Heftige Kritik an Merkel wegen Griechenland

3. Januar 2015 / Aufrufe: 1.721

Jakob Augstein wirft Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, Europa mit ihrer surrealistischen Strategie und dem Mangel an Visionen in den Zusammenbruch zu führen.

Der „Spiegel“ beherbergt einen umfangreichen Artikel des deutschen Journalisten Jakob Augstein über die politischen Entwicklungen in Griechenland und die Weise, auf welche die Europäer auf die Nachricht der vorgezogenen Neuwahlen reagieren.

In seinem Artikel im „Spiegel“ mit Titel „Wofür müssen die Griechen leiden?“ übt Jakob Augstein heftige Kritik an der Weise, auf die in Deutschland die Politiker, aber auch Informationsmedien auf die Verkündung der vorgezogenen Neuwahlen in Griechenland reagierten. „Wer reagiert in einer Demokratie?„, fragt sich der Journalist. „Das Volk oder das Kapital?

Bildzeitung: „Demokratie muss man sich leisten können …

Man könnte sagen, eine einfache Frage. Weil das, was die Demokratie von der Diktatur unterscheidet, die Wahlen sind. Der Westen ist darauf stolz. Außer es besteht die Gefahr, dass das Volk eine linke Partei wählt. Dann erzürnt sich die öffentliche Nachrichtensendung ‚Tagesthemen‘ des deutschen Staatsfernsehens über die Demokratie der Griechen (und kommentiert): ‚Und schon wieder wollen sie wählen!‘. Die ‚Bild‘ wiederum schreibt: ‚Angela Merkel darf sich das nicht bieten lassen‘, sondern muss den Griechen klarmachen, ‚was Deutschland zu Recht von einer zukünftigen griechischen Regierung erwartet‘. Demokratie muss man sich offenbar leisten können. Und die Griechen sind pleite. Also sollen sie gefälligst das Wählen bleiben lassen. Was für eine Anmaßung!„, schreibt Jakob Augstein spöttisch.

Dagegen könnte – wie der bekannte deutsche Journalist betont – „Griechenland zu einem Strahl der Hoffnung für die Demokratie in Europa werden. Während der Dauer der Eurokrise hat die Demokratie in Europa einen autoritären Charakter angenommen“.

Tsipras ist nicht paranoid

Ausgedehnt ist auch die Bezugnahme auf den SYRIZA-Vorsitzenden Alexis Tsipras, wobei angemerkt wird, „es handelt sich nicht um irgendeinen Paranoiker. Er will nicht aus der EU ausscheiden, weder stellt er den Euro in Zweifel. Er will jedoch das brutale Dogma der Austerität brechen, das Europa und IWF seinem Land aufgezwungen haben. Er will die Steuern erhöhen, einen Mindestlohn einführen, Essensmarken an die Armen ausgeben und den Obdachlosen kostenlose medizinische Versorgung gewähren. Das ist Europa. Unter seinen Forderungen sticht einfach nur eine hervor: die Beschneidung der Verschuldung. Das ist in der Tat revolutionär, jedoch notwendig. Griechenland muss von seinen Schulden befreit werden. Ihre Tilgung ist nicht möglich.

Wie Jakob Augstein anmerkt, widerspricht er selbst nicht der Logik der Kürzungen, „wer jedoch in Krisenzeiten Kürzungen macht, ist erledigt. Es gab Warnungen. Dennoch wollten Angela Merkel und die Ideologen im Kanzleramt nicht eingestehen, dass wir von ‚Haushalten‘ der Staaten reden mögen, diese jedoch nicht auf Basis der Berechnungen der schwäbischen Hausfrau saniert werden können.

Merkel hat keine Vision

(…) Warum lassen sie die Griechen leiden? Als Bestrafung für die Sünden der Vergangenheit? Um andere Länder mit großen Schulden einzuschüchtern? Damit Merkel ihren Wählern sagen kann, dass es keine deutschen Gelder für südeuropäische Faulpelze gibt?“ Laut Jakob Augstein liegt das Problem in der Tatsache, dass „Merkel seit Beginn der Eurokrise eine surrealistische Strategie befolgt, gemäß der wir die Währungsunion aufrecht erhalten wollen, weil unsere Exporte von ihr profitieren und weil wir die politischen Folgen des Zusammenbruchs fürchten. Jedoch wollen wir nicht die Grundvoraussetzung für den Erfolg der gemeinsamen Währung realisieren, welche (Voraussetzung) die politische Union ist.

Merkels Mangel an Visionen, der in der deutschen Innenpolitik als Vorzug gilt – so armselig ist die deutsche Innenpolitik -, führt Europa in die Katastrophe. Helmuth Kohl hätte zusammen mit dem französischen Präsidenten lange einen Zehnjahresplan zur Fiskalunion vorgeschlagen.

