Verhandlung über Rettung Griechenlands war ein Putsch

26. Dezember 2015 / Aufrufe: 2.888

Griechenlands ehemaliger Finanzminister Yanis Varoufakis charakterisiert die Eurogruppe als Ort für Psychopathen und die Finanzminister als Schäubles Marionetten.

In einem Interview an die holländische Zeitung De Volkskrant charakterisiert der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis die Verhandlungen über das dritte Paket zur Rettung Griechenlands als einen reinen Putsch und meint charakteristisch: „Es war ein klarer Putsch, ein großer Putsch, und zwar ein gelungener.

Wie Yanis Varoufakis vertritt, akzeptierte die Eurogruppe niemals eine Regierung, die auf Basis eines provokanten Programms gewählt wurde, und deswegen interessierten sie sich überhaupt nicht für die von Athen vorgeschlagenen Reformen. „Ich wusste, dass welche Zugeständnisse auch immer wir machen würden, sie niemals ausreichend seien würden. Die Troika wollte die griechische Regierung in den Dreck ziehen und erniedrigte sie mit der Schließung der Banken völlig.

Schäuble an Varoufakis: „Mit Dir verhandle ich nicht …

Als Beispiel für die Haltung Brüssels führt Yanis Varoufakis eine vertrauliche Unterhaltung an, die er mit Schäuble hatte, während der er verbindlich die Organisation einer unbestechlichen Steuerverwaltung zusagte und den deutschen Finanzminister sogar aufrief, einen Deutschen vorzuschlagen, der ihr Leiter werden würde. „Mit Dir werde ich nicht verhandeln„, antwortete ihm Schäuble.

Das deutsche Finanzministerium merkt jedenfalls seinerseits an, Schäuble vermöge sich an ein solches Anliegen von Varoufakis nicht zu erinnern, wobei Berlin betont, es sei nicht seine Sache, irgendjemanden in diese Position einzusetzen.

Auf eine Frage des Journalisten, ob es letztendlich irgend eine angenehme Erinnerung an seine Amtskollegen in der Eurogruppe gebe, antwortete der ehemalige Finanzminister: „Wer von angenehmen Augenblicken in der Eurogruppe spricht, muss umgehend weggesperrt werden, weil er ein gefährlicher Verrückter ist (Lachen). Die Eurogruppe ist ein sehr unangenehmer Platz, einschließlich Schäubles, Dijsselbloems und Draghis. Die Machtzentren sind per Definition stressig, mit großem Egoismus und ständigen Konflikten. Wenn jemand Psychopath ist und ihm die Konflikte gefallen, dann ist die Eurogruppe der geeignete Ort.

Parallel merkt Yanis Varoufakis an, nichts Radikales vorgeschlagen zu haben, sondern nur, einfach Griechenland wieder auf seine Füße kommen zu lassen, und ergänzt, eine Einigung mit der SYRIZA-Regierung wäre katastrophal gewesen, weil der Widerstand gegen die Troika sich weltweit als signifikant erwiesen hätte. „Dieser Schimmer einer Hoffnung war für die Bürger verboten, weil Wahlen in Spanien, Portugal und Irland folgten„, merkt er an.

Alle sind Marionetten in den Händen Schäubles

Auf die Frage, wer in der Eurogruppe der Boss war, antwortet Varoufakis, Schäuble sei der „Master“ aller Marionetten, also aller anderen Finanzminister. Dijsselbloen habe keine wirkliche Stärke, er habe keine Macht, er sei ein Soldat, eine Marionette. Er vermag keinerlei Entscheidung zu treffen, wenn er nicht mit Schäuble spricht. Schäuble beschließt, wer Vorsitzender wird, er bestimmt die Agenda, er kontrolliert alles.

Wie Yanis Varoufakis erklärt, bezeichnete er auch gegenüber der El Pais deswegen Dijsselbloem als „Leichtgeist“. Wie er anmerkt, unterhielt er selbst sich nie mit Dijsselbloem, da er mit ihm keine wirkliche Diskussion führen konnte. Mit wem er dagegen geredet habe, war Mario Draghi, den er auch als einen ausgezeichneten Ökonomen bezeichnet. „Schäuble ist gerissen und hat eine Vision und Macht. Dijsselbloem ist ein Zahnrad in einer Maschine, die er selbst nicht einmal begreift.

Auf die Frage, ob und was er aus den Monaten seiner Amtszeit als griechischer Finanzminister bereue, antwortet Varoufakis: „Dass ich auf die Einheit der griechischen Regierung vertraute, oder um genauer zu sein: die Einheit innerhalb des Kampf-Kabinetts der sieben Personen, einschließlich meiner selbst und des Premierministers. Während der Dauer jener Zeit waren wir Tag und Nacht zusammen. Ich schlief auf die Weise, wie man in einem wirklichen Krieg in den Schützengräben schläft: ab und an wenige Stunden.

Ich vertraute Tsipras blind, das war nicht gut. Ich fühle mich nicht verraten, aber enttäuscht,“ endet der ehemalige Finanzminister.

