Griechenland-Krise: Wer hat Angst vor einem Grexit?

12. Januar 2015 / Aktualisiert: 06. Februar 2017 / Aufrufe: 2.599

Im Fall eines Grexit müssten die Europäer für 83 Prozent der Verschuldung Griechenlands aufkommen, während die Hedgefonds sich signifikante Gewinne versprechen.

Der Sturm der Veröffentlichungen und Berichte von Investment-Häusern, welche die Verkündung vorgezogener Neuwahlen in Griechenland beschäftigte, und hautsächlich das erneute Auftauchen des Begriffs Grexit auf den Titelseiten der Zeitungen haben bereits eine signifikante Rolle im Wahlkampf gespielt, sich in dem stetig sinkenden Wert der Börsentransaktion abgebildet und Gegenstand – nicht immer positiver – Kommentare dargestellt …

Die Essenz ist, dass die Möglichkeit eines „Unfalls“ in Griechenland und des Ausscheidens des Landes aus dem Euro ein inzwischen nicht mehr vorherrschendes, jedoch in den Plänen gewisser Kreise jedenfalls existierendes Thema ist. Existierend, wenn auch nicht … erwünscht! Weil – so sehr etliche Analytiker, selbst auch politische Führer Europas behaupten, die Union sei ausreichend gewappnet um sogar auch einer eventuellen Spaltung der Eurozone zu begegnen – offensichtlich ist, dass unter dem Strich alle (abgesehen von diversen privaten Investoren) nur zu verlieren haben. Allen voran die Deutschen und Franzosen!

Grexit würde deutsche Steuerzahler 690 € pro Nase kosten

Und wenn wir von Deutschen sprechen, meinen wir den durchschnittlichen Arbeitnehmer oder Rentner! Den durchschnittlichen deutschen Steuerzahler, der – wie Bloomberg charakteristisch in einer eigenen Analyse anmerkt – zwar nicht mehr darin fortfahren wird, den größten Anteil an den „Hilfskrediten“ für Griechenland aufzubringen, und auch sein Einkommen wird nicht dramatisch weiter sinken, wenn unser Land einen Zahlungsstopp verkündet, jedoch wird er aufgerufen sein, einen signifikanten Betrag zu entrichten, damit die griechische Verschuldung „gestrichen“ wird, und zusätzlich kann ihm niemand den kommenden Tag im Euro und in der Euro-Wirtschaft garantieren, wenn Griechenland – oder irgend ein anderes Land – aus dem Eurosystem ausscheiden und die Währung weiter beeinträchtigen wird.

Um genau zu sein, mit der Tatsache als gegeben, dass Deutschland und Frankreich für den größten Anteil der griechischen Verschuldung von ungefähr 320 Mrd. Euro gebürgt haben, die von den Regierungen der Eurozone mittels der Europäischen Finanzstabilitätsfazilität (EFSF), bilateraler Kredite, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie auch der nationalen Zentralbanken gehalten werden, bedeutet ein eventuelles Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro nebst dem damit einhergehenden Zahlungsstopp ganz einfach, dass jeder Deutsche etwa 690 Euro und jeder Franzose rund 735 Euro zu zahlen aufgefordert sein wird, damit die Verschuldung gestrichen wird.

Wie verständlich wird, haben die europäischen Regierungen ein gegebenes Problem, sich wieder an ihre Bürger zu richten um sie davon zu überzeugen, erneut für Griechenland zu zahlen. Noch viel mehr, wenn – da es keinen Präzedenzfall gibt – niemand weiß, wie die Märkte auf die zwangsweise Streichung der Verschuldung eines Landes reagieren werden, das innerhalb der Eurozone bankrott geht.

Private Investoren halten nur noch 17% der Verschuldung Griechenlands

Das Problem für die europäischen Staaten ist groß und wurde noch größer nach dem ersten „Schmitt“ der griechischen Anleiheemissionen, der die Verschuldung auf offizielle staatliche Gläubiger abwälzte und einen Anteil von gerade einmal 17% der griechischen Verschuldung in Händen privater Investoren beließ.

