Griechenland: Leere Wiegen, volle Särge

18. August 2013 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 5.979

Die Troika hat mit der aufgezwungenen extremen Austeritäts-Politik eine demografische Zeitbombe gezündet, die Griechenland zu einem riesigen Altersheim machen wird.

Sophokles (496 – 406 v. Chr.) sagte, „Ενός κακού μύρια έπονται“ (wörtlich: einem Unglück folgt eine Myriade – sprich „ein Unglück kommt selten allein„). Der langfristige Strudel, in den Griechenland versank, hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, sondern hauptsächlich auf die griechische Gesellschaft, die Alltäglichkeit und das Leben der Einwohner dieses Landes.

Ich sah das niedergeschlagene Gesicht des Premierministers Antonis Samaras, als er sich mit dem Präsidenten der USA, Barack Obama, unterhielt und ihm sagte, Griechenland habe während der letzten Jahre 1/4 seines BIP eingebüßt, die Arbeitslosigkeit erreichte 28% und sechs von zehn jungen Leuten haben keine Arbeit, während er selbst darauf hoffte, eine Phrase der Unterstützung von Seite des Weltführers zu erhalten um seinen kommunikativen Mythos unter dem Motto „die Opfer des griechischen Volkes zahlen sich aus“ aufzubauen.

Die Erfolgsstory … des Abstiegs in die Hölle

Dieser Mensch (Antonis Samaras) lebt wahrscheinlich in einem anderen Land oder in seiner Phantasie, weil in dem Land, in dem ich und Millionen weiterer Mitbürger von mir leben, sich eine langfristige Geschichte einer kollektiven Katastrophe im Gang befindet, während keinerlei Versuch erfolgt, den Niedergang zu stoppen.

Mit religiöser Frömmigkeit die von der Troika und den Gläubigern aufgezwungenen Politik verfolgend hat die griechische Regierung der „Success Story“ für das griechische Volk einen „Abstieg in die Hölle“ vorgezeichnet, wie der Wirtschaftswissenschaftler Yianis Varoufakis sehr zutreffend den Fall Griechenlands charakterisiert hat. Der Patient liegt im Koma, und anstatt zu versuchen, ihn mit irgendwelchen wohltätigen Schocks wieder zu sich zu bringen, unterdrücken sie jede Hoffnung, dass er wieder in seinen natürlichen Zustand zurückkehrt.

Das Thema betrifft leider nicht nur die Wirtschaft, das Absinken des Niveaus des Lebensstandards und die Verarmung und Verelendung ungeheurer Schichten des griechischen Volkes. Wir haben es mit einer unerhörten humanistischen Katastrophe zu tun, die nur mit Kriegsperioden verglichen werden könnte.

Solange die Regierung und die Troika die strenge Austerität, die volkswirtschaftliche Sanierung, die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit und die strukturellen Reformen mit dem Ziel der Erreichung eines primären Haushaltsüberschusses und der Tragbarkeit der Verschuldung aufzwingen, versinkt das griechische Volk in einem „tödlichen Strudel“ (spiral of death), und wenn sie es zum Schluss schaffen und den „Wohlstand der Zahlen“ erreichen, wird Griechenland vollständig in eine Folterkammer für seine Einwohner verwandelt worden sein.

Ein stiller Genozid

Nirgendwo anders bildet sich dieser katastrophale Abstieg in die Hölle besser als aus den volkswirtschaftlichen Indizes ab, die auch die natürliche Bewegung der Bevölkerung zeigen. Seit 2009, dem Jahr, in dem praktisch die tiefe Rezession begann, haben sich alle volkswirtschaftlichen Indizes Griechenlands verschlimmert, bei einer zunehmenden „autotrophen“ negativen Tendenz. Die Geburten sinken, die Sterblichkeit steigt, wie auch die Netto-Abwanderung griechischer Auswanderer. Die Kombination dieser dreier Faktoren ist ein explosiver „Molotow-Cocktail“, der mit mathematischer Genauigkeit zu einem hinsichtlich der Bevölkerung kleineren Griechenland führt, überaltert und mit weniger jungen Menschen und ausgebildeten Griechen. Anders gesagt zu einem Griechenland, das immer weniger Möglichkeiten hat, auf einen Wachstumskurs zurückzukehren.

Konkreter existierte in Griechenland seit 2004 und nachfolgend ein konstanter Überschuss der Geburten gegenüber den Todesfällen, mit Höhepunkt im Jahr 2008, als sich – laut der nationalen Statistikbehörde ELSTAT – in Griechenland die Geburten auf 118.302 (1,51 pro im gebärfähigen Alter befindliche Frau), die Todesfälle auf 107.979 und somit der natürliche Anstieg der Bevölkerung auf +10.323 belief. Drei Jahre später, im Jahr 2011, gab es 106.428 Geburten (1,4 Kinder pro im gebärfähigen Alter befindliche Frau) und 111.099 Todesfälle, also einen natürlichen Rückgang der Größenordnung von -4.671. Die Daten für das Jahr 2012 sind noch schlimmer, da die Geburten auf 100.371 abstürzten und die Todesfälle auf über 115.000 anstiegen, mit dem Ergebnis, dass es ein Netto-Defizit von -15.000 Menschen gab. Und diese sich zuspitzende Tendenz setzt sich auch 2013 fort.

Rechnet man nun diesen Indizes auch die Netto-Auswanderung griechischer Bürger in das Ausland hinzu, deren Anzahl sich allein 2011 auf 63.000 und 2012 auf 70.000 belief, ergibt sich die Schlussfolgerung, dass Griechenland seit 2008 bis 2013 einen Netto-Verlust von wenigstens 300.000 griechischen Bürgern hat. Es handelt sich also um einen schleichenden Genozid. Wenn die reale Bevölkerung des Landes derzeit konstant bleibt, dann deswegen, weil Griechenland gleichzeitig weiterhin große Wellen von Immigranten aus ärmeren Ländern Asiens und Afrikas aufnimmt.

