Griechenland-Krise bescherte Deutschland Milliarden-Profite

12. August 2015 / Aktualisiert: 05. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.723

Laut dem Leibniz-Institut profitierte Deutschland wie nur wenige andere Staaten von der Krise im europäischen Süden und speziell in Griechenland.

Das Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) betont in einer jüngst an die Öffentlichkeit gegebenen Untersuchung, dass Deutschland – das gegenüber Athen eine harte Linie einhält – signifikant von der wirtschaftlichen und finanziellen Krise Griechenlands profitiert hat.

Laut den Berechnungen des deutschen Instituts hat Deutschland seit dem Beginn der griechischen Krise im Jahr 2010 eine Einsparung fiskalischer Mittel in Höhe von ungefähr 100 Milliarden Euro bzw. mehr als 3% seines BIP realisieren können. „Diese Einsparungen übersteigen die Kosten der Krise sogar selbst auch dann, wenn Griechenland seine Schulden (in ihrer nominalen Höhe) nicht bezahlt„, schreiben die Ökonomen des Leibniz-Instituts und fahren fort: „Deutschland hat also auf jeden Fall von der Krise profitiert.

Die Krise trieb die Investoren zu besonders „sicheren“ Platzierungen

Die Experten des Instituts stellten Simulationen auf Basis eines Modells des Instituts an, was ohne die Krise und mit der Krise geschehen wäre, um zu ermitteln, wie die Zinssätze der deutschen Anleihen geschwankt und welche ihre Platzierungen gewesen wären, wobei sie zu der offensichtlichen Schlussfolgerung kamen, dass die Krise die Investoren dazu trieb, möglichst sichere Platzierungen vorzunehmen. „Während der Dauer der europäischen Schuldenkrise profitierte deswegen Deutschland auf unverhältnismäßige Weise.

Das Institut versuchte ebenfalls einzuschätzen, welche die Auswirkungen einer neutralen Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) für Deutschland in der selben Periode gewesen wären. Auf Basis der Berechnungen des Instituts hätten seit 2010 bis heute die durchschnittlichen Finanzierungszinssätze Deutschlands „um 3% höher als in der Realität“ gelegen, und dieser Umstand bedeutet, dass Berlin eine „in den letzten viereinhalb Jahren eine Einsparung fiskalischer Aufwendungen von insgesamt wenigstens 100 Milliarden Euro“ realisierte.

Die Untersuchung des Leibniz-Instituts betont, dass die signifikanten politischen Ereignisse und Kollisionen während der Dauer der Krise und die Schwankung der Zinssätze der deutschen Anleihen miteinander verknüpft waren. Der Zinssatz der Bonds, der deutschen 10-Jahres-Anleihen, die in der Eurozone die Referenz-Titel darstellen, stürzte steil ab, als die Märkte Nachrichten in Zusammenhang mit Griechenland erfuhren, die sie als negativ auffassten, wie beispielsweise den Beschluss des Premierministers Alexis Tsipras, eine Referendum über die von den Gläubigern verlangten Reformen durchzuführen. Auf gleiche Weise stiegen die Zinssätze der deutschen Anleihen an, wenn positive Nachrichten über Griechenland verbreitet wurden.

Skandalöse Abtretung 14 peripherer Flughäfen in Griechenland

Außerdem hat sich Deutschland signifikanter Verträge im Rahmen der Privatisierungen versichert, die Athen seit 2011 in Gegenleistung für seine Finanzierung durch die Europäer vorgenommen hat. So erlangte beispielsweise jüngst die deutsche Fraport AG, die mit einer griechischen Firma (konkret der Slentel Ltd des Copelouzos-Konzerns) in Verbindung steht, den (nicht nur in Griechenland als skandalös charakterisierten) Zuschlag für die Abtretung 14 – einschließlich einiger an besonders populären touristischen Zielen wie Kerkyra (Corfu) und Rhodos gelegenen – peripherer Flughäfen in Griechenland für gerade einmal 1,2 Mrd. Euro. (Siehe auch Provinzflughäfen in Griechenland werden unerschwinglich)

Berlin hält in der griechischen Krise einen besonders harten Ton bei und beharrt trotz der Strangulierung, welche die griechische Wirtschaft durchmacht, kontinuierlich auf der Umsetzung der Austeritäts-Maßnahmen. Es wurde von gewissen Ökonomen und Politikern beschuldigt, bei den jüngsten Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern im Juli 2015 über das dritte Programm praktisch Befehle – Diktate – erlassen zu haben.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hatte den deutschen Steuerzahlern verbindlich zugesagt, das dritte Programm zur Stützung der griechischen Wirtschaft werde sie nichts kosten. Berlin widersetzt sich auch weiterhin resolut der Senkung des nominalen Wertes der griechischen Verschuldung, welche die meisten Ökonomen und bestimmte internationale Finanzträger wie der IWF mit über 170% des BIP als nicht tragfähig betrachten.

