Tsipras, Merkel, Geopolitik und Graccident

18. März 2015 / Aufrufe: 2.688
Einen Kommentar schreiben Kommentare

In Europa und Washington sorgt man sich inzwischen um einen möglichen Graccident und die Zukunft Griechenlands als NATO-Partner.

Zu einer Stunde, wo Europa, aber auch Washington aufgehört haben, über einen Grexit zu diskutieren und sich intensiv über einen Graccident (also einen „Unfall“) beunruhigen, lädt die Bundskanzlerin Merkel den griechischen Premierminister Alexis Tsipras zu einer „tiefgreifenden Diskussion“ nach Berlin ein. (Anmerkung: Das Treffen in Berlin soll am kommenden Montag, dem 23 März 2015 stattfinden.)

Allen Anzeichen zufolge ist Frau Merkel bereit, dem griechischen Premierminister Lösungen zur Beendigung der Finanzierungsenge anzubieten, die entscheidende Frage ist jedoch, ob die ihren Vorschlag begleitenden Bedingungen von dem Politiker akzeptiert werden können, der unter der Flagge der Beendigung des Memorandums gewählt wurde.

Sorge um den südöstlichen Nato-Pfeiler

Tatsache ist jedenfalls, dass in der gegenwärtigen Phase die Nachdenklichkeit in den europäischen Hauptstädten und Washington über die schon lange von Wolfgang Schäuble gezogenen Grenzen hinausgehen, der darauf beharrt, für Griechenland gebe es nur zwei Wege: entweder das alte Memorandum umzusetzen oder die Eurozone zu verlassen.

Über diesen Rahmen der Nachdenklichkeit hinaus beginnen Europäer und Amerikaner sich nicht über einen Grexit und die möglichen wirtschaftlichen Nebenwirkungen zu beunruhigen, von denen heutzutage die meisten einschätzen, sie werden nicht katastrophal sein, sondern über den sogenannten Graccident: also über einen „Unfall“, bei dem Griechenland wegen des von den Gläubigern auferlegten Finanzierungsengpasses eine der Raten an den Internationalen Währungsfonds „platzen“ lassen und sich – ohne dass dies geplant worden ist – mit einem Bein außerhalb der Eurozone wiederfinden wird.

Europäer und Amerikaner befürchten, dass es in diesem Fall abgesehen von den Folgen im Wirtschafts- und Währungsgefüge der Eurozone sehr ernsthafte geopolitische Folgen geben könnte, da sich das Land, das den Basispfeiler des südöstlichen Flügels der NATO darstellt, in der Schwebe befinden und es sehr schwierig sein wird, Vorschlägen des Russlands des Putin zu widerstehen, der sich auf dem Schachbrett Europas außerordentlich aggressiv bewegt.

Das Thema Griechenland ist auch geopolitisch zu sehen

Vor genau dieser Gefahr ist es überhaupt kein Zufall, das Präsident Obama seine Beraterin Caroline Atkinson (ehemalige höhere Funktionärin des IWF) ermächtigte, gestern einen Zyklus von Telefonaten in europäische Hauptstädte und nach Athen (sie sprach mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Giannis Dragasakis) durchzuführen, um den starken Wunsch Washingtons zum Ausdruck zu bringen, dass den Konfrontationen ein Ende gesetzt und eine Lösung im Thema Griechenlands gefunden wird.

Der polnische Präsident der Europäischen Rats Donald Tusk, ein Politiker, der Angela Merkel sehr nahe steht, aber auch ausgezeichnete Beziehungen zu Washington pflegt (vor wenigen Tagen hatte er eine Begegnung mit Präsident Obama), betonte im selben Moment in seinen Erklärungen gegenüber der deutschen Presse, das Thema Griechenlands sei nicht nur wirtschaftlich, sondern müsse im geopolitischen Rahmen gesehen werden.

