Macht Griechenland fertig!

17. November 2014 / Aufrufe: 2.808

Yanis Varoufakis kommentiert die Enthüllungen des ehemaligen US-Finanzministers Timothy Geithner über die blinde Wut der Nordeuropäer auf Griechenland.

Der ehemalige US-Finanzminister Timothy Geithner bestätigte in einer mitgeschnittenen Diskussion, was jüngst das Licht der Öffentlichkeit erblickte:

Im Februar 2010 gaben die nordeuropäischen Führer – den Orkan ignorierend, der die gesamte Eurozone mitreißen würde – sich ihrem Zorn gegen das „zügellose“ Griechenland hin und waren entschlossen, „die Griechen zu zerquetschen“, da Griechenland es fertig gebracht hatte, innerhalb einer Währungsunion pleite zu gehen, deren Architektur einen solchen Bankrott nicht vorsah (und dem sie deswegen nicht zu begegnen vermochte).

Die Griechen sind Scheißer und missbrauchen die Institutionen …

Bei einer Begegnung der G7 in Kanada hörte Timothy Geithner verblüfft seine Kollegen sagen: „Wir werden ihnen eine Lehre erteilen. Sie sind zügellos. Sie belogen uns. Sie sind Scheißer, Verschwender und nutzten die Institutionen aus. Wir werden sie zerquetschen. Dies war grundsätzlich ihre Haltung. Die Haltung aller.“ Als Geithner diese frenetischen Gespräche vernahm, war seine Reaktion nicht, sich um die Zukunft der Griechen zu sorgen. Nein, der Amerikaner war darüber beunruhigt, dass die Nordeuropäer in ihrem Eifer, die Griechen zu „füsilieren“, sich – ohne es zu wollen – selbst ins Knie schießen würden. Wie ich hier bei protagon.gr im Mai 2010 schrieb und das Memorandum für Griechenland mit dem Vertrag von Versailles verglich:

Von ihrer Macht mitgerissen können die Starken den Schwachen ohne weiteres Abkommen und Bedingungen aufzwingen, die alle schwächen. Genau das war meine Angst bezüglich der Vereinbarung, die IWF – EU – EZB unserem besiegten Land aufzwangen … . So sind die Verträge à la Versailles: Sie verpulvern die Macht der Starken und haben (sowohl 1919 als auch 2010) unserer aller Elend zum Resultat – der Starken und der Schwachen.

Geithner muss bei dieser Begegnung der Einzige gewesen sein, der begriff, dass die Europäer in ihrem Bestreben, die Griechen abzustrafen, ganz Europa für ein Jahrzehnt und mehr in einen Strudel treiben würden.

Alles weitere ist in die Geschichte eingegangen. Griechenland wurde zermalmt. Und es wurde nicht zermalmt, weil man es offiziell pleite gehen ließ, sondern weil ihm nicht erlaubt wurde, seinen unabwendbaren Bankrott zu umarmen. Es wurde zermalmt, weil dem insolventesten Land der größte Kredit in der Geschichte der Menschheit unter der Bedingung der Schrumpfung seiner Einkommen (in Euro) aufgezwungen wurde, und zwar in einem Moment, wo es aufgefordert ist, alle seine alten Kredite (die es in die Knie zwangen) nebst den neuen zu tilgen. Mit diesem Zug der Nordeuropäer, den die einheimische Kleptokratie enthusiastisch umarmte, wurde nicht nur Griechenland zermalmt, sondern es geschah auch etwas anderes: Die übrige europäische Peripherie (wo das Modell „Macht Griechenland fertig“ in einer etwas gemäßigteren Form durchgesetzt wurde) geriet in einen Zustand beständiger „Atemnot“ – mit dem Ergebnis, dass sich heute die gesamte Eurozone dauerhaft in einem Zustand der Rezession, der Deflation und in den Augen der Mehrheit der Europäer des zügigen Verlusts der Legitimierung befindet.

Troika ist nicht weniger schuldig als Griechenland

Nach den letzten Enthüllungen des Herrn Geithner sagen mir heute all jene, die 2010 vertraten, der Memorandums-Kredit sein eine Einbahnstraße gewesen, (zusammen mit denen, die anderer Meinung waren, diese dann jedoch irgendwann änderten, um an die Macht zu steigen) selbstgefällig: „Hast Du gesehen, welches damals das Klima in Europa war? Hätten wir getan, was Du uns sagtest, hätten sie uns zermalmt!“ Und ich antworte: Aber sie haben uns doch zermalmt!

Der Schraubstock, mit dem sie es fertigbrachten, war genau dieser memorandische Kredit, den unsere Regierungen 2010 und 2012 unterzeichneten und seitdem bis heute einzuhalten vorspielen. Genau so wie 1919 Deutschland zermalmt wurde, indem es den Vertrag von Versailles unterschrieb, wurde auch Griechenland zerquetscht, indem es die memorandischen Kreditabkommen unterschrieb – das erste, damit die nordeuropäischen Banken gerettet werden, und das zweite, damit die griechischen Bankiers, ihre politische Gefolgschaft und die Massenmedien gerettet werden, die aus diesen Krediten gefüttert wurden (also die Kleptokratie, die selbstverständlich niemals zerquetscht wurde!)

