Griechenland: Es war einmal ein kleiner überschuldeter Staat

21. Juli 2013 / Aktualisiert: 08. Februar 2017 / Aufrufe: 4.237

Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis warnt ausdrücklich vor der Frankfurter Lösung, sprich Staaten wie Griechenland aus der Eurozone zu entfernen.

Es gab einmal einen kleinen, überschuldeten Staat. Weil jedoch das Geld überall als unaufhörliche (von idiotischen Banken der Wall Street, City, Nordeuropas generierte) ökumenische Flut floss, lagen die Kosten der Finanzierung überall bei Null, und somit schenkte ihnen niemand Beachtung.

Im Herbst 2008 wich die Flut plötzlich der Ebbe. Nachdem mit der Ebbe die Liquidität des Banksektors langsam „austrocknete“, kam auch die … Stagnation in der realen Wirtschaft. Das nationale Einkommen des kleinen, überschuldeten Staates begann unvermeidlich zu einer Stunde zu sinken, als der Rhythmus des Anstiegs der Verschuldung (sprich der Zinsen) zunahm (infolge des internationalen Liquiditätsmangels, der die Zinsen hochtrieb).

Irgendwann lieh diesem kleinen Staat niemand mehr Geld, um seine Verschuldung zu bedienen (sprich zu recyceln), die sich 2008 auf 260 Mrd. Euro belief.

Die gute Frau Troika

Etwa zu diesem Zeitpunkt fand sich die gute Troika ein um zu helfen, damit der kleine Staat nicht pleite geht. Sie zahlte zwei Jahre lang, um den Konkurs abzuwenden. Anfänglich gab sie 110 Mrd. Euro und stellte gewisse Bedingungen, wie es logisch ist, dass es jeder Kreditgeber tut. Eineinhalb Jahre später versprach sie weitere 130 Mrd. Euro. Und, als ob dies nicht genug gewesen wäre, fügte sie den gebrachten „Geschenken“ auch einen „Schnitt“ vorheriger Schulden in einer (angeblichen) Größenordnung von 100 Mrd. Euro hinzu.

Wer nichts mehr als die vorstehenden (korrekten) Fakten weiß, wird zu der Folgerung gelangen müssen, dass diese Frau Troika barmherzig und großzügig ist: Insgesamt machte sie 240 Mrd. Euro aus ihrer „Tasche“ locker und vermittelte also mit den alten Gläubigern des kleinen Staates darin, weitere 110 Mrd. Euro zu „streichen“ bzw. zu erlassen. Sie brachte also dem kleinen, überschuldeten Staat 340 Mrd. Euro als Geschenk.

Mögen wir all dies akzeptieren. Frau Troika mag also tatsächlich barmherzig und großzügig sein. Dies bedeutet jedoch, dass sie auch hoffnungslos blöd ist. Ich weiß, dass dieses Statement hart ist, jedoch – wehe uns – Freunde und Freundinnen, wie können wir zu einer anderen Charakterisierung (also dass der Troika der Nobel-Preis wegen Dummheit zusteht) kommen, wenn sie mit dem Ziel der Bewältigung einer Verschuldung der Größenordnung von 260 Mrd. Euro, sei es auch 298 Mrd. Euro im Jahr 2010, 340 Mrd. Euro bereitstellte, der kleine, überschuldete Staat jedoch trotz all dieses Geldsegens der Frau Troika wieder an dem Punkt ankam, mehr als 345 Mrd. Euro zu schulden!

Ich wiederhole es ein weiteres Mal um es auch selbst zu begreifen: Ein kleiner Staat der Eurozone hatte vor zwei Jahren eine untragbare Verschuldung in einer Größenordnung von ungefähr 300 Mrd. Euro. Die Troika bot diesem kleinen Staat auf die eine oder andere Weise 340 Mrd. Euro an, um ihm zu helfen. Und wo sind wir heute angelangt? Wir sind dort angelangt, dass unser kleiner Staat 340 Mrd. Euro und mehr schuldet. Wenn aber 2010 Frau Merkel und Herr Strauss-Kahn (mal ehrlich, erinnern Sie sich noch an ihn?) dem Herrn Papandreou gesagt hätten, „Giorgos, unser Junge, gräm Dich nicht, wir werden die gesamte heutige Verschuldung Griechenlands abzahlen“, hätten sie 40 Mrd. Euro gespart und Griechenland würde keinen Heller schulden!

In Unterstreichung ihrer selbst (also ihrer grandiosen Dummheit) hätten sie gesagt, dass nicht sie, sondern der griechische Staat schuld ist, der nicht das tat, was er versprach. Korrekt, jedoch außerhalb des Themas. Es mag tatsächlich ohne Zweifel sein, dass der griechische Staat es nicht geschafft hat, wie versprochen innerhalb von zwei Jahren alle Reformen vorzunehmen, die seit Jahrzehnten anhängig waren. Ist es jedoch wahr oder nicht, dass der griechische Staat sein primäres Defizit in den beiden letzten Jahren (mit natürlich misanthropischen Kürzungen der Einkommen der Schwächsten) um ungefähr 9% gesenkt hat? Ist es wahr oder nicht, dass in der wirtschaftlichen Geschichte der Menschheit in Friedenszeiten und einer Periode der Rezession eine solche Senkung niemals und nirgendwo stattgefunden hat? Die Antwort auf beide Fragen ist absolut bejahend. Wie nichtsnutzig auch immer der griechische Staat sein mag (und sicherlich ist), bleibt die Wahrheit bezüglich der Troika unerbittlich: Sie übernahmen im Mai 2010 eine Verschuldung von unter 300 Mrd. Euro, zwangen den griechischen Staat, seinen Gürtel brutal enger zu schnallen, trieben 340 Mrd. Euro zu Gunsten des griechischen Fiskus auf und brachten es fertig, die öffentliche Verschuldung Griechenlands trotz der Opfer der griechischen Mittelschicht und der übrigen europäischen Steuerzahler um 40 Mrd. Euro zu erhöhen (!!!). Und als ob dies noch nicht genug gewesen wäre, schafften sie es zur selben Zeit (wovor wir sie gewarnt hatten, es zu tun), das nationale Einkommen, aus dem die Verschuldung zu tilgen ist, um 15% zu schrumpfen. Bravo, Troika!

