspielung auf die PASOK-Regierung) und rieb es an der Wand. Es entsprang eine magische Flamme und es war, als ob sich alles um sie herum änderte. Die Kleine meinte, vor einem großen Ofen zu sitzen, und streckte ihre Beine aus um sie aufzuwärmen. Jedoch, wie schade, die Flamme erlosch innerhalb weniger Augenblicke, der Ofen verschwand und das Mädchen fand sich steif gefroren mit dem verbrannten Schwefelhölzchen in der Hand wieder. Auf der Straße fielen dichte Schneeflocken – manche nannten sie ENFIA-Flöckchen, andere wiederum nannten sie Kürzungen, Sonderabgabe, Arbeitslosigkeit … . Was weiß schon ein kleines, verfrorenes Mädchen … .

Die Hoffnung stirbt zuletzt …

Die Kleine zündete eine zweites – diesmal blaugrünes – Schwefelhölzchen (Anmerkung: Anspielung auf die Koalitionsregierung ND – PASOK – DIMAR) an und etwas geschah rundherum. Sie sah einen mit einer blütenweißen Tischdeck gedeckten Tisch mit einer duftenden gebratenen Gans. Plötzlich sprang die – wie sie vernahm, Fotis (Kouvelis) genannte – Gans vom Tablett und machte sich davon. Das Streichholz erlosch jedoch wieder und die Kleine fand sich erneut in dem ungastlichen Hauseingang wieder, mit den eisigen ENFIA-Flöckchen, den kalten Kürzungen und der – immer außerordentlichen – Sonderabgabe.

Sie zündete ein drittes – merkwürdig rotblaues – Streichholz (Anmerkung: Anspielung auf die Koalitionsregierung SYRIZA – ANEL) an und tat sich sehr schwer, wie oft sollte die kleine Helladitsa den großen Versprechungen noch glauben? Es wehte auch ein eisiger Nordwind von dort, aus Richtung der Gefilde der Barmherzigen … . Wieder blitze eine Flamme auf und diesmal fand sie sich unter einem wunderschönen Weihnachtsbaum mit hunderten Kerzen wieder, die sich hoch, sehr hoch erhoben, als seien sie Sterne am Himmel. Aus den Sternen heraus erschienen die Gestalten der Großmütter und Großväter der Helladitsa – rund zweieinhalb Millionen Omas und Opas, eine große Verwandtschaft … .

Meine Omis! Meine Opis!„, rief die Kleine. „Ich weiß, dass Ihr verschwinden werdet, sobald das Schwefelhölzchen erlischt …„, und sie ergriff alle übrigen Streichhölzer und zündete sie an, damit so viele Omas und Opas nicht verloren gehen.

Am nächsten Morgen fanden Passanten das Mädchen in den Hauseingang gekauert vor, mit roten Wangen, mit einem Lächeln auf den Lippen, jedoch hatte die Kälte der letzten Nacht ihren kleinen Körper zum Erfrieren gebracht. Manche rundherum meinten, es sei vielleicht Neujahr, die meisten waren sich jedoch sicher, jenes fatale 2010 sei beharrlich geblieben …

(Quelle: protagon.gr, Autor: Stathis Pachidis)

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