Griechenlands Bürger wurden um 30 Prozent „verarmt“

26. Oktober 2015 / Aktualisiert: 06. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.035

Laut einer Studie der Alpha Bank wurden in Griechenland die Bürger seit Ausbruch der Wirtschaftskrise um rund 30 Prozent verarmt und 228000 wanderten aus.

Die privaten Haushalte in Griechenland haben in dem Zeitraum 2008 – (Juni) 2015 insgesamt 28,9% ihres gesamten Reichtums verloren, während derweilen in den Jahren 2009 – 2013 insgesamt 228.000 Griechen auswanderten.

Dies stellen die Analysten der Alpha Bank in einer Studie fest, welche die Veränderung des Niveaus des Wohlstands in Griechenland während der Dauer der wirtschaftlichen Krise zum Thema hat.

Reichtum definiert sich nicht nur über Geld …

Die Alpha Bank betont in ihrer Studie, dass die Änderung des Niveaus des Wohlstands in Griechenland üblicherweise in der Untersuchung der Variablen – Flüsse abgebildet wird, wie es das verfügbare Einkommen, der private Konsum und die nationalen Sparguthaben sind. Konkret merken die Analysten der Bank ebenfalls an, dass jedoch ein signifikantes Element, das sowohl den aktuellen Wohlstand als auch die Zukunftserwartungen der Bürger eines Landes beeinflusst, die Änderung des Wertes ihres Reichtums ist, der eine Rücklagen-Konstante darstellt. Es lohnt sich also, die Auswirkungen der Krise auch auf diesem Sektor zu erforschen und dabei bei dem Thema der Definition zu beginnen, führt die Studie an.

Netto-Reichtum der Haushalte in ausgewählten Ländern der Eurozone
Privatverschuldunggeldwirtschaftlicher Reichtumnicht geldwirtschaftlicher Reichtum
(kumulierte Änderungen in % – Quelle der Graphik: Imerisia)

Spanien Entwicklung des Netto-Reichtums der Haushalte in ausgewählten Ländern der Eurozone 2008 - 2015
Portugal
Italien
Irland
Deutschland
Griechenland

Die grundlegenden Elemente, die den Reichtum der privaten Haushalte bilden, sind der finanzwirtschaftliche Reichtum, also Barvermögen und mobile Werte (Obligationen, Aktientitel usw.), der nicht finanzwirtschaftliche Reichtum, der hauptsächlich über die Werte der Immobilien tangiert wird, und schließlich das Humankapital, das sich als aktueller Wert der erhofften Bezüge während der gesamten Dauer des Lebenszyklus der Person (lifetime income approach) tangieren lässt. Dabei stellt die – staatliche und private – Investition in die Bildung vor und nach dem Eintritt in den Arbeitsmarkt den Basisfaktor für die Aufwertung des Humankapitals dar.

Der Netto-Reichtum der Haushalte ist als die Differenz der Summe des aktuellen Wertes des finanzwirtschaftlichen und nicht finanzwirtschaftlichen Reichtums zu der Summe ihrer privaten Verschuldung definiert. Konkret wird veranschlagt, dass die griechischen Haushalte in der Periode 2008 – (Juni) 2015 kumulativ 28,9% der Summe ihrer materiellen Aktiva verloren haben. Dieser Rückgang ist der größte unter den ausgewählten Ländern der Eurozone und es folgen Portugal und Spanien, wogegen Deutschland die geringsten Verluste verzeichnet.

Kontinuierliche Überbesteuerung immobilen Vermögens

Aus der Analyse der in Rede stehenden Fakten geht hervor, dass unter den europäischen Ländern die Haushalte in Griechenland den größten Rückgang des nicht finanzwirtschaftlichen Reichtums verzeichneten. Diese Entwicklung geht mit dem Niedergang des Immobilienmarkts einher, der sich – wenn auch in geringerer Intensität – bis heute fortsetzt. Spezieller wird der – nach dem in der Periode 2004 – 2007 vorausgegangen großen Anstieg um 33% (Angaben der Griechischen Bank) – steile Absturz der Wohnimmobilien in der Periode 2009 – 2015 (2. Quartal) um 37,9% notiert.

Es ist anzumerken wert, dass der signifikante Anstieg der Marktpreise der Immobilien in Griechenland nicht das Resultat spekulativer Tendenzen zwecks Erzielung von Kapitalerträgen war, sondern hauptsächlich aus dem von den griechischen Haushalten adoptierten Nachkriegs-Modell des gesellschaftlichen Status herrührte.

Dieses spezielle Verhaltensmuster der griechischen Haushalte wurde jedoch durch die Einführung einer inzwischen dauerhaften hohen steuerlichen Belastung des immobilen Vermögens – hauptsächlich mittels der sogenannten Einheitlichen Immobilien-Besitzsteuer (ENFIA) – „gekippt“, was sich ungünstig auf den Immobilienmarkt auswirkt und die Nachfrage weiter entmutigt.

Griechenland blutet aus …

Es wird offensichtlich, dass in der in Rede stehenden Analyse nicht das Humankapital umfasst ist, dessen Bewertung besonders misslich ist. Griechenland gewährt jedoch öffentliche Bildung in allen Stufen der Ausbildung, die mit Geldern der Steuerzahlern finanziert wird. Parallel finanziert die durchschnittliche griechische Familie sehr häufig Auslandsstudien hohen Niveaus. Die Abwanderung von Akademikern und Fachkräften (oder ihr Verbleib nach dem Abschluss des Studiums im Ausland) stellt einen signifikanten Verlust für das Produktionspotential und folglich das Humankapital des Landes dar (brain drain).

Das Phänomen des Abflusses des Humankapitals hat in Griechenland in der Periode der Wirtschaftskrise Dimensionen angenommen, da die am besten ausgebildeten Arbeitskräfte in anderen Ländern nach besseren Lebensbedingungen bei höheren Bezügen und der Aussicht auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg suchen.

Es sei angemerkt, dass zwischen 2009 und 2013 insgesamt 228.000 Griechen ausgewandert sind, welche Tendenz sich auch 2014 fortsetzte. Die Hauptgründe für den Abfluss des akademischen und spezialisierten Arbeitskräftepotentials aus Griechenland hängen mit wirtschaftlichen, aber auch anderen – nicht wirtschaftlichen – Faktoren zusammen.

Die wirtschaftlichen Faktoren beziehen sich auf den sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenquote bei den jungen Leuten, in Kombination mit einem gleichzeitigen signifikanten Rückgang des verfügbaren Einkommens der Haushalte. Das Unvermögen, Arbeit zu finden, aber auch der Rückgang der Bezüge führen die Akademiker zur Arbeitssuche in weiter als Griechenland entwickelten Ländern.

(Quelle: dikaiologitika.gr)

  1. Protagoras
    26. Oktober 2015, 18:25 | #1

    Die Umverteilung des Kapitalvermögens zugunsten einer winzig kleinen Minderheit macht rasante Fortschritte. Der Kahlschlag bei den “ kleinen Leuten“ ist international. Die deutschen Sparer verloren aufgrund der Niedrigzinspolitik 30 Milliarden Euro. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Griechenland ist der Versuchsballon für die internationalen Kleptokraten. Nur Solidarität mit dem griechischen Volk böte dem Einhalt, aber Hetzer auf allen Seiten verhindern das leider immer noch.

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