Das Leibniz-Institut merkt in seiner Studie weiter an, dass auch andere – europäische und nicht europäische – Länder wie Frankreich, Holland, aber auch die USA ebenfalls auf die selbe Weise von der Krise profitierten, wenn auch in geringerem Maßstab.

(Quelle: Imerisia)

  1. Gandalf
    12. August 2015, 18:45 | #1

    100% Richtig! Deutschland hat davon profitiert! …es hat davon profitiert das es den Anschein hat, das hier die Schulden auch wieder zurückbezahlt werden. Aber selbst bei Annahme das die BRD Krisengewinnler ist … haben die Deutschen Bundesbürger einen Milliardenverlust durch die Niedrigzinspolitik (Anlagen, Lebensversicherungen, Rentenverluste etc.).

  2. GR-Block
    13. August 2015, 10:44 | #2

    Sehr richtig! Die immensen „Verluste“ an gewohnheitsmäßigem Gewinn sind für uns in D kaum zu ertragen. Von der eigenen Arbeit zu Leben ist dagegen viel schwieriger, als sein Geld „arbeiten“ zu lassen.
    Immer wenn ein EURO-Politiker in Ländern wie GR einen Staatsauftrag an einen EU-Konzern unterschrieb, sorgte er für hoch bezahlte Arbeitsplätze… v.a. im Ausland. Gleichzeitig erhöhte er die Staatsschulden und damit den Zinsabfluss in die Privatwirtschaft, also an internationale Banken. Gleichzeitig legten europäische Sozialversicherer ihre viel zu geringen Einnahmen in lukrative, hoch verzinste Staatsanleihen dieser Länder an, deren Dividende um so mehr stieg, je mehr diese durch die EU verschuldet wurden. (Bis zur Agenda 2010 erhielt ein Arbeiter eine Voll-Rente von 75% des Brutto, also weit mehr als er jemals Netto verdiente)
    Mit der amerikanisch initiierten Bankenkrise heute, nutzt die Privatwirtschaft die seltene Gelegenheit, sog. „Hilfen“ über die bankrotten Länder in die Privatwirtschaft zu schieben. Nimmt man alle Bankenrettungen der letzten 5 Jahre in der EU zusammen, dann kommt auf einen billionenschweren Betrag. Allein D hatte 500 Mrd in die „eigenen“ Banken gesteckt, ohne die 60-80 Mrd, die über GR dorthin gelangten.

    Der Wunsch mancher Völker aus diesem System auszubrechen ist zwar legitim, technisch aber nicht möglich. Denn dieses kann nur die EU selbst beschließen nicht das Volk. Im Fall GRs waren das die Regierungen Papandreou und Samaras. Und ja, auch die Regierung Tsipras ist dort die EU. SIE beschließt, ob das System von explodierenden Gewinnen für die Einen und Transferleistungen für die Anderen abgeschafft wird oder nicht.
    Die europäischen (und amerikanischen) Eliten haben beschlossen, D zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung Europas zu machen und alle anderen sollen zuarbeiten, d.h. auf ihre ökonomische Unabhängigkeit weitgehend verzichten. Was aber ist der heilige Zweck, dieser konzertierten Aktion? Gegen wen rüstet man auf?

  3. Griechenlandfreund
    13. August 2015, 17:07 | #3

    Die Studie behandelt nur die Zinsaufwendungen „des Staates“, nicht jedoch die vielfach höheren Einnahmeverluste aller Menschen und Unternehmen in Deutschland aufgrund des langjährig extrem niedrigen Zinsniveaus. Alle entsprechenden Studien zeigen, dass diese „Kosten“ seit 2010 ein Vielfaches der 100 Mrd. € Zinseinsparung des Staates ausmachen.

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