Das Deutsche Reich schlägt zurück

28. Juli 2015 / Aufrufe: 9.725

Laut George Friedman drängten die Griechen die Deutschen in die Ecke und letztere reagierten, indem sie Griechenland zur Abtretung souveräner Rechte zwangen.

In der vergangenen Woche wurde eine verzweifelte Schlacht ausgetragen. Deutschland und Griechenland standen sich gegenüber. Für jedes Land stand alles auf dem Spiel. Auf Basis der erreichten Vereinbarung zwang Deutschland Griechenland zur Kapitulation.

Es ist jedoch überhaupt nicht klar, dass Griechenland die Umsetzung der erzielten Vereinbarung zu gestatten vermag oder den nationalen politischen Willen hat, es zu tun. Ebenfalls ist nicht klar, welches seine Optionen angesichts der Tatsache sind, dass die Griechen Deutschland in eine Ecke gedrängt hatten, in der seine einzige Option war, alles zu riskieren. Es war keine gute Position für Griechenland, um die Deutschen in die Enge zu treiben. Letztere schlugen mit Rachsucht zurück.

Deutschland erzwang die Abtretung nationaler Souveränität

Das grundsätzliche Ereignis war das griechische Referendum über die Forderung der Europäischen Union nach weiterer Austerität als Gegenleistung für die Bereitstellung von Bargeld, damit das griechische Bankensystem gerettet wird. Die SYRIZA verlangte das Referendum, um ihre Position bei der Bewältigung der europäischen Forderungen zu stärken. Die Ansicht der griechischen Regierung war, dass die europäischen Bedingungen Griechenland vor der umgehenden Katastrophe retten würden, jedoch mit dem Preis der langfristigen Verarmung des Landes. Die geforderten Austeritäts-Maßnahmen würden ihrer Ansicht nach jeden Aufschwung unmöglich machen. Mit der Wahl zwischen einer kurzfristigen Katastrophe im Bankensystem und der langfristigen Misere konfrontiert befanden die Griechen sich in einer unglaublichen Position.

Beim Schach ist eine Lösung, das Schachbrett umzukippen, wenn die eigene Position schwach ist. Dies versuchten die Griechen mit dem Referendum zu tun. Hätten sie die Abstimmung verloren, hätte die Regierung gegenüber den deutschen Forderungen kapituliert und behauptet, dies sei der Wille des Volkes gewesen. Ginge jedoch die Abstimmung aus wie sie ausging, hätten die griechischen Führer sich zur Europäischen Union begeben und argumentieren können, die allgemeine Lockerung der Austerität sei nicht nur Position der Regierung, sondern auch der souveräne Wille des griechischen Volkes.

Die Europäische Union ist auf dem dualen Prinzip einer unwiderruflichen Gemeinschaft von Nationen gegründet worden, die sich verbanden, jedoch ihre nationale Souveränität beibehalten haben. Die Griechen zeigten ihren nationalen Willen, von dem die Regierung dachte, er würde ein neue Schachpartie gestalten. Die Deutschen entschieden sich dagegen umgehend, die Abtretung eines signifikanten Teils der griechischen Souveränität zu fordern, indem sie eine „Wiege“ europäischer Bürokraten schufen, welche die Umsetzung der Vereinbarung beaufsichtigen und die Kontrolle über zum Verkauf anstehende griechische Vermögenswerte übernehmen würden um Geld abzuschöpfen. Die Details sind weniger bedeutsam als der Umstand, dass Griechenland sich auf sein souveränes Recht berief und Deutschland antwortete, indem es eine Vereinbarung durchsetzte, welche die Griechen zwang, diese Rechte abzutreten.

Die Motive Deutschlands

Ich habe die deutschen Ängste ausführlich erörtert. Deutschland ist eine riesige Exportmacht, die von der europäischen Freihandelszone abhängig ist, um einen signifikanten Teil ihrer Produktion zu erlangen. Die Deutschen präsentierten im vergangenen Monat ein Rekordergebnis bei der Handelsbilanz, deren untrennbarer Bestandteil der Handel sowohl mit der Eurozone als auch der übrigen Europäischen Union ist. Für Deutschland würde die Auflösung der Europäischen Union direkt seine nationalen Interessen bedrohen. Die griechische Haltung – besonders nach dem Referendum – würde in nicht all zu ferner Zukunft zu dieser Auflösung führen können.

Es gab zwei Seiten in der griechischen Position, welche die Deutschen erschreckten. Die erste war, dass Athen versuchte, seine nationale Souveränität zu verwenden um die Europäische Union zu zwingen, Griechenland zu gestatten, den Schmerz der Austerität zu vermeiden. Dies würde praktisch die Last der griechischen Verschuldung von den Griechen auf die Europäische Union transferieren, also auf Deutschland. Für die Deutschen war der Block ein Organ wirtschaftlichen Wachstums. Hätte Deutschland das Prinzip akzeptiert, Verantwortung für nationale wirtschaftliche Probleme übernehmen zu müssen, hätte die Europäische Union – die etliche Länder mit nationalen wirtschaftlichen Problemen hat – die deutschen Ressourcen „dränieren“ und einen – zumindest aus dem Blickwinkel der Deutschen – Hauptgrund der Existenz des Blocks untergraben können Hätte Griechenland gezeigt, Deutschland zwingen zu können, für die Verschuldung langfristig Verantwortung zu nehmen, ist überhaupt nicht klar, wie die Geschichte ausgehen würde – und genau das war die Absicht der griechischen Abstimmung.

