Europa will Griechenland abstrafen

3. Juli 2015 / Aktualisiert: 05. Oktober 2017 / Aufrufe: 2.266

Clive Crook vertritt in einem Artikel bei Bloomberg, Europa wolle Griechenland abstrafen anstatt sich wirklich um die Erzielung einer tragfähigen Vereinbarung zu bemühen.

Europa will Griechenland mit einem Ausscheiden bestrafen„, lautet der Titel eines Beitrags von Clive Crook bei der Agentur Bloomberg, in dem er betont, während der mehr als 30 Jahre, die er über politische und wirtschaftliche Themen schreibt, jemals eine solche Wiederholung einer kontinuierlichen, selbstgefälligen, katastrophalen und gemeinsam vertuschten Unfähigkeit gesehen zu haben.

Ich beziehe mich nicht auf Alexis Tsipras und die SYRIZA„, meint er und fügt an, „während der Schaden sich zuspitzt, ist eine Bemühung im Gang, die Geschichte des beschämenden Scheiterns der Europäischen Union in Zusammenhang mit Griechenland neu zu schreiben„.

Es ist sinnlos, das Lebensniveau der Griechen noch mehr zu senken

Wie Clive Crook anmerkt, rückten während der fünf Monate seit dem Beginn der Diskussionen beide Seiten von ihren Positionen ab, jedoch gab Tsipras mehr nach als die Gläubiger. Es ist – wie er notiert – wahr, dass das letzte Angebot der Gläubiger etwas niedrigere Primärüberschüsse im Staatshaushalt in Vergleich zu denen vorsieht, die sie anfänglich verlangten, jedoch verlangen auch diese eine sehr (und absurd) straffe Fiskalpolitik. Dagegen – fügt Crook an – weigerten sich die Gläubiger, nachzugeben und in die laufenden Diskussionen das Thema der Entlastung der griechischen Verschuldung einzubeziehen, und beharren irrational darauf, diesem Thema sei später zu begegnen.

Am Dienstag (30 Juni 2015) unternahm Tsipras den kritischsten Versuch, dass Thema der Vereinbarung voranzutreiben. Anstatt dass von Seite der Gläubiger irgend ein Wunsch nach einem Kompromiss zum Ausdruck gebracht wurde, kommentierten ihre vorherrschenden Stimmen – spezieller des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble, von dem häufig angenommen wird, er treffe die Entscheidungen-, es gebe nichts zu diskutieren. Das Programm hätte vollendet werden müssen. Das Programm ist jedoch gescheitert. Es wird nicht die Tragfähigkeit der Verschuldung erzielen. Es ist völlig ohne Sinn, dass das Lebensniveau der Griechen noch mehr gesenkt wird„, merkt Crook an.

Juncker sagt, das letzte Angebot (der Gläubiger) forderte keine Gehaltskürzungen. Wirklich? Der Vorschlag (der Gläubiger) führt an, die Besoldungsordnung müsse modernisiert werden, unter Einbezug des Abbaus der Besoldungsunterschiede. In diesem Sinn impliziert der Abbau der Unterschiede Gehaltskürzungen„, merkt Crook an und ergänzt: „Was die (von Juncker vertretene) Behauptung betrifft, es gebe keine Rentenkürzungen, verlangen die Gläubiger die schrittweise Durchsetzung neuer Kürzungen für alle, die vorzeitig in Rente gehen, und der Solidaritätszulage (EKAS), die sich auf die Kleinrentner bezieht. Das sind Kürzungen.

Die Gläubiger – fährt Crook fort – verlangen noch vieles mehr, während die griechische Wirtschaft in die Knie gezwungen wurde, bei einer großen Senkung des Lebensniveaus und der Arbeitslosigkeit bei 25%, und er ermuntert die Leser, den Vorschlag der Gläubiger zu lesen um zu sehen, ob die soziale Gerechtigkeit gefördert wird, wie Juncker bei seiner vorgestrigen Pressekonferenz anmerkte.

