Der rechte Bürgerkrieg in Griechenland

29. September 2013 / Aufrufe: 1.943

Der augenscheinliche Plan der Regierung Samaras in Griechenland, die rechtsradikale Chrysi Avgi als Krücke ins Boot zu holen, ist voll nach hinten losgegangen.

Der Trick misslang bevor er überhaupt versucht worden war: eine Verkleidung der Chrysi Avgi (XA) mit Ach und Krach zu einer gesetzestreuen Partei, damit – wie Babis Papadimitriou und andere „Spezies“ anrieten – die Koalitionsregierung der Nea Dimokratia (ND) mit einer „seriösen“ XA möglich wird.

Alles lief schief, weil die Leute der Chrysi Avgi keine Strategie für eine gemeinsame Regierung mit der ND hatten. Derzeit gestattet ihnen dies weder ihre Struktur noch ihre Zusammensetzung noch ihre Logik und auch nicht die „antisystemischen“ Märchen, auf denen sie so lange ihre einträgliche Taktik aufbauten.

Nikos Michaloliakos, Vorsitzender der rechtsextremistischen Partei Chrysi Avgi in Griechenland, wird in Handschellen abgeführt
Nikos Michaloliakos wird in Handschellen abgeführt (28.09.2013 – Quelle: To Pontiki)

Die Theorie der beiden Extreme

Während die Geldgeber und die kommunikativen und medialen Sponsoren, die lange Zeit den Arbeitsauftrag übernommen hatten, die Chrysi Avgi reinzuwaschen und zu stützen, letztere aufforderten, sich für die ihr erbrachte kostbare und großzügige Hilfe zu revanchieren, sputete sich jene, öffentlich und vor beiwohnendem Publikum als Zeugen Pavlos Fyssas zu erstechen. Und die Erwartungen ihrer Gönner zu zerstören.

Etwa so wurde irreparabel die Theorie der „beiden Extreme“ beschädigt, welche die ND und der enge Kreis um Premierminister Antonis Samaras kultivierten und durch die ebenfalls die Chrysi Avgi reingewaschen wurde, um sie zu einer Krücke der Regierung zu machen und den „Verrat“ der DIMAR (die anlässlich der Schließung der Rundfunk- und Fernsehanstalt ERT aus der Koalitionsregierung ausschied) und die ungewisse politische Zukunft der PASOK-Partei zu kompensieren.

Zusätzlich hat die Chrysi Avgi keine Strategie, gemeinsam mit der ND zu regieren, ganz einfach weil sie einerseits bemüht ist, autonom auf den Spuren ihrer nazistischen Stammväter zu wandeln, und andererseits nicht das Schicksal der … LAOS-Partei haben möchte.

Wie in Erinnerung sein dürfte, begann die Partei des Herrn Karatzaferis ihren Kurs als rein rechtsextremistische Formation. Danach machte sie so lange den selben „Waschgang“ durch, bis sie ihre wertvolle Beteiligung an der Bildung der (Übergangs-) Regierung Papadimos anbieten konnte. Nach dem „Fehler“, aus dieser Regierung auszuscheiden, kümmert sich jedoch niemand mehr um die LAOS-Partei und ihre Anhänger sind zur Chrysi Avgi umgezogen.

Natürlich kann bezüglich der Art der Strategie der Chrysi Avgi niemand sicher sein.

  • Allen ist inzwischen bekannt, warum sie systematisch unterstützt und reingewaschen wurde (im vergangenen Februar 2013 bezeichnete der … Verfassungsrechtler Andreas Loverdos sie als „die einzige authentische aktivistische Bewegung seit dem Sturz der Militärdiktatur„).
  • Alle wissen inzwischen, wie sehr die Chrysi Avgi in den Mechanismen des Staates gestützt wurde und wie viele von diesen sie zu ersetzen versuchte, um ihre schattenstaatliche Struktur zu entwickeln.

Es ist jedoch schwer, die Strategie der XA genau zu beschreiben. Jedenfalls lässt sich ihre Zielsetzung tangieren, indem man beobachtet, was sie bis neulich erreicht hatte und was sie – offensichtlich – weiter anstrebte.

Die „authentische“ Rechte

Wie in der Demoskopie der Pulse RC vom 12 September für die Zeitung „Pontiki“ zu sehen war, hatte die Chrysi Avgi es geschafft, bei drei Vierteln der Bevölkerung – und zwar in den Altersgruppen von 19 bis 59 Jahre – mit der N.D. auf 15% gleichzuziehen. Bei den jüngeren dieser Altersgruppen war die N.D. sogar bereits nur dritte Partei, wobei ungewiss ist, wie es in noch jüngeren Altersgruppen unter 18 Jahren aussehen mag.