Im Fall eines Grexit werden die offiziellen Gläubiger signifikante Verluste verbuchen müssen, da sie die übrigen 83% der Verschuldung halten. Und wenn wir von „offiziellen“ Gläubigern reden, sprechen wir von einem Anteil einer Größenordnung von 62% der griechischen Wertpapiere, die bei den übrigen europäischen Regierungen angelangten und von diesen (mittels staatlich kontrollierter Banken) gehalten werden, von weiteren 10%, die der IWF inne hat, 8% in den Händen der EZB und 3% bei der Griechischen Bank. Grob überschlagen werden also etwa 80% der Verschuldung Griechenlands derzeit von den übrigen europäischen Staaten kontrolliert. Nach dem ersten „Schnitt“ vor eineinhalb Jahren bei der ersten Rettung Griechenlands erhielt unser Land auch weitere 53 Mrd. Euro in Form bilateraler Kredite von den Regierungen der Eurozone. Und etwa so haben die europäischen Regierungen Griechenland 195 Mrd. Euro gewährt.

Wenn Griechenland „hochgeht“, werden dann gemäß der die Beziehungen und Verpflichtungen zwischen Staaten und Organismen regelnden „Roadmap“ der IWF und die EZB vorrangig bezahlt werden, weil sie den Status von „Vorzugsgläubigern“ beibehalten. Dies bedeutet, dass die 195 Mrd. Euro aus den bilateralen staatlichen Krediten, den Krediten der EFSF und den besicherten Vereinbarungen verbleiben. Die Verteilung der „Unsicherheiten“ zeigt, dass davon Frankreich für 21,8% der Kredite der EFSF, also 31 Mrd. Euro, und mittels bilateraler Kredite für weitere 17 Mrd. Euro gebürgt hat. Kurz gesagt, wenn Athen einen Zahlungsstopp verkündet, muss Paris dann einen Verlust von fast 48 Mrd. Euro übernehmen. Entsprechend wird Deutschland bei einem eventuellen Grexit mit einem Betrag von 63,6 Mrd. Euro geschädigt werden.

Die großen Gewinner im Fall eines Grexit wären die Hedgefonds

Auf der Gegenseite werden – wie fast alle Analysten einschätzen – die Hedgefonds, die bereits ihren Verlust aus der Veräußerung der Aktien der börsennotierten Unternehmen verbucht haben, die größten Gewinner sein, wenn der Grexit nach einem Zusammenbruch der Verhandlungen zwischen welcher neuen griechischen Regierung auch immer und unseren Partnern und Gläubigern eintritt. Und dies, weil sie … ihren Anteil bei der Verflüssigung der griechischen Anleihen seit vor über einem Jahr bezahlt haben, sich wieder an der Athener Börse platziert haben und einen viel größeren Gewinn verzeichnen werden, wenn Griechenland aus dem Euro hinaus, zur Drachme und deren unvermeidlicher Abwertung geführt werden wird.

Praktisch sind es die privaten Investoren, die jetzt mit dem kontinuierlichen Druck auf die Athener Börse und den „gezielten“ – den jeweiligen Interessen der Investment-Häuser und großen Portefeuilles zuzuschreibenden – Veröffentlichungen die Dinge an die Grenzen treiben.

Laut Bloomberg ist auf Basis der insgesamt an Krediten gewährten Beträge Deutschland mit 60 Mrd. Euro am meisten gegenüber der griechischen Verschuldung exponiert. Es folgen Frankreich mit 46 Mrd. Euro und Italien mit 40 Mrd. Euro. Als Prozentsatz des BIP eines jeden Landes ergibt sich jedoch, dass gegenüber der griechischen Verschuldung am meisten Portugal exponiert ist, da die von ihm an Griechenland geleistete Hilfe 3% des portugiesischen BIP erreicht, Deutschland dagegen nur mit 2,2% seines BIP usw. …

(Quelle: sofokleous10.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Orbiter1
    12. Januar 2015, 21:20 | #1

    Billiger wird es nicht mehr. Lieber Grexit und jetzt 690 € zahlen als zigtausend € in ein paar Jahren. Griechenland hat die EURO-Kriterien nie erfüllt, Griechenland erfüllt die EURO-Kriterien nicht und Griechenland wird die EURO-Kriterien viele Jahrzehnte nicht erfüllen. Da wurden Löhne und Renten gekürzt, aber von der erfolgreichen Umsetzung von Strukturreformen ist Griechenland Lichtjahre entfernt. An Korruption und Vetternwirtschaft hat sich auch in den letzten Jahren nichts geändert.

