Stunde Null für Unternehmen in Griechenland

18. Juli 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 1.297

Die Entwicklungen in Griechenland haben der Wirtschaft des Landes immensen Schaden zugefügt, während parallel eine rapide Verschlechterung der Versorgungslage droht.

Aus den Komplikationen, welche die Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland verursachten, hat das griechische Unternehmertum einen ernsthaften Schlag erhalten. Der Liquiditätsmangel und die Beschränkungen bei dem Kapitalverkehr lassen Importe und Exporte versinken und niemand vermag die Welle der Verluste vorauszusehen, die noch folgen werden.

Die Entscheidung zur Durchführung Referendums und der Beschluss zur Verhängung von Kapitalverkehrskontrollen bei den griechischen Banken haben für tausende Unternehmen und Arbeitnehmer beispiellose Umstände einer Strangulierung geschaffen. Die Erklärung des neuen Finanzministers Evklidis Tsakalotos, „es besteht der Wille zu einem Neuanfang„, mag die Hoffnungen beflügelt haben, die Botschaften aus dem Raum der Unternehmen sind jedoch weiterhin überhaupt nicht ermutigend.

Verluste nach Branchen

Laut einem Informationsreport des Instituts für Handel und Dienstleistungen (INEMY) des Griechischen Verbands für Handel und Unternehmertum (ESEE) sind die Umsätze der Handelsgeschäfte im letzten Monat im Vergleich zu dem entsprechen Zeitraum des Jahres 2014 um 5% niedriger, wobei allerdings in Unterbranchen des Einzelhandels – wie Lebensmittel und Treibstoffe – ein signifikanter Anstieg der Größenordnung von 30% verzeichnet wird. Die beharrlichen Forderungen inländischer und griechischer Lieferunternehmen nach Bezahlung der Bestellungen in bar, in Kombination mit dem unvorhersehbaren Verhalten der Konsumenten, sind die beiden Hauptfaktoren, welche Prognosen über einen genügenden Vorrat an Produkten nicht gestatten. Ebenfalls lauert die Gefahr, dass es mit den sich zeigenden Versorgungsmängeln sowohl Preiserhöhungen bei Produkten als auch Phänomene der Wucherei geben wird.

Die Mehrheit der Importunternehmen stellten die Lieferungen ein oder schränkten sie im besten Fall ein, da Ungewissheit über die Möglichkeit zur Bezahlung ihrer Lieferanten besteht, wobei sie auch nicht das Risiko der bankübergreifenden Abwicklung eingehen, zumal auch die verborgene Angst bezüglich der Guthaben existiert. Somit sind die Vorräte an Lebensmitteln und anderen Basisgütern zur Neige gegangen, während die großen Industriebetriebe erklären, nicht in der Lage zu sein, Rohstoffe einzukaufen, da die Fahrten der Speditionen eingeschränkt worden sind, weil sie die Importe nicht bezahlen können, während auch die Spediteure erklären, dass viele Tankstellen keine Zahlungen per „Plastikgeld“ akzeptieren. Wenn sich diese Lage fortsetzt, ist offensichtlich, dass es in den kommenden Tagen einen Mangel bei importierten Produkten und Rohstoffen im Wert von über einer Mrd. Euro geben wird. In diversen Geschäften in der Peripherie ist der Anfang bereits erfolgt, wobei die Angst vor Versorgungslücken auch an touristischen Zielen begründet ist.

Parallel wird eingeschätzt, dass die großen Hotelanlagen nicht vermögen werden, den Gesamtbetrag für den Nachschub an Lebensmitteln und Getränken im Voraus zu entrichten. Und es mag eine Priorität bei den Lebensmitteln gesetzt werden, was jedoch kein stellvertretendes Bild für die Gesamtheit der griechischen Wirtschaft ist. In einer von den Kammervorsitzenden gegebenen gemeinsamen Pressekonferenz führten sie an, „der Markt ist mittlerweile eingefroren, außer dem Sektor, der sich auf die Lebensmittel bezieht, und die Einschätzung ist, dass die Psychologie sich nicht ändern wird und es wenigstens zwei Monate dauern wird, bis die Leute wieder in die Geschäfte kommen“ – mit unschätzbaren Folgen für die Händler, die hofften, dass die Lage sich mit dem am 13 Juli begonnen Sommerschlussverkauf verbessern wird.

