Griechenland: Tsipras wird erwachsen

5. Mai 2014 / Aufrufe: 791

Der SYRIZA-Vorsitzende Alexis Tsipras in Griechenland scheint im Rahmen einer Wende zur Realität seine politische Volljährigkeit zu erreichen.

Die SYRIZA verlor bei den griechischen Parlamentswahlen am 17 Juni 2012 den ersten Platz, weil die gegensätzlichen Positionen ihrer Funktionäre In Bezug auf den Euro viele Wähler verängstigten. Dies sagen zumindest die meisten Analytiker der Meinungsumfragen.

Die Lehre aus dieser Niederlage ziehend hätte die Parteiführung all die Funktionäre zurückpfeifen müssen, die zu anzweifelnden Erklärungen bezüglich der Währung schreiten und damit die Verwirrung aufrechterhalten. Offensichtlich tat sie es nicht, weil sie keine parteiinternen Unruhen möchte. Die Verteidiger der Rückkehr zu einer nationalen Währung sind eine beachtenswerte Größe innerhalb der Partei und ihre Führung will sie nicht hinauswerfen. Die nächsten Wahlen werden zeigen, ob sie einen Fehler begeht oder nicht.

Alexis Tsipras: „Ich bin nicht Harry Potter …

Jedenfalls steht ein solches Themas nicht mehr zur Debatte. Der Wechsel der Währung hat dermaßen schwere Folgen für das Land und die Bürger, dass es keine Regierung gibt, die ein solches Thema erneut aufgreifen würde. Dies ist den ernsthafteren Faktoren in der Führung der SYRIZA gut bekannt und es ist verwunderlich, warum sie zulassen, dass dieses Gerücht weiterhin kursiert. Das Wahrscheinlichste ist, dass sie damit bis zu den Parlamentswahlen endgültig und unwiderruflich abschließen werden. Außer, sie tendieren zum (politischen) Suizid.

Bis dahin wird Alexis Tsipras jedenfalls auch viele andere Schritte in Richtung der politischen Volljährigkeit tun. In meinen drei vorherigen Artikeln zeichnete ich einige dieser Schritte auf, in diesen Tagen tat er auch weitere. Offensichtlich wurde ihm bewusst, was Giorgos Papandreou und Antonis Samaras widerfuhr, die – obwohl ihnen die traurige wirtschaftliche Lage (des Landes) bekannt war – großzügig Versprechungen gemacht hatten, die sie jedoch vergaßen, sobald sie an die Macht kamen.

Langsam beginnt auch Herr Tsipras zu begreifen, dass er die all die Jahre von ihm selbst kultivierten Erwartungen der Wähler auf den Boden der Realität bringen muss. Deswegen erklärte er erst jüngst in einer Sendung des TV-Senders ALPHA, er sei nicht Harry Potter um an einem einzigen Tag all das zu reparieren, was die anderen in vier Jahren zerstörten. Die dach erfolgende „Differenzierung“ der von Zeit zu Zeit geleisteten Versprechungen kam somit als absolut natürliche Folge (er wird das sogenannte 13. und 14. Gehalt auf dem öffentlichen Sektor NICHT wieder einführen, er wird die Renten NICHT wieder alle auf den alten Stand bringen, sondern nur die niedrigen und das allmählich, er wird NICHT alle Entlassenen wieder einstellen u. a.).

Ich weiß nicht, wie viele Wähler er wegen dieser Rücknahme älterer Versprechungen verlieren oder gewinnen wird, aber die Wende zur Realität ist ein gutes Zeichen. Wenn Papandreou und Samaras weniger versprochen hätten, bevor sie das Amt des Premierministers antraten, wären die Dinge für sie – und für das Land – besser. Wenn Alexis Tsipras den Mut findet, kurz vor den – wann auch immer erfolgenden – nationalen Wahlen zu sagen, „ich leiste keinerlei Versprechungen, bevor ich nicht sehe, was ich übernehmen werde„, wird er einen großen Schritt in Richtung Verantwortlichkeit getan haben.

Damit wird Alexis Tsipras endgültig seine politische Volljährigkeit erreichen. Und dann vielleicht auch die kritische Masse an Wählern gewinnen, die derzeit die Schwankungen fürchten und den Versprechungen misstrauen.

(Quelle: Protagon.gr, Autor: Giorgos Karelias)

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  1. Ronald
    5. Mai 2014, 11:27 | #1

    Vielleicht ist es wirklich ein Zeichen des „Erwachsenwerdens“, wenn man keinen besseren Plan für Griechenland hat als den, der derzeit praktiziert wird. Aber soweit Tsipras sagt “ich leiste keinerlei Versprechungen, bevor ich nicht sehe, was ich übernehmen werde“ ist das eine politische Bankrotterklärung. Wenn man als Chef der zweitgrößten Partei seit annähernd 5 Jahren im griechischen Parlament sitzt sollte man schon wissen, was man „übernimmt“.
    Tsipras hat einfach keinen besseren Plan für Griechenland; in einem Land, das seine Souveränität verzockt hat kann man nicht mehr gestalten. Um so wichtiger ist es, diese Souveränität zurückzugewinnen und dazu muss Griechenland dieses Tal der Tränen durchschreiten. Als Deutscher sage ich, es ist nicht fair, weil es Deutschland – obwohl es so viel Elend über Europa brachte – viel leichter hatte …

  2. Anna
    6. Mai 2014, 01:35 | #2

    Im Programm von Tsipras stehen gute Dinge drin, z. B. keine weiteren Privatisierungen, Schuldenschnitt (auch einseitig wenn nötig), Korruptionsbekämpfung usw. Tsipras hat auf jedenfall den besseren Plan als Samaras, er hat nur das Problem, die Leute davon in Kenntnis zu setzen, vor allem nachdem ERT abgeschaltet wurde …

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