  2. Realist
    13. Januar 2015, 11:56 | #2

    Hier liegt ein grandioser Irrtum vor. Bei einem „Grexit“ verschwinden die griechischen Schulden keinesfalls, sie bleiben so lange in Euro bestehen, bis die Schuldner tilgen oder die Gläubiger von sich aus *freiwillig* verzichten. Schlimmstenfalls können sie „bis zum jüngsten Tag“ eingetrieben werden, also noch in 1000 Jahren. Egal, welche Währung Griechenland dann hat. Es haben in den letzten Jahren nur die Gläubiger gewechselt, sonst nichts.

  3. Mark
    14. Januar 2015, 02:45 | #3

    Ein Grexit ist eher unwahrscheinlich. Kein logischer Mensch glaubt, dass so etwas passieren wird. Die EU wird Griechenland nicht so leicht aufgeben, da viele davon profitieren, und auch wird Griechenland erst mal nicht versuchen, einen „Grexit“ herbeizuführen. Und es ist auch nicht zu verstehen, wieso viele eine Linke Regierung fürchten. Die Syriza ist europaorientiert und hat auch nie gesagt, aus Euro und EU will aussteigen zu wollen. Das sagen nur die radikalen linken, also die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE), die natürlich wie alle solche Parteien 100 Jahre zurück in der Vergangenheit leben und noch immer auf eine Art neue Sowjetunion hoffen.

  4. ZolmanZ
    14. Januar 2015, 17:50 | #4

    Meine ehrliche Meinung, ich zahle gerne 690€ wenn es hilft. Aber bitte als Kredit zu 0% Finanzierung. 20€ im Monat 3 Jahre lang. Als Gegenleistung würde ich mir wünschen, dass dieses Griechenland vs. Deutschland bashing aufhört.

  5. Mark
    15. Januar 2015, 03:23 | #5

    Okay, andere Deutsche haben kein Problem, 690 Euro zu zahlen, andere wiederum nicht, und das kann ich auch gut verstehen (bin Grieche). Das Geld Deutschlands, das dem Deutschen Volk entnommen wird und in Staaten wie Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal fließt, ist als ob es eigentlich irgendwie nie dort ankommt, denn alles dreht sich nur schön um die Rettung einiger Banken, Staatsschulden und eventuelle Aktien. Mein Volk bekommt von der großen deutschen Hilfe eigentlich nichts ab, da keine dieser europäischen Gelder effektiv in die Wirtschaft fließen, damit feste Arbeitsplätze geschaffen werden, oder um Krankenkassen, die sich in einer Notlage befinden, teilweise zu finanzieren. Und somit nutzt Merkel auch ihre eigene Bürger eigentlich aus, indem sie die Steuern stets erhöht, die Unternehmen zu Boden zwingt oder ganz zumacht, mit der Rechtfertigung, dass dies unbedingt geschehen muss, da es in der Eurozone „Schwarze Schafe“ gibt, die enorm von DE unterstützt werden müssen – und dafür müssen dann natürlich die deutschen Steuerzahler brav aufkommen. Glaubt mir, wenn all das Geld die letzten Jahren nicht in ein bodenloses Fass (= die Staatsschulden, die NIEMALS alle beglichen werden können, egal wie gut es mit GR vorangehen wird) geworfen werden würde und stattdessen in Förderungsprogramme zur massiven Arbeitslosigkeitbekämpfung, Unternehmensgründungen und generell das Wachstum fördern würde, nebst einem parallelen großherzigen Schuldenschnitt, ja, dann hätten GR und andere Staaten auch nicht die heutige deutsche Hilfe überhaupt nötig, Deutschland würde sogar teilweise langsam Geld zurück bekommen und auch würde es uns nordeuropäischen Völkern besser gehen, aber auch dem Deutschen, da viele Milliarden für die deutsche Gesellschaft verwendet worden sein könnten.

  6. ZolmanZ
    15. Januar 2015, 08:57 | #6

    Gut geschrieben, so ist es wohl leider.

  7. K. Reber
    12. April 2015, 19:49 | #7

    Nicht nur vor einem Grexit haben viele Investoren und Sparer Angst …

  8. Team
    13. April 2015, 01:17 | #8

    @ K. Reber
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    Im übrigen finden wir es überhaupt nicht nett, unsere Artikel willkürlich „abzugrabschen“ bzw. für eigene Zwecke zu republizieren und nicht einmal die Quelle Ihrer „Erleuchtung“ zu „verlinken!

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