Seit die Troika in Griechenland ist …

6. August 2013 / Aktualisiert: 15. Juli 2014 / Aufrufe: 2.284

Ab dem Moment, in dem die Troika ihren Fuß in unser Land setzte – Mikis Theodorakis über die historische Linke in Griechenland und die Notwendigkeit einer Massenbewegung.

Mikis Theodorakis verliest in seiner Wohnung vor der Kamera einen von ihm verfassten Artikel. Der Artikel bezieht sich auf die „Vermassung“ der linken Bewegung und ihre Entwicklung und trägt den Titel „Spitha und die Salamitaktik“ (gemeint ist die Bewegung „Spitha – Bewegung unabhängiger Bürger“, Spitha / Σπίθα = Funke).

Nachstehend folgt der Artikel in deutscher Übersetzung. Die einschlägige Videoaufnahme (griechischer Ton + griechische Untertitel) wurde auch auf Youtube veröffentlicht:

www.youtube.com/watch?v=9xjioJQlTu4

Spitha und die Salami-Taktik

Ab dem Moment, in dem die Troika ihren Fuß in unser Land setzte, sind alle ihre Beschlüsse von der jeweiligen Regierung und dem jeweiligen Parlament, also dem heutigen Machtsystem, ohne Abstriche befolgt worden. In jedem Fall kommt pedantisch das selbe Szenarium zu Anwendung. Die Troika kündigt die neue Maßnahme an, in den Medien beginnen die Diskussionen, in den Parteien beginnen die „Gärungen“, im Parlament erfolgen die bekannten Scharmützel und schließlich wird die Maßnahme ratifiziert und umgesetzt.

Zu Beginn hegte das Volk Hoffnungen, mit seiner massenhaften Präsenz vor dem Parlament den Wahlgang beeinflussen zu können. Nach und nach wurde es jedoch enttäuscht, und nach der großen Versammlung am Syntagma-Platz am 12 Februar 2012 hörte es auf, weiter an sich selbst zu glauben. Troika und Regierung fassten Mut und die Maßnahmen begannen immer härter zu werden.

In dem Wissen, dass es keine vereinigte Massenbewegung gibt, wenden sie die Salami-Taktik an. Sie sind sich sicher, dass die Reaktionen sich auf den Kreis der Opfer und auf das Imponiergehabe von Seite der angeblich gegen das Memorandum gerichteten Parteien innerhalb und außerhalb des Parlaments beschränken, und schlagen mal auf den einen und mal auf den anderen Zweig ein, ohne fortan das Volk zu fürchten, das sich praktisch zu einem passiven Zuschauer entwickelt hat.

Nehmen wir den Fall der öffentlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt (ERT). Wie hätte das Volk auf dieses reine Gangsterstück reagiert, wenn es wie vor dem 12 Februar 2013 noch Hoffnungen gehabt hätte? Finden wir uns damit ab, dass aus den von uns dargelegten Gründen das griechische Volk erstarrte. Es reagiert nur noch zu der Stunde, wo die eigene Reihe kommt, und weiß, dass das System seine Entscheidung schließlich durchsetzen wird.

Wer und wie viele sind vor dem Syntagma-Platz geblieben? Praktisch wir allein. Wir, die wissen, dass wenn das System heute ungestört „mäht“, es deswegen ist, weil die Menschen, die auf den Straßen und Plätzen zu kämpfen gelernt haben, zum größten Teil ihre Hoffnungen auf die linken Parteien des Parlaments gesetzt haben. Die restliche Masse des Volks, 70% – 80%, die lernte, die Linken als Vorkämpfer in seinen Kämpfen zu betrachten, ist inzwischen davon überzeugt worden, dass wir bis heute keinerlei Ergebnis im Parlament und den Medien (alle des Systems) gebracht haben, auf die leider die Führungen der Linken ihre Bemühungen zur Lösung der Krise konzentriert haben. Diese Kämpfe haben keinerlei Wahlgang gekippt. Sie boten den Opfern, die ihre Arbeit verlieren, nicht die geringste Hilfe und konnten auch nicht die Plünderung der Vermögen – sei es auch der geringsten – durch die Abzocken usw. stoppen.

Wer hält folglich heute die harten Maßnahmen auf, welche die Troika weiterhin ergreift? Und wer schützt diejenigen, die ihre Arbeit verlieren und ihr Vermögen durch die Steuern, die Banken und die Pfändungen ihrer Wohnungen? Ein Feind „drischt“ mit griechischen Verbündeten ungehindert und verbreitet die Verzweiflung und die Verwüstung. Die Beteiligung der systemischen Parteien der historischen Linken an Protestkundgebungen wegen von vornherein verlorener Angelegenheiten erfolgt, um dem Volk Sand in die Augen zu streuen, um die ausweglose Politik des Angriffs auf das System von innen zu rechtfertigen. Und ich sagte eingangs, welche die Resultate sind.