Es ist anzumerken wert, dass Jakob Augstein Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“ ist und in der Vergangenheit für die „Süddeutsche Zeitung“ und „Die Zeit“ gearbeitet hat.

(Quelle: DW, Autor: Kostas Symeonidis. Hinweis: Obiger Beitrag basiert auf dem zusammenfassenden griechischen Text der benannten Quelle, der vollständige Artikel Jakob Augsteins kann hier eingesehen werden: Spardiktat: Wofür müssen die Griechen leiden?)

Relevante Beiträge:

  1. Ronald
    3. Januar 2015, 02:14 | #1

    Ein wirklich guter Artikel. Nachdenkenswert, soweit er die Frage stellt, ob denn die Bevölkerung oder die Finanzmärkte regieren. Die Demokratie hat bedauerlicherweise Schwächen: 1. Dummheit organisiert sich, Vernunft leider nicht, und 2. Die Regierungen Griechenlands, die das Land seit Jahrzehnten ausgeplündert haben, waren alle demokratisch legitimiert. Und ich hege ernsthafte Zweifel, ob denn in Griechenland eine neue Regierung, selbst unter Tsipras, den Staat nicht „als Beute“ nehmen wird. Ob ein Staatswesen von den Finanzmärkten oder seiner eigenen politischen „Elite“ ausgeplündert wird, ist das – wenigstens im Ergebnis – nicht letztlich egal?

  2. PeterPoly
    3. Januar 2015, 03:56 | #2

    Mit Seinem Artikel im Spiegel hat Herr Augstein völlig recht.
    Die Demokratie die uns Griechenland vor über 2000 Jahren geschenkt hat, wird von Frau Merkel und Ihren Gehilfen vergewaltigt. Die Politik die in Deutschland von Ihr angewendet wird ist weit entfernt von jedem Demokratischen Verständnis.
    Merkel und Ihre Gehilfen der Finanzmafia haben die letzten Jahre versucht die Menschen in Europa für dumm zu verkaufen . Stück für Stück kommt die Wahrheit ans Licht.
    Das Gespenst der Demokratie geht um und verbreitet Angst und Schrecken. Alexis Tsipras ist nur einer von vielen. Die Menschen haben es satt sich von einer undemokratischen und korrupten Minderheit vorschreiben zu lassen, wer leben darf und wer zu sterben hat. Lieber Alexis, im Falle deines Wahlsieges solltest du aus Barmherzigkeit eine Insel zur Verfügung stellen, wo wir alle Anti Demokraten Europas einquartieren können. Als Nahrung gibt es Schuldscheine und Zertifikate usw. Und vor allem täglichen Untericht in Demokratie. Mal sehen wie lange es dauert bis die sich selbst zerfleischen.

  3. maxmux
    3. Januar 2015, 21:50 | #3

    Merkel hat keine Vision von Europa sondern sie tut das, was ihr Auftraggeber in Washington von ihr verlangt: Vorschub zur Auflösung der nationalen Parlamente Europas zu leisten, indem man ihnen die Finanz- und Entscheidungshoheit nimmt und sie an Brüssel und die EZB weiterdelegiert. Nur so ist es für die USA und den dahinterstehenden Heerscharen an Finanzspekulanten, Invesoren, Anwälten, Industrien etc. pp. ein leichtes, sich Europas vollständig zu bevollmächtigen und sie mittels TTIP und dem noch weitaus schlimmeren TISA-Abkommen auf lange Zeiten in die US-amerikanischen Strukturen einzubinden, die Bürger auszuquetschen und den Kontakt zum großen östlichen Nachbarn faktisch zu unterbinden. Logisch, ein mit $ geschmierter Ansprechpartner und Verhandlungsteilnehmer ist besser als ein wilder europ. Hühnerhaufen. Diese Aktion läuft seit der Einführung des Euro 1999 und die bewußte Inkaufnahme der damit verbundenen sozialen und ökonomischen Verwerfungen auf dem europäischen Kontinent. Der Euro kann somit getrost als trojanisches Pferd des internationalen Großkapitals angesehen werden, die dieses Werkzeug anstelle von Drohnen und Strafbombern einsetzte. Letzteres wäre in Europa einfach nicht durchsetzbar gewesen und hätte in Europa für Verwirrung und Wut gesorgt. Griechenland oder Spanien sind ja nicht Lybien oder Syrien wo man sowas schon mal durchziehen kann. Die beschleunigten Geheimverhandlungen bzgl. TTIP und TISA, die öffentlichen Propagandakampagnen für Sparanstrengungen und Rettungspakete und der offensichtliche Versuch der Erpressung von Abgeordneten sowie der Manipulation von Wahlen sind der eindeutige Beweis: nicht Europa ist krank! Das angloamerikanische System der Spekulanten ist krank!

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