Griechenlands geopolitische Waffe

12. April 2015 / Aktualisiert: 04. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.986

Mythen und Wahrheiten über Griechenland als geopolitischer Zankapfel der Großmächte.

Griechenland darf niemals russisch werden, folglich hat es britisch zu werden„, hatte der erste Botschafter Britanniens, Sir Edmund Lyons gesagt. Wenige Jahre früher bekam der gerade zum Regierungschef Griechenlands gewählte Ioannis Kapodistrias in der Galerie des Buckingham-Palasts nach langer Wartezeit mittels des beleidigenden Verhaltens des Königs das Missfallen Londons über seine russenfreundliche Einstellung zu spüren. Der Regent ging an ihm vorbei, drehte sich dann um, um ihm zu sagen: „Ach, der Herr ist immer noch hier?

Die selbige Gründung eines unabhängigen griechischen Staates ist eine offenkundige Bestätigung des geopolitischen Wertes des Landes. Zwei Großmächte – Russland und Großbritannien – mit diametral gegensätzlichen Zielsetzungen gegenüber dem Osmanischen Reich kamen zu der Kompromisslösung, die Unabhängigkeit Griechenlands zu unterstützen, damit keine der beiden das exklusive Privileg seines Schützers hat.

Griechenland als geopolitischer Zankapfel der Großmächte

Es war der erste signifikante Umsturz der Gleichgewichte, die 1815 bei der Wiener Konferenz vorgezeichnet worden waren, und so fand das besiegte Frankreich seine erste Gelegenheit, als emanzipierte Großmacht zu agieren. Im September 1827 versenkten die Flotten der drei Großmächte bei Navarino die türkisch-ägyptische Flotte und öffneten so den Weg zur Gründung des griechischen Königreichs.

Ein Vierteljahrhundert später, als 1853 der Krimkrieg ausbricht, kämpfen Britannien und Frankreich an der Seite des Osmanischen Reichs gegen Russland. Um eine freundliche Haltung Athens gegenüber Sankt Petersburg zu unterbinden, schicken sie Invasionstruppen, die eine Militärbesatzung in Athen – Piräus bis 1856 etablieren. Der weitere Verlauf ist jüngeren Datums und bekannter: Als Zankapfel zwischen den zentralen Reichen und der „herzlichen“ Verständigung wird Griechenland 1916 gespalten.

Zwischen den beiden Weltkriegen und spezieller während des Jahrzehnts 1930 festigt einerseits Deutschland seine Position des ersten Handelspartners Griechenlands, während Britannien das erste Wort hinsichtlich der internationalen Orientierung des Landes beibehält. Als das Ende des Zweiten Weltkriegs naht, hat Churchill bei den Konferenzen der Alliierten in Teheran und Jalta den vorherrschenden Einfluss auf Griechenland als Priorität, und um Stalins Zustimmung zu erlangen, verzichtet er auf jeden Anspruch auf Einflussnahme in Rumänien, während er – ohne Übertreibung – die britenfreundlichen Parteien Polens verrät.

Griechenland ist schließlich die erste Ebene, wo die USA 1947 mit der Verkündung des Truman-Dogmas erklären, die Ausweitung des Einflusses Moskaus mit allen Mitteln zu stoppen versuchen werden. Erste Ebene eine Kalten Kriegs, der in Griechenland bis einschließlich Ende August 1949 ein hitziger Bürgerkrieg sein wird.

Einziger Bezugspunkt der Stabilität für die USA

Heute setzt ein Blick auf die Karte Südosteuropas, des Östlichen Mittelmeers und des Mittleren Ostens Griechenland als primären – wenn nicht gar einzigen – Bezugspunkt der Stabilität in der Planung der amerikanischen Außenpolitik ins Licht. Die USA befinden sich in der heikelsten Phase der Angleichung ihrer Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Kriegs 1989 – 1991.