Auf der anderen Seite würde, wenn die Griechen die Europäische Union verließen, ein Präzedenzfall geschaffen, der den Block zum Schluss aufgelöst hätte. Wenn die Europäische Union eine selektive Beziehung ist, also etwas, in das man eintreten und es nachher verlassen kann, würde ernsthaft die langfristige Überlebensfähigkeit des Blocks in Zweifel gezogen werden. Und es würde keinen Grund geben, aus dem diese Zweifel sich nicht auf die Freihandelszone ausbreiten sollten. Wenn die Staaten aus der Europäischen Union austreten und Handelshindernisse schaffen können, würde Deutschland in einer Welt europäischer und anderer Zölle leben. Und dies war das Alptraum-Szenarium für Deutschland.

Das griechische Referendum drängte Deutschland in die Ecke. Deutschland konnte das griechische Begehren nicht akzeptieren. Es konnte ein Ausscheiden Griechenlands aus der Europäischen Union nicht riskieren. Es durfte nicht sichtbar werden, dass es einen Grexit fürchtet, und es konnte nicht flexibel sein. Während der Dauer der vergangenen Woche „warfen“ die Deutschen die Idee eines vorübergehenden Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone auf den Tisch. Griechenland schuldet riesige Beträge und es muss seine Wirtschaft „aufbauen“. Was all dies mit der Mitgliedschaft in der Eurozone oder der Verwendung der Drachme zu tun hat, ist nicht klar. Und sicher ist auch nicht klar, wie es Europa helfen würde oder wie es das unmittelbare Bankenproblem lösen würde. Die Griechen sind pleite und haben nicht die Euros, um ihre Kredite abzuzahlen oder dem Bankensystem Liquidität zu gewähren. Das selbe würde auch gelten, wenn das Land die Europäische Union verlassen würde. Der Vorschlag bezüglich eines vorläufigen Grexit war ohne Sinn – er war eine geschickte Vorführung von Seite der Deutschen. Wenn jemand in einer Verhandlung verzweifelt vor etwas Angst hat, gibt es keine bessere Strategie als zu verlangen, dass genau dies geschieht.

Artikel weiterlesen: Seite 1 Seite 2

  1. Bella
    28. Juli 2015, 11:45 | #1

    Sehr seltsamer und einseitiger Beitrag zugunsten der deutschen Vorherrschaft. Die Opfer der deutschen Hegemonie sollten Mitleid mit den Tätern haben? Das ist widernatürlich und wird niemals passieren. Wenn man Exportweltmeister ist, hat man auch Verpflchtungen gegenüber den Abnehmern, weil man diese in ein Leistungsbilanzdefizit zwingt. Die Deutschen bestehen einseitig auf ihre Vorteile und drohen den Rest Europas mit gnadenloser Unterwerfung. Das wird für Deutschland unangenehme Folgen haben, denn der Kontinent wird die deutsche Unterwerfungspolitik nicht ein drittes Mal ertragen.

  2. Zoe J.
    28. Juli 2015, 12:56 | #2

    Dem deutschen Volk wurde versprochen der Euro ist so stark wie die DM. Das deutsche Volk wurde nie gefragt ob es die DM aufgeben moechte. Dem deutschen Volk wurde versprochen, keine Transverunion. Deshalb hat der Schaeuble auch sein Volk hinter sich. Der Schaeuble koennte zum Einmarsch nach Griechenland rufen … und die Deutschen wuerden mit Hurra hinterherlaufen. Die Deutschen haben nicht begriffen, es sind die eigenen Politiker die alles zu verantworten haben. Man drischt eben lieber auf den schwachen ein.
    Deutschland hat gewonnen in dieser EU langfristig. Mit HartzIV und Leiharbeit hat es den Weg geebnet. Deutschland hat seine Industrie behalten. Fuer die Voelker in der EU wird es noch viel mehr Armut und Suppenkuechen geben.Zurzeit gibt es nichts was dem entgegentreten koennte. Da alle Politiker in der EU sich vor dem Untergang noch selbst schnell die Taschen fuellen. Tsipras war die letzte Hoffnung in der EU. Und er war der groesste Verraeter. Ein Deutsch- Grieche meinte bei Illner, der Tsipras ist ein Machtmensch, mehr nicht.
    Es liegt jetzt am griechischen Volk selbst. Wir Franzosen werden es wohl auch wieder in die eigene Hand nehmen muessen. Die Bonnet rouge und die Bauern fangen schon mal an.

