Krebs ist in Griechenland keine dringliche Krankheit

2. März 2014 / Aufrufe: 2.107

Laut dem Gesundheitsminister in Griechenland gelten Erkrankungen wie Krebs nicht als dringlich, wenn der Patient keine Versicherung hat.

Der Gesundheitsminister Adonis Georgiadis schritt zu einer unerhört zynischen Erklärung und charakterisierte Krebs als eine Krankheit, die nicht dringlich ist, und deren Behandlung daher in den öffentlichen Krankenhäusern für Patienten ohne Versicherung nicht gedeckt wird, außer die Erkrankung befindet sich im Endstadium.

Die eiskalten Erklärungen des Gesundheitsministers werden in einem (auf den 22 Februar 2014 datierten) Artikel der renommierten amerikanischen Zeitung Washington Post zitiert, die über den Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitssystems in Griechenland berichtet. Die Zeitung beschreibt sogar die Odyssee eines nicht versicherten älteren Krebspatienten, des 60-jährigen Nikos Solomos, der nicht vermag, das Geld aufzutreiben um seine Krebserkrankung behandeln zu lassen.

Wer in Griechenland krank wird, hat ein Verfallsdatum

Wie in dem Artikel beschrieben wird, entrichteten der 60-jährige Nikos Solomos und seine 52-jährige Ehefrau Amalia jahrelang Beiträge an eine Versicherungskasse, die ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung zu geringen oder auch überhaupt keinen Kosten gewährte. Ab dem Moment jedoch, in dem ihr Unternehmen pleite ging, konnten sie ihre Versicherungsbeiträge nicht mehr aufbringen und rutschten in die Kategorie der nicht Versicherten ab.

2011 wurde bei dem 60-Jährigen Darmkrebs diagnostiziert und sie waren gezwungen, ihre landwirtschaftliche Gerätschaft und Immobilie zu verkaufen, um die Behandlungskosten zu decken, die schnell ungefähr 50.000 Euro erreichten. In der vergangenen Woche wurde diagnostiziert, dass der Krebs auch Metastasen in der Leber gebildet hatte. Der 60-jährige Krebspatient erklärt gegenüber der Zeitung: „Der Krebs kann noch besiegt werden. Die Rechnungen jedoch nicht.“ und fährt fort: „Meine Operation kostet 12.000 Euro. Diesen Betrag haben wir einfach nicht. Es ist ein Witz. Neulich sah ich den Präsidenten Obama im Fernsehen, der davon sprach, wie die USA – ein Land, das für die Kälte gegenüber seinen Bürgern bekannt ist – sich bemühen, den nicht Versicherten zu helfen. Hier haben wir das Gegenteil. In der Vergangenheit sorgte der Staat für einen. Wenn man jedoch jetzt krank wird, hast man ein Verfallsdatum.

Auf der anderen Seite bezieht die Zeitung sich auf Erklärungen des Gesundheitsministers Adonis Georgiadis, der beschreibt, die griechischen Regierung bemühe sich, den nicht Versicherten zu helfen, indem sie mit den aus der Bekämpfung der Steuerhinterziehung beschlagnahmten Geldern eine Kasse mit 17,6 Mio. Dollar für die ernsthaftesten Fälle schafft. Das Monument des Zynismus und der Gefühllosigkeit folgt jedoch: Herr Georgiadis erklärt, „den dringlichen Fällen wird in den Krankenhäusern unabhängig von dem Versicherungsstatus weiterhin begegnet. Krankheiten wie Krebs gelten jedoch nicht als dringlich, außer wenn sie sich in den Endstadien befinden …

Kreise des Ministeriums ließen gestern verlauten, Herr Georgiadis habe sich auf chronische Leiden bezogen, jedoch hat er bisher auch eine Woche nach der Reportage keinerlei offizielle dementierende Erklärung abgegeben. Seine Argumentation in Bezug auf den Krebs bekamen die Bürger jedenfalls am vergangenen Dienstag auch in der Sendung „In Focus“ des staatlichen Fernsehens zu hören …

Krebspatienten verlangen Würde und Menschlichkeit

Ein typisches Beispiel für die verzweifelte persönliche und familiäre Situation vieler Krebspatienten in Griechenland, die über keine Krankenversicherung (mehr) verfügen, brachte jüngst wieder die Sozialpraxis Ellinikou (Metropolitan Community Clinic at Helliniko) in einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit:

Die Offenlegung der tragischen Leidenswege der Verwandten von Patienten und noch viel mehr die Ausnutzung des menschlichen Schmerzes liegen uns fern, und wir streben auch nicht an, öffentlich – obendrein sogar per Video – einen Menschen namentlich vorzuführen, dessen größte Sorge nichts anderes ist, als ’seinem‘ Menschen das Selbstverständliche zu gewähren: ärztliche Behandlung, Würde, Menschlichkeit. Giorgos Komakis ist kein Mensch, der sich stoisch dem Schicksal ergeben hat, sondern derjenige, der sich entschied, sein Problem einzig und allein deswegen zu veröffentlichen, um die Facetten des Problems der nicht versicherten arbeitslosen und speziell der an Krebs erkrankten Bürger aufzuzeigen.