Donald Tusk bezog sich auf die Krise in Libyen, aber auch die zerbrechliche Situation auf dem Balkan, in Moldawien und auf Zypern, um zu betonen, „das Ausscheiden Griechenlands wäre das drastischste Kapitel in der Geschichte der Europäischen Union. Es ist notwendig, dass wir Griechenland helfen, das ist unbestreitbar.“ Weiter betonte er, es wäre eine Katastrophe, wenn Griechenland wegen eines Unfalls die Eurozone verlassen würde: „Wir müssen ein solches unsinniges Szenarium abwenden„, fügte Tusk an und unterstrich: „In der Geschichte Europas gab es bereits viele Dinge, die aus einem Unfall geschahen. Selbst der Erste Weltkrieg war Resultat von Missverständnissen, Unglücken und idiotischen Telefonaten.

Keine Aussichten auf eine politische Lösung

Im Rahmen dieser Beunruhigungen über einen Graccident wurde Bundeskanzlerin Merkel aktiv und lud Alexis Tsipras nach Berlin zu einer „tiefgreifenden“ Unterhaltung ein, wie Frau Merkel dem Premierminister bei ihrer diesbezüglichen telefonischen Kommunikation angeführt haben soll. Regierungsfunktionäre brachten die Sicherheit zum Ausdruck, die deutsche Kanzlerin werde Lösungen zu Beendigung der finanziellen „Erwürgung“ der griechischen Regierung vorschlagen, wie es die Anhebung der Grenze der Kreditaufnahme mit Schatzbriefen oder die vorgezogene Auszahlung eines Teils der Tranche von 7,2 Mrd. Euro sein könnte.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Berlin am Montag eine politische Lösung geben wird, welche die Forderungen der griechischen Seite absolut befriedigen werden wird. Es gilt als sicher, dass Frau Merkel ihre Vorschläge mit unerträglichem Druck auf ein Nachgeben Athens in der Verhandlung mit den Institutionen koppeln wird, so dass die Maßnahmen, die vereinbart werden um bis zum Ende der Verlängerung der Kreditvereinbarung umgesetzt zu werden, sehr viele Elemente der mit der Regierung Samaras getroffenen Vereinbarungen haben werden.

Einfach gesagt, es werden Befürchtungen geäußert, Frau Merkel werde anstreben, das alte Memorandum wieder auf den Tisch zu bringen, welches Alexis Tsipras nicht umzusetzen zugesagt hat. Kann so etwas akzeptiert werden? Am kommenden Montag werden wir es wissen …

(Quelle: sofokleous10.gr)

Relevante Beiträge:

  1. windjob
    18. März 2015, 07:42 | #1

    Nach meiner persönlichen Meinung ist dies der Moment, wo Tsipras Durchhaltevermögen und Stärke zeigen muss. Die anderen Euro Staaten werden nervös und fürchten den Zusammenbruch der Eurogruppe. Dies ist seine grosse Chance Zugeständnisse zu bekommen. Herr Tsipras seien sie stark. Merkel neigt ja sowieso dazu ihr Fähnchen im Wind zu drehen.

  2. Griechenlandfreund
    18. März 2015, 19:37 | #2

    Wenn ich die englischsprachige Google News-Übersicht nach der Kombination „Greece Nato“ google, finde ich keinen einzigen Artikel, der diesen Zusammenhang bringen. Es ist ein Punkt, das Griechenland ggf. aus welchen Gründen (Unfall, Rauswurf, Austritt) aus dem Euro rausgeht. Es ist jedoch ein komplett anderer, dass Griechenland aus der Nato austritt. Auch ist eine Finanzierung Griechenlands durch Russlands ist angesichts der enormen und stark wachsenden Finanzprobleme Russlands ohnehin ausgeschlossen. Alleine in den letzten 30 Tagen fiel der Öl- und Gaspreis nochmals um über 15 Prozent, ergo nochmals rd. 10 Prozent weniger Staatseinnahmen für Russland.

  1. Bisher keine Trackbacks

Hinweis: Kommentare werden erst nach Freischaltung durch einen Administrator sichtbar.
Bitte beachten Sie die Hinweise und Regeln bezüglich der Abgabe von Leserkommentaren.