Zur Verschlimmerung der demografischen Tendenzen Griechenlands trägt der summarische Anstieg der Sterblichkeit (Anstieg der Selbstmorde, der summarischen Krankheitsanfälligkeit der Bevölkerung, der massenhaften Depression und der Süchte / Abhängigkeiten, Anstieg der infektiösen Erkrankungen, Anstieg der Abtreibungen und Rückgang der Lebenserwartung wegen des Zusammenbruchs des Sozialstaats), aber auch die Tatsache bei, dass immer mehr junge und produktive Griechen, die sich im Vermehrungsfähigen Alter befinden, in das Ausland auswandern.

Auf der anderen Seite vermeiden alle, die sich im vermehrungsfähigen Alter befinden und in Griechenland verbleiben, wegen langfristiger Arbeitslosigkeit und fehlender Perspektiven die Ehe, die Schwängerung und die Übernahme familiärer Verpflichtungen. Jedoch auch wenn sie eine Familie gründen, sorgen sie dafür, dass diese wenige Mitglieder hat, da der demontierte Sozialstaat die Familien mit drei und mehr Kindern nicht mehr unterstützt und die Kinder dagegen inzwischen als Indiz für die Lebenshaltungskosten und Quelle zusätzlicher steuerlicher Belastungen gelten.

Inmitten des allgemeinen Strudels der von der Troika aufgezwungenen und von der Regierung getreu befolgten Kürzungen der öffentlichen Ausgaben ist der Sozialstaat ein Schatten seiner selbst geworden und jede Politik zu Gunsten der Geburtenrate inzwischen zusammengebrochen. Resultat: Immer weniger und immer ältere griechische Bürger übernehmen als Lasttiere, auf immer und ewig eine ständig ansteigende öffentliche Verschuldung zu bedienen.

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  1. MI-Cha
    18. August 2013, 19:18 | #1

    Kennen wir das nicht irgendwoher? Richtig wir haben das doch schon vor 20 Jahren so gemacht in Ostdeutschland. Hat gut funktioniert, jetzt ist Europa dran.

  2. V99 %
    19. August 2013, 14:10 | #2

    Wenn man sich die europaeische Geburtenstatistik der letzten Jahrzehnte ansieht, war Griechenland immer im Mittelfeld. Falls dann die „Zahl“ innerhalb von 3-4 Jahren um 0,11 zurueckgeht ist es ziemlich uebertrieben vom „aussterben“ zu sprechen, oder gar vom “Abstieg in die Hölle”! Auch sagen die „Todesfaelle“, die immer schwanken, nichts in dieser Richtung aus.
    Der Satz: „Auf der anderen Seite vermeiden alle, die sich im vermehrungsfähigen Alter befinden und in Griechenland verbleiben, wegen langfristiger Arbeitslosigkeit und fehlender Perspektiven die Ehe, die Schwängerung und die Übernahme familiärer Verpflichtungen“ ist sicherlich kein rein griechisches Phaenomen und auch nicht die „Troika“ als Alleinschuldiger zu sehen. Das passiert gerade in vielen EU-Laendern, die nicht von der Troika beglueckt wurden.
    Die Troika-Polemik dieses Artikels ist sehr offensichtlich. Was fehlt ist eine Einsicht, insoweit die Samaras-Regierung zu einem erheblichem Teil im eigenen Land „verschuldet“ wurde. Von der Verursachung dieser Krise mal ganz zu schweigen, der Hr.Karamanlis ist ja zusammen mit den deutschen U-Booten „abgetaucht“ …

  3. Realist
    19. August 2013, 20:38 | #3

    Griechenland wird zu einem Entwicklungsland. Da beißt die Maus keinen Faden ab!

  4. evro
    15. November 2013, 10:55 | #4

    erst mal hallo alle zusammen! ich persönlich muss sagen das ich mich mit polikit u.s.w. nicht befasse weil in der heutigen zeit bin ich der meinung das sowieso eine hand voll menschen die ganz welt regiert. zum erst ist mir bewusst das man erst an seine eigene nase fassen muss um dann über andere zu reden, und darum sage ich im voraus das griechenland also wir! fehler gemacht haben! aber was ich nicht verstehe und nicht begreifen kann ist warum ganz europa und vor allem deutschland es so an die grosse glocke hängt, wo doch alle länder dieser welt hoch verschildet sind und vor allem deutschland? warum ist das so warum wir? warum sagt keiner was gegen AMERIKA? oder warum sagt keiner was das deutschland wirtschaftlich so stark ist(was deutschland auch ist) aber ihr eigenen schuld troz dem nicht bezahlt die mittlerweile schon über 2 billion ist? ich möchte kein bloß stehl oder irgendwas was schlacht reden ehrlich! ich will nur damit sagen das am ende sowieso das volk bezahlt für die riesige gelt wäscherei was die politika verusachen! an gelt scheinen 200 miliarden umgerechnet auf dollar im um lauf und mittlerweile ist die einwohner zahl welt weit auf 7, 5 miliaden gestiegen. nun welt weit gibt es 10 milionen milionäre die 75% von den 200 miliarden in eigentum ist und die restlichen menschen teilen sich die 25%. gold und ander wert schätze davon abgesehen. verschwörungs Theorien? vergesst nicht wer am längeren hebel sitz mach die kommandos. also wir normalen bürge wie du und ich sitzen ganz bestimmt nicht am längeren hebel. mit freundlichen und respekt voll grüßen Pavlos Antoniadis

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