Rationaler Kannibalismus in Griechenland

8. August 2013 / Aktualisiert: 23. Januar 2017 / Aufrufe: 1.043

In Griechenland wird ein sozialer Kannibalismus geschürt, der nicht die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, sondern die selbe Ungerechtigkeit für alle verlangt.

Wenn wir der neulich in der Zeitung To Vima veröffentlichten Meinungsumfrage glauben schenken, dann sind 60% der Griechen für die Entlassungen auf dem öffentlichen Sektor. Das erste sich stellende Thema ist das selbe, das sich für jede Demoskopie stellt: Auf welche Weise also eine Frage formuliert wird, damit sich die gewünschten Resultate ergeben.

Warum etwas derartiges geschehen soll, ist die nächste Frage. Die Antwort ist in der kurzen Geschichte der Demoskopien gegeben worden: Erscheint eine Position als Ansicht der Gesellschaft, kann sie wirklich zur Ansicht der Gesellschaft werden. Das als Ergebnis Gemunkelte kann zum Resultat werden. Das Gerücht beispielsweise, es würden sich tausende Menschen am Syntagma-Platz versammeln um ein unerhörtes Ereignis zu sehen, kann wahrscheinlich Tausende dazu bringen, sich zum Syntagma-Platz zu begeben und nach dem Unerhörten Ausschau zu halten, das es nicht gibt und nicht stattfindet.

Demoskopien als Werkzeug zur Steuerung der öffentlichen Meinung

In der Epoche der Medien-Demokratie vermag die Information und im weiteren Sinn die Meinungsumfrage keine Aufzeichnung, sondern ein Wunsch sein. Was das Argument betrifft, die Demoskopie-Unternehmen werden bezüglich ihrer Genauigkeit kontrolliert, erwies es sich jedes Mal, wenn es galt, die Realität direkt mit der Demoskopie zu vergleichen, als tragisch schwach. Ich stelle jedoch nicht die wissenschaftlichen Werkzeuge und die Abbildungen einer Demoskopie in Frage, sondern die Absichten einiger Jener, die sie durchführen.

Die Umfrage, die zeigt, die Entlassungen auf dem öffentlichen Sektor würden die griechische Gesellschaft erleichtern, schafft im weiteren Verlauf ein Klima, das politisch irgendwann in einem Wahlkampf-Dilemma zum Ausdruck gebracht werden wird. Zum Beispiel: „Wollt Ihr, dass wir zu Reformen auf dem öffentlichen Sektor voranschreiten, damit wir mit den Faulpelzen Schluss machen? Wenn ja, erteilt mir den Auftrag, es nach den Wahlen zu tun.“ Der Hase der Meinungsumfragen rennt also im Wald der Meinungen in der griechischen Gesellschaft herum und zeigt, wohin die Schüsse zu fallen haben.

Die Regierenden wollen keinen funktionierenden Staat

Unabhängig von den von der Demoskopie verzeichneten (wirklichen oder nicht) Anteilen existiert eine Realität. Ein Teil der öffentlichen Meinung glaubt, es sei erforderlich, dass öffentliche Bedienstete entlassen werden. Sie gelten insgesamt als Träger des Schmarotzertums und der Faulheit. Kinder des Günstlings-Staats und der parteilichen Lächerlichkeit. Wenn jedoch die Lächerlichkeit, die Gefälligkeit und Vetternwirtschaft im Visier der Regierenden wären, hätten sie sich grundsätzlich selbst erschossen. Sie selbst schufen, erhielten und nutzten sie. Praktisch bedeutet dies, dass die Unredlichen und Unglaubwürdigen nicht automatisch zum Gegenteil werden können.

Die Umstrukturierung, die Modernisierung, das Aufräumen – oder wie sonst Sie es nennen wollen – des griechischen Staates ist eine Notwendigkeit, die von den Regierenden nicht gedeckt werden kann. Nicht nur, weil sie – wie alltäglich enthüllt wird – mit der Gefälligkeit leben und funktionieren, sondern weil sie keinerlei richtige Funktion des Staates wollen. Sie wollen, dass der Staat nicht regulär funktioniert, damit die Interessen begünstigt werden, von denen sie gewählt werden. Private Krankenhäuser, Schulen, Telefonie, Energie, was auch immer es sein mag, das auf der Gegenseite des Sozialstaates wächst.

Die Logik des rationalen Kannibalismus – alle sollen bluten

Was als Rationalismus dargestellt wird, ist ein rationaler Kannibalismus. Die Basis seiner Logik ist, dass, da der private Sektor die Krise bezahlt, ihn auch der öffentliche Sektor mit Entlassungen bezahlen muss. Diese Gerechtigkeit der Brutalität, die Parität der Verelendung muss in der Gesellschaft keimen, damit sie (die Regierenden) tun, was sie tun wollen. Diejenigen, die einmal für eine Anstellung beim Staat katzbuckelten, entdeckten die Notwendigkeit der mörderischen Gleichheit, die Menschen tötet.

Auf Basis der Expansion der Logik des rationalen Kannibalismus muss, wenn bei einer Bank ein Raubüberfall mit Opfern geschieht, auch bei anderen Banken ein Überfall mit Opfern erfolgen, damit eine Art von Parität eintritt. Sie weigern sich zu beantworten, wo die öffentlichen Bediensteten überflüssig sind, bei welchen Behörden und warum, damit die Entlassungen erfolgen. So wollen einfach nur, dass überall Blut fließt. Dieser Kannibalismus richtet sich an den Instinkt und nutzt als Gerechtigkeit die kollektive Bestrafung. Er nutzt die Verbitterung des ungerecht Behandelten nicht aus, um ihn zum Umsturz der Ungerechtigkeit zu wenden, sondern dahin, das Unrecht auch gegenüber anderen zu fordern. Zur Angleichung der Verelendung. Und wenn auch die Ziege des Nachbarn krepiert ist, wird Griechenland ein Friedhof sein, mit der Gleichheit, die üblicherweise den Friedhöfen zu eigen ist.

