Das toxische Erbe der Krise in Griechenland

22. Juni 2013 / Aktualisiert: 28. September 2013 / Aufrufe: 1.059

Politische Fehlentscheidungen machten ein griechisches Drama zu einer globalen Tragödie und einem dreifachen Unheil für Griechenland, Europa und Volkswirtschaft.

Vor zweieinhalbtausend Jahren gestaltete Griechenland das westliche Denken. Jüngst gestaltete es auch die Bewältigung der wirtschaftlichen Krise. Griechenland erlitt eine Katastrophe – und die Furcht der anderen, die glaubten, seinem Schicksal zu folgen, rechtfertigte die Wendung zur Austerität. Das Ergebnis war die kränkelnde Erholung von der Rezession, welche die Krise speziell in der Eurozone und dem Vereinigten Königreich hinterließ. Griechenland hatte leider die falsche Krise zum falschen Zeitpunkt.

Professor Simon Wren-Lewis der Oxford-Universität schildert die Geschichte auf seinem hervorragenden Blog, gestützt auf die kritische Bewertung des Internationalen Währungsfonds in Zusammenhang mit dem im Mai 2010 vereinbarten Programm für Griechenland.

Rezession in Griechenland fiel über dreimal höher als erwartet aus

Die Zusammenfassung des Berichts über die Misserfolge ist Folgende: „Das Vertrauen des Marktes wurde nicht wiederhergestellt, das Banksystem verlor 30 Prozent seiner Einlagen und die Wirtschaft begegnete einer sehr viel tieferen als angenommenen Rezession mit einer außerordentlich hohen Arbeitslosigkeit. Die öffentliche Verschuldung blieb sehr hoch und musste schließlich Umstrukturiert werden, mit kollateralen Verlusten für die Bilanzen der Banken, die ebenfalls durch die Krise geschwächt wurden. Die Wettbewerbsfähigkeit verbesserte sich gewissermaßen zu Lasten der reduzierten Löhne, die strukturellen Reformen und die Produktivitätszuwächse wurden jedoch unmöglich gemacht.

Während das Programm einen Rückgang des realen Inlandsprodukts zwischen 2009 und 2012 um 5,5 Prozent vorsah, war das Ergebnis ein Absturz in der Größenordnung von 17 Prozent. Laut der OECD, der Union der Länder mit hohem Einkommen, sank der reale private Konsum zwischen den ersten Quartalen 2008 und 2013 um 33 Prozent, während die Arbeitslosigkeit auf 27 des Arbeitskräftepotentials anstieg. Die einzige Rechtfertigung für eine solche Rezession ist, dass der ungeheure Rückgang der Produktion und der parallele Anstieg der Arbeitslosigkeit für die Reduzierung der einschlägigen Kosten in einem Land notwendig sind, das Mitglied einer Währungsunion ist. Da die Griechen wünschen, innerhalb der Eurozone zu bleiben, schulden sie, auch den darauf folgenden Schmerz zu erleiden.

Rettungsprogramm kam vorrangig privaten Gläubigern zugute

Allerdings kann auch dies einen Aspekt des Programms nicht rechtfertigen. Der IWF gewährt angeblich einem Land nur dann Kredite, wenn seine Verschuldung tragbar geworden ist. Etwas Derartiges traf jedoch nicht einmal im Entferntesten zu, wie zu jener Periode auch viele Kommentatoren betonen. Anstatt die Verschuldung tragfähig zu machen, gestattete das Programm einfach nur vielen privaten Gläubigern, unbeschadet davonzukommen. Am Ende wurde den privaten Gläubigern eine Schuldenreduzierung aufgezwungen.

Die öffentliche griechische Verschuldung bleibt jedoch zweifellos sehr hoch: der IWF prognostiziert, dass sie sich 2020 bei 120 Prozent des BIP bewegen wird. Diese unverhältnismäßige Verschuldung wird die Rückkehr Griechenlands an die Märkte und den wirtschaftlichen Aufschwung sehr schwierig machen. Eine tiefer greifende Senkung der Verschuldung ist weiterhin erforderlich.

All dies führt zu bedrückenden Rückschlüssen bezüglich der Politisierung des IWF und des Unvermögens der Eurozone, im besten Interesse ihrer schwächeren Mitglieder zu agieren. Die griechische Krise hatte jedoch leider auch zwei weltweite Resultate.

Irrige Annahme einer volkswirtschaftlichen Krise

Erstens verlieh innerhalb der Eurozone die Tatsache, dass Griechenland das erste in Schwierigkeiten geratene Land war, der nordeuropäischen Ansicht Gewicht, die Krise wäre volkswirtschaftlich. Weil Griechenland tatsächlich ein Fall bemerkenswerter volkswirtschaftlicher Zügellosigkeit war, mit einer öffentlichen Nettoverschuldung sogar auch vor der Krise von über 100 Prozent des BIP. Anderswo war die Situation jedoch erheblich unterschiedlich: in Irland und Spanien sowie in geringerem Umfang in Portugal war der Hauptgrund der Krise die private Verschuldung. Die öffentliche Verschuldung in Portugal war hoch, jedoch nicht wegen der jüngsten Verschwendungen.