Die Importe von Medikamenten

Beunruhigung herrscht auch bezüglich der Importe von Medikamenten durch die Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit dem Ausland haben, da die verfügbaren Mittel der Banken minimal sind und sich auf ungefähr 4 Mrd. Euro monatlich belaufen.

Weil es jedoch kein Exportunternehmen gibt, das nicht wenigstens einen Rohstoff aus dem Ausland benötigt um den Produktionsprozess zu vollenden, zeigt sich ein ähnliches Bild auch bei den Exporten, wobei der Panhellenische Verband der Exporteure einschätzt, dass sich bei importierten Rohstoffen und Produkten auf wöchentlicher Basis Versorgungslücken im Gesamtwert von 600 Mio. Euro zeigen werden. Ebenfalls werden die Verluste von Einnahmen aus den Importen in den kommenden beiden Wochen um 7% zunehmen und 160 Mio. Euro erreichen, während die griechischen Produkte auf den internationalen Märkten Tag für Tag kostbaren Boden an ihre ausländischen Konkurrenten verlieren.

Ein zusätzliches Problem ist laut dem Vorsitzenden des Verbands, dass die (ausländischen) Käufer griechischer Produkte Warnungen vor dem „Eigenrisiko“ und möglichen Einfrierungen dieser Beträge durch ihre Banken in Zusammenhang mit der Entsendung von Überweisungen nach Griechenland erhalten, während die Periode der Bereitstellung von Bürgschaften durch EU-Mitgliedstaaten zur Kreditversicherung an Unternehmen, die nach Griechenland exportieren, ausgelaufen ist.

Bemühung um eine Normalisierung

Das Thema ist inzwischen der Griechischen Bank und dem gegründeten Devisenausschuss angetragen worden, an dem acht Technokraten der Bank beteiligt sind und wo eine Bemühung erfolgt, dass die Exporte wegen der Kapitalverkehrskontrollen blockierter griechischer Produkte, aber auch der Import von Rohstoffen, der Probleme auf dem Markt verursacht hat, normalisiert wird.

Die Experten schätzen ein, dass zur Lösung der Probleme mit der Ausnahme der Überweisungen begonnen werden muss, die sich auf die Bezahlung ausländischer Lieferanten beziehen, damit die Importe der für die Herstellung der Produkte notwendigen Rohstoffe Rohstoffe normalisiert werden, wobei sie erklären, dass ein Weg gefunden werden muss, der den Devisenausschuss umgeht und seine Aufgabe erleichtern wird. Die zu treffenden Entscheidungen hängen jedoch direkt von den Beschlüssen der Sitzung der EZB bezüglich der Bereitstellung von Liquidität an das griechische Bankensystems mittels der ELA ab.

Der Tourismus zählt seine Wunden

Ein Klima heftiger Beunruhigung zeigen die Strukturen des Tourismus, bei einer großen Welle von Stornierungen von Märkten des Auslands und einem Absturz des Inlandstourismus und einem signifikanten Rückgang der Buchungen in ganz Griechenland und der Gefahr, dass die laufende Saison im Tourismus, der das primäre nationale Produkt Griechenlands darstellt, endgültig verloren geht. Die Schäden sind unermesslich, wenn man berücksichtigt, dass der Beitrag des Tourismus zu dem griechischen BIP 25% tangiert, während laut den Einschätzungen des Internationalen Reise- und Tourismusverbands im Fall des Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone die Verluste für das BIP des Landes 10% erreichen werden.

Wie der Verband Griechischer Tourismusunternehmen spezieller anführt, wird aus den Buchungssystemen der Hotels verzeichnet, dass der Rückgang 40% erreicht, welche Quote sich auf Tagesbasis in einem Verlust von 36.000 – 48.000 Pakten ausdrückt, wobei es sich entweder um Last-Minute-Buchungen oder um Stornierungen von Touristen handelt, die sich wegen der Entwicklungen in Griechenland für ein anderes Ziel entschieden. Gleichzeitig scheint, was die programmierten Flüge angeht, der Rückgang der Ticketbuchungen des Auslands 60% zu tangieren, während veranschlagt wird, dass die Inlandsbuchungen bisher um 60% zurückgegangen sind.

