Die Eigentums-Paranoia in Griechenland

21. November 2015 / Aufrufe: 2.030

Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, dass in Griechenland bei den meisten Blasen seiner Wirtschaft das Eigentum im Mittelpunkt stand.

Sie werden in den Medien sicher jene naive Meinung gehört haben „Der Grieche will ein eigenes Dach über dem Kopf haben. Die Wohnung ist für die griechische Familie eine Heiligtum …„.

Es kann also angenommen werden, dass es auch hier eine Glaubensfrage ist. Die „Schlingel“ der anderen Völker der Welt haben einfach nicht diese „Zier“ und wollen keine Dächer, sondern Zelte. Vielleicht haben sie nicht unsere bedeutsamen kulturellen Elemente und folgen deswegen unserem Kodex der Werte nicht. Sie wohnen zur Miete, sie haben nicht zwei Ferienwohnungen und ein elterliches Haus auf dem Dorf und kauften nicht eine Wohnung für eine halbe Million, während ihre Einkommen unter dem Lohn eines durchschnittlichen Europäers lagen.

Für die Demokratie gibt es nichts Schlimmeres als das Kleineigentum

Die Paranoia mit dem Eigentum ist ein weiterer Trick, den das politische System aus der Natur des griechischen Staates erfand, Und mit der selben Schacher-Methode nutzte auch unser neoliberaler Premierminister die Gelegenheit aus. Er gewann die Wahlen gegen Venizelos‘ ENFIA, genau wie so viele andere Regierungen in den zweihundert Jahren des kleinen „Piraten-Fürstentums“ die Wahlen gewannen, und dann erhob er seine eigene Steuer.

Allgemein ist es keine Übertreibung, zu vertreten, dass die meisten Blasen der griechischen Wirtschaft immer das Eigentum in ihrem Mittelpunkt hatten. Wie ebenfalls auch die Zerstörung der Umwelt, die Einebnung der architektonischen Landschaft, unser weltweit einmaliges Unvermögen, ein Kataster zu haben, das Abfackeln der Wälder, der Kitsch, die städtebauliche Geschmacklosigkeit, das Zuschütten der Wasserläufe und hauptsächlich die Vertiefung der Willkür als Lebensweise in allen Manifestationen des öffentlichen Lebens.

Alles begann jedoch mit der Verteilung des „nationalen Grund und Bodens“. Die Landgüter, die Stiftsländereien, die Ländereien der Kirche, die Äcker, die Immobilien, alles was auf dem griechischen Staatsgebiet existierte, wurde auf eine solche Weise verteilt, dass alle zufrieden sind und keine gesellschaftlichen Spannungen entstehen. Demokratisch? Gesellschaftlich gerecht? So scheint es, ist es aber nicht. Weil es alle Griechen zu Kleineigentümern machte. Und für die Demokratie gibt es nichts Schlimmeres als das Kleineigentum. Das Land schritt nicht zu seiner Urbanisierung, die Abhängigkeitsnetze der schwachen Bauern wurden stärker, es wurden keine Industriebetriebe gegründet und die Regierungen spielten immer mit dem riesigen Wunsch des unterdrückten Griechen, mittels des Eigentums frei zu werden.

Die Illusion vom Reichtum ohne Pflichten und Leistungen

Und jetzt? Nun, wo nach der Illusion des riesigen Reichtums die Entwertung des Vermögens kommt? Was jetzt, wo Alexis Tsipras jedes „Dach“, das ihm vor die Füße kommt, mit Steuern und Zwangsversteigerungen „platt“ macht? Aber wir waren doch alle damit einverstanden. Auf der einen Seite machten wir bei der ungeheuren Immobilienblase mit, und auf der anderen Seite ließen wir uns von den Versprechungen der SYRIZA bezüglich der Befreiung von jeder Verpflichtung den Kopf verdrehen.

Und das Schlimme ist, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was die anderen tun. Wir wollten nicht einmal erfahren, dass die ENFIA in den meisten Ländern der Welt seit Jahrzehnten existiert, dass die Einheitswerte mit den Marktpreisen einhergehen, dass sie weder Schwarzbauten errichten noch legalisieren, dass in Berlin nur 30% der Bevölkerung in Eigentum wohnen und dass die Werte der Immobilien immer an eine einschlägige Produktivität – sei es auch von Börsengeld – gekoppelt sind. Beschäftigte es uns nie, dass es nicht angehen kann, dass Athen Immobilienpreise wie in Paris und London hat?