Den Beschluss treffend, dass die Krise hauptsächlich volkswirtschaftlich war, konnten die Träger für die Festlegung der Politik die Wahrheit ignorieren, also dass der Hauptgrund für die Desorganisation die verantwortungslosen grenzüberschreitenden Kredite waren, für welche die Bereitsteller der Kredite sicherlich eben so verantwortlich sind wie auch die Empfänger. Wäre die Schuld beider Seiten – der Kreditgeber und der Kreditnehmer – begriffen worden, wäre das Modell für den Schuldenerlass klarer.

Zweitens versetzte die griechische Krise alle die Politik bestimmenden Träger in Angst. Anstatt sich auf ihre Bemühungen zur Bewältigung des Zusammenbruchs des Finanzsektors und die Reduzierung des auch den Anlass für die Krise darstellenden Überhangs der privaten Verschuldung zu fokussieren, konzentrierten sie sich auf volkswirtschaftliche Dilemmata. Diese waren jedoch zu einem großen Grad Symptome der Krise, auch wenn sie partiell eine geeignete politische Antwort auf diese waren. Kurz nach dem ersten griechischen Programm beschlossen die Führer der Gruppe der G20 bei ihrem Treffen in Toronto, die Motivation umzukehren, und erklärten, „die fortschrittlichen Wirtschaften haben sich zu volkswirtschaftlichen Programmen verpflichtet, die bis 2013 die Defizite wenigstens auf die Hälfte reduzieren werden„.

OECD prognostiziert für 2014 niedrigeres Eurozonen-BIP als 2008

Es folgte eine abrupte Straffung. Die für die Festlegung der Politik Verantwortlichen rechtfertigten den Wandel, indem sie sich der geeigneten akademischen Untersuchung bedienten: die Ansicht, die volkswirtschaftliche Kontraktion könne expansiv sein, war ermutigend, die Ansicht, das Wachstum werde eingeschränkt, wenn die öffentliche Verschuldung steigt, war eine Warnung.

Was bis Mitte 2010 einem sich entwickelnden Aufschwung aus dem Albtraum der „großen Rezession“ glich, wurde speziell im Vereinigten Königreich und in der Eurozone eliminiert. Der größte Erfolg der USA, aus der Austerität heraus zu überleben, beruht höchstwahrscheinlich auf der aggressiveren Sanierung des Finanzsektors, der größeren Akzeptanz der „Entschuldung“ der Haushalte und der aggressiveren Währungspolitik, speziell im Vergleich zur Eurozone.

Wenn die letzten Prognosen der OECD stimmen, wird das BIP der Eurozone während des ersten Quartals 2014 niedriger als im ersten Quartal 2008 und gerade einmal 0,7 Prozent höher als im ersten Quartal 2011 sein. Verursachte die volkswirtschaftliche Straffung von allein ein dermaßen schwaches Wachstum? Sicherlich nicht. Sie führte jedoch zum Wegfall eines verzweifelt benötigten Gegengewichts zu den Kontraktionskräften, die aus den von der Krise heimgesuchten Sektoren herrühren.

Die griechische Krise erwies sich als dreifaches Unheil

Was diese Geschichte traurig macht, ist die Tatsache, dass sie nicht notwendig war. Anfänglich mögen die Befürchtungen, die griechische Krise sei der erste Ausbruch der Pandemie der volkswirtschaftlichen Krise gewesen, einen Sinn gehabt haben. Es wurde jedoch bald klar, dass die Länder mit ihren eigenen „floatenden“ Währungen die öffentliche Verschuldung weiterhin zu außerordentlich niedrigen Zinsen zu verkaufen vermochten. Dies war zum Teil wegen der „quantitativen Lockerung“ durch ihre Zentralbanken möglich.

Über eine eigene Zentralbank verfügend hat eine Regierung einen Grad an Freiheit in der Handhabung der Bewältigung der wirtschaftlichen Krise. Für diese Länder kommt der Zeitpunkt für eine beschleunigte volkswirtschaftliche Straffung nur, nachdem der private Sektor seine strukturellen wirtschaftlichen Vorteile zu tilgen beginnt. Dies wäre nicht so schnell nach der Krise geschehen. Es hätte eine vorherige Umstrukturierung des Finanzsektors und einen Abbau der überdimensionalen privaten Verschuldung erfordert.

Kurz gesagt erwies sich die griechische Krise als ein dreifaches Unheil: Katastrophe für die Griechen selbst, Katastrophe für die den laizistischen Aspekt der Krise innerhalb der Eurozone und Katastrophe für die volkswirtschaftliche Politik, überall. Das Resultat war Stagnation (oder noch Schlimmeres), speziell in Europa.

