Gnadenschuss für Oberstufengymnasium in Griechenland

11. August 2013 / Aufrufe: 1.311

Die Oberstufenreform in Griechenland lässt befürchten, dass Kindern wirtschaftlich schwacher Familien der Zugang zur höheren Bildung noch mehr erschwert wird.

Die Regierung schickt sich an, bis Ende August 2013 auch dem Oberstufengymnasium („Lyzeum“) den Gnadenschuss zu verpassen Es wird erwartet, dass der seit März anhängige und am 07 August 2013 an die Öffentlichkeit gegebene Plan für das neue Oberstufengymnasium und die technische Berufsausbildung spätestens bis zum 29 August 2013 ratifiziert werden wird, damit er ab dem kommenden September zur Umsetzung kommt.

Anders gesagt wird die politische Führung des Bildungsministeriums die Praxis der ehemaligen Bildungsministerin Anna Diamantopoulou befolgen und auf die Schnelle und während die Schulen geschlossen sind, genau wie es auch mit dem Rahmengesetz für die höchsten Bildungseinrichtungen geschah, einen Gesetzentwurf durchdrücken, der das Klassen-Lyzeum etablieren wird.

Versetzungs- und Abschlussprüfungen werden schwerer

Ein unerhörtes Nervenspiel zu Lasten der Bildungsgemeinschaft treibend beschloss die politische Führung des Bildungsministeriums nach der am 06 August 2013 erfolgten Begegnung mit Funktionären der PASOK-Partei, offiziell den Plan für das neue Lyzeum, das System der Aufnahme in den tertiären Bildungszweig sowie auch das technische Lyzeum an die Öffentlichkeit zu geben – was sie „Beratung“ nennen.

Der Plan wurde bereits als „non paper“ an die Direktionen des sekundären Bildungszweigs geschickt, und Informationen zufolge wird es nicht nur keine Änderungen im Basiskern des Lyzeums geben, sondern es werden dagegen Regelungen untersucht, welche die Versetzung und den Abschluss am Lyzeum noch schwerer machen. Beispielsweise wird ein Schüler, der in Mathematik und Sprachunterricht nicht eine Benotung von 10 zusammenbringt, als nicht versetzungswürdig beurteilt werden.

Mit dem neuen Lyzeum werden die Schüler Versetzungs- und Abschlussprüfungen panhellenischen Charakters in allen Prüfungsfächern ablegen, und im weiteren Verlauf werden alle, die es wünschen, in vier Fächern an Prüfungen für ihre Aufnahme in den tertiären Bildungszweig teilnehmen. Ohne dass bisher die Details vollständig klargestellt worden sind, werden die Schüler insgesamt in mehr als 35 Fächern geprüft werden, um versetzt zu werden, ein Abschlusszeugnis zu erhalten und danach in dem tertiären Bildungszweig aufgenommen zu werden. Nicht einmal Arsenis, und zwar in völlig unterschiedlichen Zeiten, hatte sich getraut, dermaßen viele Prüfungen und in dermaßen vielen Fächern anzuordnen!

Minister wird als Oberschulen-Killer in die Geschichte eingehen

Wenn Konstantinos Arvanitopoulos zur Etablierung eines solchen Lyzeums schreiten wird, wird er als Minister in die Geschichte eingehen, der die Oberschule killte, da er innerhalb eines minimalen Zeitraums den Kahlschlag der Schulbänke von all den Schülern messen können wird, die weder vermögen noch die Mittel haben werden, ein dermaßen hartes und intensiviertes Lyzeum auszuhalten. Das Lyzeum des Konstantinos Arvanitopoulos wird nicht für alle sein, sondern nur für all jene, die sich noch die Kosten des Privatunterrichts und der Nachhilfeschule leisten können, also für eine Elite.

Das Lyzeum wird fortan für die Vielen unerreichbar sein, da der Plan Arvanitopoulos ein einebnendes Prüfungssystem etabliert, das nicht die Eigentümlichkeiten und Besonderheiten der Schulen und Schüler berücksichtigt. Das verwundete und eventuell hungergeplagte Kind des Arbeitslosen wird ab der 1. Klasse des Lyzeums aufgefordert sein, für seine Versetzung Prüfungen in Themen abzulegen, die zu 50% aus einer Themen-Datenbank ausgewählt worden sind, also für alle Schüler die selben sein werden. Daher auch der panhellenische Charakter der Prüfungen. Die übrigen Themen wird dagegen der unterrichtende Lehrer auswählen. In Erinnerung an die jüngste Erfahrung der Themen bei den panhellenischen Prüfungen können wir uns vorstellen, zu welch einer Guillotine sich das konkrete System für tausende Schüler zu entwickeln vermag.

