Exorbitante Einheitswerte würgen Immobilienmarkt in Griechenland ab

29. Mai 2014 / Aktualisiert: 02. Oktober 2017 / Aufrufe: 1.893

Die völlig irrealen Immobilien-Einheitswerte in Griechenland bringen den so wie so todkranken Immobilienmarkt erneut völlig zum Erliegen.

Die Wiedereinführung des „Vermögensnachweises“ für den Kauf ab dem ersten Quadratmeter verursacht erneut die Ausbremsung der Immobilientransaktionen und die Einfrierung des Immobilienmarkts in Griechenland, mit großen Folgen auch für die öffentlichen Einnahmen.

Es handelt sich jedoch um einen „Vermögensnachweis“, der praktisch „blind“ ist, da er auf Basis der außerhalb jeder Realität liegenden „Einheitswerte“ (sprich nach dem sogenannten System der objektorientierten Wertbestimmung amtlich festgesetzten Immobilienpreise) zur Anwendung kommt.

Immobilienmarkt für Wenige

Seit Ostern 2014, als auch die Probleme mit der Zugewinnsteuer gelöst wurden, wurde bei Maklern, Notaren und Käufern die „Bombe“ des Vermögensnachweises besser verständlich. Hunderttausende abgeschlossene Verträge hängen in der Luft, da die Käufer nicht in der Lage sind, die im Vertrag aufgeführten Geldbeträge zu rechtfertigen. Der Grund ist, dass inzwischen praktisch keinerlei Immobilien-Verkaufsgeschäfte mehr zu über den Einheitswerten liegenden Preisen erfolgen. Dagegen liegen die realen Preise, zu denen eine Vereinbarung getroffen wird, häufig 50% und 60% unter den Preisen, die das Finanzamt anerkennt – was wiederum zum Ergebnis hat, dass die Investoren nicht in der Lage sind, den von dem Finanzamt als minimal anerkannten Betrag (imaginären Kaufpreis) zu decken. Immobilienmakler und Notare zeigen sich ohnmächtig, da sie Vereinbarungen, die Schwung in den Immobilienmarkt bringen könnten, nicht zum Abschluss zu bringen vermögen.

Makler und Notare sprechen sogar von der Schaffung eines Marktes für „Wenige“, die Immobilien zu besonders niedrigen Preisen erwerben können und gleichzeitig mit ihren Einkommen den Einheitswert zu decken vermögen. „Nur jene, die ein signifikantes Einkommen haben, vermögen heutzutage Immobilien zu kaufen. Für die Verkaufsgeschäfte geringeren Wertes, in welche hauptsächlich jene involviert sind, die niedrige oder mittlere Einkommen haben, scheitern die Verträge an den hohen Einheitswerten und dem Vermögensnachweis, der nicht erbracht werden kann„, betont gegenüber der „Imerisia“ der Immobilienberater der Gesellschaft Lead & Co., Athanasios Lingos.

Trotz der Tatsache, dass die Faktoren des Marktes nicht die Abschaffung des Vermögensnachweises verlangen, der unter gewissen Voraussetzungen das „Schwarzgeld abschöpfen“ könnte, halten sie das Vorhandensein einer Regelung für notwendig, die den Weg öffnet, damit der Immobilienmarkt wieder anläuft.

Einheitswerte übersteigen Marktpreise um bis zu mehr als das Doppelte

Die sich alltäglich auf dem Immobilienmarkt abspielenden Fälle belegen jedenfalls das Stocken, das wegen des Vermögensnachweises verzeichnet worden ist. Konkret führen Makler die folgenden Beispiele für die Verzerrung des Immobilienmarkts an:

  1. Eine Fabrik mit einem Einheitswert von 2,5 Mio. Euro wird für 800.000 Euro verkauft, der Käufer hat sich gefunden und das Unternehmen könnte seinen Betrieb wieder aufnehmen, jedoch hat der Käufer nicht das Einkommen, um den Vermögensnachweis für 2,5 Mio. Euro zu erbringen. Somit kann die Vereinbarung nicht vollendet werden.
  2. Ein Ladenlokal in Elevsina wird für gerade einmal 40.000 Euro verkauft, sein Einheitswert ist jedoch doppelt so hoch und der potenzielle Investor schreitet wegen des Vermögensnachweises nicht zum Vertragsabschluss.
  3. Ein großes Flurstück von 5 Hektar in Inoi wird für 80.000 Euro verkauft, das Finanzamt erkennt jedoch (nur) den Einheitswert an, der sich auf 190.000 Euro beläuft.
  4. In Kastri wird ein Rohbau für 200.000 Euro verkauft, hat jedoch einen Einheitswert von 350.000 Euro.

Es ist anzumerken wert, dass Makler, Notare, Käufer und Eigentümer häufig beim Finanzamt intervenieren, jedoch können die Finanzamtsleiter nichts an den „Mondpreisen“ ändern, zu denen die Verträge abgeschlossen werden müssen. Viele Finanzbeamte raten sogar zu Geduld und meinen, „wenn der Immobilienmarkt zusammengebrochen ist, wird sich möglicherweise etwas ändern„.

Einer der von den Spezialisten unterbreiteten Vorschläge – und sofern derzeit die Senkung der Einheitswerte nicht möglich ist, zumal auch die Troika dies rigoros ablehnt – ist, dass das Finanzamt bei der Deckung des Einkommensnachweises zumindest eine Toleranz bei 60% – 70% des Einheitswertes zeigt, und zwar speziell für Verträge, die sich auf Immobilien beziehen, die völlig ihren Wert verloren haben, jedoch in Gebieten mit sehr hohen Zonenpreisen liegen. Sie warnen sogar, dass der Immobilienmarkt vollständig einfrieren wird und dringend benötigte Investitionen und Liquidität verloren gehen.

