Wie Griechenland seine Banken verlor

25. November 2015 / Aufrufe: 4.159

Die Rekapitalisierung der Banken in Griechenland ist ein skandalöses Geschenk an die Hedgefonds, das Fiskus, Kleinaktionäre und Steuerzahler dutzende Milliarden Euro kostet.

Was in Griechenland in der vergangen Woche bei den Banken geschah, betrifft nicht nur die Kleinaktionäre. Es betrifft uns alle, weil das Vermögen des griechischen Fiskus auf fast unverständliche Weise entwertet wurde und ungerechtfertigt und für immer etliche Milliarden Euro verloren gingen.

Was verloren wir? Was war schuld? Was lief schief? Wer ist verantwortlich? Gibt es überhaupt jemanden, der für das Vermögen und die Zukunft des Staates Sorge trägt?

Was wir verloren

2013 pumpte der griechische Fiskus 25 Mrd. € in die Banken. Mittels aufgeschobener Steuern hat er auch von den Steuerzahlern stammende Einnahmen in Höhe von 19 Mrd. transferiert. Dafür hat er Aktien erworben, die derzeit 57% (im Durchschnitt) des Banksektors entsprechen. Aktien, die mittels der laufenden Rekapitalisierung fast völlig ihren Wert verloren haben. (Der griechische Fiskus erwarb 2013 Mehrheitspakete an der Nationalbank, Piräus Bank, Alpha Bank und Eurobank zu Preisen von entsprechend 4,29 €, 1,7 €, 0,44 € und 1,54 € pro Aktie. Die Kapitalerhöhungen im Rahmen der Rekapitalisierung werden entsprechend zu 0,02 €, 0,003 €, 0,04 € und 0,01 € pro Aktie erfolgen.)

Weil Aktien ein Börsenprodukt sind, ist es nicht einfach, den Wert der Aktien des Fiskus zu bestimmen. Es hängt von dem Timing, dem makroökonomischen Umfeld usw. ab. In der vergangenen Woche beschlossen die Hedgefonds, dass der in Rede stehende Wert bei Null liegt. Das war allerdings nicht immer so. Bei der 5. Bewertung des 2. Memorandums, wo die Zielvorgabe für das Privatisierungsprogramm revidiert wurde, betrugen die aus dem Verkauf der Bankaktien erwarteten Einnahmen 12 Mrd. €. Eine konservative Prognose, wie sie sich für eine internationale Organisation ziemt, die von der Realität 2014 übertroffen wurde, als der Wert der Aktien des Fiskus bei 18,5 Mrd. lag.

Wir verloren also etwas, das einen potentiellen Wert zwischen 12 und 18 Mrd. Euro hatte. Wir verloren etliche Milliarden für immer, selbst falls die Banken sich in Zukunft erholen sollten, wird der griechische Fiskus nur noch eine sehr geringe Beteiligung an ihrem Aktienkapital und an den zukünftigen Gewinnen haben.

Was schuld war

Das Prozedere war vollkommen verzerrt und falsch. Ungefähr so, als ob jemand gezwungen wird, sein Haus unbedingt heute und ohne Mindestpreisgrenze und mit nur einem einzigen potentiellen Käufer zu verkaufen. Der Käufer bietet einen Euro, und mit diesem 1 € wird er der neue Eigentümer!

Die im Gang befindliche Rekapitalisierung der Banken erfolgte unter sehr schlechten Umständen für das Land und unter sehr widrigen Bedingungen. Mit der Bewertung in Anhängigkeit wurden die griechischen Banken gezwungen, 10 Mrd. € vom Markt zu schöpfen, und zwar unter Ausschluss des Hauptaktionärs, also des griechischen Fiskus, und der griechischen Kleininvestoren von dem Verfahren der Kapitalerhöhung.

Es begann also ein offenes Verfahren zur Kapitalschöpfung, an dem nur die ausländischen institutionellen Investoren teilnehmen durften. Mit der schrecklichen makroökonomischen, aber auch politischen Lage des Landes blieben jedoch – und das war zu erwarten – die grundlegenden und gesunden institutionellen Investoren dem Verfahren fern. Um korrekter zu sein, unser Land befindet sich nicht einmal auf ihrer Investitions-Karte. Die einzigen, die übrig blieben um sich an dem Verfahren zu beteiligen, waren somit extrem spekulative Hedgefonds.

Es war also kein offenes Verfahren, in dem der freie Markt mit seinen Offerten eine gerechte (Wert-) Schätzung bestimmte. Es war eine Parodie, ein unter Druck erzwungenes Verfahren, bei dem es den Hedgefonds mit dem Segen der Troika und der Regierung überlassen wurde, eine Party zu organisieren. Die Hedgefonds bestimmten mit ihren Geboten den Wert, der den alten Aktionären verbleiben würde. Je geringer dieser Wert ist, um so größer ist der Wert der neuen Aktien, die sie erwerben werden. Und ohne Kontrolle, ohne Konkurrenz (der griechische Fiskus, aber auch die inländischen Investoren waren von dem Verfahren ausgeschlossen) gestalteten somit die Hedgefonds den Wert, den die alten Aktionäre, der griechische Fiskus inne hatten, also das Vermögen des griechischen Steuerzahlers.

Die Verantwortungen der Troika

Die grundlegenden Charakteristika des Rekapitalisierungsverfahrens wurden von den europäischen Mechanismen festgesetzt. Das Verbot / die Einschränkung der Beteiligung des griechischen Fiskus an dem Verfahren der Kapitalerhöhung war falsch. Und es war der maßgebliche Parameter für diese fatale Entwicklung.