Heute schulden wir anzuerkennen, dass die ungeheuren Rückgänge der Produktion im Vergleich zu den Tendenzen vor der Krise möglicherweise niemals wettgemacht werden können. Die Reaktion der für die Festlegung der Politik Verantwortlichen war jedoch nicht, ihre Fehler einzugestehen, sondern die akzeptable Version auf ein neues, niedrigeres Niveau zu definieren. Es handelt sich um eine traurige Geschichte.

(Quellen: sofokleous10.gr, How a Greek drama became a global tragedy )

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  1. Mark
    22. Juni 2013, 11:02 | #1

    Warum nicht Lettland als beginn der Austeritätspolitik nehmen? Da hat doch der IWF das erste EU Land in die Austerität getrieben. War ja auch ein quasi EURO Land. Die Währung dort ist mit dem Euro fest verbunden und Abwertung ging dort auch nicht. Passt natürlich nicht ins Weltbild, da man gerne als Theoretiker eine schöne Theorie erfindet die dann auf alle und alles passen soll. Fakten spielen nur dann eine Rolle wenn sie die Theorie bestätigen, ansonsten werden sie nicht erwähnt.
    Die Krisenländer sind nicht gleich. Jedes hat seine eigenen Probleme und muss seine eigenen Lösungen finden. Schön ist das Strukturreformen bei diesen Theorien keine Rolle spielen. Als wenn Märkte überall gleich wären und Staaten überall gleich funktionieren. Schöne heile Welt.

  2. ceterumcenseo
    22. Juni 2013, 11:27 | #2

    Gerade die EU hat – zumindest soweit veröffentlicht – bis heute nicht erkennen wollen, dass der Weg aus der Krise nicht durch den schwächeren Teil erfolgen kann. Gemeint ist hier die Wirtschaft und die privaten Haushalte, denen nur ca. 1/30 (!) der gesamten Geldmenge zur Verfügung steht, während der Finanzsektor sich über immer mehr Mittel (alles neu „gedruckte“ Geld wandert in diesen) freuen kann, ohne einen Beitrag zu der von ihm verursachten Krise leisten zu müssen. Sogar die Chinesen haben das erkannt und sind dabei den Finanzsektor zu reglementieren.

    Alleine das Schauspiel um die Einführung der Finanztransaktionssteuer zeigt, dass hier offenbar keine verschuldensadäquate Lösung geplant ist, sondern Lobbyeismus und Korruption siegt.

    Zur Erinnerung: Zunächst war für diese Steuer ein Prozentsatz von 0,05% auf Umsätze bei Aktien und Derivaten angedacht. dieser Satz wurde bereits verwässert, auf 0,1% bei Aktien (macht nur einen geringen Teil aus, und muss auch von privaten Anlegern bezahlt werden) und 0,01% bei Derivaten. Diese Sätze würden Einnahmen lt. EU von 50 Mrd. bringen (vorher waren es rd. 200 Mrd.). Aber auch dieser Satz steht wie die gesamte Steuer auf der Kippe.

    Wären die Herrschaften in der EU nicht so korrupt bzw. würden endlich dem Kern der Krise einen Riegel vorschieben, müssten sie diese Steuer schnellstens auf Schiene bringen. Aber nicht mit 0,01% auf Derivate, sondern mit mindestens 0,1%. Weiters müssten für private Aktiengeschäfte Freibeträge geschaffen, Derivate ab der zweiten Stufe für Lebensmittel und Öl überhaupt verboten und die die Verteilung der Geldmenge auf Finanz- und Wirtschaftssektor auf meinetwegen 10:1 beschränkt werden. Die so geschaffenen Einnahmen von ca. 400 Mio. pro Jahr wären dann für die Krisenbewältigung zweckzuwidmen. (Griechenland wäre in einem Jahr mehr als entschuldet, ohne dass das unschuldige Volk ruiniert und gedemütigt würde). Die gesamte Krise könnte relativ rasch überwunden, und notwendige Investitionen im gesamten Euroraum zur Gesundung der Wirtschaft, und damit zur Reduktion der Arbeitslosigkeit getätigt werden.

    Das entbindet aber GR und die andern Staaten nicht von der Verpflichtung, die vorhandenen Missstände in den einzelnen Ländern zu bekämpfen. Im Fall GR denke ich an die überzogene Korruption, die mangelnde Effizienz der Steuereintreibung bei Großhinterziehern, den überzogenen öffentlichen Dienst, die utopische Steuergesetzgebung mit ihren irrsinnigen jenseits jeder Realität angesiedelten Einschätzungsgrundsätzen (Auto= 10.000,00/Jahr, etc), den entsetzliche unnötigen priviligierenden Bürokratismus, der wiederum den Günstlingen zugute kommt, u.a.m. Vor allem denke ich aber auch an den Ausverkauf GR Ressourcen an das Ausland (Russland, China, Libanon, Kanada etc.), ohne geeignete Beteiligungsmodelle entwickelt zu haben.

    Aber wie heißt es so schön: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Vielleicht findet sich doch irgendwo ein halbwegs intelligenter, nur wenig korrupter politischer Newcomer der den überzogenen Kapitalismus vor sich selbst und vor allem uns Menschen schützt.

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