Auswanderung senkt Arbeitslosigkeit in Griechenland

29. Dezember 2014 / Aufrufe: 1.872

Die Regierung in Griechenland rühmt sich des Rückgangs der Arbeitslosigkeit, der jedoch zu einem erheblichen Teil auf einem fatalen Braindrain beruht.

Nach den von der nationalen griechischen Statistikbehörde (ELSTAT) an die Öffentlichkeit gegebenen Daten, die von einem Rückgang der Arbeitslosigkeit im 3. Quartal 2014 auf 25,5% gegenüber 27,2% vor einem Jahr sprechen, beruft die Regierung sich auch bezüglich der Arbeitslosigkeit auf eine Success Story.

Die bittere Wahrheit ist jedoch, dass die Arbeitslosenquote sank, weil sich die Anzahl der Arbeitslosen ausweitete, die das Land verließen. Einer von zwei Arbeitslosen sitzt inzwischen „auf gepackten Koffern“ und konkret wanderten allein im letzten Jahr mehr als 150.000 Menschen ins Ausland aus.

„Braindrain“ gefährdet zukünftiges Wachstum

Wissenschaftler, aber auch Funktionäre des Wirtschaftsstabs der Regierung warnen kontinuierlich bezüglich der Flucht des Arbeitskräftepotentials, also davor, was international als „brain drain“ bezeichnet wird – sprich dem Phänomen, das die Entwicklungsmöglichkeiten des Landes und das potentielle zukünftige Produkt mindert. Das Thema ist, dass – immer gemäß den Daten der ELSTAT – die Fluchtwelle trotz der Perspektiven auf einen Aufschwung, den die offiziellen Einschätzungen der Regierung zeigen (BIP 0,6% bei konstanten Preisen in diesem Jahr und 2,9% im Jahr 2015), keinesfalls gebremst worden ist.

Laut den Daten der ELSTAT für die Quartalserhebung über das Arbeitskräftepotential zählte der griechische Arbeitsmarkt im 3. Quartal 2014 jedenfalls 1.229.400 (offiziell registrierte) Arbeitslose. Im Verhältnis zu dem 3. Quartal 2013 sank ihre Anzahl um 90.900, womit sich auch die Arbeitslosenquote auf 25,5% beschränkte. Es gibt jedoch ein Paradox: die Anzahl der Beschäftigten stieg nicht im selben Maß an … .

Das Reservoir der Beschäftigten zählte im 3. Quartal 2014 insgesamt 3.586.900 Personen, sprich 53.200 mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Die Anzahl der neuen Arbeitsplätze ist allerdings folglich nur knapp halb so hoch wie der in den Statistiken ausgewiesene Rückgang der Anzahl der Arbeitslosen.

Wo sind 37.700 Arbeitslose geblieben?

Die sich erhebende Frage ist, wo die andere Hälfte der Arbeitslosen geblieben ist. Wo sind 37.700 Personen geblieben? Die Antwort ist, dass sie den Arbeitsmarkt oder aber sogar auch das Land „verlassen“ haben.

  • Als wirtschaftlich nicht aktiv erklärten sich im 3. Quartal 2014 insgesamt 4.461.200 Menschen im arbeitsfähigen Alter (ab 15 Jahren und mehr), im Vergleich zum Vorjahr eine um 8.100 gestiegene Anzahl. Es sei angemerkt, dass in dem Fragebogen der ELSTAT (und auf Basis der Regeln der Eurostat in jedem Land der EU) als „nicht aktiv“ verzeichnet wird, wer innerhalb des letzten Monats nicht nach Arbeit suchte. Also auch all jene, die ihre Bemühungen inzwischen … aufgegeben haben.
  • Damit die Gleichung zwischen dem Rückgang der Arbeitslosen und dem viel geringeren Anstieg der Beschäftigung „aufgeht“, fehlen 29.600 Personen. Diese wurden im letzten Jahr von der inzwischen 9.277.500 Personen zählenden über 15 Jahre alten Bevölkerung „abgezogen“. Ein Teil infolge der Alterung der Bevölkerung, ein anderer wegen der „Flucht“ immigrierter Wirtschaftsflüchtlinge, die anderswo nach besseren Umständen suchen. Ein weiterer Teil entfällt jedoch auf arbeitslose Griechen, die das Land verlassen, weil sie im Ausland Arbeit fanden oder suchen … .