Wenn das Ziel war, dass der Fiskus weniger Geld in die Kapitalerhöhungen steckt, war die Methodisierung des Verfahrens kurzsichtig und „schäbig“. Wenn dagegen das Ziel war, die Banken sofort zu privatisiert, war sie unüberlegt, unausgereift und obsessiv.

Die Verantwortungen der Regierung

Wo soll ich beginnen? Wie gelangten wir bis zu diesem Punkt? Warum benötigen die Banken Kapital? Warum fielen wir in die Rezession zurück? Warum bekamen wir Kapitalverkehrskontrollen? Warum war die Bewertung (durch die Troika) nicht abgeschlossen worden? Warum war das Thema der Zwangsversteigerungen (der Hauptwohnungen) nicht zum Abschluss gebracht worden? Warum lief das Verfahren ab, während der Finanzmarkts-Ausschuss ohne Führung war? Oder vielleicht, warum wurde eine Success-Story ausgeschlossen?

Ich werde mich auf das fokussieren, was die griechische Regierung – sei es auch im letzten Augenblick – getan haben müsste: endlich einmal ernsthaft zu verhandeln! Für Rechnung des griechischen Fiskus die Möglichkeit zur Beteiligung an den Kapitalerhöhungen mit dem Ziel zu fordern, dass der griechische Fiskus seine Anteile an den Banken beibehält. Wenn der griechische Fiskus bei den Kapitalerhöhungen 3 Mrd. Euro mehr platziert hätte als er es schließlich tat, hätte er seine Anteile beibehalten und in Zukunft einen vielfachen Wert einnehmen können.

Stattdessen führten sie vor wenigen Tagen „harte Verhandlungen“, um das öffentliche Vermögen folgendermaßen zu schützen: sie versuchten sicherzustellen, dass der Fiskus nicht verpflichtet wird, seine Bankaktien – bis 2022 muss er die von ihm besessenen Aktien veräußern – zu verkaufen, solange der Verkaufspreis nicht höher als der Einstandspreis ist. Der griechische Fiskus würde also zum Beispiel die Aktien der Eurobank nur dann verkaufen, wenn und sofern die Aktie der Eurobank einen 150 mal höheren Wert als den Preis bei der aktuellen Kapitalerhöhung erreicht, also sie eine Kapitalisierung von ungefähr 300 Mrd. erwirbt. Also … nie! Die Troika hat die Novellierung natürlich gekappt, weil sie praktisch bedeutete, dass der Fiskus seine Aktien niemals verkaufen würde. Ich führe dieses Geschehnis an, weil es die Qualität der Prioritäten und des Bezugs der Regierung zur Realität zeigt. Meiner Meinung nach hatten sie nichts kapiert.

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  1. Michael Bodmann
    25. November 2015, 18:08 | #1

    Sehr geehrter Herr Stratopoulos,
    herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Nagel zu 1000% auf den Kopf getroffen. Ich bin nämlich auch einer dieser quasi „eiskalt“ enteigneten Altaktionäre, die am 26.06. abends noch mit 10% des Invests im Plus waren (dann folgte das bekannte Wochenende 27.06-28.06.) mit dem Montag den 29.06. und allen damit verbundenen, negativen Konsequenzen (Handelsaussetzung, Kursverfall seit dem 03.08. bis hin zur Bekanntgabe der 2 Cent für neue Aktien (= Enteignung) am 19.11. nach Börsenschluss durch unfähigste Banker).
    Ich habe inzwischen die Notbremse gezogen und bin mit nun insgesamt 72% Verlust innerhalb von nur 4 Monaten bei der NBG ausgestiegen. Deshalb suche ich jetzt Mitstreiter, die einen Musterprozess gegen diese Form der Kapitalerhöhung und Zwangsenteignung (primär durch das Verweigern von Bezugsrechten für Altaktionäre in Kombination mit unzureichender Informationspolitik) in Form einer Sammelklage gegen die Vorstände der NBG führen. Wäre toll, wenn Sie sich in Ihrem Forum hierfür einsetzen und stark machen würden.
    MfG
    Michael Bodmann

    • Team
      25. November 2015, 21:01 | #2

      Im Gegensatz zu den übrigen systemischen Banken bietet die ETE / NBG auch privaten (inländischen Klein-) Investoren die Möglichkeit, ein auf 300 Mio. veranschlagtes Kontingent der neuen Aktien zu den selben Konditionen wie die (ausländischen) institutionellen Investoren zu zeichnen (= 0,02 € bzw. 0,30 € nach dem Reverse-Splitting 15:1), und zwar ohne Mindest- oder Höchstgrenze, allerdings auch ohne Bezugsrecht.
      Unter dem Strich ändert das jedoch natürlich nichts daran, dass die „alten“ Aktionäre, deren Aktien infolge politischer Entscheidungen nach einer langen Talfahrt letztendlich praktisch über Nacht völlig wertlos wurden, sich zu Recht skrupellos über den Tisch gezogen fühlen. Im übrigen versteht sich von selbst, dass entgegen gerne geschürten Klischees nicht nur sogenannte (Klein- und Möchtegern-) „Kapitalisten“, sondern u. a. ebenfalls wieder einmal die … gesetzlichen Versicherungsträger und somit im weiteren Sinn die gesamte Gesellschaft für die Zeche in die Pflicht genommen werden.

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