Deutsche Medien erfinden Bank-Run in Griechenland

2. Januar 2015 / Aufrufe: 5.111
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Im Rahmen der Panikmache vor einer SYRIZA-Regierung in Griechenland erfand die Propaganda-Maschinerie der deutschen Medien kurzerhand einen Bankensturm.

Mit reißerischen Schlagzeilen wie „Griechenlands Sparer heben Milliarden ab“ (Spiegel), „Griechen versorgen sich mit Bargeld“ (Handelsblatt), „Griechen heben Milliardensumme ab“ (Focus), „Besorgte Griechen heben Milliarden von Konten ab“ (Welt), die auf breiter Basis unbesehen aufgegriffen, nachgeplappert und reproduziert werden, versucht die deutsche Propagandamaschine angesichts eines sich als wahrscheinlich abzeichnenden Wahlsiegs der SYRIZA in Griechenland Angst und Panik vor den „Linken“ zu schüren.

Als Aufhänger diente ein am 31 Dezember 2014 in der griechischen Zeitung „Kathimerini“ veröffentlichter Artikel über die Entwicklung der Bankguthaben, so wie es in den Medien turnusmäßig auf den Angaben der Griechischen Bank basierende Berichte zu finden gibt. Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass infolge stetig steigender steuerlicher Belastungen einerseits und sinkender Einkommen und galoppierender Arbeitslosigkeit anderseits immer mehr Steuerzahler gezwungen sind, ihre letzten Reserven (sprich Sparguthaben) anzugreifen um ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Keine Phänomene eines massenhaften Abzugs von Sparguthaben

Obwohl es in dem in Rede stehenden Artikel der „Kathimerini“ ausdrücklich lautet, „… es zeigten sich keine Phänomene eines massenhaften Abzugs von Guthaben„, wurde in der deutschen Medienlandschaft flugs die Nachricht über einen angeblichen Schaltersturm in Griechenland verbreitet und augenscheinlich von vielen Möchtegern-Journalisten unbesehen übernommen, ohne auch nur einen einzigen Blick auf die angebliche „Quelle“ zu werfen – nach deren Angabe (z. B. in Form eines Verweises auf den konkreten Online-Artikel der Kathimerini) im übrigen vergeblich sucht.

Der Artikel der Kathimerini wird nachstehend in deutscher Übersetzung (nebst Verweis auf den griechischen Originaltext!) wiedergegeben, auf dass sich jeder ein eigenes Bild von der „Qualität“ des Krisen-Journalismus verschaffen mag … :

2,5 Mrd. Euro flossen im Dezember aus Guthaben der Unternehmen und Haushalte ab

Es wird damit gerechnet, dass die Guthaben der griechischen Unternehmen und Haushalte sich Ende des Jahres auf das Niveau des im Dezember vergangenen Jahres gestalten wird, womit die übliche Praxis der jedes Jahr zum Ende des Jahres steigenden Guthaben gekippt wird. Grund sind die selektiven Kapitalabflüsse, die in den letzten Tagen des Jahres wegen des Auslaufens der Wiederanlageperiode für Festgeldanlagen angesichts der sinkenden Zinssätze verzeichnet wurden, aber auch die erhöhten steuerlichen Verpflichtungen, die den jedes Jahr verzeichneten erwarteten Anstieg zunichte machten.

Gemäß den  am 30 Dezember 2014 von der Griechischen Bank veröffentlichten Daten wurde bereits im November 2014 ein kleiner Rückgang in der Größenordnung von 199,7 Mio. Euro bei den Restguthaben verzeichnet, deren Höhe sich von 164,5 Mrd. Euro auf 164,3 Mrd. Euro gestaltete. Der wirkliche Rückgang ist jedoch größer, da im November 2014 Zahlungen des OPEKEPE in einer Größenordnung von 800 Mio. Euro in das System flossen (Anmerkung: gemeint sind Entschädigungs- und Subventionszahlungen in der Vieh- und Landwirtschaft). Dies ist auch der Grund, aus dem sich die Guthaben auf den Sparkonten der Haushalte um 451.5 Mio. Euro auf 43,6 Mrd. Euro gestiegen zeigen, während die Festgeldanlagen um 150 Mio. Euro auf 84,7 Mrd. Euro sanken.

