Griechenlands Bürger müssen den Staat beklauen

12. August 2015 / Aufrufe: 2.910
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Vielen Steuerzahlern in Griechenland bleibt gar nichts anderes übrig als den Staat bestehlen zu müssen um seine Forderungen bezahlen zu können.

Was? Steuern? Ich soll Steuern zahlen? Warum? Bin ich blöd? Sollen das doch die Jungs dahinten machen„, meinte der am Steuer eines Wagens sitzende Herr mit der Mine eines Schlaumeiers. Danach wendete er den Kopf um nach hinten zu schauen: drei Personen schoben sein Auto eine Steigung hinauf, während die Stimme des Erzählers sagte: „Wie lange noch werden Sie die Steuerhinterzieher tolerieren? Widersetzen Sie sich, verlangen Sie Quittungen.“ Und der Spot endete mit einem Motto, das für eine ganze Epoche zum Meilenstein wurde: Liebst Du Griechenland? Quittung!

Solange ich ein Kind war, überzeugte das Motto mich. Ich erinnere mich, dass ich jedes Mal, wenn wir einkaufen gingen, meine Eltern streng anschaute: Liebt Ihr Griechenland? Quittung! (Ich hege den Verdacht, ihnen damals mit meinem Tick auf die Nerven gegangen zu sein.)

Ich bin kein Mensch, der sich von anderen schieben lassen möchte

Als auch ich zum Steuerpflichtigen wurde, verstand ich natürlich. Solche lächerlich naiven und völlig verfehlten Losungen können nur ein Kind überzeugen. Wer sie sich ausdenkt, ist entweder ein in Griechenland gestrandeter Alien oder beharrt darauf, die Gründe zu ignorieren, die den durchschnittlichen Griechen dazu führen, den Staat zu bestehlen.

Und warum sollte ich den Staat nicht bestehlen? Warum sollte ich diesem Staat gegenüber steuerlich gewissenhaft sein? Was tut er für mich? Stellt er mir Arbeit sicher? Fürsorge? Sicherheit? Bildung? Der Staat tut absolut nichts für mich. Er gibt mir nicht einmal Hoffnung für die Zukunft. Und nun verhöhnt er mich unverhüllt mehr als je zuvor, er verlangt von mir, ihm etwas zu geben, von dem er weiß, dass ich es nicht habe und auf keinen Fall aufzutreiben vermag, wenn ich nicht „schwarz“ arbeite.

Die Dinge sind simpel. Ich befinde mich an dem Punkt, entweder den Statt bestehlen zu müssen um ihn bezahlen zu können, oder ich bestehle ihn nicht und er wird ganz einfach nicht die verlangten Steuern bekommen und mich zum Schuldner haben. Das fiskalische „schwarze Loch“ vermeidet er jedenfalls nicht. Zwei und zwei machen vier, das ist simple Mathematik.

Bin ich an der Lage schuld, in die ich geraten bin? Bin ich schuld, dass der Klempner mir sagen wird „80 Euro mit Quittung, 50 Euro ohne“ und ich letzteres vorziehen werde, weil ich an dem Punkt angelangt bin, 7 Tage in der Woche für ein Taschengeld zu arbeiten und die 30 Euro brauche, um etwas zu essen? Ich bin nicht der Schlaumeier, der sich darin gefällt, sein Auto von anderen schieben zu lassen, ich bin der arme Teufel, der – wenn er alles legal macht – sein Auto nicht allein zu bewegen vermag, wie es sein müsste.

PS: Ich werde jetzt auch um den Liegestuhl am Strand feilschen, um den Staat auch dort zu beklauen. (Ach, ich vergaß: Ich habe noch nie eine Quittung für einen Liegestuhl erhalten.)

