Griechenland eliminiert seinen Mittelstand

6. Oktober 2015 / Aufrufe: 934

Die Auswertung der diesjährigen Steuererklärungen in Griechenland weist über fünf Millionen Personen mit Jahreseinkommen von unter 12000 Euro aus.

Während der Finanzstab der Regierung Griechenlands Szenarien schmiedet, die sogar auch eine Anhebung des Einkommensteuerfreibetrags auf 12.000 Euro vorsehen, geben von der Zeitung „Kathimerini“ zusammengetragene Informationen über die Auswertung der diesjährigen Steuererklärungen (bezüglich der Einkommen des Jahres 2014) eine … massenweise Verlagerung der Bevölkerung zu den untersten Einkommensstufen.

Von ungefähr 5,9 Mio. bis einschließlich Ende August 2015 eingereichten gemeinsamen Steuererklärungen zeigten 3,7 Mio. bzw. der explosive Anteil von 62,82% Familieneinkommen von unter 12.000 Euro. Seit 2010 – dem Jahr des Beginns der Umsetzung der Memoranden – bis heute hat der Anteil der ärmeren Steuerpflichtigen um 14 Prozentpunkte zugenommen. 2010 betrug die Anzahl der Steuerpflichtigen mit Familieneinkommen von unter 12.000 Euro 2,782 Mio. Personen, also im Verhältnis zu heute ungefähr eine Million weniger.

63% der Haushalte zahlen keine Einkommensteuer mehr

Es ergibt sich folglich, dass 63% der Familien in Griechenland – entweder wegen des Rückgangs ihrer Einkommen oder wegen ausgedehnter Steuerhinterziehung – aufgehört haben, zu den steuerlichen Lasten beizutragen, und damit die „Gesamtrechnung“ der Einkommensteuer natürlicher Personen – auf Jahresbasis über 8 Mrd. Euro – die 3,3 Mio. Haushalte stemmen lassen, die mit mehr als 1.000 Euro im Monat zu leben erscheinen.

Es ist also offensichtlich, dass die „Losung“ bezüglich eines Einkommensteuerfreibetrags von 12.000 Euro einen breiten politischen Widerhall hat, da er die überwältigende Mehrheit der Steuerpflichtigen berührt – auch wenn in der Realität der Pro-Kopf-Vorteil angesichts der Tatsache gering ist, dass der Steuerfreibetrag sich schon derzeit auf 9.550 Euro gestaltet. (Anmerkung: Letzteres ist insofern unzutreffend, als besagter Freibetrag allgemein nur für Einkommen aus abhängiger Arbeit und Renten gilt!)

Auf der anderen Seite hat der Steuerfreibetrag aber auch große fiskalische Kosten. Selbst wenn man den unteren Einkommensstufen nur 200 Euro „spendiert“, kann die Rechnung 600 – 700 Mio. Euro übersteigen, wenn die „Population“ der Begünstigten zwei oder drei Millionen Personen übersteigt. Zumal, wenn in diese „Population“ Rentiers, Landwirte und Gewerbetreibende einbezogen werden, die derzeit ab dem ersten Euro (also ohne jeglichen Freibetrag) mit Steuersätzen von entsprechend 13% oder 26% besteuert werden. (Anmerkung: Auch dies ist irreführend, da unter Berücksichtigung der jüngst verabschiedeten und zum Teil ab Anfang 2014 rückwirkend in Kraft gesetzten neuen Steuerbestimmungen die Gesamtbelastung bis zu über 45% ab dem ersten Euro erreicht!)

Es sei angemerkt, dass die angeführten Angaben sich auf das Familieneinkommen und nicht auf das persönliche Einkommen beziehen. In Wirklichkeit übersteigt die Anzahl der Steuerpflichtigen mit einem persönlichen Jahreseinkommen von unter 12.000 Euro einen Anteil von 5 Millionen der insgesamt ungefähr acht Millionen Steuerpflichtigen.

Ungeheure Einkommensverluste seit 2010

Bei einem Vergleich der Ergebnisse der diesjährigen Abrechnung der Einkommensteuer (für Einkommen des Jahres 2014) mit den entsprechenden Ergebnissen des Jahres 2010 (für Einkommen des Jahres 2009) ergeben sich beeindruckende Resultate:

  • Die „Reichen“, auf die sich das politische System in letzter Zeit häufig bezieht, stellen inzwischen eine vom Aussterben bedrohte Spezies dar. Die Anzahl Derer mit einem Familieneinkommen von über 100.000 sank von 38.549 im Jahr 2010 auf 25.000 im Jahr 2014. Bereits bei Einkommen ab 100.000 Euro erreicht die Besteuerung bis zu 48%.
  • Die Anzahl Derer mit einem Familieneinkommen von 50.000 bis 100.000 Euro sank von 244.884 im Jahr 2010 auf gerade einmal 110.000 im Jahr 2014. Entsprechend wurde das sich auf sie verteilende Einkommen von 15,8 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 7,1 Mrd. Euro im Jahr 2014 beschnitten.
  • In das Segment ab 30.000 bis 50.000 Euro fallen mittlerweile nur noch 400.000 Familien, gegenüber 604.000 im Jahr 2010. Auch in diesem Segment zeigt sich ein Zusammenbruch des deklarierten Einkommens von 23 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 14 Mrd. Euro im Jahr 2014.
  • Diejenigen mit einem Einkommen ab 20.000 bis 30.000 Euro – hierzu zählen alle, die etwa 1.500 Euro im Monat beziehen … und als Vermögende bezichtigt wurden – zählen mittlerweile 550.000, gegenüber 752.086 im Jahr 2010 (immer auf das Familieneinkommen bezogen). Auch in dieser Kategorie brach das Einkommen von 18,4 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 14 Mrd. Euro im Jahr 2014 zusammen.

Die Daten enthüllen, dass die sogenannte „Mittelschicht“, also Diejenigen mit einem Familieneinkommen ab 20.000 bis 50.000 Euro ungeheure Konsequenzen aus der Krise erlitten haben und 30% ihres Einkommens verloren.

(Quelle: Kathimerini, Autor: Thanos Tsiros)

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