Gegenüber Russland versuchen sie einen umgebenden Wall zur Hemmung der Ausweitung des Einflusses Moskaus auf die ehemalige UDSSR aufzubauen, wobei das Hauptthema weniger die Entwicklungen in selbiger Ukraine als vielmehr die institutionelle Stabilisierung einer Kollision ist, bei der sich auf der einen Seite eine operativ revitalisierte NATO und auf der anderen Seite die russischen Kräfte befinden. Derzeit hat diese Kollision das Baltikum und den Norden als Hauptfront, während die USA in Südosteuropa einen kontinuierlichen Grabenkampf austragen um eine Einflussnahme Moskaus bei Wirtschaft, Handel und Energie zu behindern.

Die große Wende Washingtons ist jedoch die Annäherung an Teheran und die Priorität, die es dem Bestreben zumisst, den sunnitischen Fundamentalismus in Syrien und im Irak in Schach zu halten. Diese Entscheidung ist praktisch der Gnadenschuss, und der Inhalt der Bündnisbeziehung zur Türkei hat zu einer einer Kollision im Stil eines Kalten Kriegs mit Israel und zu einer noch größeren mit Saudi-Arabien geführt.

Das einzige Land, das nicht in die religiösen – gesellschaftlichen Konflikte des Mittleren Ostens verwickelt ist und den USA ohne zusätzliche politische Spannungen und antiamerikanische Proteste diskret, lautlos und substantiell auszuhelfen vermag, ist Griechenland.

Lächerliche Szenarien über Grexit – Graccident

Die Rolle Griechenlands wird für die USA noch bedeutender, wenn wir das Unvermögen der EU berücksichtigen, derzeit und in absehbarer Zukunft zur Stabilität und Entwicklung Südosteuropas beizutragen. Bulgarien und Rumänien erleben in der Praxis eine Eingliederung zweiter Klasse, während der westliche Balkan, das ehemalige Jugoslawien (außer Slowenien – Kroatien) plus Albanien auf der Karte des Alten Kontinents für die absehbare Zukunft ein schwarzes Loch reduzierter Vorhersehbarkeit und der Ungewissheit sein werden.

Neben Stabilität und Aufschwung in der Eurozone, die von den USA gewünscht werden, damit die eigene Rückkehr zum Wachstum irreversibel wird, gibt es somit auch eine Reihe geopolitischer Prioritäten, die für die USA nicht nur die lächerlichen Szenarien über einen Grexit – Graccident, sondern selbst auch die anhaltende destabilisierende Ungewissheit im Inneren Griechenlands unbegreiflich machen.

Mit ihren wiederholten Interventionen zu Gunsten Griechenlands haben so die USA Grenzen und rote Linien gezogen, die bei Griechenlands Partner und hauptsächlich in Berlin verzeichnet worden sind. Dass jemand oder auch mehrere in der deutschen Hauptstadt Szenarien der Opferung Athens als Iphigenie vorantreiben, wäre für die USA eine Herausforderung analog zu einem Beschluss über eine einseitige Aufhebung der Sanktionen gegenüber Moskau.

Es versteht sich von selbst, dass die Unterbewertung des geopolitischen Gewichts Griechenlands in der EU in Bezug auf die USA und Russland erstens eine Folge des Nicht-Vorantreibens der politischen Vereinigung und zweitens davon ist, das die vorrangigen geopolitischen vitalen Interessen Berlins im Gegensatz zu Paris und Rom nach Norden und Osten und sekundär gen Süden gerichtet sind.

Zielgerichteter Realismus von Seite des Kremls

Die Lächerlichkeit und geistige Beschränktheit der Szenarien über einen Grexit – Graccident wetteifern mit den Szenarien über den Umsturz von Allianzen anlässlich des Besuchs des griechischen Premierministers in Moskau. Die internationale Politik als Boulevard-Theater, jedoch ohne Existenz der Protagonisten des illegalen Idylls, da Moskau und Athen angesichts der gegebenen euro-atlantischen Orientierung – Eingliederung Griechenlandes nichts weiter als eine Vertiefung der bilateralen Beziehungen zu suchen vermögen.