Das Ernsthafteste ist jedoch, dass in der gegenwärtigen Phase Immobilienkäufe nur wenige und hauptsächlich griechische und ausländische Gesellschaften tätigen können, die billig kaufen und gleichzeitig die einschlägigen Vermögensnachweise zu decken vermögen (oder nicht zu erbringen brauchen). Jedenfalls gibt es auch von Seite der großen Gesellschaften Beschwerden bezüglich der extrem hohen Einheitswerte, zu denen obligatorisch die Verträge erfolgen, was die Zahlung von extrem hohen Transaktionssteuern und -abgaben, einer unverhältnismäßig hohen Immobilienbesitzsteuer (ENFIA) und überdimensionalen sonstigen Belastungen zum Ergebnis hat.

K. Vlachakis, Präsident der Notare, betont: „Die Anwendung des ‚Vermögensnachweises‘ auf die Einheitswerte der Immobilien ist eine der auf dem Markt existierenden Verzerrungen. Der Verkäufer rechtfertigt die erhaltenen Beträge, die dem vertraglichen Preis entsprechen, und der Käufer ist aufgefordert, die ‚imaginäre Hausnummer‘ des Einheitswertes zu rechtfertigen, der heutzutage in 19 von 20 Fällen mehr als doppelt so hoch wie der (reale) Preis ist.

(Quelle: Imerisia)

Relevante Beiträge:

  1. Panhellene
    29. Mai 2014, 09:29 | #1

    Gesetze, die allen schaden: Dem Immobilienmarkt, dem Bürger, der Wirtschaft allgemein und dem Staat, dem die Steuern aus dem Immobiliengeschäft wegbrechen. Welche Wirrköpfe denken sich sowas aus?

  2. Kleoni
    29. Mai 2014, 10:52 | #2

    Hier wird doch wieder einmal mehr die reiche Klientel bevorzugt bedient. Warum sind in GR die Gesetze / Vorschriften so gestaltet, dass zwar leerstehende Fabriken verkauft u. wieder betrieben werden, wieder Arbeitsplatze geschaffen werden könnten, es jedoch verhindert wird? Leider steht sich da einmal mehr die Schnellschussgesetzgebung selber im Weg, so wird ein realer Zuwachs u. Abbau der Arbeitslosigkeit ausgebremst und ein Ende der Durststrecke für die Bevölkerung ist so überhaupt nicht abzusehen. Will man mit solchen Gesetzen beweisen, dass die Skeptiker aus Politik u. Wirtschaft der Eurozone Recht bekommen mit ihren Voraussagen?

  3. Paul
    29. Mai 2014, 11:20 | #3

    Das ist nichts neues, sondern wird in den Niederlanden bereits seit Jahren genauso praktiziert. Die WOZ-Werte dort, die Grundlage der Besteuerung des Immobilien-Vermögens bilden, sind derart weit von der Realität entfernt, dass man nur den Kopf schütteln kann. 100 Prozent und mehr. Dem Staat dient das natürlich dazu, sein Steuereinnahmen saftig zu erhöhen. Kriminell.

  4. Team
    29. Mai 2014, 18:58 | #4

    Die notorischen Tiefflieger scheinen nicht begreifen zu können oder auch gar nicht zu wollen, dass es im vorliegenden Thema erst an zweiter Stelle um die / eine „Besteuerung“ von Immobilien bzw. Immobilientransaktionen geht.
    Selbst in einem Idealfall, also wenn beispielsweise jemand während der letzten 20 Jahre 100.000 € angespart hat (und das sogar rückwirkend lückenlos nachweisen kann – wozu bisher keinerlei gesetzliche Verpflichtung bestand!) und für dieses Geld eine Wohnung kauft, die das Finanzamt jedoch mit 200.000 € veranschlagt, ist der Käufer nachzuweisen aufgefordert, dass er 200.000 € (und nicht 100.000 €) angespart hat! Da er das natürlich nicht kann, weil er auf Basis seiner Einkommen nur 100.000 € nachzuweisen vermag, wird der Käufer für die „imaginären“ 100.000 € – die er niemals hatte – automatisch als Steuerhinterzieher behandelt und für die – wie gesagt niemals und nirgendwo vorhanden – 100.000 € rückwirkend zur Einkommensteuer veranlagt, was sich im günstigsten Fall mit einer Steuernachzahlung in einer Größenordnung ab 50.000 € niederschlägt! Außerdem kann er sogar noch von Glück reden, wenn es „nur“ dabei bleibt und er nicht obendrein auch noch im Knast landet … .

  5. Götterbote
    30. Mai 2014, 15:26 | #5

    @Team
    Danke Team, für die Aufklärung. Beim Lesen des Artikels war mir schon klar, dass es einigen gar nicht bewusst wird, wo die eigentliche Problematik oder besser gesagt welcher Irrsinn dahinter steckt. Aber ich muss auch zugeben, dass es mir erst durch diesen Artikel richtig bewusst geworden ist.

  6. Ronald
    30. Mai 2014, 21:30 | #6

    Das diesen Artikel nicht jeder auf Anhieb (meine Wenigkeit eingeschlossen, obwohl ich mich tagtäglich mit komplizierten Rechtstexten beschäftige) versteht hat nicht unbedingt etwas mit „geistiger Tieffliegerei“ sondern vielmehr mit zwei anderen Tatsachen zu tun:

    1. sind die Gesetze und Verordnungen in GR so abstrus, dass der Inhalt jeder Logik widerspricht und sich daher dem einfachen Begreifen entzieht,
    2. bedient sich die griechische Presse einer ausgesprochen ausladenden Sprache, die wenig Inhalt in verschachtelten Formulierungen transportiert.
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