(Quelle: To Pontiki)

  1. 26. Dezember 2015, 09:33 | #1

    Insbesondere Varoufakis versagte: Um sich auf die Auseinandersetzung einzulassen, hätte er einen Trumpf in der Hinterhand haben müssen: Die Einführung einer umlaufgesicherten Parallelwährung! Als der Euro-Umlauf durch Hortung und Banken-Schließung zusammenbrach, riss dies auch die Volkswirtschaft in den Abgrund. Da schlug Varoufakis, die Einführung von Schuldscheinen vor. Aber Varoufakis betont gleichzeitig, das er nie „direkt“ in eine eigene Währung zurückwollte.
    Statt monatelanger Verhandlungen, hätte er lieber die Parallelwährung konkret vorbereiten müssen. Mitglieder der griechischen Regierung geben jedoch zu, dass es keinen Plan B zum Euro gab.
    Ich würde einen solchen inkompetenten Politiker nicht mein Vertrauen aussprechen, der dann das Land in einen Krieg führt, den es mangelnds Waffen verlieren muss. Stattdessen sieht sich Varoufakis als Opfer.

  2. V 99%
    26. Dezember 2015, 13:12 | #2

    Varoufakis mag sicherlich ein ausgezeichneter Ökonom sein, er scheitert aber an fehlender Diplomatie und uebertriebener Selbsteinschaetzung. Seine mangelnde Menschenkenntis und sein mangelndes Einschaetzungsvermoegen zeigt der letzte Satz eindeutig. Was er braucht ist einen Diplomaten, der realistisch verhandelt, an seiner Seite. Die Eurogruppe wusste genau, dass Tsipras seine Versprechungen nicht halten konnte. Ohne einen Plan B, den diese Leute nicht erwartet haben, kann man nicht weiterkommen. Varoufakis sollte einen gezielten Euro-Austritt planen und gekonnt damit verhandeln, dann wird die EU weiche Knie kriegen. Auf lange Sicht ist das die einzige Loesung wieder auf die Beine zu kommen.

  3. pyramis
    26. Dezember 2015, 13:42 | #3

    Varoufakis vertraute Tsipras blind. Der Blender wusste die eigenen Leute auszuspielen. Vielleicht fühlt sich Varoufakis nicht verraten – aber bestimmt der grösste Teil der Griechen (… und nicht nur). Das wars.

  4. GR-Block
    26. Dezember 2015, 18:20 | #4

    Varoufakis hat sowohl die Möglichkeit eines Austritts aus dem EURO wie auch das Konstrukt einer Parallelwährung strategisch in die Diskussion gebracht und dabei alles ausgereizt, was ihm der Ministerpräsident erlaubte. Seine ständigen Beteuerungen, dass er nicht aus dem EURO will, waren sicherlich notwendig, um ihn als Diskussionspartner nicht zu disqualifizieren, aber auch um die Ängstlichen im Volke nicht in Panik geraten zu lassen, bei dem politischen Säbelrasseln, man würde sich mit 10 Mio gegen 490 Mio Europäer stellen.
    Aber Varoufakis‘ potenzielle Drohung stand im Raum und konnte somit von der Gegenseite nicht mehr benutzt werden, wie am Anfang der Krise lächerlicherweise geschehen. Einen Grexit allerdings hätten weder die Westeuropäer noch die Amerikaner, d.h. der gesamte Nordatlantikpakt, hingenommen.

    Erst als die politische Stimmung im Lande sich nach der erdrutschartigen Wahl im Januar wieder langsam in Richtung „wir machen unsere eigene Sache, mit oder ohne EURO“ kippte, musste Tsipras reagieren und Varoufakis von der Frontlinie abziehen.
    Zu spät, prompt ging die Volksabstimmung schief. Die Eurogruppe war ratlos, schließlich hatte nicht einmal Draghis Geldsperre geholfen. Die Behauptung Schäubles, jetzt für einen (temporären) Grexit bereit zu sein, hätte angedeutet, dass der Kanal GR in Zukunft nicht mehr für die kriminelle Privatisierung von Steuergeldern herhalten muss. Schäuble ist aber unzuverlässig, er IST ein Schlitzohr. Ich denke er schnürt schon ein weiteres Paket und Tsipras muss sich überlegen, ob er ein zweites annimmt oder es bevorzugt, wie seine Vorgänger zu gehen.
    Mit Varoufakis jedenfalls ging auch der letzte griechische Vertreter Washingtons aus der Schlacht. Jetzt ist Christine Lagarde dran zu gehen. Mal sehen wie lange sie den IWF in der Troika halten kann, wie lange Merkel noch ihre Karriere riskiert und mit Obama doppeltes Spiel spielt. Ich tippe: wenn sie das Spiel ausgereizt hat und nicht weiterkommt, dann muss Schäuble gehen und den Ärger Washingtons mit in die Rente nehmen.

    Weiterhin Καλά Χριστούγεννα

  5. CCK
    26. Dezember 2015, 18:52 | #5

    Offensichtlich sind alle Politiker, die an die Spitze einer Partei gelangen und gewählt werden, Bestandteil des Elitensystems zur Ausbeutung der Länder. Weder Tsipras noch Varoufkis haben etwas unternommen, um Griechenland zu retten. Griechenland mit den beiden genau da, wo die EU-Marionetten es haben wollten. Ohne Souveränität, durch EU-Technokraten regiert, laufende Enteignung. Verelendung der Bevölkerung. Irgendwelche Aktionen, um aus dem Hamsterrad der Versklavung auszubrechen, haben die beiden „Hoffnungsträger“ unterlassen.

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