Seit 2007, also einem Jahr vor Beginn der Krise, erreicht die „Flucht“ 158.200 Personen. Die Daten der ELSTAT zeichnen die Umstände auf dem Arbeitsmarkt auf, die sie zu dieser Entscheidung führten: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen schnellte auf 74,5% der Gesamtheit hoch, 75,1% der Arbeitslosen sind bereit, sogar auch eine Teilzeitbeschäftigung anzunehmen, einer von zwei jungen Menschen im Alter von bis zu 24 Jahren ist arbeitslos und in der produktivsten Altersgruppe von 25 – 29 Jahren beträgt die Arbeitslosigkeit 39,7%.

Selbst bei Inhabern von Doktortiteln oder postgradualen Studienabschlüssen ist die Arbeitslosigkeit nicht unbedeutend: Sie liegt bei 12,7%, also über der durchschnittlichen Arbeitslosenquote für die EU-Länder, die brennend nach ausgebildetem Personal suchen – und zwar bei sehr viel besseren Bezügen als in Griechenland. Bei den Absolventen des tertiären Bildungszweigs wiederum erreicht die Arbeitslosenquote 20,6% … .

Troika beharrt auf weiteren Streichungen von Steuerbefreiungen

Während wir uns alle damit beschäftigen, ob – und wie viel – Geld für die Wahl des Staatspräsidenten fließt, macht die Troika mit ihrer Leier weiter und verlangt die weitere Einschränkung der verbliebenen 700 Steuerbefreiungen, welche Position auch der ehemalige Finanzminister und heutige Leiter der Griechischen Bank, Giannis Stournaras, stützt.

Laut den Troikanern belaufen sich für den Fiskus die Kosten dieser Steuerbefreiungen derzeit auf 3,6 Mrd. Euro und sind damit gegenüber den 8 Mrd. Euro, die sie vor dem Beginn der Krise ausmachten, ganz klar gesenkt worden. Praktisch schuf die Streichung hunderter Steuerbefreiungen in den letzten fünf Jahren angesichts der Tatsache, dass die Beschneidungen in diese Richtung orientiert waren, Belastungen hauptsächlich bei den natürlichen Personen.

Spezieller wurden Steuerbefreiungen beschnitten, welche die privaten Haushalte stützten und sich im Jahr 2009 auf 3,5 Mrd. Euro beliefen, während sie heute auf 293 Mio. Euro beschränkt worden sind! Kurz gesagt ist dieser Betrag für das Land als – angebliche – Verschwendung nicht einmal diskutabel, zumal zu einer Stunde, wo dieses Geld, sei es auch nur minimal, einem kleinen Anteil von der Krise ins Elend gestürzter Griechen hilft!

(Quelle: To Pontiki)

  1. H.Trickler
    29. Dezember 2014, 21:53 | #1

    Der Brain-Drain hat doch nicht erst im letzten Jahr stattgefunden. Das ist seit Jahrzehnten eine traurige Tatsache und mit ein Grund, warum es viel zu wenig Klein- und Mittelbetriebe gibt und m. E. die beruflichen Fähigkeiten vieler Politiker sehr zu Wünschen übrig lassen.

  2. 12. Februar 2015, 18:35 | #2

    Tja, wie sagt man so schön: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.“ Tatsache ist doch, dass das Land systematisch in den Abgrund getrieben worden ist, zuerst durch das Zinsgefälle, anschließend durch die aufoktroyierten Sparpläne. In den GIPS-Staaten hat die Austeritätspolitik, auch durch zunehmende Privatisierungsprogramme, einen Abbau des Sozialstaates verursacht, der global in diesem Ausmaß seinesgleichen erst noch finden muss.

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