Bei den ab 60-Jährigen kehrte die Chrysi Avgi zu ihrem demoskopischen Anteil und etwas über das Wahlergebnis des Jahres 2012 zurück: auf 8%. Die ND hielt dagegen diese Altersgruppen der „traditionellen“ Rechten bei der Stange und verzeichnete dort ihren höchsten Anteil und schuf damit entweder ihren schwachen Vorsprung oder das über viele Monate verzeichnete „Unentschieden“ zur SYRIZA-Partei, die in diesen Altersgruppen die Dynamik verlor, die sie bei der produktiven Bevölkerung gewann.

Es geht um die Altersgruppen der Rechten, die während des Bürgerkriegs und in dessen Trümmern geboren wurden oder aufgewachsen waren. Praktisch halten diese die ND über Wasser. Hier stellt sich die Chrysi Avgi ein, ihre Bezugnahmen und gewalttätigen „Aktivismen“ auf den Bürgerkrieg und die „Kommunistenjagd“ zu konzentrieren. Abgesehen von den „Arbeitsaufträgen“, die sie in der Werftzone übernommen zu haben scheint, und ihrem Bestreben, die volkstümlichen und derzeit oder vormals „linksbeherrschten“ Wohngebiete einzunehmen, tat die XA noch etwas:

Der Mord an Pavlos Fyssas machte alles zunichte

Zu einer Stunde, wo Spezies wie Babis und Chrysanthos sich sputeten, ihre Strategie zum Höhepunkt zu bringen, die XA ins Schlepp zunehmen, wollte diese den vorstehend angeführten „traditionellen“ Rechten zeigen, dass sie – und nicht die vor der Troika auf den Knien rutschende und an Merkel verkaufte ND des Herrn Samaras – die Rechte ist, die ihnen in Erinnerung ist und von der sie möglicherweise wünschen würden, dass sie zurückkehrt.

Es kam jedoch der kaltblütige Mord an Pavlos Fyssas, um alles umzustürzen. Obwohl die Chrysanthos-Spezies den fast bürgerkriegsähnlichen Versuch der Gleichstellung der XA mit der SYRIZA fortsetzen, schien ein großer Teil der ND aufzuwachen – bestehend aus den Karamanlis-Anhängern und den Neoliberalen, die sich in letzter Zeit bereits widersetzt hatten, weil sie die Absicht des harten Kerns der Samaras-Anhänger erkannten, die Chrysi Avgi als zukünftigen Partner vorzubereiten.

Nun ist die Lage für alle kompliziert geworden, zumal ihm Rahmen der aktuellen Entwicklungen die Chrysi Avgi inzwischen offiziell als „kriminelle Vereinigung“ (!) charakterisiert wurde und der Vorsitzende sowie etliche Abgeordnete, Funktionäre und Sympathisanten der Partei verhaftet oder zur Fahndung ausgeschrieben worden sind:

  • Die Chrysi Avgi sieht, wie all das, was sie beharrlich aufbaute, von Geringschätzung bedroht ist und die Möglichkeit ihres Zusammenbruch aufs Tapet kommt.
  • Die „Hardliner“ aus dem Umfeld des Premierministers Antonis Samaras sehen, dass die Strategie der „Theorie der beiden Extreme“ kein schlüssiges Ziel mehr als nur noch die Polemik gegen die SYRIZA-Partei hat.
  • Die „Abweichler“ der Nea Dimokratia sehen eine Gelegenheit zur Revanche und politischen Umtaufe im reinen Wasser der „demokratischen Rechtmäßigkeit“.

Volkstümlich gesagt, die Burschen haben sich kräftig in die Wolle gekriegt …

(Quellen: To Pontiki)

Relevante Beiträge:

  1. Roditisa
    29. September 2013, 09:05 | #1

    Die Texte aus „to Pontiki“ finde ich wegen der Rethorik oft wirklich schwer verständlich. Was den Inhalt des Textes angeht hatte ich eigentlich nicht den Eindruck, die ND wolle so gerne mit der XA koalieren. Es wirkte eher so, als würde in den Hinterzimmern fieberhaft nach einem Weg gesucht, die wieder aus dem Parlament zu bekommen.

  2. Realist
    29. September 2013, 09:39 | #2

    Was ist denn eigentlich mit der „linken“ Bombe vor dem Chrysi Avgi Hauptquartier? War das keine Einladung zur Gewalt? Nein natürlich nicht. Denn alles was links ist, ist automatisch gut. Ich glaube nicht, dass der Aufstieg dieser Partei etwas mit „Ideologie“ zu tun hat. Die Wahrheit sieht anders aus: Hunger erzeugt Gewaltbereitschaft, Gewaltbereitschaft führt dazu, dass sich die Leute gewaltbereiten Leuten anschließen. Eine einfache, simple Logik, die jedem einleuchten muss. Das „Böse“ ist halt banal. In ein paar Monaten, wenn das moralische Erschaudern abgeflaut ist, wird Chrysi Avgi wieder bei 15% liegen. Wollen wir wetten?

Kommentare sind geschlossen