Arbeitsloser muss für Behandlung seiner todkranken Frau aufkommen

Der 64-jährige Herr Komakis ist seit über 8 Jahren arbeitslos. Bis 2011 konnte er sich mit Gelegenheitsarbeiten durschlagen, um die minimal erforderlichen Versicherungstage zusammen zu bringen und für sich und seine Frau die Versicherung bei der IKA zu verlängern. Seitdem sind jedoch beide ohne Versicherung.

Als im September 2013 die Frau des Herrn Komakis erkrankte, wurde bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert, der im weiteren Verlauf Metastasen im übrigen Körper entstehen ließ. Damit seine Frau im öffentlichen Krankenhaus aufgenommen und behandelt wird, ist – wie im übrigen jeder nicht versicherte Patient – Herr Komakis gezwungen, eidesstattliche Erklärungen zu dem Zweck unterschreiben, der Buchhaltung zu versichern, dass er die vollen Kosten der Behandlung seiner Frau und der ihr verabreichten Medikamente übernehmen wird. Falls er nicht zahlen kann, wird die Schuld natürlich automatisch an das Finanzamt weitergereicht, woraufhin das Prozedere bezüglich der Schuldner an den Staat folgt. (Anmerkung: In der Praxis verlangen die Krankenhäuser von nicht versicherten Patienten zunehmend eine Anzahlungen von wenigstens 50% oder sogar auch volle Vorkasse, da sich – wie typisch erklärt wurde – ‚viele Patienten nach der Entlassung aus dem Staub machen‘.)

Diese Erklärungen unterschreibend kam Herr Komakis einer für ihn selbstverständlichen Schuld gegenüber seiner Frau nach, um ihr Würde und Menschlichkeit in einer Stunde zu bieten, in der sie mit dem Tod ringt. Er selbst kann nicht arbeiten und befindet sich rund um die Uhr an ihrem Kopfkissen. Bald wird ihn der Fiskus jagen, um „beizutreiben“. Aber was? Absolut nichts, da – wie er selbst erklärt – „ich besitze nichts, keinerlei Vermögenswert, was werden sie tun? Mich ins Gefängnis stecken?“.

Dieser Mensch entschied sich also, das Problem aller an Krebs erkrankten Unversicherten aufzuzeigen, indem er einfach seine tragische Situation publik macht und appelliert, seine Frau in Würde sterben zu lassen: „Nicht mehr über das hinaus, worauf sie als Mensch ein Recht hat„.

Wir jedoch, denen er seine Lage bekannt gab, verlangen von dem Gesundheitsministerium, diese Schuld beizulegen und endlich mit der Jagd auf ALLE nicht versicherten Bürger aufzuhören. Die an schweren Erkrankungen leidenden Patienten vermögen entsprechende Kosten nicht aufzubringen, noch viel weniger ein seit langer Zeit Arbeitsloser. Der Staat muss aufhören, sich für unmenschliche und eliminierende Verhaltensweisen gegenüber den Bürgern zu entscheiden, denen einfach nur das Unglück widerfuhr, krank zu werden.

Einzig und allein aufzeigend führen wir an, dass Herr Komakis nicht einmal in der Lage ist, die „Folgekosten“ zu bestreiten, und sich nur schwer ein Leben ohne die Frau vorstellen kann, mit der er seit über 40 Jahren zusammen ist …

(Quellen: Avgi, Washington Post, Sozialpraxis Ellinikou)

Relevante Beiträge:

  1. Petroulla
    2. März 2014, 18:06 | #1

    Vor allem ist es wohl nicht dringlich, Geld zu „verschwenden“, um mittellosen, noch dazu älteren Menschen, die eh zu nichts mehr nütze sind, das Leben zu erhalten. Die gesamte Regierung sowie sonstigen Oberschichtler leben doch mittlerweile in einer eigenen Welt, und das Drumherum sind da nur noch Zahlen in einem Monopoly-Spiel. Für die sind wir kleinen Leute doch gar keine richtigen Menschen mehr. Mehr so eine Art „Nutzvieh“. Das trifft es wohl am ehesten. Da interessiert es doch nicht die Bohne, ob da ein paar mehr oder weniger am Leben sind. Viel wichtiger ist es, den eigenen Lebensstandard hochzuhalten, die eigene separate Welt zu versorgen. Dazu wird das noch vorhandene Geld gebraucht, welches man sich weiterhin mit gewohnter Dreistigkeit in die Taschen wirtschaftet. Und für diesen Zweck ist komischerweise auch immer noch genug da. Die Unterschicht wird gnadenlos abgezockt, und die Erträge in den oberen Etagen wieder verteilt. Ob es um imaginäre Beraterhonorare oder Abgeordneten-Diäten und Ministergehälter geht, um Steuerbefreiungen oder Sonderzuwendungen im (gehobenen) öffentlichen Dienst, um „Fakelaki“ oder Lohndumping im privaten Sektor, von Korruption, Vettternwirtschaft und Vorteilsnahme ganz zu schweigen, da scheint der Aspekt von notwendigen Sparmaßnahmen absolut keine Rolle zu spielen. Mag sein, daß das alles etwas zynisch klingt, aber wenn man tagtäglich solche Sachen liest und hört und auch am eigene Leibe erfährt, kann man schon verbittert werden.

  2. 8. März 2014, 09:25 | #2

    Über die bedrohliche und besorgniserregende Situation des Gesundheitssystems in Griechenland berichten auch wir regelmäßig mit unserem Förder- und Freundeskreis Elliniko e.V.

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