  3. Maty
    28. Juli 2015, 14:07 | #3

    diesen Artikel könnte man nachvollziehen mit der Annahme Deutschland sei ein souveräner freier Staat. Dem ist leider nicht so! Die Deutschen wurden niemals gefragt, ob sie die DM aufgeben wollen. Wer hat von diesem Wahnsinn profitiert, etwa der einzelne Bürger? In der Sache geht es um Konzerninteressen und um die Ausbeutung einzelner Länder durch die Finanzmafia aus Übersee und der City of London. Die einzelnen Regierungen kann man nur noch als willfährige Handlanger der Finanzpiraten bezeichnen. Nach Aufgabe der DM hat der Euro nach sieben Jahren ca. 50% seines Wertes verloren. Wo sind die Milliarden Exportüberschüsse seit 1970 für Deutschland geblieben? Wo ist das Geld? Gerade löst sich die Altersversorgung einer ganzen Generation auf. Das kriminielle Finanzsystem (mit den dahinter stehenden Menschen) hat vom EUR profitiert und nicht die Länder. Und Deutschland schon gar nicht!

  4. Anton
    28. Juli 2015, 14:32 | #4

    Der entscheidende Punkt ist wohl, dass Deutschland die EU bezüglich Griechenland in eine Diktatur transformierte, wobei noch dazu wesentliche Bestandteile der EU-Verträge verletzt wurden (bes. das Subsidaritätsprinzip). Tsipras hier als „Verräter“ zu bezeichnen, trifft es jedoch nicht. Er gab nach aus Angst vor einen völligen Bankrott. Den interessanten Gegenpol gegen die neoliberale Ausrichtung, maßgeblich unter Führung Deutschlands, stellt Varoufakis dar. Dies deshalb, weil er die Entwicklung grundsätzlicher betrachtet und deshalb nicht zufällig nach völlig neuen Alternativen sucht, wie den FT-Coins. Der Unterschied zwischen Tsipras und Varoufakis besteht wohl darin, dass der eine eher Keynesianer ist und der andere – trotz aller Kritik – eher Marxist ist. Diesen Eindruck von Varoufakis bestärkt übrigens auch sein neues Buch, worin es ihm eindeutig darum geht, dass der Mensch wirtschaftliche Abläufe bestimmt und nicht mehr die Ökonomie das Verhalten des Mensch.

  5. Mirabeau
    28. Juli 2015, 16:42 | #5

    Worum es hier geht ist, ob Europa letztlich unter deutscher Vorherrschaft stehen soll oder ob es ein Europa freier und gleichberechtigter Völker geben wird. Deutschland hat zweimal Europa verwüstet und barbarische Verbrechen begangen. Trotzdem hat die freie Welt den Deutschen verziehen und ihnen sogar ihre Schulden erlassen. Jetzt hätte Deutschland die Chance, sich zu revanchieren und GR seine Schulden zu erlassen. Aber Deutschland tut das Gegenteil, es demütigt wieder ein Volk. Das kann niemals gut gehen. Muss man wieder dieses Deutschland stoppen? Ich finde, die freie Welt muß sich gegen dieses Deutschland wieder zusammenschließen und ein für allemal gewährleisten, dass am deutschen Wesen die Welt niemals mehr genesen wird.

  6. AmiGoHome
    28. Juli 2015, 16:55 | #6

    Mit oder ohne Euro. Deutschland war mit der D-Mark auch Exportweltmeister.

  7. HJM
    29. Juli 2015, 22:54 | #7

    Deutschland braucht die EU und den Euro. Deutschland braucht Griechenland nicht. Griechenland braucht die EU und den Euro. Deshalb braucht Griechenland Deutschland. Ob das gut oder schlecht ist … pffft. Es ist so. Diese Lage völlig falsch eingeschätzt zu haben, das ist der tragische Fehler der Syriza.

  8. GR-Block
    30. Juli 2015, 15:30 | #8

    „Athen versuchte …. praktisch die Last der griechischen Verschuldung von den Griechen auf die Europäische Union (zu) transferieren, also auf Deutschland.“ – Mattscheibe!
    Die Europäische Union, also Deutschland, hatte erzwungen, dass die griechische Verschuldung auf die Völker der EU transferiert wird und seine letzten drei griechischen EU-Partner (PASOK, ND, SYRIZA) hatten die entsprechenden „Memoranden“ gegen die Interessen der Völker akzeptiert.
    Die Griechen dagegen hatten sich schon vor 5 Jahren außerparlamentarisch dafür ausgesprochen, dass die korrupten Eliten selbst die Kosten der Krise tragen sollten. Sie wussten ja nicht, dass das deutsche Volk jene so konsequent in Schutz nehmen würde. Aber eigentlich war es zu erwarten, sind es doch mehrheitlich deutsche Unternehmer, die seit Maastricht die Korruption in Europa aufrecht erhalten.

Kommentare sind geschlossen