Griechenland: Primärer Überschuss der Angst oder der Hoffnung?

2. Januar 2014 / Aufrufe: 1.725

In Griechenland scheint fast nichts mehr wie früher zu sein und Ungleichheit, Unsicherheit, und Armut erweisen sich als das Triptychon der Katastrophe.

Griechenland in Erwartung des Jahres 2014. Eine Landschaft im Smog. Ein Nebel der Armut und des Energiemangels erstickt das griechische Volk. Hunderttausende Haushalte frieren und sitzen im Dunkeln, vegetieren mit den Krümeln dahin, die ihnen der demontierte Sozialstaat gewährt. In den Wohnhäusern sind die Mieter in zwei Kategorien gespalten: jene, die frieren und (trotzdem) die Umlagen bezahlen, und jene, die frieren, jedoch nicht zahlen können. Jedenfalls frieren alle, buchstäblich oder metaphorisch.

Gab es jemals irgend eine Form der Unterdrückung, die gegenüber denen, die ihr unterlagen, nicht als etwas Natürliches dargestellt wurde?“ (John Stuart Mill, The Subjection of Women)

Die griechische Gesellschaft wird ein brodelnder Kessel bleiben

Während die griechische Regierung in trauter Harmonie mit der Troika das Gedeihen der Zahlen „kocht“, hat die Bevölkerung ein primärer Überschuss an Pessimismus umschlungen. Seit 3,5 Jahren ist das griechische Volk im Sarg der Memoranden eingeschlossen und die derzeitige Regierung nagelt ihm mit immer neuen Maßnahmen für Kürzungen und steuerliche Aderlässe einfach nur den Deckel zu, damit es nicht mehr atmen kann.

Der Staat in Griechenland verhängt steuerliche Massen-Repressalien gegen die Wehrlosen und unschuldig Leidenden und hofft mittels eines starken Schocks steuerlicher Einnahmen auf ein Wachstum im Jahr 2014. Allerdings ist es nicht leicht, jemandem etwas abzupressen, den man bereits ausgewrungen hat.

Selbst wenn die griechische Wirtschaft im Jahr 2014 zu einem „anämischen“ Wachstum in einer Größenordnung von + 0,6% zurückkehren sollte, wird dies keine direkten Auswirkungen auf die Senkung der Arbeitslosigkeit haben, da die Unternehmen erst dann mit Einstellungen beginnen werden, nachdem sie lange genug abgewartet haben, bis sie gewinnbringende Bilanzen sicherstellen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit erinnert an einen Zug, bei dem es wegen der erreichten Geschwindigkeit auch im Fall einer Bremsung sehr lange dauert, bis er zum Stehen kommt. Und bis die Arbeitslosigkeit auf akzeptable Niveaus zurückgeht, wird die griechische Gesellschaft einem brodelnden Kessel gleichen.

Wir brauchen nicht die Prognosen des „Economist“ um wahrzunehmen, dass das Jahr 2014 ein Jahr der gesellschaftlichen Explosion in Griechenland sein wird. Außer natürlich, wenn der Druck mittels der Wahlen abgebaut werden wird, die diesmal die politische Szene des Landes vollständig umstürzen werden.

Ungleichheit, Unsicherheit, Armut sind das Triptychon der Katastrophe

Seit 2010 bis heute scheinen in Griechenland „Jahrhunderte“ verstrichen zu sein. In der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der politischen Szene fanden tektonische Änderungen statt. Vormals allmächtige Parteien wurden „pulverisiert“ (PASOK), neue Champions stiegen auf (SYRIZA), und andere sprossen buchstäblich aus dem Dunkeln (Chrysi Avgi). Die neonazistischen Hyänen schnellten aus dem Schatten hervor und agierten als dunkle Reserve eines strauchelnden Systems, das ein dauerhaft verängstigtes und unterwürfiges Volk will.

Vermögen lösten sich in Luft auf, Unternehmenskolosse brachen zusammen und Millionen Menschen sahen, wie sich ihr Leben dramatisch verschlimmerte. Tausende verübten in ihrer Verzweiflung Selbstmord und ungefähr 200.000 griechische Bürger, meistens jung und gebildet, emigrierten ins Ausland. Angesichts der anstehenden massenhaften Zwangsversteigerungen werden sich die Obdachlosen vervielfachen.