Als die größte Verzerrung betrachtet Crook die Tatsache, dass Juncker sich bezüglich des Themas der Volksabstimmung am 05 Juli an die griechischen Bürger richtete um ihnen zu sagen, das „Nein“ würde Nein zu Europa bedeuten. Und der französische Präsident Francois Hollande – ergänzt er – stellte klar, die Abstimmung werden bestimmen, „ob die Griechen in der Eurozone bleiben wollen„. Dies ist „Blödsinn“, meint Clive Crook. „Wenn Griechenland das Eurosystem verlässt, dann nicht, weil die Griechen es zu verlassen beschlossen, sondern weil Europa beschließen wird, sie hinauszuwerfen„. Eine tatsächlich unabhängige Europäische Zentralbank könnte bekannt gegeben haben, dass sie die Versorgung der griechischen Banken mit Liquidität fortsetzt, merkt Crook an.

(Quelle: Imerisia Es sei angemerkt, dass die der vorstehenden deutschen Übersetzung zugrunde liegende griechische Quelle Crook’s Artikel nicht wortgetreu wiedergibt, der originale englische Beitrag kann hier nachgelesen werden: Europe Wants to Punish Greece With Exit)

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  1. Griechenlandfreund
    3. Juli 2015, 03:09 | #1

    Eine „tatsächlich unabhängige Europäische Zentralbank“ hätte die ELO-Kredite an griechische Banken jedoch bereits bei ca. 25 Milliarden Euro (statt aktuell 90 Mrd) einfrieren müssen. Denn mehr wären relativ zum BIP Griechenlands eigentlich nicht möglich. Stattdessen hat sie – und damit die 18 anderen Euro-Staaten – den immer schnelleren Bankrun der Griechen in den letzten Monaten finanziert.

  2. Bella
    3. Juli 2015, 10:14 | #2

    Die Frage ist nicht die, ob Regeln eingehalten werden müssen, sondern ob diese Regeln den Menschen nützen. Im Fall Griechenland führen diese Regeln zum weiteren Niedergang der Wirtschaft und zur weiteren Verarmung des Volkes. Wenn das so ist, müssen die Regeln geändert werden, wie es viele US Top Ökonomen vorschlagen. Es liegt aber tief im deutschen Wesen eingeprägt, daß Regeln um der Regeln Willen eingehalten werden müssen. So haben die KZ Aufseher auch den Judenmord gerechtfertigt. Fazit: Wenn wieder versucht wird, am deutschen Wesen die Welt zu genesen, dann wird Europa ein drittes Mal verwüstet.

  3. Johannes
    4. Juli 2015, 08:57 | #3

    Vermisst wird in der gesamten Geschichte, dass Europa der Demokratie Respekt zollt und nicht auf alte Verhaltensweisen des Konflikts und der Bevormundung zurückgreift. Dass die Vorgehensweise der Eurogruppe und z.T. auch der Komission zutiefst undemokratisch ist, dies wird Vielen einleuchten. Es werden demokratische Prinzipien zugunsten finanzökonimischer Regeln über Bord geworfen und (fast) niemand wägt den skurrilen Versuch, die Banken zu „retten“ gegen das Bekenntnis zu sozialem Frieden, Demokratie und Solidarität ab, wahrscheinlich getragen von der Angst vor einem Lauffeuer in Europa. Statt den Finanzmarkt zu regulieren und zu kontrollieren, wird das Wohlergehen einer ganzen (!) Volkswirtschaft gegen Jenes der Banken getauscht. Ideologisch ist dieses Vorgehen verwerflich und beschämend, wirtschaftswissenschaftlich ist Dieses schlichtweg falsch. Sollte diese „Bestrafungsaktion“ Erfolg haben, so empfehle ich allen Mitgliedsstaaten der Eurozone, welche einen Funken Anstand und Selbstwertgefühl verspüren, ihrerseits dieses einseitige, undemokratische, autokratische und unehrlich System unverzüglich zu verlassen!

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