Der Nährboden des Faschismus in Griechenland

5. Oktober 2013 / Aufrufe: 851

Die Regierung in Griechenland hat mit dem Vorgehen gegen die Chrysi Avgi vielleicht einen politischen Gegner, jedoch keinesfalls die Ursachen des Faschismus eliminiert.

Während in Griechenland der Jubel über die „Zerschlagung“ der nazistischen Organisation der Chrysi Avgi – die wenigstens drei Jahre lang unbehelligt agierte, provozierte, erpresste und tötete – anhält, wäre es gut, gewisse Dinge nicht aus dem Auge zu verlieren, die enthüllen, dass das von der Regierung unter Premierminister Antonis Samaras aufgebaute Dilemma „Nazis oder (Neue) Demokratie (bzw. Nea Dimokratia)“ künstlich ist.

Selbst naiven Gemütern dürfte bewusst sein, dass Samaras mit dem plötzlichen, scheinheiligen und nicht unumstrittenen Vorgehen gegen die rechtsextremistische Chrysi Avgi bestenfalls einen seiner Regierung (und Partei) zunehmend gefährlicher werdenden politischen Gegner geschwächt haben mag, mit seiner Politik jedoch dem Faschismus in Griechenland weiterhin einen äußerst fruchtbaren Nährboden beschert.

Griechenland befindet sich trotz aller Maßnahmen im freien Fall

Es wäre also angebracht und nützlich, nicht zu übersehen:

  • Trotz der Memoranden und des Angriffs auf die Arbeitnehmer und Rentner, trotz des Aderlasses der kontinuierlichen Kreditaufnahmen ist die Verschuldung des Landes weiterhin angestiegen:
    • 30-06-2013: 321,36 Mrd. € (+3,88%)
    • 31-03-2013: 309,36 Mrd. € (+1,25%)
    • 31-12-2012: 305,54 Mrd. € (+0,01%)
    • 30-09-2012: 305,51 Mrd. € (+0,65%)
    • 30-06-2012: 303,53 Mrd. € (+8,29%)
    • 01-03-2012: 280,29 Mrd. € (-23,83% / nach dem „Cut“ unter Venizelos)
  • Die Arbeitslosen zählen über 1.500.000, da die Arbeitslosigkeit 2013 im vergangenen Juni 27,9% erreichte, gegenüber 27,6% im Mai (ELSTAT). Dies bedeutet ganz einfach, dass innerhalb eines Jahres die Listen des Elends um weitere 174.709 Menschen anwuchsen.
    • 31,9% Arbeitslosigkeit bei den Frauen,
    • 58,8% Arbeitslosigkeit bei jungen Leuten bis 24 Jahre.

Ebenfalls darf nicht übergangen werden, dass in einem Moment, wo die Behörden bewiesen, dass es einen Staat gibt (wenn sie wollen), in Athen die Troika herumspazierte um zu sehen, wie die Dinge laufen, und hauptsächlich um zu sagen, wie sie von jetzt an zu laufen haben. Da der in Rede stehende Besuch von den Nikos Michaloliakos (sprich dem Generalsekretär bzw. Parteivorsitzende der Chrysi Avgi) angelegten Handschellen überschattet wurde, wäre es gut, zu betrachten was – zusammengefasst – geschehen ist:

  • Die Spekulation der Regierung über den hohen primären Haushaltsüberschuss, der laut Samaras den Ausgang des Landes aus der Krise signalisieren und an die ungerecht behandelten Bürger verteilt werden würde, flog in die Luft. Die Troikaner veranschlagten den Überschuss auf gerade einmal 100 Millionen Euro (im Gegensatz zu dem von der Regierung gefeierten Milliardenbetrag)!
  • Es wurde die Beschleunigung der Umstrukturierung (also Schließung und Verkauf) der griechischen Rüstungsbetriebe (EAS – ELBO – LARKO) beschlossen.
  • Es wurde beschlossen, dass der Fiskus innerhalb von fünfzehn Tagen seine Schulden an die Wasserwerke von Athen / Piräus (EYDAP) und Thessaloniki (EYATH) in Ordnung bringen wird, damit das Verfahren des Ausverkaufs beginnt.
  • Es wurde die Freigabe der Entlassungen eingeleitet (Anmerkung: gemeint ist die von der Troika geforderte Aufhebung der Bestimmungen über Massenentlassungen).