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  1. Onasis
    21. Juli 2013, 02:38 | #1

    Ich habe noch nie einen so treffenden Artikel gelesen. Man kann das Problem nicht besser beschreiben. Genau so ist es. Amen

  2. Heinz2
    21. Juli 2013, 10:16 | #2

    Danke für diesen Artikel.

    Ja die Frankfurter Banke denken nur von heute auf morgen. Die wollen einfach das Kreditrad weiter drehen und „leistungslos“ Geld verdienen.

    Politiker und Banker gehen den Weg des langsamen und langen Sterbens, da sie eine Entschuldung und die damit verbundene Vermögensvernichtung verzögern wollen. Vielleicht sind sie auch so dumm und denken sie können es verhindern.

    Für alle westlichen Länder inkl. Japan wäre der schnelle und harte Weg der richtige: Währungsreform, Entschuldung, keine Kredite, solide Haushaltsführung, Neuaufbau – wer sagt dem Volk diese bittere Wahrheit?

  3. Heinz
    21. Juli 2013, 16:02 | #3

    Ich kann in Teilen den Ausführungen zustimmen, bin jedoch der Meinung, dass die Politiker nicht so dumm sind, zu glauben dass sie den Crash verhindern können. Sie wollen alle nur ganz einfach die nächsten Wahlen gewinnen. Es geht immer wieder vor allem um Macht, auch in Griechenland.

  4. Unioner23
    21. Juli 2013, 16:09 | #4

    Genauso ist es! Es ist so treffend und dem ist nix mehr hinzuzufügen! Amen

  5. Alexios
    21. Juli 2013, 18:55 | #5

    Die „Frankfurter Banken“ sind internationale Konzerne, die mehrheitlich in ausländischer Hand sind. Die BRD hat ein fundamentales Interesse, diese Banken zu stützen, indem sie sie bei der Ausplünderung Griechenlands unterstützt. Wo sollte Deutschland selbst Schulden aufnehmen, wenn die Kreditgeber auf einmal große Probleme hätten? Wer würde einen aufgeblähten Sozialstaat mitfinanzieren, den Aufbau Ost usw.? Nein, Deutschland hängt mitten drin in der Pampe.

  6. Roland Wolf
    22. Juli 2013, 09:54 | #6

    Hm, ich frage mich wirklich ob der Artikel on einem Wirtschaftswissenschaftler stammt oder aber schlecht wiedergegeben ist. Das die Hilfen der Troika in fast allen Fällen aus Krediten mit niedrigen Zinsen stammten die Griechenland sonst nicht hätte erhalten können dürfte bekannt sein. Das die Aufnahme neuer Kredite die Gesamtverschuldung nicht reduziert auch – weswegen die Aussage die Troika ist böse weil die Verschuldung nicht gesunken ist etwas deplaziert wird. Das der Schuldenschnitt der privaten Gläubiger Griechenland nicht weiter entlastet hat ist auch kein großes Wunder: ca. die Hälfte der griechischen Staatsschulden lagen bei griechischen Banken – und die haben kaum das sie den Schnitt mitgemacht haben neues Kapital erhalten weil sonst Pleite. Soviel zu „Wir retten nur die ausländischen Banken“

  7. GR-Block
    22. Juli 2013, 14:32 | #7

    Herr Varoufakis ist Professor für Ökonomie in Athen und Arlington, Texas. Seine Karriere ist durch seine langjährigen Aufenthalte an angelsächsischen Universitäten (in UK, USA, AUS) geprägt. Er war vorübergehend Berater des letzten Papandreou. Seine Beurteilungen eher kritisch gegenüber den deutschen Alleingängen innerhalb der EU.
    Natürlich hat er recht, wenn er feststellt, dass eine rechtzeitige Währungsreform den größten Schaden bei den EURO-Verzockern gelassen hätte, anstatt diese auf anraten von Merkozy auszuzahlen und die Schulden auf das doppelte anwachsen zu lassen. Übrigens waren daran zu 30% griechische Privatbanken beteiligt.
    Natürlich hatte Frau Troika gehofft, dass die griechische Wirtschaft diesen Kraftakt schafft und nicht kippt. Aber EURO-Verzocker leben ja immer von der Hoffnung. Denn wenn es schief geht, dann haben sie ja noch die EU mit ihren wohlhabenden Völkern in der Hand. Hauptsache Lobbyisten wie Merkel und Samaras halten durch. Wenn nicht, macht auch nichts. Es gibt immer Politiker, die sich um diese Jobs reisen.

  8. Roditisa
    24. Juli 2013, 08:05 | #8

    @Roland Wolf
    Die Aussage ist nicht „die Troika ist böse, weil die Veschuldung nicht gesunken ist“, sondern „die Troika ist dumm, weil sie anfangs die Möglichkeit einer schnellen Rettung verworfen hat,in der fehlerhaften Annahme, dies sei billiger“.

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