Es ist also die Stunde gekommen, uns von dem memorandischen Steuerabzocker Tsipras ein weiteres Mal verraten zu fühlen. Von jenem, der seine neoliberalen Politiken umsetzen und uns die Hauptwohnung wegnehmen will – wobei ich nicht begriffen habe, seit wann sie, mit einer Hypothek belastet, überhaupt uns gehörte. Es ist der Moment gekommen, zu kapieren, wie es geht, eines Morgens aufzuwachen und sich nicht als „reich“ und „König“ zu fühlen, weil dieser schlitzohrige Staat uns mit der Illusion berieselte, ohne Verpflichtungen und Gegenleistungen Millionäre zu sein.

Es bleibt abzuwarten, ob wir dieses Mal vielleicht endlich merken, dass der Reichtum woanders und nicht nur im Eigentum liegt. Er liegt in den wirklich kostenlosen Schulen – ohne private Nachhilfeschulen, in den organisierten Universitäten, in den ordentlichen Infrastrukturen, in der sauberen Umwelt und in dem berühmten Sozialstaat, den wir so sehr lieben, jedoch nie stützen. Wenn all dies unsere wirklichen Wünsche wären, würde uns vielleicht niemals irgendein Tsipras hereinlegen können, indem er mit unseren niederen Instinkten spielt. Und wären wir uns des Problems bewusst gewesen, hätten wir vor allem nicht zugelassen, dass die wirklich Bedürftigen zu Gunsten der anderen, der wertvollen „Kostgänger“ des Klientel-Staates vernichtet werden.

(Quelle: protagon.gr, Autor: Andreas Zampoukas)

  1. EuroTanic
    21. November 2015, 16:07 | #1

    Der Sozialstaat ist eine Illusion, ein Betrugsmodell. Denn der Staat kann keinen Wohlstand schaffen. Bestenfalls kann er „Geld“, das er vorher irgendwem weggenommen hat, anderen zuteilen. Im Normalfall vernichtet der Staat aber Wohlstand (Fehlallokation, Lobbyismus, Bürokratie, Korruption …). Das Geld kann nur von den schaffenden Bürgern selbst kommen. Warum sollte der Bürger also 100% Geld an einen unproduktiven, korrupten, verlobbyiierten Staat abdrücken, wenn er danach über Almosen in Form von Renten, Kindergeld, Steuerrückzahlungen … sein eigenes Geld nur zu 30-50% wieder erhält? Das ist doch grober Unsinn? Ein Schildbürgerstreich? Lasst das Geld doch lieber gleich bei den Bürgern, damit diese das damit machen was sie für richtig halten. Ich bin mir sicher, dass dieses „direkte“ Geld dann in Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Strassen, Parks fliessen wird und nicht in Panzer, Bankenrettungen oder Aufsichtsratsgehälter …

  2. Ingrid
    21. November 2015, 16:26 | #2

    WOW! Ein Artikel, der auf charmante und einfach verstaendliche Art beschreibt, was Griechenland und seine Menschen so „besonders“ macht. Der auch zeigt, warum es die heutigen Probleme gibt. Daraus ergibt sich im Rueckkehrschluss die Logik, wie und wo angesetzt werden muesste, Griechenland aus der Krise zu steuern.

  3. Götterbote
    22. November 2015, 22:04 | #3

    Es mag Wahrheiten in diesem Artikel gebe, aber eine Wahrheit ist auch, dass der Weg der Griechen, sich Immobilien-Eigentum anzuschaffen das Vernünftigste der Welt ist und es ein Menschen-Grundrecht sein sollte, dieses ohne Steuerbelastungen und mit Pfändungsschutz bewohnen zu können. Und jeder Staat sollte das Ziel haben, seinen Bürgern diesen „Reichtum“ zu ermöglichen.

  4. LiFe
    23. November 2015, 22:20 | #4

    Man muss dabei auch berücksichtigen, dass viele Griechen als Gastarbeiter in den 60er Jahren mit viel Fleiß, Müh und Entbehrungen die Häuser erarbeitet hatten. Und ich meine, dass sie würdevolles Leben verdient haben.

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