Griechenlands Optionen Anfang 2010, also damals, als Herr Geithner die in Rede stehenden Kontakte hatte, waren simpel: Eingeständnis seines Bankrotts oder dessen endlose Verschleppung. Die zweite Alternative, mittels memorandischer Kredite, war jene, die am meisten der von den Nordeuropäern gewünschten Vernichtung des Landes entsprach. Und als ob dies nicht genug war, als ob die ewig währende Verschleppung des Bankrotts des Landes (was die größte, unmenschlichste, erniedrigendste Zermalmung eines Volkes darstellt) nicht ausgereicht hätte, hört die Kaste unseres Etablishments nicht auf, von uns zu verlangen, sie dafür zu preisen, uns vor der Vernichtung gerettet, vor dem Bankrott bewahrt zu haben.

Damals, 2010, in jenem Artikel, in dem ich mich (wie Geithner jetzt) auf die rasende Wut Deutschlands bezog, das gesamte griechische Volk (wie die Alliierten es 1919 mit Deutschland gemacht hatten) einer kollektiven Bestrafung zu unterziehen, und zwar mit dem sicheren Resultat der Ausweitung der Krise auf ganz Europa, entlieh ich mir eine Phrase von Keynes, mit welcher der englische Ökonom den Vertrag von Versailles kommentierte und schrieb:

… die unaufrichtige Annahme … von Bedingungen, die unmöglich einzuhalten waren …, und die es nicht einzuhalten beabsichtigte, macht Griechenland (**) genau so schuldig wie die Troika (***), die Bedingungen aufzwang, zu deren Durchsetzung sie nicht berechtigt war.

Seit nun vier Jahren fasst die obige Phrase weiterhin die griechische Realität zusammen. Griechenland wurde tatsächlich zermalmt. Zusammen mit ihm wurde jedoch leider auch die Idee eines vereinigten, progressiven Europas zermalmt.

(**) Hier ersetzte ich „Deutschland“ durch „Griechenland und hier (***) „Alliierten“ durch „Troika“.

(Quelle: www.protagon.gr, Autor: Yanis Varoufakis)

Relevante Beiträge:

  1. H.Bosse
    17. November 2014, 13:22 | #1

    Man kann doch den Zorn der Nordeuropäer verstehen als all die Fakten zutage kamen. Es steht doch außer Frage, dass hier in Griechenland einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Nun wie sollte außer mit Reformen und Korrekturen der Staatshaushalt wieder in die Spur geführt werden?

  2. LiFe
    18. November 2014, 00:43 | #2

    An und für sich hatte Geithner, schlagwertig wie er war, gut reagiert. Den Zürnenden riet er gleichzeitig: wenn sie Griechenland eine Lektion erteilen wollen und dabei Griechenland in Würgegriff halten wollen, dann müssen sie sich versichern, dass die Krise nicht abseits von Griechenland ihr Unwesen treibt. Darüber musste ich so lachen, denn dann hätten sie wirklich ein Problem!

  3. GR-Block
    18. November 2014, 01:28 | #3

    Da haben sich wohl die „nordeuropäischen“ Architekten böse verrechnet beim Bau des Binnenmarktes. Und es zeugt von miesem Charakter beim Einsturz eines Gebäudetraktes die Mieter schuldig zu sprechen. „Alle Macht den Monopolen!“ war der Schlachtruf, „…dann brummt das Geschäft“. Dass dabei Länder mit freiem Markt bankrott gehen, wenn die EU-Konzerne keine Arbeitsplätze ansiedeln, war nicht vorauszusehen, oder doch?
    Seit Maastricht wurden nationale ökonomische Indizes schön geredet und die EU war der Anstifter dazu. Schließlich schickte sie selbst die einzelnen Partnerregierungen zu ihren amerikanischen Beraterbanken. Getäuscht werden sollten die Völker. In GR wurde die Finanzschieflage lange vor der EURO-Einführung thematisiert, allerdings von der falschen Partei.
    Jetzt in der Krise stützt die Troika das alte System und verhindert jegliche Reform. Damit die ausländischen Staatsaufträge weiterhin fließen, muss der Wohlstand der Bürger und die Zukunft ihrer Jugend dran glauben. Kein Wunder, dass die Griechen auf die Nordeuropäer sauer sind.

  4. V 99%
    20. November 2014, 00:46 | #4

    Natuerlich ist der ehemalige US-Finanzminister Timothy Geithner ein absolut glaubwuerdiger, weil ja voellig unvoreingenommener, „Zeuge“ der Verschwoerungstheorie gegen Griechenland. Er hat sicher kein Interesse, als Vertreter der amerikanischen Bankenlobby, daran, dass der Euro den Bach runter geht. Schliesslich war er ja nur massgeblich daran beteiligt, im Jahre 2008 Rettungspakete fuer amerikanische Banken zu machen … hallo? Gehts noch?

  5. GR-Block
    20. November 2014, 14:44 | #5

    Niemals würde ich die Aussage von Finanzministern der FUKG-US-Staaten für bare Münze nehmen. Sie sind kleinkarierte Rechner, keine großen Staatsleute. Die sehen ihren „edlen“ kapitalistischen Wettbewerb untereinander quasi als Olympische (oder Paralympische) Spiele. Die „Peripherie“ „ihres“ Wirtschaftsraumes dagegen, wird je nach Bedarf als Bauernopfer verheizt. Andererseits aber sollte man den Nutzen, den GR aus ihrem Disput über die Finanzkrise ziehen könnte, nicht unterschätzen.

Kommentare sind geschlossen