Wer ist der Hauptverantwortliche? Es sind all jene, die – anstatt eine Volksfront des Widerstands gegen des System zu organisieren – zu systematischen Systemikern mutierten und das Volk seinem Schicksal überließ.

Wenn die „Spitha“ eine Massenbewegung wäre und Macht hätte, könnten wir bei jedem Angriff der Troika eine Masse von Zehntausenden mobilisieren. Anstatt 5.000 – 10.000 Demonstranten bei der ERT hätten wir in diesem Fall 50.000, eine fähige Kraft, den Gangster-Coup zu vereiteln. Mit einhundert und zweihundert – wenn überhaupt – Kämpfern laufen wir dagegen in Gefahr, als eine graphische Randorganisationen charakterisiert zu werden, mit einzigem Gewinner eine systemische Kraft, wie sie beispielsweise die SYRIZA-Partei ist, die einem jedem solchen Fall als Gelegenheit zur öffentlichen Selbstdarstellung begegnet.

Der Staat zeigte, dass ihm solche ausweglose Formen des Protests gleichgültig sind. Außerdem hätte Samaras seine Position verloren, wenn er nachgegeben hätte. Haben Sie sich überlegt, wie viele Merkel und Schäuble getreue Anwärter in der Schlange anstehen, um Premierminister zu werden? Der Kampf wird folglich nicht dort geliefert werden, weil er von Anfang an verloren ist.

Und beeindruckt es Sie nicht, dass eine Partei mit 27% im Fall der ERT nicht eine große Anzahl von Demonstranten zusammenbringen konnte? Anders gesagt, die Wähler der SYRIZA-Partei folgen ihrer Führung nicht, weil sie wissen, dass es sich nicht um Züge des Widerstands und des Umsturzes, sondern um eine Imponier-Taktik handelt. Was sagen und tun wir in diesem Fall? Was wir tun müssen, ist bereits publiziert worden.

Abschließend rufe ich in Erinnerung, das wir beschlossen haben, uns derzeit intensiv mit der Gestaltung unserer Politik zu beschäftigen, um fähig zu sein, in das Stadium einer Massenbewegung überzugehen. Hatten wir möglicherweise keine herausragende Präsenz, wenn derweilen Ereignisse wie z. B. bei der ERT stattfinden? Wir waren da, mehr als ausreichend. Ab dem Moment jedoch, wo die Gewerkschaft beschließt, die ERT zu besetzen, ändern sich die Gegebenheiten. Womit unsere Mitglieder und Funktionäre schuldeten, Kontakt zu mir aufzunehmen, damit wir die neue Lage studieren und auch wieder bezüglich unserer Mitwirkung und deren Charakter entscheiden.

Es ist mir nicht möglich, aus den Pressemitteilungen über die Initiativen der Spitha-Mitglieder, die Kollisionen, die Festnahmen und die Verhaftungen zu erfahren. Zumal ich – wie Sie sehen – die gegenwärtige Situation unter einem unterschiedlichen Aspekt betrachte. Sind wir Radikale oder wollen wir gewissen Personen helfen, die Dampflok zu erreichen, damit sie die ersten sind, die von Frau Merkel und Herrn Schäuble persönlich mit knallroten Blumen an der Endstation, in Berlin, empfangen werden, wenn sie dort mit dem ganzen Zug hinter ihnen eintreffen?

Die Volksfront wird nicht von den Politisierern und ihren Mechanismen, sondern von dem einfachen Volk geschaffen werden. Und dies ist die Perspektive der Kämpfer, die weit blicken, bis zur nationalen Unabhängigkeit. Bezüglich der Parteien und Bewegungen, die sich uns nähern, müssen wir also einige Grundsätze haben, die wir aus keinerlei Grund überschreiten dürfen:

A. Wir sind Anti-Systemiker.
B. Wir sind Radikale.
C. Wir glauben nur an ein informiertes, organisiertes und entschlossenes Volk.
D. Unser Endziel ist die nationale Unabhängigkeit.

Die 5 Kapitel stellen das Alpha und Omega zur Bildung des wahren Spitha-Mitglieds dar. Und wir werden sie benötigen, wenn es zu den wirklichen Aktionen kommt, die zur Sammlung und vorwärts und nur vorwärts führen werden.“

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  1. Jürgen
    6. August 2013, 12:43 | #1

    Naja, er redet von der Notwendigkeit einer verbündeten Linken und spaltet gegen SYRIZA, was soll das? Wahrscheinlich ist er schon so alt das er die Widersrpüche nicht merkt. Man kann SYRIZA kritisch sehen und sie trotzdem ausschließlich aus strategischen Gründen wählen, gleichzeitig aber an der außerparlamentarischen Opposition arbeiten. Mehrgleisig fahren ist angesagt!