Außerdem strebt der Kreml an, die ehemalige UDSSR – außer dem Baltikum – als formlose, jedoch substantielle Souveränitätszone zu etablieren, und hat keinerlei Ambitionen zur Untergrabung gegnerischer Allianzen, welcher Brauch in seiner diplomatischen Tradition fremd ist. Die wie auch immer gearteten Pläne und Vorschläge Moskaus an Athen können in keinem Fall bilateral sein, sie bedürfen multilateraler Unterstützung, mit Hauptpfeilern die Türkei und Italien, aber auch unsere nördlichen Nachbarn wie Bulgarien, die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedoniens und Serbien.

Moskau bietet sich derzeit Griechenland für zielgerichtete Kooperationen auf dem Handels-, Energie- und Investitionssektor an, die in der Summe – wenn sie realisiert oder selbst falls sie dokumentiert als Arbeitsvorschläge entwickelt werden – den Nutzen der Co-Existenz, aber auch die hohen Kosten einer Kollision im Stil eines Kalten Kriegs hervorheben werden.

Ungewissheit bezüglich des „Wackelfaktors“ Türkei

Ein weiterer Grund, aus dem der Kreml die Maximierung jeder unter den heutigen Gegebenheiten möglichen bilateralen Kooperation mit Athen wünscht, ist die Ungewissheit über Rolle und Haltung der Türkei. Moskau und Ankara haben eine äußerst breite Energie-, Handels- und Investitionskooperation außerhalb der Reichweite des Embargos des Westens, während Erdogan in der Ukraine eine für Putin wohlwollende Neutralität beibehielt. Das selbe findet jedoch nicht für den Mittleren Osten statt. In Syrien beispielsweise würde der von Erdogan – Davutoglu als höchste Priorität angestrebte Sturz Assads den Verlust der einzigen Base der Kriegsmarine Russlands im Mittelmeer zur Folge haben.

So wie sich vor einigen Jahren niemand die Einmischung der Türkei in religiös-gesellschaftliche Kriege im Irak und in Syrien vorzustellen vermochte, geschieht heute das selbe, da die Verwicklung Ankaras in die Zusammenstöße turkophoner Moslems mit Russen auf der Krim und im Kaukasus unbegreiflich ist.

In diesem Punkt haben USA und Russland auch einen gemeinsamen Parameter bezüglich der Aufwertung Griechenlands in ihrer strategischen Planung, nämlich die verminderte Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit der Türkei als Partner. Vor einigen Jahren verbrachten Erdogan und Assad gemeinsame Sommerurlaube, die First Ladies gingen zusammen einkaufen und der Bruder Tagip sagte öffentlich zu dem Bruder Basir, zwischen den beiden Ländern seien Grenzen und Zölle abzuschaffen und sie müssen sich zu einer Şamgen-Zone zusammenschließen (Wortspiel mit Schengen-Zone und dem Wort Şam, das der türkische Name für Damaskus ist!).

Zu einer Stunde, wo Erdogan – Davutoglu darin fortfahren, die Rolle des neuen Sultans Selim zu spielen, der die Sunniten des Mittleren Ostens vor den Schiiten rettet, haben im Kreml gewisse Leute bestimmt weder den Panturkismus und den Panturanismus, noch den – im Kaukasus im Kampf gegen die Bolschewisten gefallenen – Anführer Enver Pascha der Jungtürken und auch nicht den zentralasiatischen Warlord Sultan Galiev vergessen, der als Anhänger Lenins im weiteren Verlauf anstrebte, der Kemal Zentralasiens zu werden.

(Quelle: Imrisia, Autor: Giorgos Kapopoulos)

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