So werden die „kritischen“ Dilemmata gestaltet: „Ziehst Du vor, dass der Hausmeister der Schule oder der Lehrer entlassen wird? Der Krankenpfleger oder der Arzt? Du oder Dein Nebenmann?“ Natürlich kann dort jeder auch außerhalb der Dilemmata antworten. „Ich will, dass der Betrüger entlassen wird, der mich regiert!

(Quelle: To Kouti tis Pandoras, Autor: Kostas Vaxevanis, Leitartikel in HOT DOC, Heft 33)

  1. Mark
    8. August 2013, 09:45 | #1

    Schön das Herr Vaxevanis mal wieder die Schuldfrage stellt, diese dann nach oben delegiert und damit jeglichen Versuch den öffentlichen Sektor zu entrümpeln als Kanibalismus bezeichnet. Ich hätte doch lieber gelesen wie er gedenkt diese Menschen zu bezahlen. Woher die Steuereinnahmen kommen sollen die den ganzen Zirkus am laufen halten sollen. Die Griechen merken langsam das dieser Zirkus Ihnen den letzten Blutstropfen aussaugt und reagieren langsam. Hoffentlich kommen die Griechen auch mal drauf andere Parteien ins Parlament zu wählen als die jetzigen.
    Herr Vaxevanis würde ich etwas mehr Verständnis für Zahlen wünschen. Kleines Beispiel:
    Gesamtzahl der Rentner/Pensionäre: 2.700.000 (nur 1,8 millionen sind >=65)
    Alle Zahlungen an diese im Jahr: 27.000.000.000 (27 Mrd.)
    Gesamtzahl der Beamte (sogenannter engerer Kreis): 620.000,
    Alle Zahlung an diese im Jahr: 18.600.000.000 (18,6 Mrd)

    Ach ja, Arbeitslose: 1.500.000
    Summe: 2,7 + 0,62 + 1,5 = 4,82
    Wo bleibt das neue öknonomische Model der Griechen um diese Last zu stemmen Herr Vaxevanis?

  2. Alexios
    8. August 2013, 11:51 | #2

    @Mark

    Pauschalurteile sind immer dämlich. Nicht jeder Beamte, nicht jeder Richter, Universitätsprofessor, Lehrer oder Polizist ist automatisch ein Schmarotzer und Faulpelz. Mit dem gleichen Recht könnte man auch über private Arbeitnehmer herziehen, die auf dem Weltmarkt hinten und vorne nicht konkurrenzfähig sind oder über Ausländer, die nicht lesen und schreiben können! Wer braucht die denn?

  3. Jürgen
    8. August 2013, 13:08 | #3

    @Mark

    Wer soll das wie bezahlen? Ja, das ist die Schlüsselfrage und die ist einfach zu beantworten: Umverteilung und Korruptionsbekämpfung lauten die Stichwörter. Geld ist genug da, aber die Verteilung funktiontiert nur, wenn der mafiöse Korruptionsfilz aufgelöst wird und die Elite auch ihre Steuerabgaben leistet. GR müsste man nichtmal eine Reichensteuer einführen (wie es die in Frankreich u.a. gibt) und es würde schon einiges an Geld in die Staatskasse gespült.
    Samaras & Co. verfolgen allerdings einen anderen Ansatz: Umverteilung von Unten nach Oben & Manifestierung der Korruptionsprozesse, dessen Teil sie selbst sind.
    Ein weiterer Schuldenschnitt ist ohnehin unerlässlich, zum einen weil GR ohne diesen NIE in den grünen Bereich kommt, zum anderen weil der europäische Steuerzahler momentan haftet.

  4. V99 %
    8. August 2013, 15:42 | #4

    Sieht so aus, als wuerden einige nicht verstanden haben, was Kostas Vaxevanis sagen will. Er zweifelt die irrationale Entlassung von Staatsangestellten an. Es soll nicht heissen, dass dies voellig unnoetig ist (also die Entlassungen..), aber die Willkuer und Planlosigkeit mit der es pasiert wird in Frage gestellt und die Demoskopie der angeblichen oeffentlichen Meinung. Warum ist das so?:
    Die Umstrukturierung, die Modernisierung, das Aufräumen – oder wie sonst Sie es nennen wollen – des griechischen Staates ist eine Notwendigkeit, die von den Regierenden nicht gedeckt werden kann.
    Dieser Staat unter seinem PM ist voellig reformunfaehig und versucht alles, dass die alten „Strukturen“ so gut wie moeglich erhalten bleiben, am Besten mit einer Portion irrationalem Zweck-Opportunismus und natuerlich erst, wenn es keine Ausrede vor der Troika mehr gibt!
    Sie wollen einfach nur, dass überall Blut fließt. Dieser Kannibalismus richtet sich an den Instinkt und nutzt als Gerechtigkeit die kollektive Bestrafung.
    Die einzige „Instanz“, wo eine „kollektive Bestrafung“ Sinn macht ist die griechische Regierung!
    Ich will, dass der Betrüger entlassen wird, der mich regiert!
    ICH AUCH !

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