Die Investitionen froren ein

Mit den Wunden, die der Tourismus zählt, ist es sehr schwierig, dass sich das Bild in den kommenden tagen ändert, selbst wenn es Liquidität geben wird und die Lage auf dem Markt sich verbessert. Auch die wie immer gearteten Investitionen, die eingeleitet worden waren, sind eingefroren. Konkret haben seit Anfang des Jahres 10.000 Unternehmen geschlossen, während jeden Tag 600 Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren und damit gerechnet wird, dass dieses Phänomen intensiver werden wird. So befinden sich tausende Arbeitsplätze in touristischen Unternehmen, aber auch in Unternehmen anderer Branchen der Wirtschaft in der Luft, die von der touristischen Aktivität beeinflusst werden.

Bis auf weiteres haben viele Betriebe ihre Beschäftigten gezwungen, Zwangsurlaube zu nehmen, während andere Firmen unter der Last des sich abzeichnenden oder bereits existenten Einbruchs ihrer Umsätze vor Entlassungen oder großen Kürzungen bei Löhnen und Bezügen gewarnt haben. Und dies kommt in einer Periode hinzu, in der die Arbeitslosigkeit auf ihren historischen Höchstwert zusteuert und mit einem Anstieg auf über 30% „flirtet“.

Es werden alternative Szenarien untersucht

Die großen Tochtergesellschafts-Konzerne verlangen von ihren leitenden Funktionären in Griechenland alltägliche Informierung über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation des Landes und machen Pläne, um der Krise zu begegnen. Viele Firmen, die eine Produktionsaktivität in Griechenland haben, erwägen tatsächlich die Verlegung ihres Sitzes anfänglich nach Zypern oder Bulgarien und später sogar auch die Einstellung ihrer hiesigen Aktivitäten, unter Herabstufung ihrer Industriebetriebe zu einfachen Handelsvertretungen. Dies bedeutet automatische einen großen Verlust steuerlicher Einnahmen, aber auch eine neue Welle der Entlassungen.

Andere Firmen, wie jene, die auf dem Informatik-Markt tätig sind, untersuchen dagegen ein Modell dreitägiger Beschäftigung, da sowohl die Nachfrage gesunken ist als auch die Ausschreibungen eingefroren sind, während eine große Ungewissheit bezüglich der Bezahlung der Projekte besteht. Auf der anderen Seite gibt es aber auch etliche, die von der Situation profitieren und alternative Szenarien untersuchen.

Rasanter Anstieg der Nachfrage nach Bitcoins

In dem Moment, wo der Markt sich an die von den Kapitalverkehrskontrollen herbeigeführten neuen Umstände anzupassen und die von der griechischen Regierung verhängten Kapitalkontrollen zu umgehen versucht, nehmen immer mehr auch die Unternehmen zu, die Transaktionen in Bitcoins anbieten und die Möglichkeit zur Fortsetzung der Geschäftsvorgänge griechischer Unternehmen mit dem Ausland bieten. Es handelt sich um eine digitale Währung, die nicht von den Behörden des Landes reguliert wird, und die einschlägigen Tauschstellen / „Wechselstuben“ benötigen folglich keine Lizenz von der Griechischen Bank.

In den letzten Tagen ist ein steiler Anstieg der Nachfrage nach Bitcoins verzeichnet worden, und obwohl die Transaktionen unter gewissen Beschränkungen erfolgen, damit die Transaktion kontrollierbar ist und die Risiken einer möglichen Beschneidung der Bankguthaben ausgeglichen werden, werden die Dienste der Firmen stetig verbessert, und dies stellt einen signifikanten Anreiz zur Ausweitung der Transaktionen dar.

Diverse Firmen wickeln den Verkaufszyklus bereits ab und stellen dabei an die Kunden der angeschlossenen Unternehmen sogar auch Rechnungen in Euro aus, während in der Stadt Acharnes von einer kroatischen Gesellschaft auch der erste Bitcoin-Geldautomat in Griechenland in Betrieb genommen wurde, an dem der Inhaber eines Bitcoin-Portefeuilles sein Mobiltelefon mit der digitalen Währung „aufladen“ kann.

(Quelle: sofokleous10.gr)

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