In Griechenland scheint fast nichts mehr wie früher zu sein. Dagegen herrscht eine massenhafte Verschiebung zum Schlimmeren vor. Ungleichheit, Unsicherheit und Armut, die inzwischen die große Mehrheit der griechischen Gesellschaft geißeln, erweisen sich als das Triptychon der Katastrophe. Wenn es keine Änderung, keine Umkehr des bestehenden „Abstiegs in die Hölle“ der menschlichen Massenopfer zu Gunsten des Gedeihens der Zahlen und der Interessen der Gläubiger gibt, wird das griechische Volk eine sehr düstere Zukunft haben – eine Zukunft der ewigen Sklaverei.

2014 wird ein Jahr der Umstürze sein

Für die etablierte Klasse und die von dieser kontrollierten Medien, die behaupteten, es gebe keine alternative Lösung, wird dies als einebnender „Populismus“ bezeichnet. Populismus ist jedoch, wenn man „angenehme Dinge“ sagt um den „Ohren der Wähler zu schmeicheln“, wenn man allen alles verspricht, damit sie einem die Gelegenheit geben, die Macht als Selbstzweck zu übernehmen. Es ist jedoch kein Populismus, wenn man vertritt, die eigenen Prioritäten seien, dass keine Schulen und Krankenhäuser geschlossen werden, es ein elementares Netz sozialer Sicherheit für die Schwächsten gibt, wenn man verfolgt, dem Niedergang und der humanitären Katastrophe ein Ende zu setzen.

Wo wirst Du das Geld finden„, fragen üblicherweise die tatsächlichen Populisten. Die Gelder gibt es immer im Haushaltsplan, bei den Einnahmen aus der Besteuerung. Das Thema ist, von wem man die meisten Steuern nimmt und wie man sie verteilt. Nimmt man sie von den üblichen Lasttieren, den Klein- und Mittelständischen, oder von den tatsächlich Vermögenden und Reichen, die laut dem IWF bisher noch keinen wirklichen Beitrag geleistet haben? Verwendet man sie nur für Tilgungen und nicht auf Gegenseitigkeit basierende öffentliche Ausgaben oder für die Finanzierung des Sozialstaats, der öffentlichen Strukturen und der Wachstumspläne?

2014 wird zweifellos ein Jahr der Umstürze sein. Die politischen Kräfte des Umsturzes haben sich zu vereinigen und ihre Kleindifferenzen und Zwangsvorstellungen beiseite zu lassen, die ihre Kräfte zersplittern, und in einer großen laizistischen und gesellschaftlichen Rettungsfront zu alliieren, einer Front gemeiner Logik, die den Niedergang stoppen wird. Schluss also mit den Zugeständnissen, es gibt keine weiteren Spielräume! Ab jetzt haben wir nur nach vorne voranzuschreiten.

Das griechische Volk muss die Kontrolle über sein Leben und seine Zukunft wiedererlangen. Der Sprung in die Freiheit und in die Unabhängigkeit ist nicht nur einfach ein Thema der Stärke. Er ist vor allem ein Thema der Entscheidungen und der Furchtlosigkeit. Deswegen dürfen uns fortan nicht mehr all jene verängstigen und terrorisieren, die kreischen, es gebe keine alternative Lösung. Sie haben es in letzter Vergangenheit versucht, und es ist ihnen knapp gelungen. Diesmal dürfen wir nicht zulassen, dass es ihnen gelingt.

Beschließt, keine Sklaven mehr zu sein, und ihr werdet umgehend frei sein. Ich verlange von Euch nicht, Hand gegen den Tyrannen zu erheben um ihn zu stürzen, sondern einfach aufzuhören, ihn zu unterstützen, und dann werdet Ihr ihn wie einen riesigen Koloss, der seinen Sockel verloren hat, unter dem eigenen Gewicht zusammenbrechen und in Stücke zerfallen sehen.“ (Etienne De La Boetie)

(Quelle: tvxs.gr, Autor: Giorgos Stamkos *)

* Giorgos Stamkos ist Schriftsteller und Urheber der Zeitschrift Zenith

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