Gemäß den Einschätzungen der Banken war im Dezember der Abfluss von Guthaben größer und wird auf ungefähr 2,5 Mrd. Euro veranschlagt, da Großanleger sich entweder für die Anlage eines Teils ihrer Gelder in Investment- oder Aktienfonts oder den Transfer auf bereits bei Banken im Ausland geführte Konten entschieden. Diese selektiv auch von großen Portefeuilles beobachtete Entwicklung in Kombination mit den erhöhten steuerlichen Verpflichtungen, welche die griechischen Haushalte zu jedem Jahresende belasten, ließen den Anstieg „verfliegen“, der traditionell im Monat Dezember auch wegen des Weihnachtsgeld verzeichnet wird und analog zu der Periode selbst in den schlimmsten Jahren ab wenigstens 2 Mrd. Euro beginnt und bis zu sogar 5 Mrd. Euro erreichen kann.

Das Scheitern der Wahl eines Staatspräsidenten durch das gegenwärtige Parlament und die kurz vor Ende des Jahres erfolgte Ausrufung vorgezogener Neuwahlen beeinflusste die Psychologie der Sparer nicht und es zeigten sich keine Phänomene eines massenhaften Abzugs von Guthaben. Die Sicherheit, welche die EZB der Stabilität des Banksystems gewährt, und die Beseitigung jeder Gefahr eines Ausscheidens aus dem Euro wirkten sich beruhigend auf die von einem Teil der Anleger gezeigten beschränkten Beunruhigungen aus, womit die wie auch immer gearteten Züge hauptsächlich von Großanlegern im Rahmen auch der Suche nach einer besseren Rendite bei ihren Geldern herrührten.

Finanzierung

Im November 2014 wurde eine kleine Verlangsamung des negativen Rhythmus der Finanzierung der Unternehmen und Haushalte durch die Banken verzeichnet, der um 3% gegenüber 3,2% im Oktober und 3,8% im November 2013 zurückging. Die – sei es auch geringe – Verlangsamung stellt ein schüchternes Anzeichen der allmählichen Wiederherstellung der Liquidität auf dem Markt dar, es bleibt jedoch die Frage bestehen, inwieweit sich angesichts der Wahlen diese Tendenz im Dezember 2014, aber auch in den ersten Monaten des Jahres 2015 fortsetzen wird.

(Quelle: Kathimerini)

Wähler sollen mit allen Mitteln dazu gebracht werden, „richtig“ zu wählen

Ob es in Griechenland in den kommenden Tagen oder Wochen möglicherweise wirklich einen Ansturm verunsicherter Sparer auf die ATM und Schalter der Banken geben wird, vermag derzeit niemand auszuschließen. Festzustehen scheint jedoch, dass ein Klima allgemeiner Beunruhigung in der griechischen Bevölkerung – und in diesem Rahmen auch ein vorsätzlich provozierter Bank-Run – gewissen Interessen und Machtzentren durchaus gelegen käme.

Bereits anlässlich der Parlamentswahlen im Jahr 2012 wurden alle Register gezogen, um unter anderem gezielt die Rentner in Angst und Schrecken zu versetzen und sie glauben zu machen, im Fall eines Wahlsiegs der SYRIZA seien ihre Renten gefährdet. Die Analysen der damaligen Wahlergebnisse zeigten dann auch, dass diese miese Strategie tatsächlich fruchtete und die Nea Dimokratia (ND) 2012 ihren Wahlsieg größtenteils speziell dieser Wählergruppe zu verdanken hatte.

In diesem Sinn ist fast sicher mit weiteren aus dem In- und Ausland initiierten „konzertierten Aktionen“ zu rechnen, um die – zumal zu einem erheblichen Anteil noch bzw. nun wieder unentschlossenen – Wähler zu verunsichern, zu terrorisieren und mit jedem Mittel dazu zu bringen, „richtig“ zu wählen.

Relevante Beiträge:

  1. LiFe
    2. Januar 2015, 12:44 | #1

    Huch, wenn 2,5 Milliarden abgehoben wurden, wieviel Griechen und Beträge könnten mathematisch ermittelt werden? Ich denke Weihnachten werden Griechen ihren Kindern etwas schenken dürfen.

