Die 230-Euro-Fabriken in Griechenland

17. September 2013 / Aktualisiert: 24. August 2018 / Aufrufe: 3.722

Viele Menschen in Griechenland sind in ihrer Not gezwungen, für Hungerlöhne von 230 bis 380 Euro und ohne Sozialversicherung zu arbeiten.

11 Uhr vormittags irgendwo im Athener Stadtbezirk Keramiko. Die leeren Plätze in den Büros der auf „Einzelhandel per Fernverkauf“ spezialisierten Firma hatten sich um 9:00 Uhr morgens gefüllt, und jetzt, zwei Stunden später, haben die Telefone zu „glühen“ begonnen. An die Beschäftigten sind endlose Listen mit Daten von Bürgern verteilt worden, die sie – analog zu der Abteilung, in der sie beschäftigt sind – zu überzeugen versuchen, Kunden großer Gesellschaften zu werden.

Damit die Produktivität der Beschäftigten „gewährleistet“ wird, befand sich sogar in jeder Abteilung ein Aufseher (sie nennen ihn Manager) sowie eine Liste mit den Namen der Beschäftigten, in der ihre „Erfolge“ eingetragen werden (Vertragsabschlüsse, Zusendung von Kreditkarten usw.).

Die … Kontrolle

Alles lief reibungslos bis zu dem Moment, wo das Telefon der Sekretärin klingelte. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte gerade einmal acht Worte … „Ich bin im Cafe nebenan. Es wird kontrolliert.“ Die Nachricht wurde blitzschnell verbreitet. Die Telefone begannen zu klingeln und die Abteilungsleiter begannen einigen der Beschäftigten zu befehlen, sofort die Rechner auszuschalten und zum Ausgang zu laufen. Natürlich handelt es sich um die – nicht wenigen – nicht versicherten (hauptsächlich jungen) Beschäftigten, die wegen der wirtschaftlichen Krise bereit sind, ohne Versicherung und für Löhne von 230 bis 380 Euro zu arbeiten.

Jetzt aufrecht stehend, mit den Papieren in den Händen, warten sie geduldig, bis ihnen die Anweisung erteilt wird, sich hinaus zu begeben. Sie zeigten sich unbesorgt, da sie sich an das Prozedere gewöhnt hatten, zumal derartige Vorfälle sich wenigstens einmal im Monat ereigneten. All dies ist aufzeigend für die Umstände, unter denen heutzutage die jungen – und nicht nur – Menschen zu arbeiten aufgefordert sind … (siehe Οι φάμπρικες των 230 ευρώ)

Übliches Verfahren

Die konkrete Reportage bezieht sich auf eins der vielen Unternehmen, die mit Firmen zusammenarbeiten und ihre Leistungen per Telefon vertreiben. Den Anlass für die Nachforschungen gaben Meldungen, die in den Büros von zougla.gr eingingen und von Galeeren-Zuständen sprachen.

Abgesehen von der Tatsache, dass die Beschäftigten „wie die Hemden gewechselt werden“, sind sie gezwungen, für Hungerlöhne zu arbeiten. Wenigstens die Hälfte von ihnen ist nicht versichert. Bezeichnend ist außerdem eine „Produktivitätsliste“, auf der die Namen der Beschäftigten erscheinen, die in der Abteilung arbeiten, die Dienste von Finanzinstituten promoten. Wie aus der Reportage hervorgeht, ist wenigstens die Hälfte der auf dieser Liste aufgeführten beschäftigten nicht versichert, während 13 das Unternehmen bereits wieder verlassen haben.

Die Aussagen der bei der in Rede stehenden Firma beschäftigten Menschen sind enthüllend. „Sie schalten alle 20 Tage eine Anzeige und stellen Personen zu Hungerlöhnen ein, in den meisten Fällen, ohne sie zu versichern. Wenn diejenigen, die nicht versichert sind, einen Kunden anrufen, nennen sie nicht ihren eigenen Namen, sondern den eines anderen, weil die Anrufe aufgezeichnet werden und sie Angst haben, Probleme zu bekommen. Üblicherweise nennen sie der Managerin.

Der obige Fall stellt einen von den vielen dar, in denen „gewiefte“ Unternehmer die Not der Menschen nach einer Arbeit ausnutzen und ihre eigenen „Arbeitsregelungen“ gestalten.

10.550 Euro Geldstrafe für jeden nicht versicherten Beschäftigten

Das Arbeitsministerium gab derweilen erste Daten über die am Sonntag (15 September 2013) begonnenen Kontrollen zur Bekämpfung der versicherungslosen Beschäftigung bekannt. Es wurden Kontrollen bei 102 Unternehmen in ganz Griechenland durchgeführt und 29 nicht angemeldete Beschäftigte ausfindig gemacht. Von den kontrollierten Unternehmen befindet sich ungefähr die Hälfte (konkret 50) in Attika, wo zehn „schwarz“ beschäftigte Personen gefunden wurden.

In einer Bekanntmachung des Ministeriums wird betont, „nach der Verhängung der ersten hohen und an Ort und Stelle ausgesprochenen Geldstrafen wegen Fällen ungemeldeter und nicht versicherter Beschäftigung wurde für alle und speziell die Arbeitgeber, die sich trotz der Warnungen der letzten Tage nicht fügen, fortan verständlich, dass die Kontrollbehörden des Arbeitsministeriums nicht spaßen„.

Die intensiven Kontrollen im Rahmen der neuen strengen Bekämpfung der ungemeldeten und nicht versicherten Beschäftigung werden auf dem gesamten Staatsgebiet und während des gesamten Jahres ununterbrochen weitergehen„, wird in der Bekanntmachung angefügt.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass gemäß den ab 15 September 2013 in Kraft getretenen neuen Bestimmungen die Kontrolleure für jeden ohne Sozialversicherung beschäftigten Arbeitnehmer an Ort und Stelle eine Geldstrafe in Höhe von 10.550 Euro verhängen, ohne dass der Arbeitgeber eine Möglichkeit zur Anhörung hat. Durchgeführt werden die Kontrollen gemeinsam von Inspektoren der Arbeitsaufsicht des Versicherungsträgers IKA und Beamten der Wirtschaftspolizei.

(Quellen: Zougla.gr, Zougla.gr, Ethnos.gr)

Relevante Beiträge:

  1. Catalina
    17. September 2013, 12:52 | #1

    Ein Großteil der Arbeitnehmer ist heutzutage nur noch „Lohnsklave“ und das ist nicht nur in Griechenland so, sondern auch in anderen europäischen Ländern (vor allem auch in Deutschland, nur erhält man da für seine Arbeit doch tatsächlich sogar 500 oder 600 Euro …), vom Rest der Welt brauchen wir gar nicht erst anfangen zu reden. Willkommen in der schönen neuen Arbeitswelt. Und solange der Souverän, das Volk, sich nicht daran erinnert, dass es mehr machen kann, als nur alle 4 Jahre ein Kreuzchen, wird sich auch nichts ändern.

  2. Realistin
    17. September 2013, 18:38 | #2

    @Catalina

    D a v o n ist nämlich nicht die Rede, wenn rechte Parteien heruntergemacht werden … . Wer drückt denn die Löhne? Wer belastet denn die Sozialsysteme? Wer trägt zu einer höheren Kriminalitätsrate bei? Ist Kritik daran immer gleich idiotisch?

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