Die unsichtbaren Arbeitnehmer in Griechenland

18. Oktober 2014 / Aktualisiert: 03. März 2017 / Aufrufe: 1.350

Im Rahmen sogenannter flexibler Beschäftigungsformen werden in Griechenland völlig legal hunderttausende Arbeitnehmer in eine rechtlose Scheinselbständigkeit gezwungen.

Wenn in Griechenland von „Einkommen aus Quittungsblöcken“ die Rede ist, geht es heutzutage meistens um Arbeitnehmer, die infolge der katastrophalen Lage auf dem Arbeitsmarkt keinen anderen Ausweg sehen, als sich den – immer absurderen – Forderungen der Arbeitgeber zu beugen und als Scheinselbständige zu verdingen bzw. buchstäblich „versklaven“ zu lassen.

Sowohl auf dem privaten als nicht zuletzt auch auf dem öffentlichen Sektor wurde in den letzten Jahren in systematischer Untergrabung der Arbeitsgesetzgebung ein ständig anwachsendes Heer rechtloser Scheinselbständiger rekrutiert, die zwar praktisch ganz „normale“ Arbeitnehmer sind (sprich in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis stehen und ggf. sogar auch „Planstellen“ besetzen), formal jedoch als „Selbständige“ behandelt – und natürlich besteuert! – werden.

Ein Journalist, dessen Artikel nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergegeben wird, beschreibt anschaulich und sinngemäß allgemein zutreffend, was es bedeutet, ein „Blöckchen“ bzw. „Blokakias“ (Plural: „Blokakides“) zu sein.

Was es bedeutet, ein „Blokakias“ zu sein

Was bedeutet es heutzutage, ein „Blokakias“ zu sein? Es bedeutet den totalen Wahnsinn, wenn – also – die Worte einen Sinn hätten. Der Blokakias hat alle Verpflichtungen, die ein Arbeitnehmer hat, jedoch keins der Rechte. In Wirklichkeit ist er unsichtbar. Der unsichtbare Blokakias. Ein Blokakias zahlt 20% Lohnsteuerabzug an das Finanzamt, eine Angabe von 21% an seine Versicherungskasse – oder fallweise auch mehr – und 23% MwSt., die ihm theoretisch der Arbeitgeber zahlen müsste, jedoch in letzter Zeit geschieht auch dies nicht.

Sogar auch wenn ein Blokakias kontinuierlich mehr als 20 Jahre lang für einen Arbeitgeber arbeitet und jeden Monat eine Rechnung ausstellt, kann er kein abhängiges Arbeitsverhältnis nachweisen. Erstens, weil er keine konkreten Arbeitszeiten hat – wobei alle wissen, dass der Journalist pro veröffentlichten Artikel bezahlt wird – was bedeutet, dass er an Samstagen, Sonntagen, Feiertagen und sicherlich sehr viel mehr als einen 8-Stunden-Tag (ab)arbeitet. Und zweitens, weil der Arbeitgeber ihm nicht seine Urlaubszeiten vorschreibt – wobei ebenfalls alle wissen, dass ein Blokakias niemals Urlaub nimmt, weil er anderenfalls seinen Job verlieren wird. Selbst wenn alle anderen in den Urlaub fahren, bleibt er zurück um die Urlaubslücken zu decken. Dann hat er sogar die meiste Arbeit.

In den letzten Jahren ist das „Blöckchen“ jedoch ein Fluch. Wird ein Blokakias entlassen, erhält er niemals eine Abfindung. Häufig bekommt er nicht einmal seine fälligen Vergütungen, wie in Fällen wie der Zeitung „Ependytis“ oder der „Kathimerini“, wo die Firmen das (fest angestellte) Personal regulär entlohnen, die Blokakides dagegen seit Monaten nicht bezahlt worden sind. Wenn wiederum eine Firma sogar schließt oder – wie im Fall Lymperis – Konkurs anmeldet, hat der Blokakias keinen Anspruch auf Streikgeld oder Arbeitslosenhilfe.

Die absolute Absurdität ist jedoch, dass er die Mehrwertsteuer aus der eigenen Tasche zahlt – trotz der Tatsache, dass die Firma (des Arbeitgebers) in Konkurs ging und ihm seine fälligen Vergütungen niemals gezahlt wurden. Und natürlich wird er für niemals erhaltenes Geld besteuert – speziell, wenn er das Pech hat, dass ihm vorab eine Bescheinigung über dieses (letztendlich nicht erhaltene) Geld ausgestellt wurde.

Der Gipfel ist, dass der Blokakias jährlich wie ein Freiberufler und trotz der Tatsache, eigentlich nur 500 Euro zahlen zu müssen, letztendlich 650 Euro „Solidaritätssteuer“ entrichten muss (Anmerkung: gemeint ist die sogenannte „Gewerbeabgabe“), weil er bei einem Arbeitgeber beschäftigt ist, der zwei und drei verschiedene Firmen hat und ihn zwingt, seine Rechnung jedes Mal an eine andere (Firma) auszustellen. Und all dies für eine Solidarität, die er niemals erfahren wird.

Vor einigen Jahren waren wir Blokakides wenige. Heute sind wir alle Blokakides. Und wir sind unsichtbar, weil wir keine Stimme haben.

(Quelle: typologies.gr)

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