Abgesehen von dem sozialen Klassenaspekt, der Prüfungslastigkeit und dem „Absägen“ der Schüler wird das neue System jedoch auch löchrig sein. Gemäß dem non paper werden für die Aufnahme in den tertiären Bildungszweig auch die „Versetzungs- oder Abschlusspunkte“ eines jeden Schülers berücksichtigt, multipliziert mit einem zu bestimmenden Faktor, der für jede (Schul-) Klasse unterschiedlich sein wird (z. B. 5, 7, 12). Wie wird jedoch die Neutralität gewährleistet werden, wenn bestimmt wird, dass die Benotung der schriftlichen Arbeiten durch den unterrichtenden Lehrer erfolgt? Wie können „Geschäfte“ und die Ausübung von Druck bei Lehrern ausgeschlossen werden, von denen sich viele kontinuierlich in einer Geiselnahme befinden?

Zweifel an der Neutralität der Prüfer

Nehmen Sie als Beispiel eine Privatschule. Wie anfällig kann fortan ein Lehrer für die Ausübung von Druck und Anweisungen sein, dem mit dem jüngsten Runderlass als einem einfachen privaten Angestellten eines privaten Unternehmens begegnet wird? Vertreter des Berufsverbands der privaten Lehrkräfte (OIELE) haben sogar bereits betont, dass die privaten Schulen nach den letzten Umstürzen im Beschäftigungssystem der Privatlehrer nicht auf der selben Stufe mit den staatlichen stehen, sie also keine gleichwertigen Zeugnisse erteilen können.

Wenn die Themen der Versetzungs- und Abschlussprüfungen – sei es auch zur Hälfte – für die Schüler aller Schulen gemeinsam sind, und ab dem Moment, wo die Note für die Aufnahme in den tertiären Bildungszweig zählen wird, müsste die Benotung logischerweise nicht durch den unterrichtenden Lehrer, sondern durch Prüfer erfolgen, denen der Schüler unbekannt ist. Genau so wie auch bei den panhellenischen Prüfungen. Etwas Derartiges würde jedoch nicht von der Troika zugelassen werden, die bereits Einschränkungen bei dem Etat der in sechs (und nun auf vier reduzierten) Fächern erfolgenden Aufnahmeprüfungen durchgesetzt hat. Sie wird nicht panhellenischen Prüfungen in 35 Fächern stattgeben …

Auf der anderen Seite wird es zu Gunsten der Unternehmen das neue technische Lyzeum des Konstantinos Arvanitopoulos geben, das unverblümt den Markt mit billigen Arbeitskräften versorgen wird, da es das Institut der Lehrzeit und nicht des Praktikums etabliert, bei Aufteilung der Zeit der Schüler zwischen Schule und Arbeit. Im übrigen werden die Pläne des Bildungsministers bereits umgesetzt, da sie „im Paket“ mit den neuen Stundenplänen einhergehen, auf deren Basis die Ermittlung der Lücken bei den Lehrkräften erfolgt.

(Quelle: Avgi)

  1. Konservativer
    11. August 2013, 10:21 | #1

    Das Massenlyzeum nützt niemandem, weil es zu viele Schüler beherbergt, die den Anforderungen nicht genügen. Um zu vertuschen, dass sie eigentlich nicht mithalten können, senkt man das Niveau, was sich negativ auf die Leistungen der Schüler auswirkt, die leistungsfähig sind. Ein tüchtiger Schüler aus armen Verhältnissen tut sich dann unter dummen Schülern aus reichen Verhältnissen ungemein schwer, wenn er dazu gezwungen wird, sich an deren Niveau anzupassen. Kurz: Gerechtigkeitsdebatten bringen in Schulangelegenheiten nichts, weil lernen eigentlich nichts mit Vermögen zu tun hat, sondern mit persönlicher Tüchtigkeit. Diese Tüchtigkeit will man von Staats wegen bei den kleinen Griechen schon im Keim ersticken. Die Gründe liegen doch auf der Hand. Vielleicht will mancher griechische Politiker ein bindungsloses Proletariat, das manipulierbar, erpressbar und beliebig formbar ist. Volkes Zorn als Gegenantwort kommt in den Rechnungen der Etablierten allerdings nicht vor.

    Ein gesundes Schulsystem lebt davon, dass Schüler nicht unterfordert, aber auch nicht überfordert werden. Wenn in 35 Fächern Prüfungen verlangt werden, ist das ein Irrsinn. Das schafft kein Schüler. Da ist der Murx vorprogrammiert: Am Ende werden Gefälligkeitsnoten hergegeben und die Schüler lernen alles und nichts.

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