  2. HJM
    2. Januar 2015, 15:27 | #2

    Leider trifft dieser Artikel (von wem?) den Nagel auf den Kopf. Ich bin allergisch gegenüber Heilsversprechungen und deshalb sicher kein Syriza-Freund. Aber das, was sich deutsche Medien -im übrigen nicht nur Printmedien- hier leisten, ist ein Musterbeispiel an oberflächlichstem Journalismus, grob verzerrend, eigentlich bewußte Fehlinformation, und deshalb einfach nur beschämend.

  3. H.Trickler
    2. Januar 2015, 18:17 | #3

    Schon anlässlich der Krise in der Ukraine musste man feststellen, dass die deutschsprachigen Leitmedien öfters völlig einseitige Berichte als ultimative Wahrheit verbreitet haben. — Die Falschmeldung über einen Bankenrun in Griechenland ist ebenso unzutreffend. Dass der Text von Ekaterimini eher lang ist und die meisten der geschundenen Journalisten höchstens den ersten Drittel davon gelesen haben, erklärt zwar die Ursache, ist aber keineswegs entschuldbar!

  4. Marie
    2. Januar 2015, 19:33 | #4

    Die Propagadamaschine läuft auf Hochtouren! Wird spannend, was sie in den nächsten Tagen noch so alles erfinden …

  5. GR-Block
    2. Januar 2015, 19:45 | #5

    Naja, bei 11 Mio Griechen und nur 2.5 Mrd € im Dezember, sind das also ganze 227 € pro Kopf? Typisch, das zeigt mal wieder, dass die Griechen nicht willens sind ihren ganz normalen Steuernachzahlungen am Ende des Jahres nachzukommen? Geschweige denn, dass sie z.B. ihre Kfz-Steuer bezahlen wollten, oder auch nur ihre Strom- und Wasserrechnung.

  6. Kleoni
    3. Januar 2015, 15:02 | #6

    was z.Zt. in der deutschen Presse zu lesen ist, geht allein dahin, dass der willige Adlatus, Hr. Samaras und sein Klientel, den Finanzmärkten erhalten bleibt, dass die Banken finanziert werden, die dann die Gelder umgehend an die Geberländer zurücksenden, damit die Presse schreiben kann, dass die Reformen nicht greifen, weil die Schuldenlast nicht sinkt. Logisch, wenn die Gelder nicht bei der Wirtschaft zur Schaffung von Arbeitsplätzen ankommt, wie kann eine Wirtschaft wachsen, wenn sie keine Kredite zur Beschaffung von Rohmaterialen erhält, damit produziert werden kann. Aber die Finanzmärkte haben sich schon längst von der Realwirtschaft abgekoppelt werden und sind zum reinen Monopolyspiel geworden. Die Rechnung müssen dann die 95% der inzwischen meist zu Arbeitslosen gemachten Menschen in den Schuldenstaaten durch immer höhere Steuern u. Abgaben bezahlen, und am Schluss wird ihnen auch noch das Dach über dem Kopf genommen, wenn sie ihr Erspartes aufgebraucht haben, die Rente für Steuern u. Abgaben nicht mehr reicht, obwohl sie nur noch 1x am Tag etwas essen und auch immer mehr Kinder hungern. Die junge Generation muss auswandern, damit können dann z.B. in D. die fehlenden Fachkräfte ersetzt werden. 95% der Griechen haben im Moment (noch) ein kleines bisschen zu viel zum zu sterben, aber viel zu wenig zum (über)leben.

  7. Martin Löhnertz
    5. Januar 2015, 14:59 | #7

    Das ist leider gefährlicher als es zunächst scheint. Ein Bankensturm entsteht genau dann, wenn alle glauben, dass es einen Bankensturm gibt und keiner zu den „letzten“ gehören will, die kein Geld mehr bekommen. Das einzige, was eine Fiat-Währung stabil hält, ist der Glaube an diese Währung. Derartige Aussagen von Journalisten sind also durchaus vergleichbar mit dem Handeln der Reporter, die beim Hochwasser in Köln absichtlich Dämme beschädigt haben, um „spannendere“ Nachrichten zu bekommen.

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