(Quelle: protagon.gr, Autorin: Lila Stampouloglou)

  1. HJM
    13. August 2015, 00:59 | #1

    Ich habe in vielen, vielen Jahren eine sehr ordentliche Menge an Drachmen und Euros in diesem schönen Griechenland ausgegeben. Quittungen oder gar Rechnungen gab es bis geschätzt 2008 eigentlich nie, naja, manchmal schon. Allerdings wurden Absprachen eingehalten und mein Ausländer-Aufschlag bewegte sich in tolerierbarem Rahmen. Wie all dies „steuermässig“ lief, habe ich nie verstanden, wollte ich vermutlich auch lieber nicht. Was jedoch über all diese Jahre gleich war und bis heute (?) gleichgeblieben ist, war / ist die schulterzuckende Reaktion, sobald es um Dinge ging, die womöglich dem „Gemeinwohl“ gedient hätten. „Das ist doch nicht meine Sache, dafür ist der Staat zuständig, die Gemeinde, der Bürgermeister persönlich„. Mal vor sich hin gammelnde Palmen pflegen? „Sag’s der Gemeinde …“ Müll in die Mülltonne entsorgen und nicht daneben werfen, möglichst noch direkt aus dem Fahrzeug heraus? „Ja, macht doch die Müllabfuhr …“ All dies sind vielleicht Petitessen, all dies hat nichts mit „links“ oder „rechts“ zu tun, das war im übrigen auch keineswegs immer „so“ (war aber, wie mir erzählt wird, „vor meiner Zeit“). Aber diese Petitessen sind kennzeichnend. Ein Recht auf einen funktionierenden Staat ohne Gegenleistung gibt es nicht.

  2. EuroTanic
    13. August 2015, 09:35 | #2

    Steuern sind, sofern nicht freiwillig gezahlt, generell Diebstahl. Regierungen sind für mich generell ganz gewöhnliche Diebe. Einem Dieb die Beute vorzuenthalten ist für mich keine Straftat, sondern Bürgerpflicht.

  3. jörg
    13. August 2015, 16:05 | #3

    nun ja so ganz kann ich den Artikel nicht einordnen. Ist das Ironie oder Ernst gemeint? Eigentlich sollte jedem klar sein, das auch der Staat seine Einahmen braucht, mit denen er seine Ausgaben tätig. Das sind in diesem Fall die Steuern und keinesfalls wie hier geschrieben eine Beute.

  4. LiFe
    13. August 2015, 17:14 | #4

    An sich sind Steuern eine gute Sache. Nur leider werden Steuern verschleudert, bzw. mit Gelder nicht sorgfältig umgegangen. So wurden Flughäfen, Autobahnen im Osten gebaut, man dachte es würden sich Industrien niederlassen. Die Industrien kamen nicht an und die Flughäfen können bis heute nicht genutzt werden. Brücken wurden für Landwirte über Autobahnen gebaut, man hatte versäumt die Landmaschinen der Landwirte zu messen, die Brücken zu eng und sie können nicht passiert werden. Prestigeobjekte wurden gebaut, die Eröffnungstermine konnten nicht eingehalten werden, weil die Kosten explodierten. Pleiten und Pannen, vom Staat verursacht können recht schmerzvoll für Bürger sein, wenn sie von Zahnärzten Kostenvoranschläge präsentiert bekommen, weil fehlende Zähne saniert werden müssen. Fehlende Zähne im Gebiss können Mägen belasten, da der Mensch nicht ordentlich Nahrungen zerkauen kann. Ein Teufelskreis nimmt kein Ende, wenn mit Geld nicht sorgfältig umgegangen wird. Den Staat betrügen will im Prinzip niemand, ich denke umgekehrt, wer hart sein Geld verdienen muss, der möchte nicht Gefahr laufen selber Pleite zu gehen, denn er müsste sich zwangläufig als der Betrogene fühlen. Der Staat en gros, er weiss sich zu retten, der Mensch, er kann so fleißig sein, nicht.

  5. V 99%
    13. August 2015, 21:43 | #5

    Die Autorin des Artikels mag ja fuer die momentan vorherrschende Situation vieler Menschen in GR recht habe, jedoch vergisst sie, dass genau diese Einstellung zu einem erheblichen Teil Schuld an der heutigen Situation traegt. Es gab eine Zeit, wo jeder, auch der, der es sich locker haette lesten koennen, genau so gedacht und gehandelt hat. Klar versenkt so mancher Staat das eine oder andere Millioenchen für sinnlose Projekte, nur wodurch ist das denn ueberhaupt moeglich? Durch ein funktionierendes Steuersystem, davon ist GR, trotz Hilfspakete etc. weit entfernt und wird es, wenn diese Grundeinstellung der Menschen sich nicht aendert, auch bleiben.

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