  2. 6. August 2013, 14:15 | #2

    Ich liebe die Musik von Mikis Theodorakis. Poliltisch vertrete ich eine andere Auffassung als er, aber ich könnte diesem Artikel zustimmen. Dann müsste nämlich Griechenland den Euro aufgeben und seine Geschicke in die eigene Hand nehmen. Das hat es in der Geschichte des modernen Griechenland noch nie gegeben. Vielleicht würde es jetzt funktionieren. Einen Versuch ist es wert. Zumindest würde man dann erfahren, was geschieht, wenn das griechische Volk seine Geschicke in die eigene Hand nimmt.

    Ich wünsche dem griechischen Volk von ganzem Herzen, dass es einmal seine Geschicke in die eigene Hand nimmt!

  3. Felix Klinkenberg
    7. August 2013, 13:58 | #3

    Nun die Bürger in Griechenland, unterliegen der gleichen Mind Control (Erziehung,Medien, Computer, Internet), wie wir alle in den Nato Staaten. Die paar Hansel, die noch Mumm haben und sich versuchen dagegen zu wehren, werden mit dem ganzen, zur Verfügung stehenden Waffen Arsenalen, von gehirngewaschenen Soldaten niedergeknüppelt. Wenn welche eine Hoffnung auf eine Revolution (Volksaufstand) hegen, so sollten sie sich die Historie ansehen. Revolutionen sind immer nur dann losgegangen, wenn sie von den Herrschern der Welt gewollt waren. Erst dann, haben sie diese Organisiert und vor allen Dingen FINANZIERT.
    Es gibt aber ein leuchtendes Beispiel für die Menschheit. Der Aufstand in Persien, der ohne Blutopfer, von den Millionen Irakern erkämpft wurde. Da standen zwar die von der Nato höchst gerüsteten Elitesoldaten. Aber auf der anderen Seite Iraner und Iranerinnen, die sich die Hemden Aufrissen und zu der Soldaten rüber riefen: Wenn ihr uns tötet, stehen hinter uns weitere Tausende, Hunderttausende und gar Millionen (und sie standen tatsächlich hinter ihnen), könnt ihr die alle Umbringen? Darauf hin senken die Elite Soldaten des Schah die Waffen.
    NUR SO GEHT REVOLUTION

  4. GR-Block
    7. August 2013, 16:52 | #4

    Vermutlich spürt Theodorakis, dass zwar die Basis von SYRIZA links wählt, aber Herr Tsipras eigentlich schwach ist. Um nach vorne zu kommen, mobilisiert er nicht mehr das Wahlvolk, weil ja die nächsten Wahlen weit weg sind. Stattdessen knüpft er seine Vebindungen zu denen, die Karrieren „schaffen“, also eigentlich dem politischen Feind. D.h. er wird, falls er dran kommt, GR nicht aus der Gefahrenzone führen dürfen, sondern an den Durchhalteparolen von Papandreou III und Samaras anknüpfen. Deshalb macht es schon Sinn, wenn der Komponist insgeheim empfiehlt, dass die SYRIZA-Anhänger unter dem Wahlvolk sich als neu-Tsiprioten und alt-Tsiprioten outen. Das sollte nicht erst passieren, wenn die Partei die Regierung bildet. Weil dann Tsipras schon zum Establishment gehört. Denn selbst wenn Frau Merkel aus Gründen der Glaubwürdigkeit keine roten Nelken überreichen kann, ihr Nachfolger wird es tun.

  5. Jürgen
    8. August 2013, 02:53 | #5

    Ich denke es gibt in der SYRIZA genug Leute, die dem Tsipras auf die Finger schauen. Außerdem gibt es innerhalb der Partei viel Diskussion darüber, mit welchen Mechanismen sich diese schleichende Affirmation bei zunehmender Macht verhindern lässt. Zur Zeit geht es dem Tsipras in der erster Linie darum, die kritische Masse zu bekommen um Samaras abzulösen. Und das geht offentlichtlich leider nur mit unliebsamen Koalitionen und Populismus, denn auch in Griechenland ist das Wählervolk mittlerweile so verblödet, das Argumente und Fakten nicht mehr ziehen. Also ist Tsipras erstmal Pragmat wenn er mit den Rechtspopulisten anbandelt, denn die Frage aktuell lautet: Neoliberalismus (Samaras) oder ein Light-Kapitalismus mit sozialmarktwirtschaftlichen Elementen (Tsipras). Letzteres ist sicherlich das kleinere Übel.

  6. windjob
    8. August 2013, 15:57 | #6

    Leute träumt weiter. Herr Tsipras ist Politiker und wird sich keinen Deut anders verhalten als alle Politiker. Sowie eine Wahl vorbei ist kann er sich nicht erinnern was er mal gesagt hat und wird sich gegenüber der EU genau so verhalten wie alle anderen Politiker in Griechenland. Tut er das nicht, müsste er ja Verantwortung übernehmen.

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