Wird all dem auch noch die Diskussion über Finanzierungslücken hinzugerechnet, die Schäuble auf 11 Mrd. Euro und die Sozialdemokraten (SPD) auf 70 Mrd. Euro bis 2022 veranschlagten, wird ersichtlich, dass das Prozedere bezüglich neuer Memoranden, neuer Kreditabkommen, neuer Maßnahmen, neuer Kürzungen bereits begonnen hat.

Samaras setzt das Werk von Papandreou – Papadimos fort

Sehr simpel gesagt, die Geschichte der Katastrophe entwickelt sich weiterhin auf dem Rücken und der Haut riesiger und immer größer werdender Teile der griechischen Gesellschaft. Einer Katastrophe, die von jedem bestätigt wird, der nach Gesundheitsleistungen zu suchen gezwungen ist, von den Familien, die Kinder in jeder beliebigen Stufe der Ausbildung haben, von den Rentnern, die sehen, unmöglich überleben zu können, sogar auch von den Arbeitnehmern, die mit ihren mittlerweile … nach Gutdünken bestimmten „flexiblen“ Löhnen nicht mehr über die Runden zu kommen vermögen.

Genau dies ist das Werk der Regierung Samaras – Venizelos, die es in würdiger Nachfolge der Regierungen Papandreou – Papadimos fortführt. Es geht um das Werk, das all jene Voraussetzungen für die Entwicklung des Faschismus und seiner nazistischen Kletterpflanzen schuf und weiterhin schafft.

Wenn diese Herren nun meinen, mit der Verhaftung der Burschen der Chrysi Avgi mit dem Faschismus abgeschlossen zu haben, tappen sie tief im Dunkeln. So wie sie ebenfalls tief im Dunkeln tappen, wenn sie annehmen, mit der Ausschaltung einer kriminellen Organisation ihrer Pflicht gegenüber der Demokratie Genüge getan zu haben.

(Der Beitrag basiert auf einem Artikel von Dimitris Milakas / To Pontiki)

Relevante Beiträge:

  1. Pavlos
    5. Oktober 2013, 09:54 | #1

    In dem Artikel werden ausschließlich wirtschaftliche Gründe für den grassierenden Faschismus in Griechenland gesucht. Wer vor der Krise in Griechenland mit rechten Auge etwas sah weiß, dass Ausländerhass und Xenophobie da schon sehr verbreitet waren. Besonders Albaner und Juden waren und sind Ziel nationalistischer Hetztiraden. Ein Glück, dass die meisten Touristen kein Griechisch verstehen, sie würden sich über manche Unterhaltung am Nachbartisch in der Taverne sehr wundern.

  2. Deutscher
    5. Oktober 2013, 11:38 | #2

    1923 ist schon mal einer in Deutschland verhaftet worden und saß in Landsberg am Lech in Festungshaft. Seine Partei wurde in den 20-iger des letzten Jahrhunderts von der damaligen Reichsregierung in der Weimarer Republik verboten und das Vermögen konfisziert. Genutzt hat es wenig. Am 30.01.1933 hat ER die Macht in Deutschland übernommen. Der Grund war einfach. Die Demokraten in Weimar konnten die Krise, die Verarmung, Verlelendung und den moralischen Bankrott des Volkes nicht lösen. Genauso wie die Demokraten heute in Griechenland.

  3. Panhellene
    5. Oktober 2013, 11:46 | #3

    Ist ja längst bekannt, daß der Fisch vom Kopf her stinkt. Das Problem Griechenlands ist seit Jahrzehnten die Unfähigkeit seiner Regierung. Auch das wahlberechtigte Volk trägt eine Mitschuld an seinem Leiden: Weil es rückwärtsgerichtet agiert und deshalb nicht fähig ist, den korrupten Politikern die rote Karte zu zeigen.

Kommentare sind geschlossen